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Asien 2026

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    🇲🇾 George Town, Malaysia

    Hoi An Memories - 400 Jahre in einer Stunde 🎭

    May 17 in Vietnam ⋅ ☁️ 28 °C

    Die Hoi An Memories (die Erinnerungen an Hoi An) ist eine große Open Air Show am Flussufer und spielt auf einer Bühne, die sich fast einen Kilometer am Wasser entlangzieht. Rund 500 Darsteller stehen auf der Bühne, dazu kommen Lichtprojektionen, Wasserfontänen und lebensgroße Kulissen, darunter ganze Häuser und ein nachgebautes Schiff. So etwas hatten wir vorher noch nie gesehen.

    Die Show erzählt die Geschichte der Stadt über rund vierhundert Jahre hinweg, gegliedert in mehrere Kapitel. Es beginnt mit Reisbauern und Fischern, die dem Land die ersten Felder abringen, wobei Männer mit Bambusstangen das Wasser zu Fontänen aufwühlen. Dann folgt die Hochzeit einer vietnamesischen Prinzessin mit einem König der Cham, dem Volk, das hier vor den Vietnamesen herrschte. Diese Heirat brachte vor gut siebenhundert Jahren Frieden zwischen beiden Reichen, und auf der Bühne zieht dazu ein Elefant vorbei. Ein weiteres Kapitel dreht sich um eine Frau, die jeden Abend eine Laterne auf den Fluss setzt und auf die Rückkehr ihres Mannes wartet, der zur See gefahren ist. Es sind genau die leuchtenden Laternen, für die Hoi An heute berühmt ist. Danach erwacht der alte Handelshafen mit seinen Kaufleuten aus China, Japan und Europa zum Leben, bevor zum Schluss Tänzerinnen im Áo Dai, dem vietnamesischen Nationalkleid, das heutige Hoi An zeigen.

    Der Handlung konnten wir dabei grob folgen. Auf einer Fläche neben der Bühne lief erklärender Text mit, aber im Kern war es ein Bilderrausch, der einen von einer Szene zur nächsten trägt, ohne dass man jedes Detail verstehen muss.

    Was wir damals nicht wussten: Diese gewaltigen Freilichtshows mit Hunderten Darstellern auf einer Naturbühne sind ein eigenes Genre, und erfunden wurde es nicht in Vietnam, sondern in China. Inszeniert hat sie ein chinesischer Regisseur, der diese Art von Massenspektakel mit einer früheren Show überhaupt erst berühmt machte. Als die Show vor einigen Jahren startete, fanden manche Vietnamesen sie deshalb zu chinesisch geraten und kritisierten das offen. Seither wurde sie mehrfach überarbeitet.

    Beworben wird sie heute als schönste Show der Welt. Dahinter steckt vor allem geschicktes Marketing, etwa ein bezahlter Werbeauftritt am New Yorker Times Square. Sehenswert ist sie.

    Die Show findet jeden Abend außer dienstags auf einer Insel im Fluss statt, gut einen Kilometer von der Altstadt entfernt und in einer Viertelstunde zu Fuß über die Brücke erreichbar. Die Tickets kosten je nach Sitzkategorie zwischen gut 20 und knapp 50 €. Vom Rest der Themeninsel haben wir wenig mitbekommen, weil es längst dunkel war, als wir ankamen.
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  • Hoi An - Im Schein der Laternen 🏮

    May 16 in Vietnam ⋅ ☁️ 29 °C

    Die Laternenstadt Hoi An ist eines der typischen Postkartenmotive Vietnams. Die alte Hafenstadt ist außerdem ein Ort des Handwerks, heute vor allem bekannt für ihre Schneider. In der Altstadt reihen sich niedrige Häuser mit ockergelben Wänden an engen Gassen, dazu hölzerne Ladenfronten, Ziegeldächer und ein Fluss, über dem unzählige bunte Laternen hängen.

    Hoi An war einmal einer der wichtigsten Handelshäfen Südostasiens. Der Name bedeutet "friedlicher Treffpunkt", und genau das war er. Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert legten hier Schiffe aus China und Japan an. Weil der Handel vom Monsun abhing und die Kaufleute oft Monate auf günstigen Wind für die Heimreise warten mussten, richteten sie sich eigene Stadtviertel ein. Sicher war dieser Reichtum nie. Das Vermögen eines Händlers steckte monatelang in Waren und Schiffen weit draußen, und ein Sturm oder Überfall konnte alles auf einmal vernichten. Gehandelt wurde mit Seide, Porzellan und Gewürzen, vor allem aber mit Adlerholz, einem harzigen Duftholz, aus dem Räucherwerk und Parfüm gewonnen werden. Die Herrscher kauften es im Inland für viel Geld und verkauften es in Japan für das Dreißigfache. Die Europäer waren dabei eher Nachzügler. Sie drängten auf die Waren Asiens, das damals das wirtschaftliche Zentrum der Welt war, hatten selbst aber kaum etwas zu bieten, das hier gefragt war, und bezahlten meist mit Silber.

    Dass von dieser Zeit so viel übrig ist, verdankt Hoi An seinem Niedergang. Als der Fluss versandete, wichen die großen Schiffe ins nahe Da Nang aus, und die Stadt verlor ihre Bedeutung. Während andernorts abgerissen und neu gebaut wurde, blieb hier alles stehen, und selbst der Vietnamkrieg ging weitgehend spurlos an der Stadt vorbei. Geblieben ist eine ganze Altstadt mit traditionellen Gebäuden. Die Kaufmannshäuser sind schmal und tief, unten der Laden, darüber Wohn- und Lagerräume. Weil der Fluss die Stadt regelmäßig überschwemmt, zogen die Bewohner ihre Waren bei Hochwasser durch eine Luke in der Decke ins Obergeschoss. In manchen leben bis heute dieselben Familien. Dazu kommen die Versammlungshallen, in denen sich die chinesischen Händler nach ihrer Herkunftsregion trafen und in einem Tempel im Hinterhof die Meeresgöttin Thien Hau verehrten, die über die Seeleute und ihre gefährlichen Überfahrten wachte.

    Das Wahrzeichen der Stadt ist eine überdachte Holzbrücke, die japanische Kaufleute vor gut vierhundert Jahren bauten, um ihr Viertel mit dem chinesischen zu verbinden. Sie steht sogar auf der 20.000-Dong-Note. Um die Brücke rankt sich eine düstere Legende. Tief unter der Erde soll ein gewaltiges Untier liegen, dessen Kopf in Indien ruht, dessen Körper sich unter Vietnam erstreckt und dessen Schwanz bis nach Japan reicht. Schlägt es mit dem Schwanz, bebt in allen drei Ländern die Erde. Die Brücke wurde ihm wie ein Schwert in den Rücken getrieben, das es seither festhält. An ihren beiden Enden wachen steinerne Affen und Hunde.

    Tagsüber und spät am Abend ist die Altstadt erstaunlich ruhig. Das ändert sich, sobald die Sonne untergeht. Dann füllen sich die engen Gassen, bis es zugeht wie auf einem Jahrmarkt. Am Flussufer wird man ständig angesprochen, mal für Laternen, mal für eine Bootsfahrt. Dafür leuchten zu dieser Stunde überall die Laternen aus Bambus und Seide, für die die Stadt berühmt ist, in allen Farben und Formen. Ihre Wurzeln reichen zu den chinesischen Händlern zurück, das allgegenwärtige Laternenmeer von heute ist aber vor allem eine moderne Erfindung für den Tourismus. In einem Workshop haben wir zwei davon selbst gebastelt, was ganz nett war. Später ließen wir uns mit dem Boot über den dunklen Fluss rudern und setzten eine brennende Laterne aufs Wasser, die zwischen all den anderen Lichtern davontrieb.

    Einen Abend verbrachten wir in einer Show namens Teh Dar, einer spektakulären Mischung aus Akrobatik und meterhohen Bambusgerüsten, inspiriert von den Bergvölkern des vietnamesischen Hochlands. Fotografieren war leider streng verboten, aber wir fanden sie großartig.

    Auch die große Geschichts-Show am Flussufer mit ihren fast fünfhundert Darstellern haben wir uns angesehen, aber das ist eine Geschichte für sich.
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  • Âm Phủ: Die Pforte zur Hölle 👹

    May 15 in Vietnam ⋅ ⛅ 33 °C

    Wir hatten gelesen, dass es in den Marble Mountains noch eine Höhle gibt, die extra Eintritt kostet. Oben auf dem Rundweg suchten wir vergeblich nach einem Eingang, bis wir erfuhren, dass sie sich unten am Fuß des Berges befindet. Es klang nach einer für Touristen hergerichteten Grotte mit ein paar Figuren, und die Bewertungen waren durchwachsen. Umso überraschter waren wir, als wir plötzlich in einer großen, verwinkelten Höhle landeten. Steile Treppen führen tief nach unten und wieder nach oben. Erst seit 2006 ist sie zugänglich, vorher war der Eingang durch Bombenschutt aus dem Vietnamkrieg verschüttet.

    Âm Phủ bedeutet Unterwelt, und den Namen verdankt die Höhle einem Kaiser. Im frühen 19. Jahrhundert besuchte Minh Mạng die Marmorberge und schickte zwölf Soldaten mit Fackeln in die Dunkelheit. Ein kalter Wind löschte jede einzelne. Der Kaiser ließ daraufhin eine Pomelo, eine kopfgroße Zitrusfrucht, mit seinem Namen hineinwerfen. Am nächsten Morgen fand ein Fischer die Frucht im Meer. Die Höhle musste also bis zum Ozean reichen, und ein Ort, der das Licht verschluckt und seine Gaben ans Meer spuckt, konnte nur die Unterwelt sein.

    Davon wussten wir beim Betreten nichts. Eine Steinbrücke führt über ein Becken, aus dem Hände von Ertrinkenden ragen. Am anderen Ufer warten Dämonen mit Ochsenköpfen und Pferdegesichtern, die Diener der Unterwelt. Dahinter steht ein Gericht: ein Spiegel, der alle Sünden eines Lebens zeigt, und eine Waage, die gute gegen schlechte Taten aufrechnet. Dann beginnen die Bestrafungsszenen. Figuren werden in Ölkesseln gekocht, auf Spießen gegrillt, von Krokodilen zerrissen. Die Skulpturen sind bunt bemalt, Stalagmiten rot wie Blut angestrichen, und das Ganze in farbiges Licht getaucht. Familien mit kleinen Kindern liefen selbstverständlich an Darstellungen entlang, für die man in Deutschland eine Altersfreigabe bräuchte. Andererseits hängt bei uns auch ein ans Kreuz genagelter Mann über manchem Kinderbett.

    Die buddhistische Hölle hat mit der christlichen allerdings wenig gemein. Es gibt keine ewige Verdammnis, keinen strafenden Gott. Die buddhistische Hölle ist temporär. Man verbüßt sein Karma wie eine Haftstrafe und wird danach wiedergeboren, vielleicht als Mensch, vielleicht als Tier, vielleicht sogar als Gottheit. Die Zehn Gerichte der Unterwelt, die in der Höhle dargestellt sind, funktionieren wie ein kosmisches Justizsystem nach chinesischem Vorbild: zehn Richter, zehn Verhandlungen, proportionale Strafen. Die Szenen in der Höhle sind deshalb keine Horrorshow, sondern moralische Erziehung: Wer lügt, verliert die Zunge. Wer stiehlt, wird zerstückelt. Für vietnamesische Eltern ist das ungefähr so bedrohlich wie für deutsche Eltern der Struwwelpeter.

    Eine Skulptur tief in der Höhle erzählt eine Geschichte, die in Vietnam jeder kennt. Mục Kiền Liên, einer von Buddhas engsten Schülern, entdeckte durch Meditation, dass seine verstorbene Mutter in der Hölle leidet. Er brachte ihr Reis, aber als sie die Schale mit einer Hand zudeckte, damit die anderen Hungrigen nichts abbekommen, ging das Essen in Flammen auf. Ihre Gier machte das Geschenk zunichte. Buddha riet ihm, nur die vereinten Gebete aller Mönche könnten sie retten. Aus dieser Geschichte entstand das Vu-Lan-Fest am 15. Tag des siebten Mondmonats, eines der wichtigsten Feste Vietnams, an dem die Tore der Unterwelt sich für einen Tag öffnen und Kinder ihre Eltern ehren.

    Am Ende des Parcours führt ein steiler Aufstieg nach oben, zum Licht, vorbei an Drachenfiguren und einer Statue der Göttin der Barmherzigkeit. Der Weg zum Himmel. Dann steht man auf einem Felsvorsprung mit Blick auf den Strand, und der Pfad endet. Sackgasse. Der einzige Weg hinaus führt zurück durch die Hölle.
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  • Marble Mountains - Berge der fünf Elemente ⛰️

    May 15 in Vietnam ⋅ ☀️ 31 °C

    Fünf bewaldete Felsen ragen aus der flachen Küstenebene südlich von Da Nang auf, mitten zwischen Häusern und Reisfeldern. Marble Mountains werden sie genannt, die Marmorberge. Eigentlich aber heißen sie Ngu Hanh Son, die Berge der fünf Elemente. Den Namen gab ihnen ein Kaiser vor rund zweihundert Jahren, und er meinte es wörtlich. Jeder Berg steht für ein Element: Metall, Wasser, Holz, Feuer und Erde. Der Name Marble Mountains kam erst später durch die Franzosen dazu.

    Heilig war der Ort schon lange. Bevor hier Buddhisten beteten, war er ein Heiligtum der Cham, des Volkes, das einst über große Teile Zentralvietnams herrschte. In den Höhlen fand man Steinfiguren ihrer hinduistischen Götter, darunter den Gott Vishnu. Spätere Generationen deuteten solche Figuren einfach zu buddhistischen um.

    Begehbar ist nur einer der fünf, der Wasserberg. Über ihn zieht sich ein Weg aus Treppen, Höhlen und Pagoden. Wir standen früh auf und nahmen die hintere Treppe, die für die meisten der Ausgang ist. Dort fährt kein Aufzug, dafür erreicht man von hier direkt die Highlights der Route, lange bevor die Besuche vom Haupteingang kommen.

    Die beeindruckendste Höhle des Berges heißt Huyen Khong, geheimnisvolle Leere, und ist zugleich die größte. Innen öffnet sie sich zu einer Halle, so hoch wie eine Kirche, mit mehreren Löchern in der Decke. Mittags fallen durch sie Lichtstrahlen wie Säulen in die Halle, genau dorthin, wo ein steinerner Buddha sitzt. Der Berg ist bis heute ein Wallfahrtsort. Zwischen den Höhlen verteilen sich Pagoden und Schreine, und wer hier betet, soll den Berg mit leichterem Kopf wieder verlassen.

