Kandy
Dec 13–16, 2025 in Sri Lanka ⋅ 🌧 24 °C
Kandy, ja, was erwartet uns da wohl. Seit Wochen bin ich am Überlegen, sollen wir da hin? Der Katastrophenalarm wurde ausgerufen, es gibt bereits mehr als 700 Todesopfer und mehr als 200 Menschen werden noch vermisst. Aus der Frage sollen wir, wird schnell die Frage sollten wir, dürfen wir? Die eine Seite ist die Sicherheit. Die andere Seite die des moralischen Dürfens. Urlaub machen, wo andere gerade alles verloren haben? Ich habe mich lange vor der Beantwortung dieser Frage gedrückt und mir gesagt, die Zeit wird es zeigen und vor Ort ist die Informationslage besser. Nun, jetzt sind wir vor Ort. Und wir fahren nach Kandy. Die Straßen sind mehr oder weniger befahrbar. Jeder sagt, man könne es machen. Keiner sagt natürlich, ob man es machen darf. Ehrlicherweise bekommen wir erst vor Ort eine Antwort auf das Dürfen. Es ist ein eingeschränktes „Ja“. Letztlich muss das jeder für sich entscheiden. Wir werden überall mit offenen Armen empfangen und spüren, dass sich die Menschen tatsächlich freuen, uns zu sehen. Der Tourismus spielt hier eine sehr wesentliche Rolle. Es ist Hauptsaison und die Touristen bleiben weg. So folgt schnell eine Katastrophe der nächsten. Natürlich bleibt ein ungutes Gefühl, sowohl für das Soll also auch für das Sollte. So hohlt uns das Sollte auch schon wieder schnell ein, als uns der Manager bei der Begehung des Hotels, dessen einzige Gäste wir sind, erwähnt, dass seine Mutter in den Fluten gestorben ist. Die unangenehme Stille, die auf diesen Satz folgt, überspielen wir alle, in dem wir uns weiter der Führung durch das Haus widmen. Wir kommen später mit ihm auf dieses Thema noch einmal zurück. Alles braucht seine richtige Zeit und so würdigten wir seinen Verlust später.
Das Hotel selbst ist ein Traum. Das eigentlich gebuchte Hotel musste mir absagen, und ich habe kurzerhand dieses, wenn auch etwas teurere gebucht. Ein Oase mit Designermöbeln von Cane Cult. Die Tochter des Inhabers ist selbst die Designerin. Ich merke wieder einmal, das mich Häuser mit Geschichte und Stil beeindrucken. So geht der Tag zu ende, indem ich im Sessel sitze, eine Kräuterpaste, die ich am Weg gekauft habe, auf der Brust zum Inhalieren, dem Regen und Getrappel der Affen auf dem Dach lausche und schreibe.
Kandy ist ein hektischer Ort, aber dennoch sehr angenehm. Das Highlight, spirituell gesehen wohl vom gesamten Land, ist der Zahntempel. Eine der wenigen Relikte von Buddha, ein Zahn, ist hier zu verehren. Man bekommt ihn aber nur einmal im Jahr zu sehen. Ansonsten ist er unter 7goldenen Hauben, die mit Edelsteinen verziert sind, bedeckt. Massen von Menschen kommen und bringen Blumen. Und vor allem Geld. Es muss einer der reichsten Tempel des Landes sein. Geld scheffeln hat hier eine wörtliche Bedeutung. Der Tempel unterstützte wohl die Regierung mit einer nicht unerheblichen Summe Geld zur Unterstützung der Betroffenen der Naturkatastrophe.
Abends kommen wir mit dem Inhaber des Hotels ins Gespräch. Er ist 75 Jahre alt und sieht selbst ein wenig wie ein Buddha aus mit seinem kahlen, runden Kopf und dem Tuch um seine Hüfte. Er erzählt aus seinem Leben, das er auch teilweise in England verbracht hat. So kamen wir auch auf das politische System zu sprechen und wie sich die politische Elite an dem Land bereicherte, bis es 2022 zu einem Aufstand kam. Die Familie von Grandpa, so sollen wir ihn gern nennen, da ihn alle so nennen, ist eng verbunden mit der Entwicklung von Sri Lanka. So wollte Grandpa mit einem Wirtschaftsplan den Fischereisektor weiterentwickeln und schickte seine Ideen an den damals noch lokalen Politiker Mahinda Rajapaksa. Er hörte nie wieder etwas. Nicht viel später stieg dieser auf zum Minister für Fischereiwesen und Wasserressourcen auf und Grandpa erkannte seine Ideen wieder. Er begann dagegen vorzugehen, wurde aber von seiner Familie zurück gehalten, da sie Angst um ihn und die Familie selbst hatten. Zu viele, die sich mit Rajapaksa angelegt hatten, waren für immer verschwunden. Dieser stieg weiter auf zum Premierminister und später zum Präsidenten des Landes immer im Schlepptau mit Gewalt und Menschenrechtsverletzungen.
Am nächsten Tag schien weiter die Sonne, und wir machten uns auf den Weg in Richtung Medamahanuwara in die Berge. Bei diesem Wetter einfach wunderschön. Nur drei Tage später gab es wieder sintflutartige Regenfälle und die Straßen wurden wegen rutschenden Berghängen gesperrt. Aber noch konnten wir die Reisfelder und Berge genießen. Es ist unglaublich wie viele verschiedene Pflanzen es hier auf engstem Raum gibt.
Zurück abends im Hotel lud uns Grandpa auf eine Flasche Wein ein (leider ein französischer Chardonnay, aber was will ich hier klagen!). Die hatte ihm seine Tochter geschenkt mit dem Hinweis, er solle sie sich doch in der Vorweihnachtszeit gönnen, wenn möglich, nicht allein. Nun, die Zeit dafür schien reif. Wir kamen von Hölzchen auf Stöckchen und ehe wir uns versahen ging um nichts geringeres als die Zusammenhänge des Universums. Woher kommen wir, wohin gehen wir, was wissen wir? Ich saß da, mit der Hauskatze, einem weißen Persermischlings-Baby, auf dem Schoß. Während ich sie kraulte und mir vorkam wie Blofeld bei James Bond, warf ich immer mal wieder etwas Bestätigendes oder Zweifelndes in das Gespräch. Herrlich.Read more

























