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  • Day89

    Haie - die Cremeschnitten der Meere

    April 15, 2018 in Ecuador ⋅ ⛅ 23 °C

    Bevor wir über den phänomenalen Galapagos-Cruise sprechen, gilt es noch ein anderes Thema zu verarbeiten. Was hier als „Fähre“ bezeichnet wird, sind in Wirklichkeit private Schnellboote in diversen Grössen und Formen. Wie alles andere auf den Inseln hier, sind natürlich auch die Überfahrten von Insel zu Insel in etwa so teuer, wie ein innereuropäischer City-Trip per Flugzeug. Unser angepeiltes Budget wird also auch vor dem Cruise täglich massiv überschritten und wir werden wohl Monate brauchen, um mittels Übernachten in Hinterhöfen und strikter 0-Kalorien-Diät - die wir uns nach der ganzen Völlerei an Bord körperlich aber auch leisten können - wieder in den grünen Bereich von hundert Stutz pro Tag zu kommen. Unsere Fähre - Andy I - von San Cristobal zurück nach Santa Cruz war sehr zu meinem Missfallen total überfüllt. Ich zählte 34 Personen, wo 26 erlaubt und für 26 gebaut. Komfort ist eine Sache. Mit Sardinen-Feeling könnte ich nach knapp 3 Monaten auf Reisen ja problemlos leben. Wir haben schon auf schlechterem Papier geschrieben, zu schlechterer Musik getanzt ... ihr wisst schon was ich meine. Aber Offshore-Fahrten mit Kindern und Babys an Bord ohne genügend Safety-Equipment ist nicht einmal für die ebenfalls total überteuerten Überfahrten von Afrika nach Lampedusa akzeptabel. Und hier, wo man sich offiziell gegen Massentourismus und für ein preisgesteuertes und durchaus sinnvolles Level von Exklusivität ausgesprochen hat, schon gar nicht. Da krigisch son Hals!

    Die nach glücklicherweise ereignisloser Überfahrt darauf angesprochene Reise-Agentur kann natürlich nichts machen. War ja klar. Da das örtliche Tourist-Office halbwegs auf dem Weg zur Tortuga Bay liegt und ich ein Mal im Leben das Richtige tun will, laufen wir für eine kurze Beschwerde zum Wohle der nächsten Passagiere eben dort hin. Wie sich herausstellt, sind die aber auch nicht zuständig. Bei Andy I handle es sich um Teil des „öffentlichen Verkehrs“, der unter die Hoheit des Transport-Ministeriums fällt. Hm, soso. Da das Ministerium mit ein wenig Fantasie auch noch auf dem Weg liegt, schlendern wir eben noch dorthin. Zu meiner Überraschung spricht der junge Mann hinterm Schreibtisch richtig gutes Englisch. Als er ebendieses Englisch dazu nutzt, uns das schriftliche Vorgehen für Beschwerdemeldungen zu erklären, reisst bei mir irgend so ein Faden. Oder wie wir manchmal sagen, „simmer Dröht zämecho“. Ich mache hier Ferien und versuche der hiesigen Community irgendwie zu helfen bzw. das Richtige zu tun! Genervt und bestimmt wenig freundlich darauf angesprochen, ist der nette Mann umgehend bereit, den Fall und das zugehörige Beweisfoto mündlich und per WhatsApp entgegenzunehmen. Ausserdem zeigte man sich ob der geteilten Informationen und Bilder äusserst dankbar, denn eine solche Verfehlung wäre ganz und gar nicht im Sinne der mega coolen Galapagos Community. Geht doch. Somit entstand auch aus dieser brenzligen Situation keine tödliche Rangelei und niemand kam ernsthaft zu Schaden. Gar nicht so einfach, das Richtige zu tun. Und werd ich im Alter noch zum Berufsnörgler? Wir werden sehen.

    Wobei, wenn wir schon hier sind, gäbe es da noch eine zweite Sache. Die weissen, schwarzen und roten Strände sind ja echt paradiesisch, das wird niemand bestreiten. Aber die mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit nicht endemische Spezies der Bremsen (nein, nix Auto-Anhalter, beissende Viecher bei uns bekannt als „Brääme“) gehören bekämpft und aus dem Paradies verbannt. Die haben definitiv viel zu oft von Eva’s Apfel bzw. unseren Beinen genascht. Kleine Wixer die. So, nun ist aber genug des Negativen, denn die anderen 99% sind einfach nur wow, einmalig und einzigartig! Das gilt auch für unseren Cruise zu ein paar entlegenen Orten des Archipels. Unser Schiff - die Encantada - ist eine altehrwürdige Dame, die nach 40 Jahren ihren letzten Monat im Dienst steht. Danach wird auch dieses vergleichsweise kleine aber sehr gemütliche Segelschiff durch eine grosse, luxuriöse Motoryacht ersetzt. Die Backpacker-Optionen für günstige Cruises werden also noch weniger und wir kommen erst als alte reiche Säcke wieder.

