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  • Day387

    Lang ist es her & Der Rückweg

    October 24, 2019 in Nepal ⋅ ☀️ 7 °C

    12.4.20
    Es ist lange her und trotzdem folgt mir der Gedanken seit Monaten, dass ich unsere "Nepal" Geschichte noch nicht beendet habe. Derzeit sind wir in Marokko in einem kleinen Küstendorf namens Tamraght. Uns geht es gut.
    Und heute morgen, als ich auf das Meer geschaut habe, von dem Appartement aus, was ich seit mehr als 3 Wochen nur dreimal verlassen habe, habe ich entschieden, die Geschichte von Nepal zu beenden.
    Meine Aufzeichnungen sind leider gelöscht worden in der Zeit. Ich werde trotzdem versuchen alle Details unseres Rückwegs zusammen zu tragen.
    Denn der Rückweg, nach der Entscheidung, dass wir Umkehren, war das Erschreckendste und Wundervollste der ganzen Reise.
    Liebe Omis & Mamas, seht diese folgenden Berichte vielleicht als ein kleines Ostergeschenk an euch, weil ihr meine Geschichten so gerne lest.

    24.10.2019
    Es geht weiter. Es geht zurück.
    Als ich am Morgen in „Charme" im "Royal Garden" aufwache fühle ich mich schrecklich. Wir sind abgestiegen. Müsste es mir nicht besser gehen? Irgendetwas stimmt mit meinem Körper nicht und das macht mir Angst. Bevor ich es aber laut ausspreche, gehen wir frühstücken. Ich bekomme fast nichts runter. Und es ist ein Kraftakt gerade zu sitzen. Als hätte jemand meinen Gleichgewichtssinn ausgeknipst.
    Ralf spürt es. Ich rede zu wenig und meine Hautfarbe ist fahl. Er setzt mich in die Sonne und hofft, dass ich mich etwas aufwärme. Es ist immer noch sehr kalt hier oben und mein Inneres schlottert. Alle Touristen sind ausgeflogen. Sie haben sich weiter bergauf bewegt. Wir hatten noch ein kurzes Gespräch mit einem deutschen Pärchen. Wieder schwappt etwas Arroganz zu uns rüber. Sind alle Wanderer so? Oder muss ich eine „geschwellte Brust"-Einstellung haben um solche Wege hier zu meistern?
    Ich denke kurz an die Österreicher, die wir vor einer Ewigkeit auf dem Weg zum Pass getroffen haben. Der Mann schnaufte mich damals an, als ich meinte, dass wir wegen meinem Husten nicht mehr als 8 km am Tag schaffen. „Dann werdet ihr sehr lange brauchen."
    Ja, dachte ich. Aber wir haben auch Zeit.
    Und jetzt sitze ich hier in der Sonne und ich weiß: Auch diesen Abschnitt werde ich wieder sehen und es sind noch 3 Tagesetappen um dort wieder anzukommen.
    „Ich schaffe das nicht. Ich kann nicht mehr.", denke ich. Mein Herz beginnt zu rasen und ich beginne zu Husten, was mich völlig erschöpft.
    „Alles klar. Wir gehen ins Krankenhaus!!!", sagt Ralf. Auch, wenn ich mich erst dagegen wäre, lenke ich ein. Er hat recht. Und wir machen uns auf dem Weg zum Krankenhaus. Es liegt etwa 1km hinter unser Unterkunft. Kurz bevor wir uns dort hoch kämpfen, informiert sich Ralf, ob es noch Jeeps gibt, die nach unten fahren. WIR BRECHEN UNSERE REGEL. Schreit mein Bauch. ICH WILL NICHT MEHR LAUFEN. Schreit mein Kopf.
    Später werden wir froh sein, dass es keine Jeeps mehr ins Tal gab.
    Jetzt kämpfe ich mich zum Krankenhaus. Und ich bin der festen Überzeugung, dass ich die Höhenkrankheit habe.
    Nachdem wir uns einmal verlaufen, setze ich mich auf einen der 5 Plastikstühle vor einer Steinbaracke. Ich sitze vor dem Krankenhaus und Ralf versucht einen Arzt zu organisieren. Eine Nepalesin winkt mich nach einer gefühlten Ewigkeit rein. Aber ich bin nicht ungeduldig, nur dankbar.
    Sie misst meine Werte und erklärt mir, dass ich keine Höhenkrankheit habe. Meine Sauerstoffwerte seien super. Ich hätte aber zu hohen Blutdruck.
    Danach werde ich in das Arztzimmer gebeten. Die Räume in diesem „Krankenhaus" sind klein, feucht und kalt. Es sind Steinwände, wie im Mittelalter, und die Medikamente sind auf Hockern und Tischen in der Ecke gestapelt. Trotzdem macht der Arzt einen kompetenten Eindruck. Er hört mich ab. Möchte mir aber nicht so richtig zuhören. Es gäbe in den letzten Wochen viele Wanderer mit meinen Symptomen. Meiner Lunge ginge es gut und ich hätte nichts verschleppt. Dann stellt er drei Medikament auf den Tisch. Ein Hustensaft. Ein Hustenstiller für die Nacht. Ein Antibiotikum.
    „Drei Tage. Dann könnt ihr über den Pass.", sagt er.
    Ich muss ihn anschauen, als hätte er nicht alle Tassen im Schrank.
    Er achtet aber nicht auf mich. Schon die ganze Zeit, strahlt er Ralf an. Und dann reißt er plötzlich sein Oberteil auf. Und ein "Bayern München"-Trikot kommt zum Vorschein.
    Ich könnte weinen und lachen zugleich. Und dann entspanne ich mich etwas. Die Situation ist so bescheuert, dass ich mich trotzdem sicher fühle. Ich lasse die beiden über Fussball sprechen und Ruhe breitet sich in mir aus.