    So friedlich wie heute war der Ort nicht immer. Während des Vietnamkriegs richteten die Vietcong hier ein geheimes Feldlazarett ein. Gleich unten am Strand betrieben die Amerikaner einen ihrer größten Hubschrauberstützpunkte. Verwundete wurden also in Hörweite des Gegners versorgt, im Vertrauen darauf, dass niemand ein Lazarett ausgerechnet in einem buddhistischen Heiligtum vermutet. Eines der Löcher in der Höhlendecke stammt nicht von der Natur, sondern von einer amerikanischen Bombe.

    Vom Plateau führt ein schmaler Pfad über Felsstufen noch weiter nach oben. Die Hitze machte den Aufstieg zäh, wir schwitzten vom ersten Schritt an und kamen oben vollständig durchnässt an. Dafür reichte der Blick in alle Richtungen, über die Stadt, die anderen vier Felsen, den langen Strand und das Meer dahinter.

    Marmor steckt in den Bergen, abgebaut wird er hier aber längst nicht mehr. Man stellte fest, dass die Berge bei weiterem Abbau irgendwann schlicht verschwinden würden, und verbot ihn vor gut dreißig Jahren. Vorher hatte es der Stein von hier bis nach Hanoi geschafft, in das Mausoleum von Ho Chi Minh. Am Fuß der Berge sitzt seit über dreihundert Jahren ein ganzes Dorf von Steinmetzen, das bis heute Buddhas, Löwen und Drachen aus Marmor schlägt. Nur dass der Stein dafür mittlerweile von woanders herangekarrt wird.

    Weiter unten liegt noch eine zweite Höhle, die Höllenhöhle, aber das ist eine Geschichte für sich.

    Am Fuß der Treppe hatte uns am Morgen eine Frau begrüßt und ein paar Hinweise zur Runde gegeben, die wir eigentlich nicht brauchten. Nebenbei erwähnte sie, dass ihre Familie am Ausgang einen Stand habe, an dem ihr Vater die Marmorfiguren selbst schnitze. Als wir gut zwei Stunden später auf der anderen Seite heruntergingen, wo sich bereits die ersten Reisegruppen die Treppen hochschleppten, wartete sie schon auf uns. Sie drückte uns zwei kalte Tücher in die Hand, was nach der ganzen Schwitzerei himmlisch war, und lotste uns an den übrigen Ständen vorbei zu dem ihrer „Familie". Die Figuren dort sahen aus wie an jedem anderen Stand, aber sie beharrte darauf, dass ihr Vater sie alle von Hand herstellt. Dass das nicht stimmte, war uns klar, doch für das kalte Tuch und die nette Begegnung nahmen wir trotzdem einen steinernen Wächterlöwen mit, für die Hälfte des zuerst genannten Preises. Solche Löwen, auch Fu-Hunde genannt, sitzen paarweise vor Tempeln und sollen Böses abwehren. Auf unserer Weiterreise begegnete uns exakt dieselbe Figur immer wieder. Ihr Vater beliefert also offenbar die Souvenirläden im ganzen Land 😉. Vielleicht bewahrt unserer uns ja wenigstens vor der nächsten Tourismus-Abzocke.
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  • Da Nang - Neun Kilometer Strand 🏖️

    April 27 in Vietnam ⋅ ⛅ 29 °C

    Nach Da Nang kamen wir mit dem Zug. Zwischen der alten Kaiserstadt Hue und Da Nang fährt seit Kurzem ein eigener Zug für diese Strecke, der Heritage Train, der direkt an der Küste über den Hai-Van-Pass führt, die alte Grenze zwischen Nord- und Südvietnam. In einem der Waggons spielte eine kleine Kapelle die leise Kammermusik aus Hue, daneben wurden lokale Spezialitäten verkauft, und vor den Fenstern tauchte immer wieder das Meer auf.

    Unser Apartment lag auf dem schmalen Streifen zwischen dem Han-Fluss und dem offenen Meer, den die Stadt fast wie eine eigene Insel behandelt. Die Lage war kaum zu schlagen. Der Strand lag direkt vor der Tür, und vom Fenster reichte der Blick über die ganze Stadt. Abends sahen wir von dort sogar die Drachenbrücke, die sich in Form eines geschwungenen Drachen über den Fluss spannt. An den Wochenenden speit ihr Kopf um neun Uhr abends erst echtes Feuer und danach Wasser, eine Show, die noch aus einiger Entfernung zu erkennen ist.

    Der Strand ist der Grund, warum die meisten herkommen, und er enttäuscht nicht. Feiner, heller Sand, so weit man schauen kann. Man kann stundenlang am Wasser entlanggehen, unten im Sand oder oben auf der Promenade, an der sich Restaurant an Strandbar reiht. Das Wasser war erstaunlich warm, selbst spät am Abend, lange nach Sonnenuntergang.

    Am meisten überrascht hat uns der lokale Tagesrhythmus. Das Leben am Strand beginnt hier vor Sonnenaufgang. Schon um fünf Uhr morgens ist alles auf den Beinen, Menschen schwimmen im noch dunklen Meer, andere versammeln sich in Gruppen, stellen Musik an und turnen oder tanzen miteinander, auch viele Ältere. Sobald die Sonne über dem Wasser steht und die Hitze einsetzt, leert sich der Strand fast schlagartig. Den ganzen Tag über bleibt er weitgehend den Urlaubern überlassen, die sich beim Jetski oder am Parasailing-Schirm vergnügen. Erst gegen Abend, wenn es kühler wird, füllt sich alles wieder, und das Programm vom Morgen beginnt von vorn.

    So jung sich der Ferienalltag anfühlt, der Ort selbst ist uralt. Der Name Da Nang ist nicht einmal vietnamesisch. Er stammt aus der Sprache des Cham-Reichs, das hier über Jahrhunderte herrschte, bevor die Vietnamesen von Norden nach Süden vordrangen. Übersetzt bedeutet er ungefähr "großer Fluss" oder "Mündung des großen Flusses".

    Diese Flussmündung war lange das Tor nach Zentralvietnam, und genau das wurde ihr einmal beinahe zum Verhängnis. 1858, mehr als hundert Jahre vor dem Vietnamkrieg, ankerte hier eine Flotte aus Frankreich und Spanien vor der Küste. Auslöser war die Hinrichtung zweier spanischer Missionare, weshalb auch Spanien Soldaten schickte, viele davon von den Philippinen. Die Bucht war schnell eingenommen, doch weiter kamen die Eroberer nicht. Die vietnamesische Armee grub sich rundherum ein und schnitt ihnen den Weg ins Landesinnere ab. Es war der Beginn der französischen Eroberung Vietnams, und sie begann mit einem Fehlschlag.

    Den Rest erledigte das Klima. Die Europäer saßen in einer sumpfigen Ebene fest, und schon bald grassierten Cholera und Ruhr. Allein in drei Wochen starben zweihundert von ihnen an der Cholera, weit mehr, als die vietnamesische Armee je im Gefecht tötete. Nach gut anderthalb Jahren gaben sie schließlich auf und zogen nach Süden weiter, nach Saigon, das daraufhin zur Hauptstadt ihrer Kolonie wurde. Geblieben ist von der Episode ein kleiner Soldatenfriedhof oberhalb des Hafens, in dem die gefallenen Franzosen und Spanier liegen. Die Vietnamesen nennen ihn Y Pha Nho, ihre Schreibweise für "Spanien".

    Von dieser Vergangenheit ist im Alltag von Da Nang nichts zu spüren. Die Stadt wächst schnell, und der Teil, in dem wir wohnten, dreht sich vor allem um den Urlaub. Hierher kommen nicht nur ausländische Touristen, sondern auch viele Vietnamesen aus dem Landesinneren und den umliegenden Städten. Die Preise liegen spürbar höher als im Norden des Landes, dafür gibt es von der einfachen Nudelsuppe bis zum modernen Frühstückscafé alles. Abends gab es für uns oft eine ziemlich gute Pizza am Strand. Die großen Ausflugsziele der Region, die Marmorberge und die Bergstation Ba Na Hills, liegen alle in Reichweite, doch die meiste Zeit haben wir einfach am Strand verbracht. Wenn man in Vietnam einen klassischen Strandurlaub sucht, ist man hier auf jeden Fall richtig. Wir kommen wieder.
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  • Huế: 13 Kaiser und ihre Marotten 👑

    April 24 in Vietnam ⋅ ☁️ 28 °C

    Die DMZ-Tour setzte uns in Huế ab. Dass diese Stadt überhaupt zu Vietnam gehört, verdankt sie einer Hochzeit. Bis ins 14. Jahrhundert war die Region Teil des Champa-Reichs, eines indisch beeinflussten Königreichs an der Küste Zentralvietnams. 1306 verschenkte der Champa-König zwei Provinzen als Mitgift, um eine vietnamesische Prinzessin heiraten zu dürfen. Aus dem Brautgeschenk wurde Jahrhunderte später die Hauptstadt Vietnams. Von 1802 bis 1945 war Huế Sitz der letzten Kaiserdynastie.

    Die riesige Zitadelle, die sie sich bauten, verbindet zwei Welten. Die Grundrisse folgen der Verbotenen Stadt in Peking, die Befestigungsanlagen einem europäischen Festungssystem. Über 20 Meter dicke Mauern umschließen drei ineinander liegende Zonen: die äußere Zitadelle für Militär und Verwaltung, die Kaiserliche Stadt für Zeremonien und ganz innen die Purpurne Verbotene Stadt, zu der nur der Kaiser, seine Familie und die Eunuchen, die kastrierten Hofdiener, Zutritt hatten. Am Eingang stehen neun riesige Bronzekanonen. Der Dynastiegründer ließ sie aus eingeschmolzenen Beutewaffen gießen und benannte sie nach den vier Jahreszeiten und den fünf Elementen.

    Die Anlage ist so weitläufig, dass man leicht einen halben Tag darin verbringt. Der Audioguide machte es nicht kurzweiliger. Monoton arbeitete er sich durch jedes Detail, und dazu waren an diesem Tag ungewöhnlich viele Besucher unterwegs. Beeindruckend war die Anlage trotzdem.

    13 Kaiser regierten von Huế aus, und die Dynastie hatte es in sich. Einer zeugte 142 Kinder. Ein anderer schaffte drei Tage auf dem Thron, wurde abgesetzt und verhungerte im Gefängnis. Tự Đức, der am längsten herrschte, blieb trotz über hundert Ehefrauen kinderlos und schrieb über 4.000 Gedichte. Seinen Tee ließ er auf besondere Weise zubereiten: Nachts ruderten Diener auf den Lotusteich des Palastes, legten Teeblätter in geöffnete Lotusblüten und banden sie zu. Morgens sammelten sie den Tau von den Blättern als Brauwasser, denn nur Wasser, das zwischen Himmel und Erde geboren wurde, sei des Kaisers würdig. Sein Grabmal mit über 50 Gebäuden ist allerdings leer. Der Überlieferung nach ließ er seinen Leichnam an einen geheimen Ort bringen und die 200 Arbeiter, die den Transport durchführten, anschließend enthaupten. Bis heute wurde das echte Grab nicht gefunden.

    Jede Mahlzeit am Hof bestand aus bis zu 50 Gerichten, zubereitet von 50 Köchen. Die Vielfalt hatte einen praktischen Grund: Bei wechselnden Gerichten ist es schwerer, den Kaiser zu vergiften. Gegessen wurde mit Stäbchen aus seltenem Kim-Giao-Holz, dem man nachsagte, sich bei Kontakt mit Gift schwarz zu verfärben. Geholfen hat es nicht immer. Der 15-jährige Kiến Phúc ertappte eines Nachts seine Adoptivmutter mit dem Regenten im Bett und drohte beiden mit Enthauptung. Zwei Tage später war Gift in seiner Medizin. Sein Nachfolger Hàm Nghi führte mit 14 Jahren einen Aufstand gegen die Franzosen an, wurde gefasst und nach Algerien verbannt. Im Exil wandte er sich der Kunst zu und malte 91 Gemälde, vorwiegend Landschaften in Violett und Gold. Der letzte Kaiser, Bảo Đại, war als Playboy bekannt und besaß schon als Teenager eine Sammlung schneller Autos. Als 1945 die Revolution ihn zum Rücktritt zwang, sagte er: "Lieber Bürger eines freien Landes als Kaiser einer versklavten Nation." Er verbrachte den Rest seines Lebens an der Côte d'Azur.

    Gut zwanzig Jahre nach der Abdankung kam der Krieg nach Huế. Nordvietnamesische Truppen nahmen die Stadt während der Tet-Offensive ein und hissten ihre Flagge auf dem Fahnenmast der Zitadelle. 25 Tage wehte sie dort. In den besetzten Vierteln riefen Kader über Lautsprecher Namen aus: Beamte, Lehrer, Intellektuelle sollten sich melden. Massengräber tauchten noch Jahre später auf. Am Ende bombardierte das US-Militär die Kaiserstadt, die es zunächst hatte schonen wollen. Von über 160 Gebäuden blieben zehn übrig.

    Sieben der 13 Kaiser ließen sich Grabmäler in der Umgebung von Huế bauen, jedes eine eigene Anlage mit Tempeln, Ehrenhöfen und Gärten. Wir besuchten das Grabmal von Khải Định auf einem bewaldeten Hügel außerhalb der Stadt. Steile Stufen führen über mehrere Terrassen nach oben. Khải Định, der vorletzte Kaiser, hatte Frankreich besucht, sich von Barock und Gotik begeistern lassen und ein Grabmal bauen lassen, das mit vietnamesischer Architektur wenig gemein hat. Von außen wirkt der Bau durch den verwitterten Beton grau und unscheinbar. Innen sind die Wände und Decken vollständig mit Mosaiken aus Glas- und Porzellanscherben bedeckt. Khải Định galt ohnehin als Marionette der Franzosen, und dass er sein Grab durch eine Steuererhöhung von 30 Prozent finanzierte, machte ihn beim Volk nicht beliebter.

    Wir hatten nur ein paar Tage für Huế. Genug für die Zitadelle und ein Grabmal, zu wenig für die sechs übrigen.
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  • Khe Sanh - Die zurückgelassene Basis 💣

    April 22 in Vietnam ⋅ ☀️ 31 °C

    Khe Sanh ist ein weiterer Stopp unserer DMZ-Tour. Die Straße führt stundenlang durch die Berge, kurvenreich und grün, bis auf einem Hochplateau nahe der Grenze zu Laos ein Museum auftaucht. Hubschrauber, Panzer und verrostete Transportmaschinen stehen im Freien, dazu rekonstruierte Laufgräben und ein kleines Museum, das die Geschichte der Schlacht erzählt. Unser Guide führte uns über das Gelände.

    Während des Vietnamkriegs bauten die Amerikaner auf diesem Plateau eine Militärbasis, um den Ho-Chi-Minh-Pfad zu kontrollieren, ein Netz aus Dschungelwegen entlang der laotischen Grenze, über das Nordvietnam Soldaten und Nachschub in den Süden schickte. Das Hochplateau bot Überblick über die umliegenden Täler und lag direkt an der einzigen Straße nach Laos. Anfang 1968 kreisten rund 40.000 nordvietnamesische Soldaten die Basis ein, drinnen saßen 6.000 US-Marines. Die Belagerung dauerte 77 Tage. Vierzehn Jahre zuvor hatten die Vietnamesen eine französische Garnison in einer ähnlichen Lage vernichtend geschlagen, und die Amerikaner wussten es. Der Präsident ließ sich im Weißen Haus ein maßstabsgetreues Geländemodell der Basis aufbauen und verfolgte die Lage persönlich.