    Im aktuellen Fall kümmert sich eine 6-köpfige Crew um 10 (Budget-)Gäste aus 8 Nationen. Neben uns Schweizern kommen die im Schnitt gleichaltrigen und überaus unterhaltsamen Mitreisenden aus England, Belgien, Spanien, Kanada, Südafrika, Schweden und Israel. Hm. Ich bin mir nach dem Tauchen ziemlich sicher, dass mich der Mossad nach wie vor auf dem Radar hat. Die Stimmung ist aber trotz oder gerade wegen dem von Beginn weg gut. Auch noch nachdem wir herausgefunden haben, dass für mitgebrachte Weine eine Kork-Gebühr von $10 erhoben wird. Was sonst zu umgehender Meuterei und zahlreichen Toten führen kann, nehmen wir an diesem Tag gelassen. Saufen wir die Fläschchen eben in der Koje oder am Strand bei den Krebsen. Darin sind wir ja gut. Bzw. ich. Sue legt sich ja jeweils an die pralle Sonne und arbeitet an ihrer Bräune. Obwohl sie ohnehin schon die Bräunste ist. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob sich diese Arbeiterkind-Optik auf längere Zeit mit meiner noblen Blässe vereinbaren lässt. Wir werden sehen. Aber wo war ich? Egal, ist echt schön hier. Und den Wein haben wir dann doch mit unseren Companions an Bord gesoffen. Für ein Mal nicht Budget und eher nach dem alten Motto: „Was ihr möged heusche, ...“

    Die Inselbesuche sämtlicher Cruises sind untereinander gut abgestimmt und so werden wir Touris immer nur portioniert, in kleinen Gruppen und mit diversen Regeln auf die hiesige Flora und Fauna losgelassen. Man fühlt sich definitiv mehr als Gast auf diesen Inseln als dass die Tiere hier zu Gast wären. Und ja, es ist wie Discovery Channel. Oder besser. Man steht eine halbe Stunde an der selben Stelle und beobachtet mehr Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum als der tolle Züri-Zoo gesamthaft zu bieten hat. Ok, ich bin sicher der Vergleich hinkt, aber das ist mir scheiss egal. Es ist auf jeden Fall alles verdammt eindrücklich hier. Und das wird hoffentlich auch so bleiben. Auf eine kitschige Geschichte mit all den putzigen Tierchen - wobei im Falle von Seelöwen neben „putzig“ auch „verspielte stinkende Fettrolle“ eine präzise Beschreibung wäre - verzichte ich an der Stelle, dafür erlaubt FindPenguins ja die 10 Fotos pro Post. Die haben wir hier übrigens auch wieder gefunden - diese putzigen Pinguinchen. Mission somit schon 6x erfüllt. Verdammte Streber wir.

    Die ersten zwei Nächte auf See wurde dank mittlerem Wellengang und laut ratterndem Motor - die alte Lady brauchte nachts jeweils 10-12h, um zum nächsten Spot zu kommen - nicht viel geschlafen. Aber auch das vermochte die Stimmung an Bord nicht trüben. Der geile Koch in Kombination mit unzähligen tierischen Highlights waren dabei sicherlich hilfreich. Erwähnen möchte ich nur deren zwei, denn vom seltenen Phänomen der bis zu zwei Meter aus dem Wasser schiessenden Manta-Rochen gibt es leider kein Bildmaterial und das Schnorcheln mit einem grossen Schwarm der hier eher seltenen, scheuen und über zwei Meter grossen Mola Molas erinnerte mich umgehend an Segeln in Kroatien. Während Karpf, Kummler und Rode eine unerklärliche graue Sichtung als ungewöhnliches und totes Treibgut abtaten, wusste der schlaue Lipp natürlich genau worum es sich beim auf dem Wasser treibenden Riesen-Diskuss handelte: „Dasch e Mooondfisch!“ ... Furchtbar komische und daher umso faszinierendere Fische die der Toni so kennt. Bravo Anton.

    Wenngleich die knapp zwei Wochen Galapagos kräftig vom Budget gezehrt haben, markieren sie sicherlich den bisherigen Höhepunkt unserer Reise und wir würden es jederzeit wieder so machen.  Einfach nur wow! Eine äusserst interessante Entwicklung gab es denn auch in Beziehung zu Haien. Hat vor dem Cruise allein der Gedanke an die gefrässigen Tötungsmaschinen eine gewisse Beklemmung in mir ausgelöst, wurde aus der kurzen Passion für die eleganten Räuber ziemlich direkt eine Obsession. Ein Schnorcheln ohne Hai-Sichtung ist demnach wie eine Cremeschnitte ohne Zuckerdeckel und wann immer ich einen Hai vom Boot aus sehe, ist da umgehend dieser Drang, ins Wasser springen zu müssen. Vergleichbar mit dem inneren Drang beim Anblick einer frischen Cremeschnitte, sich diese sofort und in einem Stück zwischen die Kiemen schieben zu wollen. Bisher konnte ich widerstehen, aber wer weiss wie lange noch ... 
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