• Durch die rote Zone - Syrien

    April 11 in Syria ⋅ ☀️ 20 °C

    Wir stehen auf einem staubigen Platz irgendwo im Norden von Jordanien, nur eine halbe Stunde von der Grenze zu Syrien entfernt. Die Sonne steht noch hoch, als wir Jessie und Frank in ihrem gelben Sprinter treffen. Kurz darauf kommen auch Daniel und Aline mit ihrem T4 und dem Anhänger an. Wir begrüßen uns wie alte Freunde, obwohl wir uns erst seit kurzer Zeit kennen. Diese Gemeinschaft unter Reisenden fühlt sich sofort vertraut an.

    Wir haben uns vorbereitet. Wir haben mit Botschaften gesprochen, wir haben recherchiert, wir haben diskutiert. Alle offiziellen Grenzübergänge Richtung Türkei sind geschlossen. Doch in den Reisegruppen kursiert eine Information. Ganz im Norden, im Westen Syriens, gibt es einen Übergang namens Bab al-Hawa. Eigentlich ist er nicht für internationale Reisende gedacht, sondern nur für Syrer und Türken. Für uns Overlander ist er offiziell keine Option. Und trotzdem klammern wir uns an diese eine Möglichkeit.

    Unsere Freunde, Camille, Mathieu und ihre beiden Kinder sind nun nach Syrien eingereist und versuchen auf diesem Weg in die Türkei zu gelangen. Wir warten auf ihr Zeichen. Lassen die Türken sie hinein oder nicht?

    Am späten Nachmittag kommt endlich die Nachricht. Sie haben es geschafft. Sie sind durch. Sie sind in der Türkei. Es bricht Erleichterung und Hoffnung aus. Wir entscheiden gemeinsam, noch hier zu schlafen und am nächsten Morgen früh aufzubrechen, um die Strecke an einem Tag durchzufahren. Eine demokratische Entscheidung, auch wenn Regina am liebsten sofort losgefahren wäre. Hinzu kommt, dass der Anhänger von Aline und Daniel repariert werden muss. Die Deichsel ist gebrochen. Ein freundlicher Anwohner aus dem angrenzenden kleinen Dorf hat angeboten die gebrochene Deichsel zu schweißen. Eine Bezahlung lehnt er ab. Der Anhänger ist am späten Abend wieder einsatzbereit. Wahnsinn diese Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Jordanier. Ein paar Jugendliche aus dem Dorf kommen vorbei und Marie und Jens spielen etwas Fußball mit ihnen. Natürlich werden wieder viele Fotos gemacht.

    Regina schläft unruhig. Die Gedanken kreisen. Was, wenn es bei uns nicht klappt. Jens schläft gut und ist am Morgen fit für die Fahrt ins ungewisse.

    Um 7 Uhr stehen wir auf und trinken noch rasch Tee, Kaffee und Milch. Um acht Uhr fahren wir in Kolonne los. Die Sonne steht tief, die Luft ist kühl.

    Die Einreise nach Syrien verläuft überraschend ruhig. Nach etwa zwei Stunden sind wir durch. Wir trennen uns für die Fahrt durch Syrien, weil die anderen beiden nur 70 bis 80 Kmh fahren. Wir wollen hingegen Strecke machen und heute noch in die 500 km entfernte Türkei einreisen.

    Die Straßen sind besser als erwartet. Mal breit und dreispurig, mal enger, aber gut befahrbar. Wir fahren durch Damaskus. Es ist voller Verkehr, aber alles wirkt geordnet. Menschen winken uns zu. Und dann sehen wir sie, die vom Krieg zerstörten Häuser. Ganze Stadteile liegen in Trümmern. Es trifft uns mit voller Wucht. Dieses Land ist wunderschön und gleichzeitig so gezeichnet. Die sichtbaren Kriegsschäden in Damaskus stammen vor allem aus dem syrischen Bürgerkrieg, der 2011 begann. Bombardierungen, Häuserkämpfe und jahrelange Belagerungen haben viele Viertel zerstört. Bis heute sind die Spuren des Krieges in der Stadt deutlich zu sehen.