    Am ersten Tag traf eine Granate das Hauptmunitionslager. Fast der gesamte Vorrat ging in einer einzigen Explosion verloren, so heftig, dass sie auf Seismographen registriert wurde. Die einzige Verbindung zur Außenwelt war eine Landebahn, die unter ständigem Beschuss lag. Die Marines nannten sie "Slot Machine", nach dem Glücksspielautomaten: Ob ein Versorgungsflugzeug heil ankam, war reines Glück.

    Die amerikanische Antwort war ein Bombardement von beispiellosem Ausmaß. Über 100.000 Tonnen Sprengstoff wurden auf die Umgebung der Basis abgeworfen, mehr als auf ganz Japan im gesamten Zweiten Weltkrieg. Hinter den Kulissen ging die Planung noch weiter: Das amerikanische Militär ließ taktische Atomwaffen in Richtung Vietnam verlegen. Als der Präsident davon erfuhr, stoppte er die Aktion sofort, aus Angst, China in den Krieg zu ziehen.

    Während draußen Bomben fielen, spielte sich in den Bunkern ein eigener Alltag ab. Riesige Ratten überrannten die Stellungen, ein Sergeant erlegte 34 Stück und hielt damit den Rekord der Basis. In den Küchen stiegen die Temperaturen auf über 50 Grad, die Köche brachen regelmäßig zusammen. Zwischen den Bunkern bewegten sich die Marines nur geduckt im Laufschritt, um Scharfschützen auszuweichen, sie nannten es den "Khe Sanh Shuffle." Die Mahlzeiten wurden auf zwei Rationen am Tag reduziert, immer dieselben Menüs. Ein Marine bastelte aus gepressten Rationen Cupcakes. Ein Soldat erinnert sich, wie drei Kameraden sie kichernd in ihrem Bunker aßen. Einer der drei fiel noch am selben Tag.

    Auf einem der Außenposten in den Bergen ließ ein Captain jeden Morgen die amerikanische Flagge hissen, begleitet von einem Trompeter. Die Nordvietnamesen antworteten jedes Mal mit Mörserbeschuss. Trotzdem wiederholte die Kompanie das Ritual jeden Morgen, weil es für die Moral wichtiger war als die Sicherheit. Über die Hälfte der Kompanie wurde getötet oder verwundet. Der Captain selbst wurde für die höchste militärische Auszeichnung der USA vorgeschlagen, erhielt stattdessen die zweithöchste Auszeichnung.

    Bis heute ist nicht klar, ob die Belagerung der eigentliche Angriff war oder nur ein Ablenkungsmanöver. Neun Tage nach Beginn der Belagerung startete Nordvietnam die sogenannte Tet-Offensive und griff gleichzeitig rund 100 Städte im Süden an. Die amerikanische Führung war so auf Khe Sanh fixiert, dass sie den Aufmarsch im Rest des Landes unterschätzte. Nordvietnams Oberbefehlshaber sagte nach dem Krieg: "Khe Sanh war nicht wichtig. Es war nur eine Ablenkung."

    Die Basis wurde gehalten. Doch nach der Tet-Offensive lohnte sich ein abgelegener Stützpunkt in den Bergen nicht mehr, und nur zwei Monate nach dem Ende der Belagerung räumten die Amerikaner das Gelände und zerstörten alles. Bunker wurden zugeschüttet, Stacheldraht vergraben, die Landebahn gesprengt. Nordvietnam baute die Landebahn anschließend einfach wieder auf und nutzte sie als Logistikzentrum, für genau den Nachschub, den die Amerikaner hatten stoppen wollen.

    In der umliegenden Provinz liegen auf über 80 Prozent der Fläche noch nicht explodierte Kampfmittel. Gleichzeitig ist die Region um Khe Sanh für etwas ganz anderes bekannt geworden: Arabica-Kaffee, der im kühlen Bergklima wächst und zu den besten Vietnams gehört. Auf den Hügeln, die einmal unter Tausenden Tonnen Bomben lagen, wachsen heute Kaffeesträucher.
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  • Vinh Moc - Ein Dorf grub sich ein 🕳️

    April 22 in Vietnam ⋅ ☀️ 30 °C

    Auf dem Weg von Phong Nha nach Hué machten wir die sogenannte DMZ-Tour. Die demilitarisierte Zone war ein nur wenige Kilometer breiter Streifen, der Vietnam während des Vietnamkriegs in Nord und Süd teilte. Einer der wichtigsten Stopps ist ein unscheinbarer Hügel an der Küste, wenige Kilometer nördlich der ehemaligen Grenze. Von außen deutet nichts darauf hin, dass unter der Erde einmal ein ganzes Dorf existiert hat. Rund 300 Menschen lebten hier, sechs Jahre lang, in Lehmgängen mit Schlafnischen, einer Geburtsstation, einer Küche und einem Kinosaal.

    Ab 1965 bombardierte die US-Luftwaffe die Region systematisch. Vinh Moc war besonders im Visier, weil von hier aus die vorgelagerte Insel Con Co mit Nachschub versorgt wurde. Auf Con Co stand eine Flugabwehrstellung, die amerikanische Bomber auf dem Weg nach Hanoi unter Beschuss nahm. Über die Jahre fielen mehr als 9.000 Tonnen Bomben auf das kleine Gebiet, rechnerisch sieben Tonnen pro Einwohner. Die Behörden wollten das Dorf evakuieren, doch die Bewohner weigerten sich und fingen stattdessen an zu graben.

    Den Bau leitete ein Mann ohne technische Ausbildung. Sein modernstes Werkzeug war ein alter Kompass. Als Wasserwaage dienten mit Wasser gefüllte Flaschen, als Lotlinie ein Stein an einer Schnur. Der erste Versuch scheiterte, ein Tunnel stürzte ein. Danach wurde der Bau neu organisiert: Zwei Teams gruben sich von gegenüberliegenden Seiten aufeinander zu und orientierten sich an Licht- und Klopfsignalen. Die ausgehobene Erde wurde nachts ins Meer geschafft, damit nichts auffiel.

    Der rote Basaltlehm der Region kam den Bewohnern entgegen: beim Graben weich, härtet er an der Luft aus. Der hohe Eisengehalt wirkt wie eine natürliche Verstärkung. Je länger die Gänge offen standen, desto stabiler wurden sie. Deshalb sind sie heute noch praktisch im Originalzustand begehbar.

    Jede Familie bekam eine Nische in der Tunnelwand: kaum einen Meter breit, knapp zwei Meter tief, Platz für drei bis vier Personen. Die Eltern saßen, die Kinder lagen. Die Nischen reihten sich über drei Etagen durch den Hügel, mit Eingängen zu den Hügelkuppen und zum Meer.

    17 Kinder kamen in einer Kammer zur Welt, die kaum größer war als die Schlafnischen. Eine der Frauen, die hier geboren wurden, erzählt in einem Dokumentarfilm, der vor Ort gezeigt wird, von den Erinnerungen ihrer Mutter: Wasser sickerte durch die Erdwände, die Nachbarn spannten Nylonplanen als Schutz, und das Neugeborene wurde in ein altes Hemd gewickelt. Manche dieser Kinder sahen monatelang kein Tageslicht.

    Gekocht wurde mit einem Ofen, den ein Militärkoch in den Fünfzigerjahren erfunden hatte. Der Rauch wurde horizontal durch unterirdische Kanäle geleitet und von der Erde gefiltert, sodass er an der Oberfläche nur noch wie Morgennebel aussah, für Flugzeuge unsichtbar. In einem größeren Raum wurden Filme gezeigt und Aufführungen veranstaltet. Bewohner berichten, sie hätten laut gesungen, während über ihnen die Bomben fielen.

    Eltern fütterten ihre Kinder blind, weil sie in den Gängen nichts sehen konnten, und viele litten an Haut- und Augenkrankheiten durch die Feuchtigkeit und das fehlende Licht. Während der gesamten Nutzungsdauer traf nur eine einzige Bombe die Tunnel direkt. Sie durchschlug die Decke, zündete aber nicht, und die Bewohner nutzten den Krater danach als zusätzlichen Belüftungsschacht.

    Nachts kamen die Bewohner an die Oberfläche. Sie bestellten ihre Felder, kochten Essen für den ganzen nächsten Tag und brachten Nachschub auf den Weg. Freiwillige ruderten als Fischer verkleidet 28 Kilometer über offenes Meer zur Insel Con Co, um die dortige Garnison mit Reis und Munition zu versorgen. Die Ausgänge zum Meer waren dafür perfekt getarnt. Bei Fliegeralarm schlug jemand auf ein Bombenfragment, das an einem Baum hing.

    Vinh Moc war nicht das einzige Dorf, das unter die Erde ging. In der gesamten Region existierten über hundert solcher Tunnelsysteme. Nicht alle hielten stand, in benachbarten Tunneln kamen bei Einstürzen Dutzende Menschen ums Leben. In Vinh Moc starb niemand.

    Die meisten Vietnamreisenden kennen die Cu-Chi-Tunnel bei Ho-Chi-Minh-Stadt. Cu Chi war ein Kampfsystem mit engen Gängen, Fallen und Angriffsstellungen. In Vinh Moc lebten keine Soldaten, sondern Familien, und es ging nicht um Angriff, sondern ums Überleben. In Cu Chi ist vieles für Touristen verbreitert und nachgebaut. In Vinh Moc sind die Gänge noch die gleichen, bloß mit dauerhafter Beleuchtung.

    Auf der Tour hielten wir auch an der Hiền-Lương-Brücke, der ehemaligen Grenzlinie am Bến-Hải-Fluss. In einem kleinen Museum stehen die Propagandalautsprecher, mit denen sich beide Seiten über den Fluss hinweg beschallten, jede Seite lauter als die andere.
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  • Paradise Cave: 31 Kilometer unter der Erde

    April 21 in Vietnam ⋅ ☀️ 28 °C

    Fünfhundert Stufen führen durch den Tropenwald hinauf zum Eingang der Paradise Cave, eine halbe Stunde von Phong Nha entfernt. Wir waren morgens um sieben da, hatten den Aufstieg fast für uns allein und trafen die richtigen Touristengruppen erst auf dem Rückweg.

    Der Eingang ist ein schmaler Spalt im Fels. Dahinter führt ein Holzsteg nach unten in einen Raum, der fast hundert Meter in die Höhe reicht. Über einen Kilometer zieht sich der Steg durch die Höhle, vorbei an Stalaktiten, die wie Vorhänge von der Decke hängen, und gigantischen Stalagmiten. Mit über 31 Kilometern ist die Paradise Cave die längste trockene Höhle Asiens. Ohne gebuchte Tour sieht man zwar nur den ersten Kilometer, aber selbst der fühlt sich riesig an. Wer weiterwill, kann mit einer Tagestour bis zu sieben Kilometer tief in die Höhle vordringen, über unterirdische Flüsse paddeln und an einer Stelle zu Mittag essen, an der Tageslicht durch ein Loch in der Decke fällt.

    Bis 2005 war die Höhle unbekannt. Dann bemerkte ein Mann namens Ho Khanh im Dschungel einen Windzug aus einer Felsspalte und wusste, dass dahinter eine große Höhle liegen musste. Ho Khanh suchte eigentlich nach Adlerholz, einem seltenen Harz, das sich in befallenen Tropenbäumen bildet und in der Parfümherstellung ein Vermögen wert ist. Die Suche führte ihn tief in den Dschungel. Seinen Fund meldete er britischen Höhlenforschern, die der Höhle beim ersten Betreten spontan den Namen Paradise gaben. Derselbe Ho Khanh entdeckte auch die Son Doong, die größte Höhle der Welt. Gut siebzig Prozent des Nationalparks sind bis heute nie betreten worden, und noch immer werden bei Expeditionen neue Höhlen gefunden.

    Der Kalkstein, aus dem das alles besteht, ist vierhundert Millionen Jahre alt, entstand auf dem Boden eines flachen Meeres und liegt heute mehrere hundert Meter über dem Meeresspiegel. In manchen Formationen stecken noch die Überreste von Korallen und Meerestieren, und die Tropfsteine, die daraus wachsen, legen etwa einen Millimeter pro Jahrhundert zu.

    Wir haben ja schon sehr viele Tropfsteinhöhlen besucht, aber die Paradise Cave war eine neuartige Erfahrung, da die Höhle wirklich riesig wirkt und unzählige unterschiedliche Formationen zu sehen sind. Auf jeden Fall einen Besuch wert.
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  • Phong Nha Cave: Kajak zum Höhlenbrunch

    April 16 in Vietnam ⋅ ☀️ 35 °C

    Phong Nha ist die Höhlenhauptstadt Vietnams. Über 400 Höhlen sind im umliegenden Nationalpark bekannt, und jährlich werden neue entdeckt. Viele sind nur über stundenlange oder mehrtägige Wanderungen durch den Dschungel erreichbar. Darunter auch die Son Doong, die größte Höhle der Welt, deren viertägige Tour über 3.000 Dollar pro Person kostet. Bei über 40 Grad war das keine Option. Wir wollten aufs Wasser.

    Die Phong Nha Cave ist die bekannteste und zugänglichste Höhle der Region. Ihr Name bedeutet "Wind und Zähne", benannt nach den Stalaktiten, die einst wie Zahnreihen am Eingang hingen, und dem Wind, der hindurchpfiff. Von Phong Nha aus fahren kleine Boote die Besucher im Minutentakt zur Höhle und hinein, bis zur beleuchteten Haupthalle. Hier kehren die Boote um und fahren zurück zum Dorf.

    Für uns begann an dieser Stelle erst das Abenteuer, denn wir waren mit einer kleinen Kajaktour unterwegs. Viereinhalb Kilometer tief in den Berg, auf dem Son-Fluss, der hier 19 Kilometer unterirdisch fließt. Dort, wo die Boote wegen der flachen Decke nicht mehr weiterkommen, glitten wir mit dem Kajak locker hindurch und wurden von ein paar neidischen Blicken verfolgt. Wir waren schon in einigen Tropfsteinhöhlen, aber mit dem Kajak ist es ein ganz anderes Erlebnis: eine Mischung aus Paddeln, Koordinationsproblemen mit dem Partner und nebenbei die Höhle bewundern.

    Die gefühlte Lebensqualität war ab der Sekunde, als wir den Eingang passierten, um eine Dimension besser. Anstatt gefühlter 50 Grad war es plötzlich angenehm, frische Luft statt Schwüle. Da war es auch nicht weiter schlimm, dass man mit dem Hintern halb im Wasser sitzt, denn auch das war angenehm warm.