    Und dann kehrt Energie in meinen Körper zurück. Die brauchen wir, denn wir müssen noch eine Nacht in Charme bleiben, damit ich mich etwas erholen kann. Dafür brauchen wir aber eine neue Unterkunft, da der „Royal Garden" komplett ausgebucht ist. Nach einer langen Suche durch Charme, entscheiden wir uns für eine Unterkunft neben den heißen Quellen.
    Wir sind anfangs die einzigen Gäste und sie gibt uns einen Raum mit dem einzigen Fenster in der Dachschräge. Ich bin so dankbar dafür, denn das einzige was mir wirklich jede Energie zieht, sind dunkle, kleine Räume. Dieser hier ist alt, etwas schmuddelig, aber hell und die Bettwäsche und Decken weich und warm. Die beiden Frauen sind sehr nett und machen uns direkt eine Suppe und gebratenen Reis zum Mittag. Wir sitzen in der Sonne. Die einzige Sonne in Charme, denn nur hier kommt die Sonne an den Bergen vorbei. Und ich wärme mich auf. Immer noch spüre ich diese Übelkeit und mein Husten bricht nach und nach noch stark raus.
    Ich betrachte die Medikamente. Auf keinen Fall nehme ich nochmal Antibiotika im Ausland. Da hatte ich schon eine schlechte Erfahrung in Dahab gemacht. Aber der Hustensaft sollte gehen. Ist doch nur Hustensaft. Also nehme ich nach dem Mittag eine Kappe.
    Was ich etwa eine halbe Stunde danach bereue. Ich kann kaum noch sitzen oder sprechen. Mir ist plötzlich speiübel und alles dreht sich. Ich schleppe mich zum Bett und Ralf folgt mir. „Was ist los?", schaut er mich mit großen Augen an. „Keine Ahnung.", nuschel ich. „Es fühlt sich an als würde mein Körper runterfahren.", ich fühle mich elend. Und ich sehe die Verzweiflung in Ralfs Augen. Er tut mir so leid. Er recherchiert im Internet nach dem Hustensaft und bestätigt mir, dass ich gerade alle Nebenwirkungen durchmache, die in der Beilage stehen. Der Hustensaft setzt sich an irgendwelche Rezeptoren im Kopf.
    Na toll. Und schon beginnt ein Schüttelfrost. Mir ist so kalt. „Ich muss nur warten bis mein Körper den Hustensaft abgebaut hat.", nuschel ich.
    Nach einer Stunde kann ich mich etwas hochdrücken. „Ich will in die heiße Quelle.", sage ich. Wir sind erst unsicher wegen meinem Kreislauf. Aber der ist mir gerade egal. Mir ist so kalt. Ich muss diese Kälte rausziehen.
    Also nimmt mich Ralf unter die Arme und wir gehen 15 Meter zu der Quelle. Um uns herum springen 20 Russen in die Becken und waschen sich die Haare. Es ist so heiß, der meine Haut sofort krebsrot anläuft. Ich konzentriere mich auf meinen Atmen. Ralf stützt mich immer wieder, aber entspannt sich nach einer Weile neben mir, als er merkt, dass ich mich unter Kontrolle habe.
    Der Tag endet mit einem einfachen, aber sehr herzlichen Essen im Essensraum der Unterkunft. Sie machen für uns den Ofen an und zu unserer Überraschung liegt unser Zimmer genau darüber, weshalb wir die ganze Nacht ein molliges Zimmer haben werden. Ich bin am Abend noch erschöpft, aber ich spüre, wie mein Körper nach und nach lebendiger wird. Und auch das Abendessen schaffe ich mit etwas Mühe zu genießen.
    Der Raum in dem wir essen sieht aus wie aus einem billigen Bollywood-Film. Die bunte Deko ist eingegraut und die Hussen über den Stühlen haben ihre prachtvollen Jahre lange hinter sich. Trotzdem scheint der Raum ein wichtiger Raum für die Familie zu sein. Hier wurden Geschichten geschrieben. An den langen Tafeln wurde viel gefeiert. Und der alte Kitsch legt sich wie ein liebevoller Balsam auf unsere Seelen.
    Ralf und ich schlafen tief. Wir sind eingerollt in Decken, haben weiche Kissen und unsere Schlafsäcke halten die Kälte fern, die sich an der restlichen Ofenwärme vorbeidrängt.
    Am nächsten Tag begrüßen uns die ersten hellen Strahlen durch unser Dachfenster und wir machen uns bereit für den Abstieg.
    Mit "geschwellter Brust"-Einstellung strecke ich Charme die Zunge entgegen. Und lasse den Kampf hinter mir.
    Heute werden wir zurück zu unsere tibetanischen Unterkunft laufen. Ich freue mich auf die Hausherrin und ihre Küche, in der wir vor einer gefühlten Ewigkeit gesessen und ihr beim Kochen zugeschaut haben. Und in Wirklichkeit ist es gerade mal 5 Tage her. 5 Tage in denen sich so viel ändern kann.
    Jetzt genießen wir den Abstieg, vorbei an dem Tor zum Himmel, durch den Friedhof im Wald und durch kleine Dörfer.
    Wir haben eine neue Routine. Jede Stunde machen wir eine Pause, trinken Tee und ich gönne mir zum Mittag eine Nudelsuppe.
    Mit jedem Schritt sind wir wieder im Hier und Jetzt. Mit jedem Schritt fange ich an, das Wandern wieder zu genießen. … Fortsetzung folgt.
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