• Der Kanun - Albaniens Berggesetze

    November 16, 2025 in Albania ⋅ ☁️ 16 °C

    Der Blutracheturm in Theth ist etwa 400 Jahre alt und einer der wenigen erhaltenen seiner Art in Albanien. Die dicken Steinmauern und schmalen Fenster erzählen von einem Rechtssystem, das jahrhundertelang das Leben in den nordalbanischen Bergen regelte: dem Kanun.

    ⚖️ Das Gesetz war stärker als der Staat

    In den abgeschiedenen Bergen Nordalbaniens gab es jahrhundertelang praktisch keine staatliche Kontrolle – selbst die Osmanen hatten hier keinen Einfluss. Zusammengehalten wurde die Gesellschaft vom Kanun, einem vollständig selbstorganisierten Rechtssystem mit über 1.200 mündlich überlieferten Regeln. Er regelte alle Bereiche des Lebens – von Eigentum über soziale Pflichten bis zu Ehre und Gastfreundschaft.

    Es gab verschiedene regionale Varianten des Kanun, doch die bekannteste ist die Fassung, die mit Lekë Dukagjini – einem Fürsten des 15. Jahrhunderts – in Verbindung gebracht wird. Ihre Wurzeln reichen jedoch deutlich weiter zurück, vermutlich bis in die illyrische Zeit (ca. 1000 v. Chr.).

    Die geografische Isolation der Bergregionen ermöglichte es, dass der Kanun über Jahrhunderte funktionieren konnte – und hatte wichtige kulturelle Folgen. Die albanische Sprache blieb wegen der abgeschiedenen Bergdörfer und ihrer isolierten Gemeinschaften außergewöhnlich gut erhalten: Sie gehört zu den ältesten Sprachen Europas und steht sprachlich völlig allein da – keine andere heute gesprochene Sprache ist mit ihr eng verwandt. Sie gilt als einzige noch lebende Sprache mit Wurzeln in der illyrischen Zeit.

    🏠 Besa - Ehrenwort und Gastfreundschaft

    Ein zentrales Prinzip des Kanun war die Besa – ein Begriff, der Ehrenwort, Treue und Schutzversprechen umfasst. Die berühmteste Regel zur Gastfreundschaft lautet: "Betritt der Gast dein Haus und schuldet er dir Blut, so wirst du ihm sagen: Gut, dass du kamst." Ein Gast durfte unter dem Schutz des Gastgebers nicht angerührt werden, selbst ein Feind wurde bewirtet und geschützt. Wer Besa gab, musste sein Versprechen unter allen Umständen halten.

    Diese im Kanun fest verankerte Tradition hat sich über Jahrhunderte bewährt. Während des Zweiten Weltkriegs nahm Albanien zahlreiche jüdische Flüchtlinge auf – und war eines der wenigen Länder Europas, in denen nach dem Krieg sogar mehr jüdische Einwohner lebten als zuvor. Viele Albaner hielten die Besa ein und verrieten ihre Schutzsuchenden nicht, selbst unter der Gefahr der Besatzung.

    🎖️ Ehre als gesellschaftlicher Kompass

    Im Kanun war die Ehre (Nderi) zentral für das soziale Dasein. Sie bedeutete Verlässlichkeit, Integrität und Verantwortung für Familie und Clan (Fis). Ein Mann, der sein Wort hielt und sich an die Regeln hielt, hatte Ansehen in der Gemeinschaft. Eine verletzte Ehre betraf nicht nur den Einzelnen, sondern die gesamte Großfamilie und musste wiederhergestellt werden – durch öffentliche Entschuldigung, Vermittlung der Ältesten oder im schlimmsten Fall durch Rache. Die Gemeinschaft überwachte die Einhaltung und sorgte für sozialen Druck.

