• Muay Thai: K.O. im Rajadamnern 🥊

    February 10 in Thailand ⋅ ⛅ 32 °C

    Muay Thai gehört zu Thailand wie Fußball zu Brasilien. Das wollten wir uns natürlich live ansehen, und zwar dort, wo der Sport zu Hause ist: im Rajadamnern Stadium in Bangkoks Altstadt.

    Übersetzt bedeutet Muay Thai schlicht „thailändisches Boxen". Bekannter ist der Sport aber als „Kunst der acht Gliedmaßen", weil Kämpfer nicht nur Fäuste und Füße einsetzen, sondern auch Ellenbogen, Knie und Schienbeine. Der Körper selbst wird zur Waffe, und jeder dieser Kontaktpunkte hat eigene Techniken und Einsatzmöglichkeiten. Diese Vielseitigkeit ist der Grund, warum heute fast jeder MMA-Kämpfer auch Muay Thai trainiert.

    Die Wurzeln des Sports reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück, als thailändische Soldaten die Kampfkunst als Nahkampftechnik auf dem Schlachtfeld entwickelten. Wenn Schwert und Speer versagten, kämpften sie mit dem, was ihnen blieb. Lange war der Sport eher bei Dorffesten und Tempelfeierlichkeiten zu sehen, ohne einheitliche Regeln. Die Rundenlänge wurde zum Beispiel danach bemessen, wie lange eine durchbohrte Kokosnuss brauchte, um in einem Wassereimer zu versinken.

    Erst im 20. Jahrhundert kamen Gewichtsklassen, feste Rundenzeiten und Boxhandschuhe dazu. 1945 eröffnete das Rajadamnern als erstes Muay Thai-Stadion der Welt, ursprünglich als offene Arena, die später überdacht und mehrfach modernisiert wurde. 2022 durften nach fast acht Jahrzehnten erstmals Frauen im Rajadamnern kämpfen. Das Stadion bietet jeden Abend Kämpfe mit unterschiedlichen Programmen an. An manchen Abenden wird traditionelles Muay Thai gezeigt, mit fünf Runden pro Kampf, technisch versierten Kämpfern und einer lautstarken Wettkultur auf den oberen Rängen, wo Zuschauer ihre Einsätze per Handzeichen kommunizieren. Wir waren an diesem Abend beim „Rajadamnern Knockout", einem Entertainment-Format mit sieben Kämpfen à drei Runden, das auf schnelle, entscheidende Finishes setzt. Zwei der sieben Kämpfe endeten mit K.O.

    In Thailand beginnen viele Kämpfer schon als Kinder mit dem Training, manche bereits im Alter von fünf oder sechs Jahren. Besonders im armen Nordosten des Landes, dem Isaan, ist ein Kampfpreis oft mehr wert als Wochen auf dem Feld. Erfolgreiche Kämpfer genießen in ihren Dörfern hohes Ansehen. Muay Thai ist dort nicht einfach Sport, sondern ein Weg nach oben. Die Gyms, in denen viele von ihnen aufwachsen, sind Trainingscamp, Verein und Zuhause in einem. Wer für ein Gym antritt, trägt dessen Namen als Nachnamen und wechselt ihn, wenn er das Gym verlässt.

    Vor jedem Kampf führen die Kämpfer den Wai Kru auf, einen rituellen Tanz zu Ehren ihres Lehrers, ihrer Eltern und des Sports selbst. Begleitet wird er von einer Live-Band, deren Musik auch während der Kämpfe weiterläuft und ihr Tempo der Intensität anpasst: langsam und feierlich beim Ritual, zunehmend drängend, wenn der Kampf eskaliert.

    Das Publikum war überwiegend international, und auch die Inszenierung wirkte modern und klar auf dieses Publikum zugeschnitten. Ein Moderator führte durch den Abend, zwischen den Kämpfen erzählten kinoartige Projektionen auf einer riesigen Kuppel die Geschichte des Sports und des Stadions. Wir hatten den Eindruck, hier eine Version von Muay Thai zu erleben, die bewusst zugänglich gestaltet ist – vielleicht nicht die lokal geprägteste Atmosphäre, aber auf jeden Fall eine mitreißende Erfahrung, die uns in Erinnerung bleiben wird.
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