    Sobald wir den Bereich der Schauhöhle hinter uns gelassen hatten, wurde es schnell dunkel, und wir wechselten auf die Helmlampen. Anstatt schöner Inszenierung ging es jetzt darum, überhaupt noch zu erkennen, wo der Weg weiterführt. Abgelenkt wurden wir dadurch, dass sich jedes Insekt der Höhle sofort auf die neuen Lichtquellen stürzte, die genau über unserem Gesicht saßen. Wir entschieden kurzerhand, dass wir gar nicht so viel Licht brauchen, und folgten nur noch dem Licht vor uns.

    An einer Stelle schalteten alle die Lampen aus. Totale Finsternis. Lediglich am Plätschern fallender Tropfen konnten wir grob erahnen, ob und wohin wir uns bewegten.

    Nach einigen Kilometern erreichten wir das Ende der Route, wo wir zu Fuß weitergingen und in großen Hallen standen, deren Ausmaße mit den Kopflampen nicht zu erahnen waren. Hier stießen wir auf Wände voller eingeritzter Zeichen. Inschriften in alter Cham-Schrift, durchsetzt mit Sanskrit, der Gelehrtensprache des alten Indien. Sie stammen aus dem frühen 11. Jahrhundert, als ein Volk namens Cham die Küste Zentralvietnams beherrschte. Obwohl Forscher sie seit über einem Jahrhundert kennen, konnte sie noch niemand vollständig entziffern. Neben den Inschriften fanden Archäologen einen Ziegelaltar, buddhistische Statuen und Keramik. Die Höhle war vermutlich ein Tempel. Warum die Cham im Inneren einer Höhle schrieben und nicht auf den Felswänden draußen, weiß bis heute niemand.

    Auf dem Rückweg, wieder im beleuchteten Teil, hielten wir an einem kleinen Strand an, schwammen durch die Höhle und wurden danach von einem Guide im warmen Sand eingebuddelt. Als wir aufstehen durften, staunten wir nicht schlecht: Die beiden hatte hinter uns ein wahres Höhlen-Picknick aufgebaut. So viel, dass wir es nicht aufessen konnten.

    Am Eingang der Höhle trägt der Fels übrigens Spuren, die nicht geologisch sind. Weiße Narben im Stein, gelbe Flecken an der Decke, ganze Abschnitte ohne Stalaktiten. Die Höhle lag im Vietnamkrieg direkt am Ho-Chi-Minh-Pfad und diente als Lazarett und Munitionslager. Die Amerikaner versuchten, den Eingang mit Bomben zu verschließen. Eine detonierte im Inneren und zertrümmerte die namensgebenden "Zähne". Die Anlagen tiefer im Berg blieben intakt.
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  • Cuc Phuong: Vietnams ältester Urwald 🌿

    April 11 in Vietnam ⋅ ☀️ 36 °C

    Eine einzige Straße führt durch Cuc Phuong, zwanzig Kilometer durch Vietnams ältesten Nationalpark. Nach ein paar hundert Metern schließen sich die Baumkronen zu einem Tunnel, es wird kühler, und links und rechts stehen Pflanzen mit Blättern, hinter denen man sich verstecken könnte. Farne, die einen überragen, und Lianen, die sich von oben bis zum Boden spannen. An den besonders fotogenen hängen Jugendliche für Instagram in Pose. Abseits der Straße führen mehrere Wanderwege tiefer in den Wald, wo das Kronendach kaum Licht durchlässt und überall Insekten und Geräusche zu hören sind, die wir nicht zuordnen konnten.

    1962 hat Ho Chi Minh den Park persönlich eingeweiht, mitten im Krieg. „Wälder sind Gold", sagte er. Der Satz wurde zum Leitmotiv des vietnamesischen Naturschutzes. Obwohl Cuc Phuong nicht einmal ein Tausendstel der Landesfläche einnimmt, wachsen hier mehr als die Hälfte aller Pflanzenfamilien des Landes. Manche seiner Bäume standen schon, als in Europa das Mittelalter begann. Der berühmteste war über tausend Jahre alt und hatte einen Stammumfang, für den es zwanzig ausgestreckte Arme bräuchte. Irgendwann ging er ein, geschwächt durch Alter, Pilzbefall und Jahrzehnte voller Touristen, die ihre Namen in seine Rinde ritzten.

    Jetzt im April ist Schmetterlingssaison. Über vierhundert Arten leben im Park, darunter der Atlasspinner, einer der größten Nachtfalter der Welt, mit bis zu dreißig Zentimetern Spannweite. Viele schlüpfen gleichzeitig und versammeln sich am Mac Lake gleich am Anfang der Parkstraße. Es sind fast nur Männchen, die Salze aus dem Boden aufnehmen und bei der Paarung an die Weibchen weitergeben. Das lockt auch scharenweise Besucher für einmalige Fotos an.

    Ein Abschnitt des Parks heißt Quen Voi, „vergessene Elefanten". Der Name geht auf 1789 zurück. Damals versteckte der Feldherr Nguyen Hue hier seine Armee mit Hunderten Kriegselefanten unter dem Kronendach und besiegte anschließend die chinesische Besatzung in Hanoi in einer der berühmtesten Schlachten der vietnamesischen Geschichte.

    Der Wald war aber schon viel früher bewohnt. In einer Höhle fanden Archäologen in den Sechzigerjahren drei Skelette, über siebentausend Jahre alt. Der Aufstieg ist bei der Hitze schweißtreibend, und ohne Taschenlampe sieht man drinnen nichts. Die Höhle selbst ist ehrlicherweise unspektakulär.

    Am Anfang des Parks liegen noch drei Rettungszentren für bedrohte Arten. Das Primatenzentrum EPRC wurde Anfang der Neunziger als erstes Wildtier-Rettungszentrum Indochinas gegründet. Heute trägt es der Zoo Leipzig, und ironischerweise fühlt es sich auch wie ein Zoo an. Aber die Affen, die sich durch die Gehege schwingen, sind trotzdem faszinierend. Ein zweites Zentrum kümmert sich um Schildkröten, über tausend Tiere, fast alle beschlagnahmt von Schmugglern, deren Fracht für chinesische Restaurants bestimmt war. Das dritte widmet sich Pangolinen, Schuppentieren, die sich bei Gefahr zu einer festen Kugel einrollen und dann aussehen wie ein Tannenzapfen aus einer anderen Welt. Ihre Schuppen gelten in der traditionellen chinesischen Medizin als Heilmittel, ihr Fleisch als Delikatesse. Beides zusammen macht sie zu den meistgeschmuggelten Säugetieren der Welt.
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  • Van Long: Affen in weißen Shorts 🐒

    April 11 in Vietnam ⋅ ☀️ 30 °C

    Van Long liegt eine halbe Stunde nördlich von Ninh Binh Stadt und gilt als der ruhigere Gegenentwurf zu Trang An und Tam Coc. Ganz stimmt das nicht mehr, aber es ist schon bedeutend weniger touristisch am kleinen Anleger. Die Boote sind einfacher, und wir hatten eines für uns allein. Überhaupt war hier alles persönlicher. Kaum losgefahren, drückte uns unsere Bootsfrau einen Fächer in die Hand. Als die Sonne höher stieg, kramte sie einen Sonnenschirm aus ihrer Tasche hervor, der Gold wert war. Mit unserem Handy konnte sie allerdings nicht so gut umgehen 😁.

    In Van Long lebt die weltweit größte Population des Delacour-Langurs, eines der seltensten Primaten der Erde. Im Vietnamesischen heißt er "voọc quần đùi trắng", der Langur mit der weißen Hose, weil sein schwarzes Fell am Hintern weiß ist, so als trüge er Shorts. Weltweit gibt es nur noch etwa 300 Tiere, zwei Drittel davon hier. Babys kommen leuchtend orange zur Welt und dunkeln erst nach mehreren Monaten ins Schwarz-Weiß der Erwachsenen ab.

    Wir hatten Glück, denn schon nach wenigen Minuten sahen wir eine kleine Gruppe, die am Flussufer auf Nahrungssuche war. Unsere Bootsfrau war scheinbar auch überrascht und steuerte uns direkt dorthin. Einer kam näher, fast bis aufs Boot und wir musterten uns Gegenseitig. Im Hintergrund kletterte ein Weibchen mit ihrem Baby scheinbar mühelos die steile Felswand hoch. Es war sehr schön, Affen außerhalb von Gefangenschaft zu sehen und es war sehr beeindruckend, wie lässig sie sich durch die Bäume schwingen. Angeblich könnten sie bis zu zwölf Meter weit springen.

    Dass diese Tiere heute überhaupt noch existieren, ist nicht selbstverständlich. Jahrzehntelang wurden Languren für die traditionelle vietnamesische Medizin gejagt. Aus ihren Knochen wurde ein sogenannter Affenbalsam gekocht, ein Mittel gegen Gelenkschmerzen, das auf dem Schwarzmarkt mehrere Hundert Dollar pro Tier einbrachte. Für die Bauern der Region war das ein Vermögen. Die Art verschwand so gründlich, dass sie ab den 1960er Jahren als möglicherweise ausgestorben galt. Jahrzehntelang blieb eine Briefmarke von 1959 der einzige Beweis dafür, dass es diese Spezies überhaupt gab.

    Die Wiederentdeckung gelang einem Deutschen aus Dresden. Tilo Nadler war in der DDR zum Schweißer und Kältetechniker ausgebildet worden. Der Staat bestimmte seinen Beruf, aber seine Leidenschaft waren Tiere. Heimlich hielt er Wildvögel zu Hause und betrieb Vogelkunde als Hobby. Ende der Achtziger studierte er zwei Jahre lang Robben und Vögel an einer sowjetischen Forschungsstation in der Antarktis. Kurz nach der Wende kam er für einen Dokumentarfilm über den verschollenen Langur nach Vietnam und suchte fast ein Jahr lang. Schließlich gelang ihm das erste Wildfoto seit Jahrzehnten. Zwei Jahre später gründete er das EPRC (Endangered Primate Rescue Center), eine Rettungsstation für bedrohte Primaten im nahegelegenen Cuc-Phuong-Nationalpark. In Vietnam fand er nicht nur seine Lebensaufgabe, sondern auch seine Frau, mit der er bis heute dort lebt.

    Als das Reservat 2001 offiziell gegründet wurde, zählte man noch etwa 50 Tiere. Der entscheidende Schritt war ungewöhnlich: Man rekrutierte ausgerechnet ehemalige Wilderer als Ranger. 30 Freiwillige, überwiegend Bauern und Ex-Jäger, die das Gebiet besser kannten als jeder Biologe, begannen das Reservat zu patrouillieren. Gleichzeitig mussten tausende Ziegen aus den Bergen entfernt werden, die in direkter Nahrungskonkurrenz mit den Languren standen und deren Vegetation zerstörten. Seit Beginn dieser Schutzmaßnahmen wurde kein einziger Wildereifall mehr registriert. Heute leben über 200 Languren in Van Long. Die Population hat sich in gut zwanzig Jahren vervierfacht.

    Das Feuchtgebiet selbst ist allerdings jünger, als man denkt. Vor 1960 war hier nur Ackerland zwischen den Karstfelsen. Dann wurde ein über 30 Kilometer langer Deich am Ufer des Flusses errichtet, um die umliegenden Siedlungen vor den jährlichen Überschwemmungen zu schützen. Die Folge hatte niemand geplant: Das Tal lief voll, die Felder versanken, und zwischen den Felsen entstand eine riesige Lagune. Was heute wie eine uralte Landschaft wirkt, ist ein Zufallsprodukt der Hochwasserkontrolle.

    Die Einheimischen nennen Van Long die "wellenlose Bucht". Die Karstfelsen schirmen das Wasser so vollständig vom Wind ab, dass die Oberfläche absolut still liegt. Die Berge spiegeln sich darin, als läge eine zweite Landschaft unter Wasser. Am Grund sind Moos- und Algenteppiche mit bloßem Auge erkennbar. Neben den Languren sahen wir vor allem Reiher, und zwar in Massen. Sie nisten in Kolonien auf den Baumkronen, und man erkennt ihre Lieblingsbäume sofort, denn sie sind weiß überzogen. 🐦
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  • Trang An: 30.000 Jahre im Kalkstein 🛶

    April 3 in Vietnam ⋅ ☁️ 27 °C

    Trang An ist ein Labyrinth aus Karstfelsen, Höhlen und eingeschlossenen Seen im Norden Ninh Binhs, das sich nur per Boot erkunden lässt. Es gibt verschiedene Routen: manche führen vor allem durch Höhlen, andere eher zu Tempeln. Wir nahmen kurz nach sieben eines der ersten Boote und wählten die Route, die von allem etwas bietet.

    Traditionell wird das Boot von einer Frau gesteuert. Wir fuhren dicht an den Felsen entlang, durch niedrige Höhlen, in denen wir den Kopf einziehen mussten. Hinter jeder Höhle lag eine andere Landschaft: mal ein See mit einer kleinen Insel und einer Pagode, mal ein enger Kanal zwischen hohen Felswänden.

    Genau diese Unübersichtlichkeit war jahrhundertelang ein militärischer Vorteil. Als die Mongolen im 13. Jahrhundert mit einer der größten Armeen der damaligen Welt nach Vietnam vordrangen, zogen sich die Könige der Trần-Dynastie nach Trang An zurück. Die eingeschlossenen Täler waren das perfekte Versteck: Truppen und Vorräte ließen sich hinter den Felsen verbergen, ohne dass ein Angreifer ahnte, was um die nächste Ecke lauerte. In einem Tal richteten sie einen geheimen Palast ein: Vu Lam. Hier planten sie den Gegenschlag, und zwischen den Feldzügen meditierten die Trần-Könige und legten den Grundstein für Vietnams erste eigenständige buddhistische Schule. Später, im Vietnamkrieg, dienten die Höhlen der Bevölkerung als Schutzraum vor den Bombardierungen.

    Insgesamt gibt es in Trang An 48 Höhlen und 31 eingeschlossene Seen, verbunden durch Wasserwege, die teils offen zwischen den Felsen verlaufen, teils durch Höhlen, die nur abhängig vom Wasserstand zugänglich sind. Manche Höhlen sind kurze Durchfahrten, andere ziehen sich über Hunderte Meter. Die längste misst einen Kilometer und bedeutet fast zwanzig Minuten Fahrt durch den Fels.

    Der Kalkstein selbst entstand vor über 250 Millionen Jahren auf dem Boden eines flachen Meeres. An manchen Felswänden haben frühere Meeresstände sichtbare Kerben hinterlassen, waagerechte Linien im Stein, die zeigen, wo einmal die Wasseroberfläche war. Das gesamte Wassersystem in Trang An wird ausschließlich durch Regen gespeist und ist von allen umliegenden Flüssen komplett abgeschnitten. Auch die eingeschlossenen Täler sind untereinander kaum verbunden. Über die Jahrtausende hat sich so auf kleinem Raum eine ungewöhnliche Vielfalt entwickelt: über 600 Pflanzenarten, begünstigt durch die Isolation der einzelnen Täler voneinander.

