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  • Day6

    Himba

    March 1 in Namibia ⋅ 🌧 17 °C

    Nachdem wir uns inzwischen schon ein wenig in den eigenen vier Wänden eingelebt haben, ging es heute, nach unserem üblichen Frühstück (siehe Foto), auf Stadtrundgang - ist zum Glück alles fußläufig. Meist waren wir die Einzigen. Zu Fuß gehen ist hier, wie uns nachmittags von einer einheimischen Studentin bestätigt wurde, erst im Kommen (Was ein Wortspiel!). Naja, so kann Noah in seinem Elan wenigstens nicht allzuviele Passanten umrennen... Unser Gang führte uns als erstes am Supreme Court vorbei zur bekannten Christuskirche, wichtigstes Wahrzeichen der Stadt, erbaut 1907-1910. Auf uns wirkte sie eher unwirklich, so rein und strahlend zwischen all den hoch- und stachelig umzäunten Häusern und heruntergekommen Straßen. Um die Ecke, vor dem Tintenpalast, erwarteten uns drei geschichtlich sehr bedeutende Herren. Doch zuvor noch kurz zum Tintenpalast selbst. Dieser wurde als administratives Hauptgebäude Deutsch-Südwestafrika errichtet und ist heute das Namibische Parlamentsgebäude. Es schuldet seinem Namen der preußischen Gründlichkeit deutscher Kolonialbeamten Gesetze und Verordnungen über das Land zu bringen. Was dem Volksmund nach zu einem extrem hohen (und sinnlosen) Tintenverbrauch führte. Nun zu unseren 3 Herren: Hosea Kutako (nach dem auch der internationale Flughafen benannt ist) saß hier ursprünglich alleine als Hereroführer, der eine ganz entscheidende Rolle im Befreiungskampf Namibias spielte. Kurz vor seiner Enthüllung wurde dies allerdings von einem Parlamentsabgeordneten angeprangert und so leisten ihm nun auch der Nama Hendrik Samuel Witbooi, sein Opa erhob sich als erster gegen die Weißen, und der Ovambo-Priester Theophilus Hamuntubangela, ebenfalls entscheidend bei der politischen Bewusstseinsschaffung der Schwarzen und der Formierung der Befreiungsbewegung der Owambo, Gesellschafft. Dieser Dreiklang zeigt einmal mehr, dass jeder Stamm seinen Beitrag trug und immer noch trägt um "Einheit durch Vielfalt" zu erreichen.
    Seltener trifft man in Windhoek allerdings auf offensichtlich gelebte Vielfalt in Form traditioneller Bekleidungen, die über bunte Tücher und kunstvolle Haarflechtarbeiten hinaus gehen. Wir hatten Glück! Im Supermarkt lernten wir Beauty (ihre Schwester heißt übrigens Anna) und ihren Begleiter Francis kennen. Er war Einheimischer, der seine Eltern durch Krankheit (wir vermuten HIV) verloren hatte und sich auf der Straße durchschlug, bis er entschied sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und es tatsächlich bis zum Studium und schließlich zur Promotion in Berlin schaffte. So beeindruckend! Dagegen wirkt Annas Promotion unglaublich leicht, unsere Situation - trotz aller Wiedrigkeiten - priviligiert und die Welt voller Ungerechtigkeiten. Beauty war praktizierende Himba, wobei wir jetzt nicht wissen, ob praktizierend in diesem Zusammenhang überhaupt angemessen ist. Jedenfalls war sie in traditioneller "Tracht" wie man in Bayern sagen würde, unterwegs. Christian konnte seinen Blick kaum abwenden ;) noch dazu war sie nicht nur hübsch sondern auch supernett, hat Englisch und tatsächlich ein wenig Deutsch gesprochen. Aus gleichen Gründen wie Francis lebte die auf der Straße und verkauft heute sehr schöne selbst hergestellte Leder(?)armbänder. Die Himba leben ursprünglich im Kaokoveld im Nordwesten Namibias, und weil das Land dort so unendlich karg (aber laut Internetblogs nicht nur superschön, sondern auch extrem spannend für 4x4 Abenteuerer ist, was den Himba bestimmt nicht gefällt!) ist, leben sie in kleinen weit verstreuten Sippen. 5.000 Himba gibt es inzwischen noch in Namibia, in Angola noch 3.000. Besonders imponiert die zentrale Rolle der Frau in dieser matrilinearen Gesellschaft: (bewegliche) Besitztümer werden über die mütterliche Linie vererbt wohingegen Religion und Macht innerhalb der Familie patrilinear, also über die Väter, vererbt werden. Man nennt dies doppelte Abstammungsrechnung. Die Himba glauben, dass man das Blut der Mutter und die Spiritualität des Vaters erbt. So wie bei den Himba üblich hatte auch Beauty ausgeschlagene untere Schneidezähne. Das Ausschlagen hat eine große spirituelle Bedeutung und geschieht im Alter zwischen zehn u zwölf. Vor dem Ritual schlafen die Kinder in Holzhütten mit besonderem Schutz der Ahnengeister. Morgens wird am Heiligen Feuer, das für die Himba das wichtigste Element ihrer Religion ist, gebetet. Die anschließend mit einem speziellen Holzspan ausgeschlagenen Zähne werden dann in die Richtung des Geburtsortes geworfen. Besonders beeindruckt war Beauty von der Tatsache, dass Christian, also der Papa (und nicht die Mama), Levi vorne bei sich trug. Sie und ihr Begleiter machten sogar heimlich ein Foto von uns, bevor Christian die beiden ansprach. Anscheinend waren wir genauso sonderbar für sie, wie sie für uns!
    Zurück zu unserem Stadtrundgang: Den beendeten wir nämlich in flauschiger Runde mit Jorge, superlässiger Prof in Oldenburg den Noah gleich ins Herz geschlossen hatte, neben Jantje einer der Initiatoren des YEEES-Projektes. Wir saßen bei eher mäßiger Pizza und Sahnehauben-Cappuccino im Zoopark-Café und hatten es noch sehr nett. Später kam Eva hinzu, eine Masterstudentin an der UNAM im Bereich upcycling mit Interessensschwerpunkt Foodsecurity, was in Namibia in der vergangenen Zeit erheblich an Bedeutung gewonnen hat.
    Abends mussten wir erstmal durchatmen: puh haben wir heute wieder viel gelernt. Und wir sind erst an Tag 4!!
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