• Wir lesen uns!

    April 3 in Germany ⋅ ☁️ 12 °C

    Disclaimer: Hier geht es nicht mehr um das Reisen selbst, sondern sowas wie Reflektieren. Kann unter Umständen zu Lähmungsescheinungen wegen Langeweile führen. Daher – ab hier, spätestens ab hier, ist jeder für sich selbst verantwortlich beim Weiterlesen.

     
    So, und was bleibt nun nach dem ganzen Geraffel außer einem leeren Konto? Nun, das kommt ganz darauf an (da blitzt der Jurist durch), welches Konto man betrachtet. Ich habe diese virtuelle Geld auf dem Konto der Bank (hat mir das eigentlich je gehört?) in konkrete Erinnerungen, Erfahrungen, Erkenntnisse meines inneren Kontos (das hat mir schon immer gehört!) umgewandelt. Kann man machen, muss man nicht. Eine Eigentumswohnung ist auch ganz schön, wenn sie denn schön ist. Und wenn man Wert darauf legt.

    Ich wurde bereits jetzt schon häufig gefragt, was war das Schönste, das Beste oder das Schlechteste? Es ist für mich schwierig, darauf eine Antwort zu geben. Die Länder, die Situationen, die Umstände sind überall so anders, das wäre wie Birnen mit Äpfeln vergleichen. Ehrlich gesagt möchte ich gar nichts davon missen. Gehört irgendwie alles in diesen Topf und macht den Eintopf erst perfekt. Wenn ich absolut gezwungen werden würde, mich zu entscheiden, dann war der Monat in Kathmandu der absolut herausforderndste und gleichzeitig erkenntnisreichste der Reise. Und am geilsten war einfach die Motorradtour durch die Berge Nordvietnams.

    Was ich gelernt habe? Na, ne Menge! Aber über mich nichts bahnbrechend Neues. Habe ich auch nicht so ganz erwartet, bruschtel ich doch schon seit mehr als 5 Jahrzehnten mit mir selbst rum. Aber Dinge an sich neu zu entdecken, die vergessen waren oder Altes zu bestärken, was schon lange angelegt war oder scheinbar Verqueres ganz langsam doch mal zu akzeptieren, ist so viel mehr wert. Was das so ist? Hm, die ganz persönlichen Dinge lasse ich mal außen vor. Der Rest könnte auch aus einem Seminar stammen, will heißen nichts davon ist eine weltbewegende Neuheit – aber Wissen ist nicht Fühlen ist nicht Leben. Und bei folgenden 5 Dingen bin ich dem Leben ein Stück näher gerückt:

    1.    Lächeln

    Ein Lächeln versetzt wirklich, wirklich Berge. Erst recht, wenn Sprache versagt, wenn die Situation merkwürdig bis befremdlich und nicht einschätzbar ist, wird ein Lächeln die Währung von unschätzbarem Wert. Das Gegenüber spürt, ob es echt ist und von Herzen kommt. Und ich habe fast nie erlebt, dass jemand seine harte Haltung nicht doch ein kleines bisschen aufgab. Die Macht des Lächelns ist mir gleich bei meinem ersten Reiseziel aufgefallen, dem Land des Lächelns – Sri Lanka. Natürlich, je mehr die Städte größer wurden, je öfter dort Touristen auftauchten, wurde auch das Lächeln schmaler. Aber es machte so eine gute Laune und half über so vieles hinweg, dass ich mir von diesem Monat dort mitnehmen wollte, es mehr einzusetzen. Versucht es, es ist wie ein Spiegel, und wer kann eurem Lächeln schon wiederstehen?

     2.    Neugierde

    Sie ist, denke ich, eine Motor, um überhaupt aufzubrechen. Sie ist mein Gegengewicht zu meinen Bedenken, gar meiner Angst. Sie ist der Grund, sich Dinge anzuhören, anzusehen, die teils so gegen die eigene Welt verstoßen, das es schwerfällt dabei zu bleiben. Aber es lohnt sich, die Offenheit aufrecht zu erhalten und nicht gleich in die Abwehr zu fliehen. Echtes Interesse erzeugt auch Offenheit bei meinem Gegenüber, und erst dann wird es oft spannend. So geschehen in Buthan. Neugierde, kombiniert mit Geduld und Zurückhaltung haben am Ende der Reise  zu einem sprudelnden Quell an Informationen geführt. Das fand ich alles andere als einfach. Einige der Dinge, die unser Guide erzählte riefen fast reflexartige kritische Fragen in mir wach. Aber wie habe ich mal in einem schlauen Buch gelesen: Bevor was Unpassendes rausgehauen wird, einfach sich selbst fragen: Muss das gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Und, muss es von mir gesagt werden? Das war sehr hilfreich dafür, einfach mal die Klappe zu halten. Der andere wird sie schon selbst aufmachen.