    Checkpoints tauchen immer wieder auf. Bewaffnete Personen stehen am Straßenrand. Doch wir werden einfach durchgewunken. Kein Problem. Kein Stress. Wir fahren weiter, immer weiter nach Norden.

    Die Landschaft überrascht uns. Alles ist grün. Hügel ziehen sich bis zum Horizont. Und dann sehen wir sogar einen schneebedeckten Berg. Es ist kaum zu glauben, wie schön dieses Land ist.

    Nach fünf Stunden erreichen wir die Grenze bei Bab al-Hawa. Die Anspannung steigt sofort wieder. Zuerst läuft alles gut. Pässe werden kontrolliert, wir warten ein wenig, dann geht es weiter. Doch dann beginnt das Chaos.

    Am Customs-Schalter heißt es plötzlich, wir hätten bei der Einreise nicht für das Auto bezahlt. Dabei haben wir Quittungen. Wir sind sicher, dass alles korrekt ist. Doch die Beamten sprechen kein Englisch. Wir kein Arabisch. Alles läuft über Übersetzer-Apps. Es dauert ewig. Missverständnisse entstehen.

    Immer wieder zeigen sie uns ein Video. Doch es ist das falsche. Es zeigt die Bezahlung des Visums, nicht die fürs Auto. Die Situation wird zunehmend nervenaufreibend. Jens diskutiert, erklärt, wird lauter. Wir sind erschöpft. Zwischenzeitlich kommen unsere Freunde an der Grenze an. Wir freuen uns, dass sie es heute noch hierher geschafft haben.

    Nach stundenlangen Warten und diskutieren wird klar, was passiert ist. Beim Bezahlen zuvor ist etwas durcheinandergeraten. Wir mussten nämlich für die Visa 120 Dollar zahlen. Es stellte sich heraus, dass davon aber 100 Dollar vom Kassierer waren und nicht aus Jens Brieftasche. Die hat sich der Kassierer als er es dann bemerkte vom Zoll zurück geholt, wo wir 100 Dollar für das Auto gezahlt hatten. Daraufhin wurde im System vermerkt, dass für das Fahrzeug nicht gezahlt wurde. Nachdem das Missverständnis nach Stunden aus dem Weg geräumt wurde, zahlt Jens schließlich die 100 Dollar. Wir wollen einfach nur weiter. Denn der knifflige Teil, die türkische Grenze, liegt noch vor uns.

    Dort warten Jessie und Frank und Daniel und Aline schon. Doch auch hier heißt es erst einmal warten. Eine Stunde lang zittern wir. Dann kommt die Entscheidung. Wir dürfen einreisen.

    Die Prozedur ist streng. Fingerabdrücke werden genommen. Jeder Finger einzeln, gedreht, mehrfach gescannt. Fotos von vorne und von beiden Seiten. Danach bekommen wir den Stempel bei der Polizei. Weiter zu Customs. Es geht schnell. Ein kurzer Blick ins Auto, dann dürfen wir weiter.

    Doch nicht alle haben Glück. Daniel und Aline bleiben zurück. Die türkischen Behörden erlauben nur ein Fahrzeug pro Person. Ihr Auto und das Motorrad sind auf eine Person registriert. Ein Problem, das sich nicht sofort lösen lässt. Schweren Herzens verabschieden wir uns.

    Es ist spät geworden. Es ist dunkel. Wir fahren zu einem ruhigen Platz in der Nähe. Ein kleiner Spielplatz. Ein Gewitter zieht auf. Blitze zucken am Himmel.

    Wir legen uns ins Bett. Müde, erschöpft, aber erleichtert. Wir haben es geschafft. Wir sind in der Türkei.🇹🇷
    Read more