Wilkommen sei das Feuerpferd
February 16 in Vietnam ⋅ ☁️ 28 °C
Wir waren in der Nacht spät angekommen. Ich hatte uns mitten in Hanoi eine Wohnung gemietet. Ein typisches Wohnhaus, im Rücken die Glastürme der Banken. Spannende Kombi. Spannend war auch, dass unsere Nachbarn von gegenüber die Wohnung ausräumten und Sachen sortierten und dabei sehr traurig und genervt aussahen. Ich tippte auf Wohnungsauflösung wegen Todesfall. Und wieder lag ich sowas von falsch mit dem Interpretieren der Handlungsweisen anderer. Ob ich das je lernen werde, sein zu lassen? An nächsten Morgen waren sie immer noch hart beschäftigt. Es schien, als seien sie die gesamte Nacht im Einsatz gewesen. Wir versuchten erstmal Lebensmittel aufzutreiben. Es war Silvester. Aber wir fanden eine Lebensmittelladen, wo wir für über 1.000.000 Dong einkauften. Erstaunlicherweise gewöhnt man sich schnell an diese hohen Zahlen. Als wir bepackt zurückkamen, waren unsere Nachbarn fertig. Und es war ihre eigene Wohnung, die sie nun am Eingang mit einer riesigen roten Schleife versehen hatten. Vor den anderen Wohnungen waren kleine Altäre aufgebaut. Da fiel es mir wieder ein, natürlich, es war TET. Tet Nguyen Dan, was soviel heißt wie „Fest des ersten Morgens“. Ein schöner Name. Und das ist, dem Mondkalender nach, morgen. Der wichtigste Feiertag der Vietnamesen. So wichtig, dass sie daraus gleich eine ganze Woche des Zelebrierens machen. Ungefähr vergleichbar, als sei bei uns Weihnachten und Silvester an einem Tag. Und hier ist es Tradition, vor diesem Tag die Wohnung komplett, also wirklich jeder Ecke, zu putzen, aufzuräumen und klar Schiff zu machen. Genau, das hatten unsere Nachbarn getan.
Wir spazierten in die Stadt, so wie viele andere Vietnamesen auch. Nur waren die in ihrem besten Zwirn gepackt, also ihre besten Seidenkleider. Was bei uns der Weihnachtsbaum ist, ist hier der blühende Mandelbaum, der das Erwachen des Frühlings symbolisieren soll. Und der war allgegenwärtig. Wie sie es geschafft haben, tausende Bäume genau jetzt zum blühen zu bringen, ist mir ein Rätsel. Es war ein wildes flanieren, posieren, fotografieren und auch die Stadt hatte sich demensprechend herausgeputzt mit Blumen, Fahnen und gesperrten Straßen. Teilweise sah es schon beim Zuschauen anstrengend aus, wie alle auf der Jag nach dem besten Foto des Jahres waren. Wir genossen das Schaulaufen, was noch ein paar Tage anhalten sollte. Das Tet hat zur Folge, dass mindestens 5 Tage alles im Feiertagsmodus ist, alle öffentlichen Einrichtungen sind geschlossen, ebenso die Banken und die Vietnamesen sind damit beschäftigt, Fotos zu machen, zu kochen und zu verreisen, um alle Verwandten und Bekannten zu besuchen. Dazu gibt es eine strenge Reihenfolge, wer an welchem Tag zu besuchen ist. Da gibt es keine Diskussionen à la „Schatz, dieses Jahr müssen wir aber an Heiligabend mal zu meiner Mutter!“ Am dritten Feiertag werden hier zum Beispiel die Lehrer besucht.
Da alles im Ausnahmestatus ist, hatte ich die Wohnung schon lange im Voraus gebucht. Und sonst für Vietnam nichts. Selbst jetzt noch nicht. Kathrin, du wärst stolz auf mich. Ehrlicherweise muss ich dazu sagen, dass an dieser „entspannten“ Haltung auch Bhutan schuld ist. Für unsere Banken war das Land so exotisch, da reihenweise unsere Kreditkarten versagten – die eine wollte eine Bestätigung per Anruf, die andere eine Tan per sms, die nächste öffnete nicht mal die App. Da wir aber keine Telefonverbindung hatten (wahrschienlich war nie einer von den europäischen Anbietern hier, um mal zu checken, wie das mit der Kooperation so läuft), ging nichs davon. Also auch keine Buchungen. Dann eben nicht. War am Ende mal heilsam entspannend. Aber jetzt haben wir unsere Karten wieder frei schalten lassen, das Geld wurde langsam knapp.
Abends gingen wir dann zum Hoan Kiem See, den Schwertsee, einem der Hot Spots für den heutigen Abend. Man hatte uns empfohlen, dort frühzeitig zu erscheinen. Es wurde schnell klar warum. Massen von vorwiegend jungen Vietnamesen strömten an den See in der Erwartung des mitternächtlichen Feuerwerks. Da privates Feuerwerk und Böller verboten waren (bin großer Fan davon) war das das Highlight. Pünktlich um Mitternacht brach die Hölle am Himmel los. So ein Feuerwerk hatte ich noch nicht gesehen. Es schien, als hätte sich über das gesamte Jahr Energie angestaut, die nun auf einmal rausmusste. In den Himmel wurde geschossen, was nur ging, alles gleichzeitig und überlagernd. Der Qualm wurde zwischenzeitlich so stark, dass wir das Feuerwerk nicht mehr sehen konnten. Nach 15 Minuten beindruckendem Dauerbeschuss war es dann auch vorbei und die Massen trollten sich. Wir gingen auch zurück und stießen mit einem Sekt auf das neue Jahr, das Jahr des Feuerpferdes, an.
Als wir noch fröhlich am Trinken waren, wurde es plötzlich laut in unserer Straße. Ich schaute vom Balkon und sah, das Feuer angezündet wurden. Irritiert, ob das nun auch wieder zur Tradition gehörte, oder wir einfach alles zurücklassend schnell die Stadt verlassen sollten, befragte ich Google. Dabei fand ich zwei Dinge – zum Einen, dass die Feuer zum Prozess gehören, das alte Jahr abzuschließen und das neue zu begrüßen, indem man Altes verbrennt und Zettel mit Wünschen für das neue Jahr gleich dazu. Zum Anderen fand ich einen Artikel, der bereits 15 Minuten nach Ende des Feuerwerks von öffentlicher Seite in das Netzt gestellt wurde. Uns kam der Schreibstiel sehr, sehr bekannt vor. Ja, richtig, das ist die Art, wir in sozialistischen Ländern offizielle Berichte verfasst werden. Das war spannend, ob DDR vor 40 Jahren oder jetzt Vietnam, die Texte sind austauschbar. Hier mal ein Zitat: „Das Feuerwerk am Van-Quan-See war spektakulär.
Zur Vorbereitung des Feuerwerks am Silvesterabend führte das Militärkommando des Bezirks Ha Dong ab dem Morgen des 28. Tages des chinesischen Neujahrs (15. Februar) sorgfältige Vorbereitungen gemäß den geltenden Vorschriften durch und gewährleistete so absolute Sicherheit. Laut Nguyen Van Tam, dem Kommandanten des Militärkommandos Ha Dong und Verantwortlichen für den Feuerwerksplatz, wurde das Höhenfeuerwerk mit seinen zwölf Halterungen korrekt aufgebaut."
Wir gingen endlich zu Bett, ich mit dem Wissen, dieses Jahr, ein zweites Silvester erlebt zu haben, das erste mit einer einzigen Rakete, das zweite mit geballter Ladung. Mal sehen, was das neue Jahr bringen wird.Read more

























