• Theth - Im Herzen der Albanischen Alpen

    November 16, 2025 in Albania ⋅ ☀️ 12 °C

    Von Shkodra führt eine gut ausgebaute Straße über einen rund 1.700 Meter hohen Pass nach Theth. Die 70 Kilometer dauern etwa eineinhalb Stunden, und obwohl die Strecke inzwischen komplett asphaltiert ist, bleibt sie kurvig und anspruchsvoll. Noch vor wenigen Jahren war sie eine Schotterpiste, die nur mit Geländewagen befahrbar war.

    Vom Pass öffnet sich der Blick ins Tal: Theth liegt in einem weiten Kessel, umgeben von Gipfeln bis 2.500 Meter. Das Dorf besteht aus mehreren kleinen Weilern mit traditionellen Steinhäusern, die sich über das Tal verteilen. Im Winter ist der Ort oft monatelang von Schnee abgeschnitten. Von einst 300 Familien leben heute nur noch rund 30 dauerhaft hier.

    Die kleine Kirche von 1892 gilt als Wahrzeichen des Ortes. Sie steht auf einer Wiese vor den schroffen Bergen und besitzt ein schlichtes graues Holzdach. Während der kommunistischen Zeit diente sie als Schule und Gesundheitszentrum, heute ist sie wieder Gotteshaus – und eines der meistfotografierten Motive in Theth.

    Ein paar hundert Meter weiter befindet sich der Blutracheturm – ein rund 400 Jahre alter Steinturm und einer der letzten seiner Art. Er war Teil des Kanun, des traditionellen Rechtssystems, das in den nordalbanischen Bergen über Jahrhunderte verbindlich war. Mehr dazu in einem separaten Bericht.

    Theth ist vor allem bei Wanderern beliebt. Eine einfache Tour führt zum Grunas-Wasserfall, etwa eine Stunde vom Dorf entfernt. Das Wasser fällt rund 25 Meter über eine Felswand, und früh morgens hat man den Ort oft noch für sich.

    Wir haben die anspruchsvollere Wanderung zum Blue Eye unternommen – einem türkisblauen Karstbecken in den Bergen. Hin und zurück dauert sie etwa sechs Stunden. Die Tour mit Guide kostete 50 Euro pro Person. Unser Guide stammte aus einer alteingesessenen Familie und erzählte viel über das Leben in den Bergdörfern. Das Wasser im Blue Eye ist eiskalt; einige wagen trotzdem den Sprung. Wer mehr Zeit hat, kann zusätzlich den Valbona-Pass überqueren – eine ganztägige Bergtour ins Nachbartal.

    Der Tourismus hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Aus wenigen Hundert Besuchern um 2006 wurden inzwischen Tausende, vor allem im Hochsommer. Viele Familien betreiben Gästehäuser mit Halbpension und traditioneller Küche. Die Gastfreundschaft ist groß, doch das Dorf verändert sich spürbar. Wer Theth ruhiger erleben möchte, sollte im Mai, Juni oder September kommen – dann haben die Wege noch etwas von der Stille, die den Ort früher auszeichnete.
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