• Cat Ba: Zwischen Karstfelsen und Baukrän

    March 29 in Vietnam ⋅ ☁️ 26 °C

    Cat Ba ist die größte Insel im Golf von Tonkin, etwa drei Stunden östlich von Hanoi, und gilt als die ruhigere Schwester der berühmten Ha Long Bay. Seit wenigen Jahren zählen beide gemeinsam zum UNESCO-Weltnaturerbe. Der Name leitet sich von „Các Bà" ab, vietnamesisch für „die Frauen": Der Legende nach trieben die Körper dreier Frauen an die Strände der Insel, die Fischer errichteten Tempel für sie und benannten die Insel nach ihnen. Die Tempel stehen bis heute, verstreut über die ganze Insel.

    Wer Ha Long Bay googelt, findet Bilder von Karstfelsen, die aus smaragdgrünem Wasser ragen. Was die Bilder nicht zeigen: die Hunderte Ausflugsboote, die sich durch die Bucht drängen und den Plastikmüll auf dem Wasser. In der angrenzenden Lan Ha Bay rund um Cat Ba geht es deutlich entspannter zu. Wie lange noch, ist eine andere Frage.

    Unsere Bootstour durch die Lan Ha Bay führte uns mitten hinein in die Karstlandschaft. Die Felsen ragen bei jedem Wetter eindrucksvoll aus dem Wasser, manche nur wenige Meter breit, andere bewachsen wie kleine Dschungelinseln. Dazwischen öffnen sich enge Durchfahrten und versteckte Buchten. Wir paddelten mit dem Kajak durch die Landschaft, vorbei an Fischfarmen und schwimmenden Dörfern. Neben den Tagestouren bieten viele Anbieter auch Fahrten mit einer oder zwei Übernachtungen auf dem Boot an.

    Wer durch diese engen Durchfahrten paddelt, versteht sofort, warum diese Gewässer jahrhundertelang als Piratennest galten. Noch im 19. Jahrhundert dienten die versteckten Buchten und Höhlen der Karstinseln chinesischen und vietnamesischen Piraten als Basis. Im Golf von Tonkin operierte damals auch die größte Piratenflotte der Geschichte: über 1.800 Schiffe, kommandiert von Zheng Yi Sao, einer ehemaligen Prostituierten, die nach dem Tod ihres Mannes dessen Flotte übernahm und auf 70.000 Piraten in sechs Flotten ausbaute. Weder die chinesische Marine noch die portugiesische Flotte aus dem nahen Macau konnten sie besiegen. Am Ende handelte sie einen Amnestie-Deal aus, durfte ihren Reichtum behalten und verbrachte den Rest ihres Lebens als Besitzerin eines Spielhauses.

    Die schwimmenden Dörfer sind mehr als eine Kulisse für Touristen. Manche Familien leben seit über 300 Jahren auf dem Wasser. Das größte Dorf, Cua Van, hatte einmal über 700 Bewohner, eine schwimmende Schule und sogar eine schwimmende Polizeistation. Einige der Bewohner waren Nachfahren von Fischern, die sich in den Vierzigerjahren vor der japanischen Besatzung aufs Wasser geflüchtet hatten. Ab 2014 siedelte die vietnamesische Regierung die meisten Bewohner an Land um, offiziell aus Umweltschutzgründen. Viele Fischer verloren dabei ihre Lebensgrundlage und konnten sich an das Leben an Land nicht anpassen. Was wir sahen, waren die letzten Reste einer verschwindenden Lebensweise.

    Zurück auf der Insel ging es mit einem klapprigen, jahrzehntealten Militärjeep sowjetischer Bauart hinauf in den Cat Ba Nationalpark. Der Pfad war gut ausgebaut, die Wanderung mit knapp zweieinhalb Stunden nicht besonders lang. Trotzdem haben wir noch nie so geschwitzt. Die tropische Luft stand zwischen den Bäumen wie eine Wand, jeder Schritt trieb neue Schweißperlen. Uns ging es wie allen anderen auf dem Weg: durchnässt bis auf die Haut, halb lachend, halb stöhnend.

    Der Nationalpark ist auch die Heimat eines der seltensten Säugetiere der Welt: des Cat Ba Langur, eines Affen mit goldenem Kopf und schwarzem Fell, der ausschließlich auf dieser Insel vorkommt. In den Sechzigerjahren lebten noch fast 3.000 Tiere hier. Dann wurden sie für die traditionelle Medizin gejagt: Ihre Knochen wurden in Reisalkohol eingelegt und als Heilmittel gegen Gelenkschmerzen verkauft. Um die Jahrtausendwende waren kaum noch Tiere übrig. Seitdem kümmert sich ein von einer deutschen Organisation geleitetes Schutzprojekt um die Population, die sich langsam auf rund 90 Tiere erholt hat. Gesehen haben wir keinen, bei so wenigen Exemplaren wäre das auch ein kleines Wunder gewesen.

    Auf unserer Liste stand auch die Hospital Cave, ein dreistöckiges Militärkrankenhaus, das im Vietnamkrieg in einen Felsen gebaut wurde. Die Anlage hatte einen Operationssaal, ein Kino und konnte über 100 Patienten gleichzeitig versorgen. Trotz intensiver Bombardierung wurde sie nie entdeckt. Bei unserem Besuch war die Höhle leider geschlossen.

    Während sich die beliebten Strände im Süden schon früh mit Selfie-Sticks und Stativen füllen, fanden wir weiter im Norden noch echtes Inselgefühl: einen unerschlossenen Strand mit einer gemütlichen Strandbar, die wir uneingeschränkt empfehlen können. Beim Spaziergang wunderten wir uns zuerst, warum sich der ganze Boden zu bewegen schien. Es waren Sandblasenkrebse, die bei jedem Schritt blitzschnell in ihren Löchern verschwanden. Rund um die Eingänge hatten sie kunstvolle Sternmuster aus winzigen Sandkugeln gelegt, ein beeindruckendes kleines Naturschauspiel.

    Cat Ba Town selbst wirkte auf uns wie ein gemütliches Urlaubsdorf, noch verschlafen in der Nebensaison. Dieser Eindruck dürfte sich bald grundlegend ändern. Denn auf Cat Ba wird gebaut, an allen Ecken gleichzeitig. Abends sieht die Baustelle aus wie eine riesige Schiffswerft. Die Bucht von Cat Ba Town, die auf Google Maps noch zu sehen ist, existiert in der Realität bereits nicht mehr. Die Sun Group, einer der größten Tourismuskonzerne Vietnams, hat begonnen, einen Großteil der Bucht aufzuschütten. Geplant sind Hochhäuser, Luxusvillen, Hotels und ein künstlicher Strand. In der Nachbarbucht entsteht ein fast viermal so großes Megaprojekt: sieben Resorts mit über 800 Villen, drei Marinas, sechs Fünfsterne-Hotels, ein Casino und ein Themenpark. Zusammen über eine Milliarde Dollar Investitionsvolumen.

    Cat Ba galt lange als die ruhigere Alternative für alle, denen Ha Long Bay zu voll, zu laut und zu dreckig geworden war. Genau dieser Ruf zieht jetzt das große Geld an. Wenn die Tausenden neuen Hotelzimmer fertig sind, wird Cat Ba vermutlich aussehen wie das, wovor die Leute hierhergeflohen sind. Wir waren froh, die Insel noch so erlebt zu haben.
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