    Die Höhlen in Trang An waren über 30.000 Jahre lang durchgehend bewohnt, so lange wie kaum ein anderer Ort in Südostasien. Nach der letzten Eiszeit drang das Meer mehrfach in die Täler ein, und die Menschen wichen jedes Mal in höher gelegene Höhlen aus, bis das Wasser wieder sank. Sie fischten, sammelten Schnecken von den Felsen und hinterließen Schicht um Schicht an Werkzeugen und Essensresten, die Archäologen heute wie ein Archiv lesen können. In einer der Höhlen fanden sie ein fast vollständiges Skelett, etwa 12.000 Jahre alt. Im Hals steckte eine Speerspitze aus Quarz. Es ist der älteste Nachweis, dass ein Mensch auf dem südostasiatischen Festland von einem anderen Menschen getötet wurde. Wer heute mit dem Boot durch diese Höhlen gleitet, fährt durch einen Ort, an dem seit der Steinzeit ununterbrochen Menschen gelebt, gearbeitet und sich gegenseitig umgebracht haben.

    2016 wurde Trang An zur Filmkulisse für Kong: Skull Island, einen Hollywood-Blockbuster, der über eine halbe Milliarde Dollar einspielte. In einem der eingeschlossenen Täler entstand ein ganzes Stammesdorf als Set, das nach dem Dreh als Touristenattraktion diente. Ein paar Jahre später ließ die UNESCO es wieder abreißen, weil es in der Kernzone des Welterbes lag.
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  • Ninh Binh: Die friedliche Ebene ⛰️🌿

    April 2 in Vietnam ⋅ ⛅ 30 °C

    Ninh Binh, übersetzt die "friedliche Ebene", liegt gut zwei Stunden südlich von Hanoi und sieht aus wie die Halong-Bucht an Land: steile Karstfelsen, die statt aus dem Meer aus Reisfeldern und stillen Flüssen ragen. Im Vergleich zur Halong-Bucht ist es hier still: Auf den Flüssen fahren Ruderboote und zwischen den Felsen liegen kleine Dörfer.

    Die Region zählt zu den ältesten besiedelten Gegenden Vietnams. Fast ein Jahrtausend stand Vietnam unter chinesischer Herrschaft, und als das Land sich Ende des 10. Jahrhunderts befreite, zerfiel es in zwölf verfeindete Fürstentümer. Der Mann, der sie einte, war kein Feldherr, sondern ein Waisenkind, das Wasserbüffel hütete. Schon als Junge organisierte Đinh Bộ Lĩnh die Kinder seines Dorfes zu Spielarmeen, mit Schilfblüten als Fahnen. Aus dem Spiel wurde Ernst: Er besiegte alle zwölf Warlords und gründete 968 den ersten unabhängigen vietnamesischen Staat. Als Hauptstadt wählte er ausgerechnet dieses Tal. Die Felsen bildeten eine natürliche Festung, schwer zu erobern, leicht zu verteidigen. Hoa Lư blieb gut vierzig Jahre lang Hauptstadt, bis ein späterer König den Regierungssitz nach Norden verlegte. Der Legende nach sah er am neuen Ort einen goldenen Drachen aus dem Fluss aufsteigen und nannte ihn Thăng Long, aufsteigender Drache. Daraus wurde das heutige Hanoi. Was in Ninh Binh damals strategischer Vorteil war, ist heute der Grund, warum viele Reisende herkommen.

    Wir wohnten in einem Homestay in Trang An, dem nördlichen Teil der Region, quasi zwischen den Bergen. Unsere Gastgeberin sprach fließend Deutsch, weil sie einige Jahre in Deutschland gearbeitet hatte. Das ist in Vietnam weniger ungewöhnlich, als man denkt: In den Achtzigerjahren holte die DDR zehntausende junge Vietnamesen als Vertragsarbeiter in ihre Fabriken. Nach der Wende blieben viele, andere kehrten zurück, aber die Verbindung hält bis heute. Immer noch arbeiten viele Vietnamesen gezielt in Deutschland, sparen einige Jahre lang, und kommen mit dem Geld nach Hause, um eine Unterkunft oder ein Geschäft aufzubauen. Genau das macht auch unsere Gastgeberin: Sie baut ihr Grundstück Stück für Stück aus. In den kleinen Vororten reiht sich eine Unterkunft an die nächste. Die meisten sind Familienbetriebe, in denen die Großeltern kochen und die Kinder abends mit den Gästen auf der Terrasse sitzen.

    Morgens schwangen wir uns aufs Fahrrad 🚲, fuhren in beliebiger Richtung los und landeten irgendwo zwischen eingeschlossenen Seen, Höhleneingängen und Tempelaufgängen. Unterwegs waren wir vor allem früh, weil es danach kaum noch auszuhalten war: bis zu 47 Grad und dazu die hohe Luftfeuchtigkeit. Nach einer Viertelstunde draußen war man komplett durchgeschwitzt.

    Neben der Landschaft zieht auch Bái Đính Besucher an, die größte Pagode Südostasiens. Die Anlage erstreckt sich über mehrere Hügel und wirkt wie ein kleines Dorf aus Tempeln und Treppen. Bei Nacht sieht sie dank der Beleuchtung noch beeindruckender aus.

    Abends spazierten wir den Fluss entlang, an dem unsere Unterkunft lag. Sobald es dunkel wurde, tauchten vereinzelt Glühwürmchen über dem Wasser auf. Je weiter wir uns vom Licht entfernten, desto mehr wurden es. ✨

    Aber der Dschungel hört nicht an der Zimmertür auf. Fliegengitter sind unbekannt, Türen und Fenster schließen grundsätzlich nicht richtig, und so bekamen wir diversen Besuch. Am meisten ärgerten uns die Mücken, etwas nervig waren die Ameisenstraßen, aber niedlich waren die unzähligen Geckos 🦎. Wir wussten erst, wie viele wir im Zimmer hatten, wenn wir sie nachts laut klackern hörten, und hofften darauf, dass sie viel zu Fressen finden.

    Trotz der tropischen Hitze war Ninh Binh ein sehr beeindruckender Ort. Wer durch Nordvietnam reist, sollte hier ein paar Tage einplanen.
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  • Cat Ba: Zwischen Karstfelsen und Baukrän

    March 29 in Vietnam ⋅ ☁️ 26 °C

    Cat Ba ist die größte Insel im Golf von Tonkin, etwa drei Stunden östlich von Hanoi, und gilt als die ruhigere Schwester der berühmten Ha Long Bay. Seit wenigen Jahren zählen beide gemeinsam zum UNESCO-Weltnaturerbe. Der Name leitet sich von „Các Bà" ab, vietnamesisch für „die Frauen": Der Legende nach trieben die Körper dreier Frauen an die Strände der Insel, die Fischer errichteten Tempel für sie und benannten die Insel nach ihnen. Die Tempel stehen bis heute, verstreut über die ganze Insel.

    Wer Ha Long Bay googelt, findet Bilder von Karstfelsen, die aus smaragdgrünem Wasser ragen. Was die Bilder nicht zeigen: die Hunderte Ausflugsboote, die sich durch die Bucht drängen und den Plastikmüll auf dem Wasser. In der angrenzenden Lan Ha Bay rund um Cat Ba geht es deutlich entspannter zu. Wie lange noch, ist eine andere Frage.

    Unsere Bootstour durch die Lan Ha Bay führte uns mitten hinein in die Karstlandschaft. Die Felsen ragen bei jedem Wetter eindrucksvoll aus dem Wasser, manche nur wenige Meter breit, andere bewachsen wie kleine Dschungelinseln. Dazwischen öffnen sich enge Durchfahrten und versteckte Buchten. Wir paddelten mit dem Kajak durch die Landschaft, vorbei an Fischfarmen und schwimmenden Dörfern. Neben den Tagestouren bieten viele Anbieter auch Fahrten mit einer oder zwei Übernachtungen auf dem Boot an.

    Wer durch diese engen Durchfahrten paddelt, versteht sofort, warum diese Gewässer jahrhundertelang als Piratennest galten. Noch im 19. Jahrhundert dienten die versteckten Buchten und Höhlen der Karstinseln chinesischen und vietnamesischen Piraten als Basis. Im Golf von Tonkin operierte damals auch die größte Piratenflotte der Geschichte: über 1.800 Schiffe, kommandiert von Zheng Yi Sao, einer ehemaligen Prostituierten, die nach dem Tod ihres Mannes dessen Flotte übernahm und auf 70.000 Piraten in sechs Flotten ausbaute. Weder die chinesische Marine noch die portugiesische Flotte aus dem nahen Macau konnten sie besiegen. Am Ende handelte sie einen Amnestie-Deal aus, durfte ihren Reichtum behalten und verbrachte den Rest ihres Lebens als Besitzerin eines Spielhauses.

    Die schwimmenden Dörfer sind mehr als eine Kulisse für Touristen. Manche Familien leben seit über 300 Jahren auf dem Wasser. Das größte Dorf, Cua Van, hatte einmal über 700 Bewohner, eine schwimmende Schule und sogar eine schwimmende Polizeistation. Einige der Bewohner waren Nachfahren von Fischern, die sich in den Vierzigerjahren vor der japanischen Besatzung aufs Wasser geflüchtet hatten. Ab 2014 siedelte die vietnamesische Regierung die meisten Bewohner an Land um, offiziell aus Umweltschutzgründen. Viele Fischer verloren dabei ihre Lebensgrundlage und konnten sich an das Leben an Land nicht anpassen. Was wir sahen, waren die letzten Reste einer verschwindenden Lebensweise.

    Zurück auf der Insel ging es mit einem klapprigen, jahrzehntealten Militärjeep sowjetischer Bauart hinauf in den Cat Ba Nationalpark. Der Pfad war gut ausgebaut, die Wanderung mit knapp zweieinhalb Stunden nicht besonders lang. Trotzdem haben wir noch nie so geschwitzt. Die tropische Luft stand zwischen den Bäumen wie eine Wand, jeder Schritt trieb neue Schweißperlen. Uns ging es wie allen anderen auf dem Weg: durchnässt bis auf die Haut, halb lachend, halb stöhnend.

    Der Nationalpark ist auch die Heimat eines der seltensten Säugetiere der Welt: des Cat Ba Langur, eines Affen mit goldenem Kopf und schwarzem Fell, der ausschließlich auf dieser Insel vorkommt. In den Sechzigerjahren lebten noch fast 3.000 Tiere hier. Dann wurden sie für die traditionelle Medizin gejagt: Ihre Knochen wurden in Reisalkohol eingelegt und als Heilmittel gegen Gelenkschmerzen verkauft. Um die Jahrtausendwende waren kaum noch Tiere übrig. Seitdem kümmert sich ein von einer deutschen Organisation geleitetes Schutzprojekt um die Population, die sich langsam auf rund 90 Tiere erholt hat. Gesehen haben wir keinen, bei so wenigen Exemplaren wäre das auch ein kleines Wunder gewesen.

    Auf unserer Liste stand auch die Hospital Cave, ein dreistöckiges Militärkrankenhaus, das im Vietnamkrieg in einen Felsen gebaut wurde. Die Anlage hatte einen Operationssaal, ein Kino und konnte über 100 Patienten gleichzeitig versorgen. Trotz intensiver Bombardierung wurde sie nie entdeckt. Bei unserem Besuch war die Höhle leider geschlossen.

    Während sich die beliebten Strände im Süden schon früh mit Selfie-Sticks und Stativen füllen, fanden wir weiter im Norden noch echtes Inselgefühl: einen unerschlossenen Strand mit einer gemütlichen Strandbar, die wir uneingeschränkt empfehlen können. Beim Spaziergang wunderten wir uns zuerst, warum sich der ganze Boden zu bewegen schien. Es waren Sandblasenkrebse, die bei jedem Schritt blitzschnell in ihren Löchern verschwanden. Rund um die Eingänge hatten sie kunstvolle Sternmuster aus winzigen Sandkugeln gelegt, ein beeindruckendes kleines Naturschauspiel.

    Cat Ba Town selbst wirkte auf uns wie ein gemütliches Urlaubsdorf, noch verschlafen in der Nebensaison. Dieser Eindruck dürfte sich bald grundlegend ändern. Denn auf Cat Ba wird gebaut, an allen Ecken gleichzeitig. Abends sieht die Baustelle aus wie eine riesige Schiffswerft. Die Bucht von Cat Ba Town, die auf Google Maps noch zu sehen ist, existiert in der Realität bereits nicht mehr. Die Sun Group, einer der größten Tourismuskonzerne Vietnams, hat begonnen, einen Großteil der Bucht aufzuschütten. Geplant sind Hochhäuser, Luxusvillen, Hotels und ein künstlicher Strand. In der Nachbarbucht entsteht ein fast viermal so großes Megaprojekt: sieben Resorts mit über 800 Villen, drei Marinas, sechs Fünfsterne-Hotels, ein Casino und ein Themenpark. Zusammen über eine Milliarde Dollar Investitionsvolumen.

    Cat Ba galt lange als die ruhigere Alternative für alle, denen Ha Long Bay zu voll, zu laut und zu dreckig geworden war. Genau dieser Ruf zieht jetzt das große Geld an. Wenn die Tausenden neuen Hotelzimmer fertig sind, wird Cat Ba vermutlich aussehen wie das, wovor die Leute hierhergeflohen sind. Wir waren froh, die Insel noch so erlebt zu haben.
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  • B-52 Hanoi: Der versunkene Himmelsriese ✈️💣

    March 24 in Vietnam ⋅ ☁️ 27 °C

    In einem Wohnviertel im Westen Hanois liegt ein kleiner Teich. Aus dem trübgrünen Wasser ragen Fahrwerk und Heck eines Flugzeugs. Es sind die Überreste eines amerikanischen B-52-Bombers, abgeschossen im Dezember 1972 und seitdem hier.

    Der Vietnamkrieg war zu großen Teilen ein Luftkrieg. Über die gesamten Kriegsjahre hinweg warfen die USA rund sieben Millionen Tonnen Bomben auf Vietnam, Laos und Kambodscha ab, mehr als alle Kriegsparteien zusammen im gesamten Zweiten Weltkrieg. Das Symbol dieses Luftkriegs war die B-52, ein viermotoriger Langstreckenbomber, der bis zu dreißig Tonnen Sprengstoff auf einen Schlag abwerfen konnte. Ursprünglich war sie für den Atomkrieg gegen die Sowjetunion gebaut worden. In Vietnam setzten die Amerikaner sie für Flächenbombardierungen aus großer Höhe ein.

    Im Dezember 1972 ließ US-Präsident Nixon Hanoi und die Hafenstadt Haiphong zwölf Tage lang bombardieren, um Nordvietnam an den Verhandlungstisch zu zwingen. Die Amerikaner nennen es bis heute „Christmas Bombing". Die Bombardierung war flächendeckend und traf Wohnviertel ebenso wie militärische Anlagen. Über 20.000 Tonnen Bomben fielen, mehr als 1.600 Zivilisten starben. Wie viele der amerikanischen Bomber dabei zu Boden gingen, ist bis heute umstritten: Die USA geben 16 verlorene B-52 zu, Vietnam zählt 34.

