• Jim Thompson – Vom Spion zum Seidenkönig

    January 24 in Thailand ⋅ ☀️ 31 °C

    Jim Thompson war Architekt, Olympia-Segler, Geheimagent und Seidenhändler – und verschwand eines Tages spurlos im malaysischen Dschungel. Sein Haus in Bangkok, heute ein Museum, erzählt die Geschichte dieses ungewöhnlichen Amerikaners und nebenbei auch die der thailändischen Seide.

    Als Offizier des OSS, dem Vorläufer der CIA, kam Thompson 1945 nach Thailand. Nach dem Krieg blieb er im Land und entdeckte im Weberviertel Ban Krua, direkt gegenüber seines späteren Grundstücks, einen schimmernden Stoff, der ihn faszinierte: handgewebte Thai-Seide. Die Webtradition war damals fast verschwunden. Im 19. Jahrhundert noch international geschätzt, hatte sie der Konkurrenz durch maschinell gefertigte Stoffe und synthetische Fasern wenig entgegenzusetzen. Hinzu kam ein Wandel in der thailändischen Mode: Die traditionelle Wickelkleidung, für die man Seide brauchte, war aus der Zeit gefallen. Ende der vierziger Jahre webten nur noch wenige Familien für den Eigenbedarf, etwa für Zeremonien.

    Aus dieser Begeisterung heraus gründete Thompson 1948 die Thai Silk Company und schickte Stoffproben nach New York. Der Durchbruch kam 1951, als seine Seide für die Kostüme der Broadway-Premiere von „The King and I“ verwendet wurde. Plötzlich wollten Modehäuser in Paris und Mailand thailändische Seide – wobei die leuchtenden Juwelenfarben, die man heute mit dem Stoff verbindet, erst durch Thompsons eigene Experimente entstanden, als er Schweizer Anilinfarben einführte. Das Produkt, das er vermarktete, hatte mit der ursprünglichen Thai-Seide nur noch bedingt zu tun. Auch blieb der lokale Markt lange skeptisch: In den fünfziger Jahren kauften vor allem amerikanische Touristen, während wohlhabende Thais den Stoff für unpraktisch im heißen Klima hielten. Erst als Königin Sirikit bei ihrer Amerikareise 1960 Thai-Seide trug, änderte sich das.

    Die Geschichte vom Retter einer sterbenden Industrie greift allerdings zu kurz. Thompsons Vermächtnis ist komplizierter, als die gängige Heldenerzählung suggeriert. Und 2023 kam ein weiterer Schatten hinzu: Thailändische Behörden stellten fest, dass Thompson in den sechziger Jahren Antiquitäten aus dem Si Thep Historical Park geschmuggelt und ins Ausland verkauft hatte. Schon 1962 war er beschuldigt worden, gestohlene Buddha-Köpfe zu besitzen. Der leidenschaftliche Sammler war offenbar nicht immer wählerisch, woher seine Stücke stammten.

    Ende der fünfziger Jahre begann auf seinem Grundstück am Khlong Saen Saep ein ungewöhnliches Bauprojekt. Sechs traditionelle Häuser aus verschiedenen Regionen Thailands ließ Thompson abbauen und per Lastkahn nach Bangkok bringen. Die meisten stammten aus Ayutthaya, der alten Königsstadt. In nur sieben Monaten setzte er sie wieder zusammen – allerdings nicht originalgetreu: Manche Wände drehte er um, sodass die normalerweise verborgene Innenseite nach außen zeigt. Die Treppe führt innen statt außen hoch, wie es bei traditionellen Thai-Häusern üblich wäre. Die Gebäude bestehen aus Teakholz, einem tropischen Hartholz aus den Monsunwäldern Südostasiens. Der hohe Öl- und Kautschukgehalt macht es extrem witterungsbeständig und resistent gegen Insekten und Pilze – ideal für das feuchte Klima Bangkoks.

    Im März 1967 endet die Geschichte abrupt. Während eines Ausflugs mit Freunden in die Cameron Highlands in Malaysia ging Thompson an einem Ostersonntag nachmittags spazieren und kehrte nie zurück. Trotz der größten Landsuche in der Geschichte Südostasiens fand man keine Spur. Über die Ursache seines Verschwindens gibt es bis heute zahlreiche Theorien – von einem Unfall bis zu politischen Motiven im Zusammenhang mit seiner Geheimdienstvergangenheit. Belege dafür existieren keine. Wenige Monate später wurde seine Schwester in Pennsylvania ermordet, ebenfalls ein nie aufgeklärtes Verbrechen.

    Heute ist das Jim Thompson House eine der bestorganisierten Museumserfahrungen der Stadt. Man betritt das Gelände durch einen tropischen Garten mit Koi-Teichen – eine grüne Oase, die Thompson bewusst dschungelartig anlegen ließ, heute umgeben von Hochhäusern. Die Teakholzhäuser können nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden. Die Guides sprechen mehrere Sprachen und erklären Thompsons Biografie sowie die Besonderheiten traditioneller thailändischer Architektur – die Schattenseiten seiner Sammelleidenschaft bleiben allerdings unerwähnt. Im Inneren sieht man Thompsons Kunstsammlung: Buddha-Statuen aus verschiedenen Epochen, Gemälde, chinesisches Porzellan.

    Auf dem Gelände gibt es mehrere Restaurants und Cafés, in denen man sehr gut essen kann. Wer möchte, kann im angeschlossenen Shop Seidenprodukte der Marke Jim Thompson kaufen – von Schals über Krawatten bis zu Heimtextilien. Die Anlage ist gepflegt, das Personal freundlich, die Toiletten sauber. Ein kostenloser Shuttle bringt Besucher zur nächsten BTS-Station.
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