• Willi, Willi, Willi

    April 4 in Greenland ⋅ ☀️ -16 °C

    Wir sind in Ilulissat gelandet. Hinter uns ein 40-minütiger Flug – ein außergewöhnlicher.
    Es fühlte sich an, als wären wir durch Land Art geflogen: tiefblaue Bergseen, Senken, Inseln, Erhebungen – alles eingebettet in ein endloses Weiß.
    Immer wieder merke ich, wie unmöglich es ist, diese Eindrücke festzuhalten. Kein Bild, kein Film trifft die Stille, die Kälte, dieses Gefühl, mittendrin zu sein.

    Übrigens war dies meine entspannteste Flugreise überhaupt: vom Frühstückstisch direkt ins Flugzeug, kurzer Flug, das Gepäck war schon da, der Shuttle wartete bereits vor der Tür – und zack, sieben Minuten später standen wir im Hotel. Grönländische Effizienz. Unterm Strich: 55 Minuten vom Frühstückstisch in Kangerlussuaq bis zur Lobby des Arctic Hotels in Ilulissat. So schnell schafft man es sonst nicht mal durch einen deutschen Flughafen.

    Unser erster Weg führt uns ins Inuit Café. Nicht wegen des Kaffees, sondern wegen Willi. Mit ihm hatte ich bereits aus Deutschland korrespondiert, um eine Schiffstour zu buchen. Ich kenne ihn also nicht. Und ich will ihm nicht zu nahe treten – aber was dann passiert ist, fühlte sich übergriffig an.
    Statt einer Bootstour bekamen wir ein Gespräch. Eines, das nach kurzem „Wo-kommt-ihr-her?“ in Richtung Therapiesitzung kippte.
    Ich hatte nämlich die glänzende Idee zu fragen, ob er in drei Sätzen erklären könne, wie ein Mannheimer dazu kommt, eine Ceylonesin zu heiraten und mit ihr ein Café in Grönland zu eröffnen. Rückblickend eine dieser Fragen, bei denen man schon während des Aussprechens merkt: das geht nach hinten los.
    Willi setzte an: Oberschlesien. Ein übermächtiger Vater. Große Gefühle. Diverse Nebenhandlungen und Verschwörungstheorien. Meine Frage hatte er nicht vergessen – sie musste nur warten. Erst kamen die schwierige Kindheit, eine unerfüllte Liebe zu einer Inuit und die Erleichterung darüber, dass sein Vater starb, als er 18 war. Stoff für mindestens 25 Therapiesitzungen.
    Wir nutzten den kurzen Moment, als ihm die Stimme versagte und die ersten Tränen kamen, für unseren Absprung.
    Nach gut zwei Stunden standen wir wieder draußen und mussten erst einmal tief durchatmen. Willi hat sicherlich eine interessante Lebensgeschichte – aber drei unbekannte Touristen nach einer Minute mit all dem zu überrollen, ist nicht mutig oder offen. Es ist einfach übergriffig.

    Szenenwechsel: 15:00 Uhr, wir dürfen unser Zimmer beziehen. Kein gewöhnliches Zimmer, sondern eines mit Discovery Channel.
    Der Blick: Eisberge direkt vor der Tür, dahinter die Diskoinsel, darüber ein strahlend blauer Himmel. Im eiskalten Fjordwasser ziehen Fische ihre Bahnen. Bei -8 Grad fühlt es sich fast wie T-Shirt-Wetter an – zumindest für einen kurzen Moment auf der Terrasse, bevor die Realität wieder einsetzt.
    Der Abschluss des Tages: Fine Danish Dinning in der Stadt. Natürlich mit Blick auf den Fjord.

    Ein großartiger Tag. Mit einer skurrilen Begegnung namens Willi.
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