    Eine davon war „Rose 01". Die Maschine startete in der ersten Nacht der Kampagne von einer US-Basis in Thailand und wurde abgeschossen, bevor sie ihre Bomben abwerfen konnte. In den Tagen darauf bargen Soldaten und Anwohner 47 Bomben aus den Gärten und Gassen rund um den See. Von der sechsköpfigen Besatzung starben zwei, die anderen vier überlebten als Kriegsgefangene und landeten im Hoa Lo, dem Gefängnis mitten in Hanoi, das die US-Piloten sarkastisch „Hanoi Hilton" getauft hatten.

    Keine dreihundert Meter vom See entfernt steht das B-52-Siegesmuseum. Es macht die zwölf Dezembertage als vietnamesische Erfolgsgeschichte sichtbar: Die B-52 galt bis dahin als nahezu unverwundbar, die Nordvietnamesen holten mit sowjetischer Flugabwehrtechnik mehr als ein Dutzend vom Himmel. Unter den Schützen waren auch vietnamesische MiG-21-Piloten. Der Eintritt ist frei, was in Hanoi eher die Ausnahme ist. Innen zeigt das Museum Fotos zerstörter Krankenhäuser und Wohnviertel, ein großes Geländemodell der Luftschlacht, persönliche Gegenstände ziviler Opfer, eine Handvoll Dokumente. Informativ, stellenweise zäh. Interessanter wird es draußen.

    Im Hof liegt eine komplette B-52 in Originalgröße, fast sechzig Meter Spannweite. Das Flugzeug ist kein einzelnes Exemplar, sondern aus den Wrackteilen mehrerer abgeschossener Maschinen neu zusammengebaut. Drumherum stehen ein sowjetischer Kampfjet, die Abschussrampe einer Flugabwehrrakete, Radaranlagen und Flakgeschütze verschiedener Kaliber.

    Zurück am See fehlt jede Inszenierung. Kein Ticketschalter, kein Schild an der Einmündung der Gasse, man läuft leicht daran vorbei. An einer Hausecke gibt es ein Café, das sich schlicht „B52 Café" nennt. Es war der ruhigste Ort, an dem wir in Hanoi waren.
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  • Fansipan: Gipfel ohne Aussicht 🏔

    March 16 in Vietnam ⋅ ⛅ 9 °C

    Mit 3.143 Metern ist der Fansipan bei Sa Pa der höchste Berg Vietnams. Von oben sieht man bei klarer Sicht bis nach China.

    Wir nahmen die erste Gondel des Tages und hatten den Gipfel fast für uns allein. Unten war das Wetter gut, aber von der anderen Bergseite schoben sich die Wolken den Hang hinauf, und oben war der Gipfel fast durchgehend in Wolken gehüllt. Kurz hatten wir Glück und konnten von oben auf ein Wolkenmeer blicken, dann war wieder alles weiß.

    Mitte der Achtzigerjahre vermaß eine vietnamesisch-sowjetische Expedition den Fansipan und stellte die Metallpyramide auf, die bis heute als Fotomotiv auf dem Gipfel dient. Vietnam und die Sowjetunion waren damals enge Verbündete, das Datum der Expedition fiel auf den 40. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland.

    Bis vor gut zehn Jahren war der Fansipan nur über einen zweitägigen Aufstieg durch dichten Dschungel erreichbar. Dann baute ein österreichischer Seilbahnhersteller eine über sechs Kilometer lange Gondelbahn, bei Eröffnung die längste Dreiseilbahn der Welt. Was früher zwei Tage dauerte, schafft man seitdem in einer Viertelstunde. Weil kein Baum gefällt werden durfte, trugen Arbeiter die Stahlteile auf ihren Schultern durch das Dickicht, teilweise über hundert Kilogramm schwer. Über zwei Jahre lebten sie in provisorischen Hütten am Berg.

    Die Seilbahn bringt einen allerdings nicht direkt bis zur Spitze. Rund 600 Stufen führen weiter nach oben, wer die nicht laufen will, nimmt eine kurze Standseilbahn. Wir hatten auch hier die erste Fahrt und damit freie Bahn. Unterhalb des Gipfels liegt ein buddhistischer Tempelkomplex mit Kloster, Pagode und einer über zwanzig Meter hohen Buddha-Statue, vorher stand hier nur die alte Gipfelpyramide. Im Nebel wirkt die Anlage fast mystisch: Nebelschwaden gleiten durch die offenen Türen der Gebäude, und die Statuen tauchen erst auf, wenn man direkt vor ihnen steht. Oben am Gipfel gab es guten Kaffee in einem kleinen Café, bei klarer Sicht hätte man von dort wohl eine großartige Aussicht gehabt. Einen Tag vor unserem Besuch hatte hier oben auch die höchstgelegene Starbucks-Filiale Asiens eröffnet.

    Wir fuhren mit dem Taxi direkt zur Seilbahn. Auf dem Rückweg standen die Tourgruppen bereits in langen Schlangen. Wie überall in Sa Pa sind auch die Innenräume auf dem Fansipan nicht beheizt.
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  • Sa Pa: Die unsichtbaren Reisterrassen ☁️

    March 14 in Vietnam ⋅ ☁️ 12 °C

    Sa Pa liegt auf gut 1.500 Metern in den Bergen Nordvietnams und hängt regelmäßig in den Wolken. Als wir ankamen, konnten wir kaum zehn Meter weit sehen. Unser Hotel war nur als Umriss zu erahnen, die Berge dahinter komplett verschwunden in einer gleichförmigen weißen Wand. Die Stadt ist berühmt für ihre Aussichten auf Reisterrassen und tiefe Täler, aber davon sahen wir tagelang nichts. Unsere Tour zur Rong-May-Glasbrücke, die über einen Bergpass führt und eigentlich Blick auf die umliegenden Täler bieten soll, brachte exakt dieselbe Aussicht wie der Blick aus dem Hotelfenster: weißes Nichts.

    Also verlängerten wir unseren Aufenthalt. Als sich die Wolken nach ein paar Tagen unerwartet öffneten, fragten wir kurzerhand einen Taxifahrer, ob er dieselbe Strecke noch einmal mit uns fährt. Diesmal sahen wir endlich, wofür Sa Pa berühmt ist: die Reisterrassen, die sich in Stufen die Berghänge hinabziehen, dazwischen tiefe grüne Täler.

    Dass Sa Pa überhaupt bekannt wurde, geht auf die Franzosen zurück. Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte die Kolonialverwaltung die kühle Bergluft als Gegenmittel zum drückenden Klima in Hanoi und baute den Ort zur Sommerfrische aus, mit fast 200 Villen im Kolonialstil. In den heißen Monaten zog die Verwaltungselite hierher, weg von der Hitze im Tiefland. Davon ist heute kaum etwas übrig. Im chinesisch-vietnamesischen Krieg Ende der Siebziger marschierten chinesische Truppen in Sa Pa ein und zerstörten die Kolonialbauten systematisch. Von der französischen Ära überlebte wenig mehr als die steinerne Kirche im Zentrum.

    Sa Pa ist vor allem Heimat der Hmong, die hier die Bevölkerungsmehrheit stellen. Das ist eine Ausnahme in Vietnam, wo sonst fast überall die Kinh, die vietnamesische Mehrheitsbevölkerung, dominieren. Die Hmong kamen vor rund 300 Jahren aus Südchina in diese Berge. Die Schwarzen Hmong, benannt nach ihrer tief dunklen Kleidung, färben ihre Stoffe mit Indigo aus wild wachsenden Pflanzen der Umgebung. Der Prozess dauert einen ganzen Monat: Jeden Tag wird der Stoff gefärbt, aufgehängt und getrocknet, bis er so dunkelblau ist, dass er fast schwarz erscheint. Daher der Name Schwarze Hmong. Frauen, die diese Arbeit seit Jahrzehnten verrichten, haben dauerhaft blau gefärbte Hände. In manchen Dörfern beherrschen nur noch Frauen über achtzig die vollständige Technik.

    In der Stadt selbst laufen einem vor allem andere Touristen über den Weg. Hotels und Souvenirläden reihen sich aneinander, und vieles wirkt auf internationales Publikum zugeschnitten. Cat Cat am Stadtrand war einst eine Hmong-Siedlung, heute ist es eine Touristenattraktion mit Fahrgeschäften, die eher an einen Jahrmarkt erinnern als an ein Bergdorf. Ähnlich der Liebesmarkt: Einst trafen sich dort einmal im Jahr junge Einheimische zur Partnersuche, inzwischen wird er jeden Samstagabend mit bezahlten Darstellern für Touristen nachgestellt. Was hier einmal authentisch war, ist schwer zu sagen. Schön ist es trotzdem.

    Direkt in Sa Pa startet die Seilbahn auf den Fansipan, mit über 3.100 Metern der höchste Berg Vietnams und ganz Indochinas. In zwanzig Minuten ist man auf dem Gipfel. Dazu gibt es einen eigenen Bericht.

    Wer nach Sa Pa will, sollte vorher das Wetter checken und entweder spontan anreisen, wenn die Vorhersage stimmt, oder genug Puffertage einplanen. Wir hätten ohne die Verlängerung nichts von der Landschaft gesehen und wären ziemlich enttäuscht abgereist.
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  • Hoa Lo: Folter im Hanoi Hilton ⛓️

    March 10 in Vietnam ⋅ ☀️ 23 °C

    Mitten in Hanois Geschäftsviertel steht ein Stück gelbe Gefängnismauer, vielleicht dreißig Meter lang. Der Rest wurde in den Neunzigerjahren abgerissen, um Platz für Hochhäuser zu machen. Was hinter der Mauer übrig blieb, ein Zellentrakt, Innenhöfe und ein paar Verwaltungsräume, ist heute ein Museum. Es erzählt eine Geschichte, die wir vorher nicht kannten.

    Frankreich eroberte Vietnam ab den 1850er-Jahren, Stück für Stück: erst den Süden, dann den Norden, bis das ganze Land Teil von Französisch-Indochina war. Fast hundert Jahre lang kontrollierte Frankreich Vietnam, Laos und Kambodscha. Die Kolonialverwaltung betrieb staatliche Monopole auf Opium, Alkohol und Salz. Opium brachte zeitweise ein Drittel des Kolonialbudgets ein. Dörfer hatten Pflichtkaufquoten für Reisalkohol und mussten ihn abnehmen, ob sie wollten oder nicht. Auf den Kautschuk-Plantagen im Süden, die unter anderem dem Reifenhersteller Michelin gehörten, starben jährlich zwanzig bis dreißig Prozent der Arbeiter. Es gab ein vietnamesisches Sprichwort dafür: Hundert gehen, einer kommt zurück.

    Wer sich wehrte, landete in Gefängnissen wie Hoa Lo. Die Franzosen errichteten es Ende des 19. Jahrhunderts. Gebaut für rund 450 Häftlinge, vor allem politische Gefangene. In Wahrheit saßen hier zeitweise über zweitausend Menschen ein, angekettet in Gruppen, unterernährt, auf engstem Raum. Ein Raum im Museum dokumentiert die Foltermethoden der Franzosen. Laut den Infotafeln im Museum wurden Gefangene unter anderem in Metallfässer voller Abwasser gesperrt, auf die von außen eingeschlagen wurde, weil sich der Schall im Wasser direkt auf den Körper überträgt. In einem anderen Raum steht auch die originale Guillotine, die immer wieder durchs Land transportiert wurde, um Aufständische hinzurichten.

    Die Franzosen erreichten allerdings das Gegenteil von dem, was sie wollten. Die Gefangenen organisierten sich hinter Gittern, gründeten politische Gruppen und machten das Gefängnis zu einer Art revolutionärer Schule. An Heiligabend 1932 gelang sieben Häftlingen eine der dreiste Flucht. Über Wochen hatten sie sich einzeln in die Krankenstation verlegen lassen, jeder mit einer anderen vorgetäuschten Krankheit: Einer ritzte sich das Knie auf, um Syphilis zu simulieren, zwei brachten ihr Zahnfleisch zum Bluten und husteten Tuberkulose vor, einer hielt so lange die Luft an, bis die Ärzte Herzversagen diagnostizierten. Als an Heiligabend die Kirchenglocken läuteten und Hanoi feierte, sägten sie die Gitterstäbe durch und verschwanden in der Menge. Einer von ihnen wurde später Vizepräsident Nordvietnams.

    Auch außerhalb der Gefängnismauern formierte sich der Widerstand. Ho Chi Minh gründete die kommunistische Partei, die Viet Minh organisierten den Untergrund. Als Deutschland im Zweiten Weltkrieg Frankreich besetzte, nutzte Japan die Schwäche und übernahm die Kontrolle über Indochina. Nach Japans Kapitulation rief Ho Chi Minh die Unabhängigkeit aus und zitierte dabei die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Doch Frankreich wollte seine Kolonie zurück und führte ab 1946 acht Jahre lang Krieg darum. Die Entscheidung fiel bei Dien Bien Phu, einem Tal im Nordwesten, umgeben von Bergen. Die Franzosen hatten dort eine Festung errichtet und hielten sich für unangreifbar. Die Viet Minh zerlegten ihre Geschütze, trugen sie von Hand durch den Dschungel die Berge hinauf und bauten sie auf den Höhen wieder zusammen. Die Franzosen waren eingekesselt. In den Kolonien Afrikas und Asiens sahen Menschen zum ersten Mal, dass eine europäische Kolonialmacht militärisch geschlagen werden konnte.

    Gut zehn Jahre später begann der Vietnamkrieg, und die Nordvietnamesen nutzten Hoa Lo für amerikanische Kriegsgefangene, vor allem abgeschossene Piloten. Die Gefangenen gaben dem Ort den sarkastischen Spitznamen Hanoi Hilton. Der bekannteste Insasse war John McCain, der spätere US-Senator und Präsidentschaftskandidat. Sein Flugzeug wurde über Hanoi abgeschossen. Schwer verletzt zog man ihn aus einem See mitten in der Stadt. Als sein Vater zum Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Pazifik aufstieg, bot man McCain die vorzeitige Freilassung an. Er lehnte ab, weil er den militärischen Grundsatz nicht brechen wollte, dass Gefangene in der Reihenfolge ihrer Ankunft freikommen. Er blieb noch über vier Jahre. Jahrzehnte später besuchte er als US-Senator das Museum in Hoa Lo.

    Das Museum erzählt diese Geschichte durchaus, aber auf seine Weise. Die gezeigten Fotos zeigen nur eine Seite: Gefangene beim Volleyball, bei Weihnachtsfeiern, beim Essen. Die offizielle Linie lautet, die Behandlung sei human gewesen. Ehemalige Insassen berichten von Folter, gebrochenen Knochen und monatelanger Isolation. Man sieht hier die vietnamesische Version der Geschichte. Am Ende des Rundgangs steht ein Altar, an dem Vietnamesen Räucherstäbchen für die Gefangenen anzünden, die hier starben.