    3.    Zuhören

    Klingt einfach, ist es aber nicht. Hängt auch eng mit der Neugierte zusammen. Erzählt mir jemand etwas, ist schnell mein Gehirnarreal angeschmissen, das nach Erwiderung sucht, nach eigenen Geschichten, nach Vorannahmen. Das ruhig zu stellen, ist alles andere als einfach. Aber ohne dem wird es schwer, wirklich zu hören, was der andere sagt. Das in besonderem Maße auszuprobieren, war Gelegenheit in den Bergen Nordvietnams. Der Easyrider von Krugi war eine ständig erzählender und extrovertierter Typ. Ich versuchte auch Erfahrungen aus Deutschland, Europa seinen Erzählungen anzufügen. Aber nachdem es drei Mal passierte, dass er förmlich gelangweilt weghörte, gab ich es auf. Der Typ war komplett auf Senden geeicht. In dem speziellen Kontext hier war das mehr als ok, wollte ich doch viel erfahren. Aber es kostete schon ein paar Anstrengungen, mich dazu zu bringen, nicht in den Dialog oder Monolog zu gehen. Aber es lohnt sich. Man erfährt so viel mehr. Manchmal mehr als der andere dachte.  

    4.    Vertrauen

    Worin? Quasi in alles und jeden. Klingt verrückt? Ist es auch. Aber am Besten ist, bei sich selbst anzufangen. Und, finde ich, am schwierigsten. Aber das Vertrauen darauf, dass ich in der Lage bin, die wirklich meisten Situationen irgendwie zu händeln, das alles, was ich an Fähigkeiten und Wissen brauche, bereits in mir vorhanden ist. Das zu lernen, dafür sind Reisen wie geschaffen. Denn sie pushen uns in Situationen, die es erforderlich machen, auch die Dinge in uns zu nutzen, die wir im Alltag zu Hause kaum oder gar nicht nutzen. Aber sie sind da. Und von da aus kann ich zur Außenwelt gehen. Darauf vertrauen, dass die meisten Menschen die Dinge, die sie tun nicht aus Boshaftigkeit machen. Und dann gibt es noch die Welt an sich. Ganz schwierige Kiste für mich. Als ich vor ca. 2 nach Mallorca flüchtete, weil es mir echt beschissen ging, war ich dort zumindest offen für alles mögliche, was nicht offensichtlich schadet. So machte ich auch eine Reki-Session mit. Bis dahin irgendwie Hokus-Pokus für mich. Neben anderen spannenden Effekten ist mir eines in Erinnerung geblieben. Das erste was die Dame zu mir sage, nachdem sie mich nach dem Ende der Session lange ansah: „Du hast das Vertrauen in das Universum komplett verloren. Finde es wieder. Unbedingt!“ Ich starrte sie an. Was soll ich denn jetzt mit dieser Aussage anfangen? Wie schafft man Vertrauen ins Universum?? Nun ja, zwei Dinge halfen – erstens hatte ich das Vertrauen wohl schon mal gehabt, sonst hätte ich es nicht verlieren können. Zweitens: Klein anfangen, eben bei sich selbst, in sich selbst, mit sich selbst.

    5.    Dankbarkeit

    Das habe ich sicherlich schon erwähnt. Es ist mir schon klar, das es ein extrem großes Privileg ist, so frei reisen zu dürfen. Der Zufall der eigenen Geburt in Ort und Zeit gibt schon mal eine ausschlaggebender Grundlage. In einigen Situation habe ich es vermieden über Reisen und andere Länder zu sprechen, da klar war, das mein Gegenüber kaum etwas dazu sagen kann. Manchmal weil er oder sie nicht reisen wollten, oder sie konnten schlicht nicht. Der „falscher“ Pass kombiniert mit schwierigen ökonomischen Umständen und dann noch eine Prise andere Kultur dabei. Aber es gibt noch jede Menge andere Faktoren, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Aber ebenso wichtig, wurde plötzlich wichtig, die allgemeine Weltlage, die eigene Gesundheit und, für mich von hoher Bedeutung, ein zu Hause, wo ich  Freunde habe. Von dem ich aufbrechen kann und wieder landen kann.

    Und Bruno, natürlich. Der ist seit gestern wieder an meiner Seite. Anfangs ein klein wenig zögerlich. Aber dann gab es eine wilde Kissenschlacht, und er schlief tief neben mir ein. Nehme ich mal als Kompliment.

    Und für die, die es bis hierher ausgehalten haben zu lesen, auch ein Kompliment. Aber genug des Gelabers. Es wird Zeit, die restlichen Sachen aus dem Koffer zu sortieren. So wie meine Gedanken. Schritt für Schritt. Bis zum nächsten Mal. Wir lesen uns. Eurer Torsten.
    Read more