    🗡️ Blutrache und Versöhnung

    Blutrache diente nicht der emotionalen Vergeltung, sondern der Wiederherstellung eines sozialen Gleichgewichts zwischen Familien – eine Art Selbstregulation ohne Gerichte. Die Regeln waren klar: Nur Männer durften Ziel sein, nie Frauen oder Kinder. Rache durfte nie im Haus stattfinden, das Heim war heiliger Raum. Konflikte konnten durch Blutgeld an die Familie des Opfers beendet werden. Feuerpausen durch Besa-Vereinbarungen ermöglichten Deeskalation, Mediatoren vermittelten häufig.

    Der Turm in Theth war für genau solche Situationen gedacht. Bei einem Mord "fiel der Täter ins Blut" (Gjaku) des Opfers und verlor damit seine körperliche Integrität. Die männlichen Verwandten waren sozial verpflichtet, Rache zu üben – der Druck kam vom Clan. Bedrohte konnten sich im Turm einschließen, wurden durch eine kleine Öffnung versorgt und warteten dort auf eine Einigung durch die Ältesten – manchmal über Wochen oder Monate. Über die Lösung entschieden die Ältesten: Entweder musste der Täter allein in ein anderes Tal ziehen (daraus entstanden viele einsame Berggehöfte), oder dem Bedrohten wurde Besa gewährt – ein befristeter Waffenstillstand für Besorgungen, Feldarbeit oder kirchliche Feste.

    Das System funktionierte, weil alle Beteiligten ein Interesse daran hatten, Konflikte zu begrenzen und Lösungen zu finden.

    👤 Die Rolle der Frauen

    Ein oft übersehener Aspekt: Frauen konnten durch ein Keuschheitsgelübde rechtlich als "sozialer Mann" (Burrnesha) leben. Sie trugen Männerkleidung, durften Waffen tragen, Eigentum besitzen und hatten die gleichen Rechte wie Männer. Diese "geschworenen Jungfrauen" waren meist Töchter aus Familien ohne männliche Erben oder Frauen, die diesen Weg aus anderen Gründen wählten.

    📜 Detaillierte Alltagsregeln

    Der Kanun regelte auch den Alltag bis ins Detail: Fliegen deine Bienen auf fremdes Grundstück, darfst du es betreten, um sie zurückzuholen – verfolgt sie aber niemand, darf der Finder sie behalten. Zerstört deine Ziege einen Weinberg, schuldest du die Menge Wein und Raki, die produziert worden wäre. Eine Hochzeit benötigt den "Hochzeitsochsen" und exakt festgelegte Mengen an Kaffee, Käse und Raki.

    Selbst Tischregeln waren präzise festgelegt: Der Hausherr wäscht sich vor dem Gast die Hände und trinkt den ersten Raki, aber der Gast muss den ersten Bissen nehmen. Verstöße wurden mit Strafen geahndet.

    Diese Präzision war notwendig in einer Gesellschaft ohne staatliche Autorität. Der Kanun musste alle denkbaren Situationen abdecken, damit keine Unklarheit zu neuen Konflikten führte.

    🕰️ Der Kanun heute

    Während der kommunistischen Diktatur unter Enver Hoxha wurde der Kanun mit harter Repression unterdrückt. Nach 1991 tauchte er in einigen Regionen wieder auf. In abgelegenen Gebieten Albaniens, des Kosovo und Nordmazedoniens gilt er noch als kultureller Leitfaden. Blutrache existiert selten noch – Schätzungen sprechen von einigen tausend betroffenen Familien, deren Männer sich nicht aus dem Haus trauen und deren Kinder nicht zur Schule gehen können.

    Die Besa ist weiterhin heilig. Viele Albaner sind stolz auf diese Tradition und sehen darin einen Teil ihrer Identität. Der Kanun ist kein alter Mythos, sondern ein lebendes Kulturerbe – mit seinen positiven und seinen problematischen Seiten.



    Der Kanun hat uns einmal mehr gezeigt, wie faszinierend die albanische Geschichte ist – ein Volk, das über Jahrhunderte seine Identität, Sprache und eigenen Regeln bewahrte, während Imperien kamen und gingen.
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