    Der Audioguide kostet extra und ist etwas zäh, lohnt sich aber.
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  • Parfüm-Pagode: Wo eine Göttin entstand

    March 7 in Vietnam ⋅ ☁️ 24 °C

    Die Parfüm-Pagode liegt südwestlich von Hanoi in einer tropischen Karstlandschaft und ist eine der wichtigsten buddhistischen Pilgerstätten Vietnams. Parfüm steht hier für den Duft der wilden Blumen, die an den Felsen wachsen. Der Tempelkomplex ist nur über das Wasser erreichbar. Flache Ruderboote gleiten zwischen steilen Kalksteinfelsen hindurch, eine gute halbe Stunde lang. Gerudert wird traditionell von Frauen.

    Dass wir ausgerechnet im größten buddhistischen Pilgerfest des Landes ankommen würden, wussten wir vorher nicht. Das Parfüm-Pagoden-Fest dauert rund drei Monate, vom Mondneujahr Ende Januar bis weit ins Frühjahr, und zieht jedes Jahr über eine Million Pilger an, die hier Glück und Segen für das neue Jahr erbitten. Wir waren an einem Samstag am Höhepunkt des Fests da. Der Fluss war voller Boote, die Treppen und Wege voller Menschen, und statt eines ruhigen Tempel- und Höhlenbesuchs schoben wir uns zwischen Pilgern mit Opfergaben und Räucherstäbchen die Treppen hoch. Um die Wege reihten sich prall gefüllte Lokale aneinander, Stände mit regionalen Leckereien, Gewürzhändler, dazwischen Spielzeughändler, die uns an Kirmesverlosungen erinnerten. Mehr Jahrmarkt als Pilgerstätte.

    Wem all diese Pilger folgen, erzählt eine Legende, die sich hier zugetragen haben soll. Eine Königstochter namens Diệu Thiện weigerte sich zu heiraten. Ihre Bedingung war unerfüllbar: Der Bräutigam müsste sie vom Altern, von Krankheit und Tod befreien können. Kein Ehemann konnte das, und genau darauf hatte sie es angelegt. Sie wollte ins Kloster, nicht in einen Palast. Ihr Vater sah darin einen Angriff auf seine Autorität. Er schickte sie ins Kloster, ließ aber die Nonnen ihr die härteste Arbeit aufbürden, in der Hoffnung, sie würde aufgeben und zurückkommen. Als das nicht half, ließ er das Kloster niederbrennen. Diệu Thiện überlebte. Daraufhin ließ er sie hinrichten. Doch selbst in der Unterwelt verwandelte ihr Mitgefühl die Hölle in ein Paradies, bis der Herrscher der Toten sie aus Angst um sein Reich ins Leben zurückschickte. Sie meditierte jahrelang in einer Höhle, und als ihr Vater schwer erkrankte, sagte ihm ein Mönch, nur die Augen und Arme eines Menschen ohne Zorn könnten ihn heilen. Diệu Thiện opferte beides, ohne zu zögern, für den Mann, der sie hatte töten lassen. In diesem Moment wurde sie zu Quan Âm, der Göttin des Mitgefühls. Sie hätte ins Nirvana eingehen können, kehrte aber um, weil sie einen Schrei des Leidens aus der Welt hörte. Seitdem wird sie verehrt als die, die erst von der Erde geht, wenn alles Leiden beendet ist.

    Die Hương-Tích-Höhle gilt als der Ort, an dem Diệu Thiện zur Göttin wurde. Der gesamte Komplex der Parfüm-Pagode ist um diese Überzeugung herum gebaut: Der Giải-Oan-Tempel auf dem Pilgerweg heißt übersetzt "Tempel der Reinwaschung von Unrecht" und bezieht sich direkt auf das Schicksal der Prinzessin. Eine Inschrift am Höhleneingang aus dem 18. Jahrhundert erklärt sie zur heiligsten Höhle Vietnams.

    Im Inneren hängen Stalaktiten, die über Jahrhunderte von Pilgerhänden glatt gerieben wurden. Jede Formation hat einen eigenen Namen und eine zugeschriebene Kraft: Der Münzhaufen soll Wohlstand bringen, der Mädchen- und der Jungenberg helfen kinderlosen Paaren. An einem brustförmigen Stalaktiten sammeln Pilger das herabtropfende Wasser auf, weil sie glauben, diese heilige Milch bringe Gesundheit und Segen. Zwischen den Formationen liegen Plastikbabys, die Besucher als Glücksbringer für ihren Kinderwunsch hinterlassen. Für die Pilger ist die Kraft der Quan Âm hier nicht Legende, sondern Gegenwart.

    Unsere kleine Gruppe war die einzige ohne religiösen Anlass, und unter den Tausenden drumherum kein einziger anderer westlicher Besucher. Anders als in Hanoi schienen Europäer hier ein seltener Anblick zu sein. So wurden wir selbst zur Attraktion. Viele starrten uns an, Kinder liefen zu uns, und auf der Bootsfahrt schauten uns die Menschen in den entgegenkommenden Booten immer wieder nach. Manche grüßten oder riefen, woher wir kommen, andere machten heimlich Fotos oder kicherten untereinander. Als ständige Begleiterscheinung ein merkwürdiges Gefühl.

    Quan Âm ist übrigens die vietnamesische Version von Guanyin, der wir in Chiang Rai wortwörtlich in den Kopf gestiegen waren. Dass wir ihr so kurz darauf in einer Höhle in Vietnam wieder begegnen würden, hatten wir nicht erwartet.
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  • Wasserpuppentheater: Vom Reisfeld auf die Bühne 🎭

    March 4 in Vietnam ⋅ ☀️ 24 °C

    In Vietnam gibt es eine weltweit einzigartige Kunstform. Das Wasserpuppentheater ist fast tausend Jahre alt, und die bekannteste Bühne dafür steht in Hanoi, direkt am Hoan-Kiem-See. Live-Musiker begleiten die Vorstellungen mit traditionellen Instrumenten.

    Entstanden ist sie in den Flussebenen Nordvietnams. Nach der Reisernte standen die Felder unter Wasser, und die Bauern nutzten sie als Bühne. Sie bauten einen kleinen Pavillon mitten ins überflutete Feld, stellten sich hüfttief ins Wasser und unterhielten ihre Nachbarn mit Figurenspiel. Im 12. Jahrhundert lud der Königshof die besten Truppen ein, und aus dem Zeitvertreib nach der Ernte wurde höfische Unterhaltung.

    Die Techniken wurden in Geheimgilden gehütet. Wer aufgenommen wurde, trank eine rote Mixtur als Blutschwur und legte einen Eid ab. Wer die Geheimnisse verrät, bezahlt dafür mit dem Leben seines Vaters und dem dreier Nachkommen. Die Weitergabe lief ausschließlich vom Vater an den Sohn. Töchter waren ausgeschlossen, weil man fürchtete, sie könnten nach einer Heirat die Techniken in ein anderes Dorf tragen. Diese extreme Geheimhaltung hatte einen paradoxen Effekt. Weil jede Gilde für sich arbeitete, entwickelten alle eigene Mechanismen und Tricks.

    Wie die Puppen tatsächlich funktionieren, sieht man als Zuschauer nicht. Die Figuren werden von unten gesteuert, über Bambusstangen und Schnüre unter der Wasseroberfläche. Das Wasser ist absichtlich trüb, damit der Mechanismus unsichtbar bleibt. Geschnitzt werden die Puppen aus Feigenholz, das leicht und schwimmfähig ist. Zum Schutz vor dem Wasser erhalten sie bis zu zehn Schichten traditionellen Lack. Mit all den Lackschichten und der Mechanik können die fertigen Figuren trotzdem bis zu 15 Kilo wiegen. Die Puppen drehen sich, tauchen ab, interagieren miteinander und bewegen Arme und Köpfe unabhängig voneinander. Was damit auf der Bühne möglich ist, hätten wir ihnen vorher nicht zugetraut. Zum traditionellen Repertoire gehört sogar eine Szene, in der Drachen echtes Feuer auf der Wasseroberfläche speien, möglich durch hohle Mäuler mit eingebauten Feuerwerkskörpern.

    Durch fast jede Vorstellung führt Chu Teu, ein pausbäckiger Junge im Lendenschurz, dessen Name im Alt-Vietnamesischen „Lachen" bedeutet. Er tritt als Erzähler und Kommentator auf. Historisch war Chu Teu allerdings mehr als eine komische Figur. Unter dem Deckmantel des harmlosen Puppenspiels ließ man ihn über korrupte Beamte und gierige Steuereintreiber herziehen. Offen ausgesprochen hätte solche Kritik den Kopf kosten können.

    Dass es das Wasserpuppentheater heute noch gibt, ist nicht selbstverständlich. Die französischen Kolonialherren versuchten, lokale Volkstraditionen zu unterdrücken, und auch im Vietnamkrieg mussten Puppenspieler an die Front. Die Puppen verrotteten eingelagert in Schuppen. Von einst 28 dokumentierten Gilden waren in den Neunzigerjahren nur noch acht aktiv. Dass die Kunstform trotzdem überlebt hat, liegt auch am Thang Long Theater in Hanoi. Es wurde in den Sechzigerjahren gegründet und spielt seitdem an 365 Tagen im Jahr, ohne Unterbrechung. Inzwischen hat es die Tradition in über 40 Länder getragen und die Kunstform international bekannt gemacht.

    Am besten sitzt man weit vorne, denn die Puppen sind nicht groß, und die Details gehen aus den hinteren Reihen verloren. Ein Audioguide, den es auch auf Deutsch gibt, erklärt die einzelnen Szenen und lohnt sich, denn ohne Kontext bleiben die vietnamesischen Legenden und Alltagsszenen schwer einzuordnen. Die Show dauert knapp eine Stunde.
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  • Hanoi: Zwischen Rollern und Kinderhockern 🛵🪑

    February 26 in Vietnam ⋅ ⛅ 25 °C

    Hanoi ist die Hauptstadt Vietnams und mit neun Millionen Einwohnern nach Saigon die zweitgrößte Stadt des Landes. Nach dem ruhigen Chiang Mai war uns die Stadt zunächst zu laut und zu chaotisch.

    Auf diese Einwohner kommen geschätzt sieben Millionen Motorroller. Ein Roller ist Lieferwagen, Familienkutsche und Lagerhalle in einem. Hühnerkäfige, Glasscheiben, ganze Kühlschränke, alles fährt auf zwei Rädern durch die Stadt. Wo sie nicht fahren, parken sie. Fast alle Gehwege sind mit Rollern zugestellt, Fußgänger weichen auf die Straße aus. Auf der Straße wird ununterbrochen gehupt, aber nicht aus Aggression, sondern als ständiges „Achtung, ich komme". Straße überquert man langsam und gleichmäßig, ohne anzuhalten. Die Roller fließen um einen herum.

    Das Leben in Hanoi spielt sich nicht in Wohnungen ab, sondern auf dem Bürgersteig. Vor Garküchen und Läden stehen winzige Plastikhocker, auf denen Menschen Suppe löffeln, Bia Hơi trinken und plaudern. Bia Hơi ist das lokale Fassbier, leicht, täglich frisch gebraut, und kostet umgerechnet vierzig Cent. Das Bánh Mì gibt es an jeder Ecke, ein belegtes Baguette, das die Franzosen als Brot hinterlassen haben und die Vietnamesen zu etwas Eigenem gemacht haben. Direkt neben der Straßenküche stehen oft Cafés mit Latte Art. Jeden Tag fährt die Ordnungspolizei durch und räumt die Hocker weg. Kaum ist sie um die Ecke, stehen sie wieder da.

    Auf den Hockern wird nicht nur Bia Hơi getrunken, sondern auch auffällig viel Kaffee. Vietnam ist nach Brasilien der zweitgrößte Kaffeeproduzent der Welt, und in Hanoi merkt man das. Die bekannteste Spezialität ist der Egg Coffee, der aus der Not entstand. In den Vierzigerjahren war frische Milch während des Krieges gegen die Franzosen kaum zu bekommen. Ein Barkeeper schlug stattdessen Eigelb mit Zucker und Kondensmilch auf und gab die Creme auf den Kaffee. Das Ergebnis schmeckt wie flüssiges Tiramisu. Er eröffnete später sein eigenes Café Giảng in der Altstadt, das bis heute existiert. Noch mehr hat uns aber der Salzkaffee begeistert, Kaffee mit einer salzigen Milchhaube. Klingt seltsam, macht aber süchtig.

    Das Herz von Hanoi ist die Altstadt mit ihren berühmten 36 Gassen. Die Zahl ist symbolisch und geht auf die historische Einteilung in Handwerkszünfte zurück. Jede Gasse gehörte einem Gewerbe, deshalb beginnen fast alle Namen mit Hàng, dem vietnamesischen Wort für Ware. Viele Straßen haben ihre Spezialisierung bis heute behalten. Die Hàng Mã zum Beispiel, die Straße der Ritualpapiere, verkauft seit Jahrhunderten Opfergaben aus Papier, die für Verstorbene verbrannt werden. Heute liegen dort neben traditionellem Geistergeld auch detailgetreue Papiermodelle von iPhones, Motorrollern und ganzen Häusern mit Einrichtung. Was man verbrennt, erreicht die Toten in der Geisterwelt. Nur die Produktpalette passt sich den Trends an.

    Besonders auffällig sind die Röhrenhäuser der Altstadt. Sie sind oft nur zwei bis drei Meter breit, dafür bis zu sechzig Meter tief, mit mehreren Innenhöfen für Licht und Luft. Diese Form kommt von einer alten Grundsteuer, die nach der Breite der Straßenfront berechnet wurde. Also baute man in die Tiefe und Höhe. Das Erdgeschoss diente als Laden, die oberen Stockwerke als Werkstatt und Wohnraum, alles auf wenigen Metern Breite.

    Der Name Hanoi bedeutet wörtlich „zwischen zwei Flüssen", und früher war die Stadt von noch viel mehr Wasser durchzogen. Heute sind noch gut zwanzig Seen übrig, und sie sind der Ruhepol im Lärm. Unsere Wohnung lag am Westsee, dem Hồ Tây. Hier war Hanoi ruhiger. Abends liefen wir am Ufer entlang. Der bekanntere See liegt mitten im Zentrum, der Hoàn Kiếm, der See des zurückgegebenen Schwerts. Der See geht auf eine Legende zurück, in der eine goldene Riesenschildkröte einem Helden ein magisches Schwert aus dem Wasser reichte, mit dem er die chinesischen Besatzer besiegte. Nach dem Sieg forderte sie es zurück. Auf einer kleinen Insel im See steht der Schildkrötenturm als Erinnerung. Im See lebten tatsächlich jahrhundertelang Riesenschildkröten, die als lebender Beweis der Legende galten. Die letzte von ihnen starb vor gut zehn Jahren. Die Vietnamesen nannten sie liebevoll Cụ Rùa, Urgroßmutter Schildkröte, und ihr Tod wurde als nationales Trauerereignis behandelt.

