• Arbeiten, sparen, warten

    2 Agustus, Kanada ⋅ 🌬 29 °C

    Nach den ersten Tagen der Eingewöhnung auf der Dairy Farm verschwindet die Zeit plötzlich im Alltag. Anders als auf unseren bisherigen Reisen gibt es diesmal kaum Sehenswürdigkeiten, Wanderungen oder Roadtrips, von denen wir berichten könnten. Stattdessen bestimmen Arbeit, Routine und das große Ziel unseren Alltag: noch einmal möglichst viel Geld zurücklegen, bevor der nächste Reiseabschnitt beginnt.

    Den kanadischen Winter überstehen wir dabei besser, als wir zunächst erwartet hatten. Die Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt sind zwar gewöhnungsbedürftig, doch mit der richtigen Kleidung und etwas Routine verlieren selbst –30 Grad irgendwann ihren Schrecken. Faszinierend bleibt trotzdem, wie sehr das Wetter hier den Alltag bestimmt. Selbst einfache Dinge wie das morgendliche Starten des Autos oder die Arbeit draußen werden bei solchen Temperaturen zu kleinen Herausforderungen.

    Nach dem langen Winter folgt ein Frühling, der seinen Namen kaum verdient. Mal fühlt es sich nach Sommer an, wenige Tage später kehrt der Frost zurück. Erst langsam setzt sich die Wärme durch, bis schließlich der Sommer Einzug hält. Inzwischen klettert das Thermometer regelmäßig auf über 30 Grad.

    Den größten Teil unserer Zeit verbringen wir jedoch bei der Arbeit. Zwar arbeiten wir nicht ganz so viele Stunden wie damals auf der zweiten Farm in Australien, doch mit rund 110 Stunden in zwei Wochen kommt auch hier einiges zusammen. Inzwischen sitzen die Abläufe, jeder Handgriff geht automatisch, und der Tagesrhythmus ist längst zur Gewohnheit geworden.

    Auch unser Lebensstil hat sich den Umständen angepasst. Wir kochen fast ausschließlich selbst, gehen nur selten essen und unternehmen nur wenig. Das liegt zum einen daran, dass wir weiter sparen möchten, zum anderen aber auch an unserer Umgebung. Mit der Region rund um Steinbach und La Broquerie werden wir einfach nicht richtig warm. Manitoba hat sicherlich seine schönen Ecken, doch direkt vor unserer Haustür gibt es nur wenige Ausflugsziele. Unser bisher größtes Freizeiterlebnis ist deshalb tatsächlich ein Wochenendausflug zu einem Haus am See - nur um mal raus zu kommen.

    Für etwas mehr Spannung sorgt dafür das Wetter. Neu für uns sind die offiziellen Tornadowarnungen, die direkt von der kanadischen Regierung auf unseren Handys erscheinen. Beim ersten Alarm wissen wir zunächst gar nicht so recht, was wir davon halten sollen. Doch als tatsächlich unweit unserer Farm ein Tornado durchzieht, wird uns bewusst, dass diese Warnungen alles andere als theoretisch sind. Zum Glück bleiben wir selbst verschont, doch dieses Erlebnis zeigt uns eindrucksvoll, mit welchen Naturgewalten die Menschen in den kanadischen Prärien leben.

    Die eigentlichen Stars unseres Farmalltags sind allerdings ganz andere Bewohner: die unzähligen Katzen. Auf der Farm leben mehrere Samtpfoten, und immer wieder gibt es Nachwuchs. So vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht das ein oder andere Kätzchen auf dem Arm haben oder beobachten, wie die kleinen Fellknäuel neugierig ihre Umgebung erkunden. Nach einem langen Arbeitstag sorgen sie regelmäßig für gute Laune und sind vermutlich das größte Highlight unseres Alltags.

    Da größere Ausflüge eher die Ausnahme bleiben, verlagert sich unsere Freizeit zunehmend nach drinnen. Wir puzzeln, spielen gemeinsam und genießen die ruhigen Abende. Das klingt vielleicht unspektakulär, doch genau dadurch geben wir deutlich weniger Geld aus als ursprünglich geplant. Unser Sparziel rückt schneller näher, als wir es uns erhofft hatten.

    Und plötzlich ist der Moment da, auf den wir seit Monaten hinarbeiten. Der Arbeitsalltag neigt sich dem Ende zu. In knapp drei Wochen heißt es Abschied nehmen von der Farm, den Kühen, den Kätzchen und unserem inzwischen vertrauten Tagesrhythmus. Dann beginnt endlich der Teil unseres Working-Holiday-Abenteuers, auf den wir uns die ganze Zeit gefreut haben: unsere Reise quer durch Kanada. Nach einem halben Jahr voller Arbeit fühlt sich dieser Gedanke fast unwirklich an – und gleichzeitig können wir es kaum erwarten, wieder jeden Morgen mit der Frage aufzuwachen, wohin uns der Tag als Nächstes führen wird.
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