• Bialowieza - Tour 1

    April 4 in Poland ⋅ 🌙 1 °C

    Wieder mal zwitschert mein Wecker sehr früh. Leises Ratschen des Reißverschlusses. Die Zeltbahn Richtung Süden öffnet sich. Wolken und Sonne. Genau wie erhofft. Perfektes Fotowetter.
    Ich rühre mir einen kalten Kaffee an und sammle mich. Langsam. Überprüfen, was ich mitnehmen will. Alles in den Hänger packen.
    Und ja – auch diesmal muss ich noch zweimal umdrehen.
    Und ja – auch diesmal habe ich etwas vergessen.

    Am Vorabend habe ich mir eine Route erstellt. Diese Fahrt dient primär dem Kennenlernen der Gegebenheiten vor Ort. Zunächst geht es Richtung Norden. Raureif liegt über dem Land. Um die Null Grad. Es läuft. Bis es rumst und ich einen umgekippten Hänger hinter mir her schleife. Ich muss vorsichtiger fahren. Darf nicht so über schräge Kanten fahren!

    Eine Gruppe Jogger kommt mir entgegen. Ansonsten treffe ich keine Menschen. Am Ortsrand: kläffende Hunde. Überall. Um halb sieben Uhr morgens. Einer verfolgt mich ein Stück. Das nervt. Denn ich will nicht auffallen.
    Will beobachten und dokumentieren, aber nicht das Zentrum der Aufmerksamkeit sein.

    In einem Bogen komme ich im Osten der Stadt an. Brücke. Aussichtsturm. Beides gefunden. Die Stimmung ist herrlich. Bis sich die Sonne hinter einer dicken Wolkenbank versteckt. Dann wird es schnell trist. Fotografisch nicht optimal. Aber diese akustische Kulisse!! Ich lausche. Typisch: meinen Audio-Rekorder vergessen!

    Die Route führt mich vom Ort weg in den Wald. Waldameisen. Ein Haufen. Noch einer. Mehr. Innerhalb kurzer Strecke mehrere Nester. Es wuselt. Trotz drei Grad.

    Ich komme immer tiefer in den Wald. Die Sonne ist immer noch verschwunden. Es ist düsterer als ich dachte. Dann lockert der Wald auf. Es wird nass und sumpfig. Die Bäche und Flüsse dürfen hier mäandern, über die Ufer treten und Raum einnehmen. Nicht wie bei uns. Das Bächlein hier hat eine Breite von Maximal 5 Metern. Gelassen hat man ihm etwa 50 und mehr. Ich bin mir sicher, ab und an wird es diesen auch brauchen. Das ist Natur- und Hochwasserschutz. Nicht gebaut. Zugelassen.

    Ich bin im Kerngebiet angekommen. Ab hier dürfen die Wege nicht mehr verlassen werden. Zeit, kurz innezuhalten. Etwas sitzen, Nüsse knabbern. Lauschen. Einfach sein.

    Ich atme tief ein.
    Und wieder aus.

    Ruhe. Frieden. Dann ein Geräusch. Es gehört nicht hierher. Ich brauche einen Moment, um es zuzuordnen. Ein Fahrzeug. Von rechts. Direkt auf mich zu. Militärpolizei. Schluss mit Ruhe. Aus mit Frieden. "Dobre!" Ich werde kontrolliert. Freundlich und bestimmt.

    Ein Kilometer weiter: überfluteter Auwald. Ich bleibe stehen. Das Wasser. Überall. Weiter unten wird gestaut. Natürlich. Hier steht das Wasser nicht nur. Es bleibt. Wochenlang, vermutlich. Die Sonne bricht sich wieder Bahn und überall schimmert, strahlt und Glitzert es. Ich setze mich auf meinen Hänger. Schaue. Lausche. Genieße.

    Zeit zurück zu kehren. Seit knapp vier Stunden unterwegs. Ich komme mit dem Hänger langsam voran. Muss nicht schneller. Doch jetzt wird es mühsam. Tiefer sandiger Boden prägt diesen Abschnitt. Ich entscheide mich zu schieben.

    Bisher keine Spuren von größerem Wild. Alte Losung. Nichts Frisches. Keine klaren Wechsel. Kein Ort, der danach aussieht, als würde hier regelmäßig etwas passieren. Wenn sich das nicht ändert, bleibt nur eines: Ansitzen. Auf gut Glück.

    Gegen 14:00 Uhr bin ich zurück. Erschöpft. Und zufrieden. Ich mache mir eine kräftige Suppe. Lasse den Tag ausklingen. Passt!
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