    Eines der bekanntesten Postkartenmotive aus Hanoi sind die Bahngleise, die mitten durch ein Wohnviertel führen, die Train Street. Die Gleise liegen zentimeterknapp vor den Haustüren. Wenn der Zug kommt, klappen die Bewohner ihre Stühle ein, ziehen die Wäsche rein und pressen sich an die Hauswände. Zwischen den Zügen sitzen auf den Gleisen heute vor allem Touristen. Weil das nicht ungefährlich ist, sperrt die Polizei die Straße immer wieder.

    Überall in Hanoi begegnet man auch der Partei. An vielen Laternen hängen rote Propagandaplakate. Auf einem stand: „Mit ganzem Herzen, mit ganzer Kraft, mit voller Hingabe für die Partei, für das Land, für ein Leben in Wohlstand und Glück für das Volk." Im Regierungsviertel steht das Ho-Chi-Minh-Mausoleum, ein wuchtiger Granitbau nach sowjetischem Vorbild. Die Warteschlange davor war so lang, dass wir umgedreht sind. Im Nachhinein passte das vielleicht sogar ganz gut, denn das Mausoleum ist ein Ort, den sein Bewohner selbst nie gewollt hat. Ho Chi Minh bat in seinem Testament ausdrücklich darum, kremiert zu werden und seine Asche auf drei Hügeln in Nord-, Mittel- und Südvietnam verstreuen zu lassen. Stattdessen liegt er seit über fünfzig Jahren einbalsamiert in dieser Granitkiste, gewartet von denselben russischen Spezialisten, die seit 1924 auch Lenin und andere Staatsführer konservieren.
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  • Guanyin: Aus den Augen einer Göttin 👁️

    February 22 in Thailand ⋅ ⛅ 30 °C

    Auf einem Hügel nördlich von Chiang Rai steht eine riesige weiße Figur, die wir am Vortag aus dem Bus gesehen hatten. Vor unserer Abreise wollten wir wissen, was es mit ihr auf sich hat. Um sieben Uhr waren wir die Ersten auf dem Gelände. Kein anderer Besucher, keine Schlange, sondern völlige Ruhe mit leiser Mantra-Musik.

    Die Figur wird von Touristen gerne als Big Buddha bezeichnet, ist aber kein Buddha. Sie stellt Guanyin dar, die Göttin der Barmherzigkeit aus dem Mahayana-Buddhismus, und ist mit fast 80 Metern die größte Guanyin-Statue Thailands. Ihre Oberfläche ist mit tausenden kleinen Spiegeln besetzt, die im Sonnenlicht schimmern. Guanyin wird vor allem in China verehrt und kam nach Nordthailand, als nach dem chinesischen Bürgerkrieg Tausende Soldaten aus Südchina hierher flohen.

    Was von außen wie eine Skulptur aussieht, ist von innen ein Gebäude mit 25 Stockwerken. Ein Aufzug fährt durch das Innere bis in den Kopf, vorbei an Wänden voller weißer Stuckreliefs mit Drachen und Götterfiguren. Oben blickt man durch Guanyins drei Augen auf das Umland von Chiang Rai. Das dritte, auf der Stirn, steht für übermenschliche Wahrnehmung.

    Den besten Blick auf die Statue selbst hat man von der Pagode gegenüber. Sie hat neun Stockwerke und fällt schon von außen auf: Statt der üblichen Naga-Schlangen, die in Thailand Tempeltreppen bewachen, rahmen chinesische Drachen den Eingang ein. Im Inneren sind auf jeder Etage Buddhas und Gottheiten aus Sandelholz geschnitzt, darunter auch eine Tausendarmige Guanyin, bei der jede Hand in eine andere Richtung reicht, weil sie allen Leidenden gleichzeitig helfen soll.

    Wat Huay Pla Kang steht auf keiner Touristenliste. Hier war es still, der Eintritt frei, nur für den Aufzug in der Statue zahlt man 40 Baht. Der Name des Tempels bedeutet übrigens Bach des Schlangenkopffischs, benannt nach einem Süßwasserfisch aus der Gegend. Kein besonders spiritueller Name für einen Ort, an dem man durch die Augen einer Göttin schaut.
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  • Thailand und die rote Fanta 👻

    February 21 in Thailand ⋅ ⛅ 27 °C

    Vor jedem Hotel, jedem Café, jeder Werkstatt und jedem Wohnhaus in Thailand steht ein kleines buntes Häuschen. Manche aufwendig verziert und mannshoch, andere kaum größer als ein Schuhkarton. Was dahintersteckt, ist eine der faszinierendsten Traditionen, die wir auf unserer Reise kennengelernt haben. Sie wurzelt im Animismus, einem uralten Geisterglauben der Region.

    Schon lange bevor der Buddhismus nach Thailand kam, glaubten die Menschen, dass Geister Orte, Bäume und Landschaften bewohnen. Dieser Glaube ist bis heute überall sichtbar: Alte Bäume sind mit bunten Tüchern umwickelt, weil ein Geist in ihnen wohnt. Fast jeder Thai trägt ein Schutzamulett um den Hals, und manche lassen sich von Mönchen Tattoos mit heiligen Schriftzeichen stechen.

    Die sichtbarste Tradition aber sind die Geisterhäuser. Wer ein Grundstück bebaut, nimmt den Geistern ihr Zuhause. Das Geisterhäuschen ist die Entschädigung, eine neue Bleibe für den Schutzgeist des Landes. Im Gegenzug beschützt er Haus und Bewohner. Wird er vernachlässigt, kann es Unglück geben.

    Für die Platzierung gibt es strenge Regeln, die ein brahmanischer Priester oder Astrologe festlegt. Die wichtigste davon: Der Schatten des Hauptgebäudes darf nie auf das Geisterhäuschen fallen. Er würde den Geist unterdrücken. Es darf nicht Richtung Toilette zeigen, nicht links neben einer Tür stehen und nicht auf eine Straße gerichtet sein. Geburtsdatum des Besitzers und Ausrichtung des Grundstücks fließen in die Berechnung des perfekten Standorts ein.

    Die kleinen Figuren im Inneren haben alle eine Funktion. Diener kümmern sich um den Geist, Tänzerinnen unterhalten ihn, Elefanten und Pferde stehen als Transportmittel bereit. Die Geisterhäuser werden täglich gepflegt. Jeden Morgen räumt jemand die alten Gaben ab und stellt frische hin.

    Neben den üblichen Blumenkränzen und Räucherstäbchen fiel uns vor allem eines auf: die rote Fanta. Sie steht vor fast jedem Geisterhäuschen, manchmal eine kleine Flasche, manchmal gleich zehn auf einmal. Auch vor Ort konnte uns niemand so richtig erklären, woher die Tradition kommt. Manche vermuten, die rote Farbe ersetze frühere Tieropfer. Andere sehen den Ursprung in einem alten Kräutergetränk aus Palmzucker, das traditionell rosa war. Sicher ist nur: Die Geister mögen es süß und rot. Neben der Fanta findet man alles Mögliche, von Zigarren über Whisky und Süßigkeiten bis hin zu Spielzeugautos.

    Was passiert mit einem Geisterhäuschen, das alt oder kaputt ist? Wegwerfen kommt nicht in Frage. In der Regel stellt man einfach ein neues daneben und lässt das alte stehen. Falls es doch entfernt werden muss, bestimmt ein Priester den richtigen Zeitpunkt, und die Seele wird feierlich in das neue Häuschen umgesiedelt. Die alten kommen danach auf einen Geisterhaus-Friedhof, meist unter großen Bodhi-Bäumen bei Tempeln. Im Bodhi-Baum, unter dem auch Buddha die Erleuchtung fand, wohnt nach thailändischem Glauben ein mächtiger Schutzgeist, der die heimatlosen Seelen tröstet.

    Häufig steht direkt neben dem Geisterhäuschen noch ein zweites: ein Hindu-Schrein, meist mit einer Figur von Brahma, dem viergesichtigen Schutzgott, oder Ganesha, dem elefantenköpfigen Gott des Glücks. Mit dem Animismus haben diese Schreine nichts zu tun – sie kamen erst Jahrhunderte später mit dem Hinduismus aus Indien ins Land. Dass beides heute friedlich nebeneinandersteht, ist typisch für Thailand: Animismus, Hinduismus und Buddhismus ergänzen sich hier ganz selbstverständlich.

    Wie tief der Geisterglaube im Alltag verankert ist, zeigt eine Geschichte aus Bangkok. In den Fünfzigerjahren häuften sich beim Bau des Erawan-Hotels die Unglücksfälle: Arbeiter wurden verletzt, ein Schiff mit teurem italienischem Marmor sank auf dem Weg zur Baustelle. Astrologen stellten fest, dass der Grundstein am falschen Tag gelegt worden war. Man errichtete einen Schrein für den Gott Brahma, und danach lief der Bau reibungslos. Der Schrein steht bis heute. Wer sich für einen erfüllten Wunsch bedanken möchte, kann dort Tänzerinnen buchen, die zu Ehren Brahmas auftreten.

    Früher wurden Geisterhäuser von Hand aus Holz geschnitzt, heute kommen die meisten aus der Fabrik, gegossen aus Beton. Man kauft sie in Geschäften, die an Gartencenter erinnern. Das Handwerk hat sich verändert, der Glaube nicht. Selbst vor Bangkoks Wolkenkratzern und Tech-Startups stehen Geisterhäuschen mit frischen Blumen und glimmenden Räucherstäbchen. Wir haben jedenfalls auf jeder Straße neue Varianten entdeckt.
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  • Goldenes Dreieck: Kopfgeld, Opium und die CIA

    February 21 in Thailand ⋅ ☀️ 31 °C

    An einem Dreiländereck im Norden Thailands treffen Thailand, Myanmar und Laos aufeinander. Das sogenannte Goldene Dreieck ist heute ein unscheinbarer Aussichtspunkt mit einem goldenen Buddha am Fluss und Souvenirständen, aber hier wurde Weltgeschichte geschrieben.

    Die Bergvölker der Region bauten schon seit Jahrhunderten Schlafmohn an. Die Höhenlagen boten das richtige Klima, und die Berge waren so abgelegen, dass keine Regierung kontrollieren konnte, was dort oben passierte. Doch aus dem lokalen Anbau wurde ein globales Geschäft, als nach dem chinesischen Bürgerkrieg 1949 tausende besiegte Soldaten über die Grenze flohen. Sie brauchten Geld für ihre Geheimarmee und drängten die Bauern zum großflächigen Mohnanbau. Das Opium wurde mit Gold bezahlt, daher der Name Goldenes Dreieck. Die Soldaten transportierten es in meilenlangen Maultierkarawanen aus den Bergen und betrieben bald eigene Heroinraffinerien. Unterstützt wurden sie von der CIA, die sie mit Waffen versorgte und mit Air America, einer als zivil getarnten Fluglinie, ein Netz aus Landebahnen und Flugverbindungen in den abgelegenen Bergregionen aufbaute. Offiziell im Kampf gegen den Kommunismus, doch dieselbe Infrastruktur diente auch dem Opiumtransport.

    Einer von ihnen wurde mächtiger als alle anderen: Khun Sa, der „Prinz des Wohlstands". Zu seinen Hochzeiten kontrollierte er mit einer Privatarmee von 20.000 Mann den Großteil der Opiumproduktion Myanmars. Seine Truppen waren besser bewaffnet als das myanmarische Militär. Auf dem Höhepunkt seiner Macht stammten 80 Prozent des in New York verkauften Heroins aus seiner Produktion. Khun Sa bot der US-Regierung an, seine gesamte Opiumernte aufzukaufen, dann wäre der Heroinhandel erledigt. Die USA lehnten ab und setzten stattdessen ein Kopfgeld von zwei Millionen Dollar auf ihn aus. 1996 ergab er sich überraschend der burmesischen Regierung, zog mit seinem Vermögen und vier jungen Geliebten nach Rangun und investierte in Immobilien und Rubinminen.

    Dass Thailand heute nicht mehr für Opium steht, liegt vor allem an zwei Personen. König Rama IX. half den Bergvölkern in den Siebzigerjahren, von Mohn auf andere Einkommensquellen umzusteigen. Auch seine Mutter, eine der verehrtesten Frauen Thailands, engagierte sich. Ende der Achtzigerjahre besuchte sie das Gebiet um den Berg Doi Tung. Die Bergvölker dort lebten in bitterer Armut, ihr einziger Verdienst war Opium. Sie ließ auf dem Berg eine Residenz bauen und zog mit Ende achtzig selbst ein. Unter ihrer Führung stellten die Bauern von Mohn auf Kaffee, Tee und Macadamia-Nüsse um. Das Einkommen der Familien verzehnfachte sich.

    Der Ansatz gilt heute international als Vorbild. Allerdings ging Thailand zur Bekämpfung des Drogenproblems auch härtere Wege. 2003 wurden bei der Regierungskampagne „War on Drugs" innerhalb von drei Monaten rund 2.500 mutmaßliche Drogenhändler getötet, von denen viele rückblickend keine nachweisbaren Verbindungen zum Drogenhandel hatten. Bis heute wurde niemand dafür zur Verantwortung gezogen.

    Das Drogenproblem der Region ist damit nicht verschwunden, es hat sich gewandelt. In Myanmar werden heute statt Opium auf Feldern synthetische Drogen wie Methamphetamin in Laboren produziert, industriell und in Mengen, die alles Bisherige übertreffen. Seit dem Militärputsch 2021 kontrolliert in den Grenzgebieten niemand mehr, was passiert.

    Das Grenzgebiet hat aber noch eine andere Schattenseite. Auf der laotischen Seite liegt die Golden Triangle Special Economic Zone, ein Komplex aus Kasinos und Hotels. Laos hat das Gebiet an einen chinesischen Geschäftsmann verpachtet, der dort mit eigenen Sicherheitskräften und eigenen Gesetzen regiert. Weil Glücksspiel in China und Thailand verboten ist, kommen die Kunden vor allem von dort. Die USA haben wegen Drogenhandel, Geldwäsche und Menschenhandel Sanktionen gegen den Betreiber verhängt. Angeblich ist die Zone auch eines der Zentren für die sogenannten Scam-Compounds, Anlagen in denen Menschen mit falschen Jobangeboten angelockt und zu Online-Betrug gezwungen werden.

    Im Dorf Sop Ruak zeichnet ein kleines Opium-Museum die Geschichte des Anbaus und Handels mit Werkzeugen und Pfeifen nach. Etwas außerhalb liegt die Hall of Opium, ein großes Multimedia-Museum, das leider nicht auf unserem Tourplan stand, aber sehr interessant sein soll. Extra hinfahren würden wir für das Goldene Dreieck nicht, aber es ist bei den meisten Touren ab Chiang Rai enthalten.
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