• Basic Instinct der Zufälle

    April 2 in Singapore ⋅ ⛅ 30 °C

    Eine weitere Frühstücksgeschichte soll es sein? Na dann! Die meisten Menschen in solch einem Hotel sind langweilig. Es wird kaum untereinander gesprochen (außer im Fahrstuhl – wahrscheinlich deshalb, weil das Gespräch hier immer schnell auf natürliche Weise beendet wird). Aber nonverbal kann auch viel gesagt werden. Und dazu ist ein Frühstücksraum der beste Ort, um das zu beobachten. So zum Beispiel der kleine, dünne deutsche Man, der stolz wie Napoleon herumlief und zu verstehen gab, dass er sich das hier und seiner Familie leisten kann. Dumm war nur, dass das keinen interessierte, noch nicht mal Frau und Tochter. Es fehlt jede Anerkennung für ihn. Ich war kurz davor mal hinzugehen und „Herzlichen Glückwunsch“ zu sagen, als eine Frau meine Aufmerksamkeit erregte. Sie war ungefähr Anfang 40 und saß allein am Tisch mir schräg gegenüber. Ich fand sie interessant, da sie so komplett das Gegenteil des kleinen Mannes darstellte. Sie wusste, wer sie war, was sie war und erst recht, wo sie war. Alles an ihr strahlte Souveränität aus. Und ich würde schwören, dass sie Französin war. Sie beachtete mich nicht. Und dann doch. Flirtete sie mit mir? Ich weiß das nie so genau. Selbst bei Männern bin ich dermaßen unbeholfen. Erst letztes Jahr fragte ich nach einem Konzertbesuch zusammen mit Krugi, ob Typ XY was von mir gewollt habe. Sie sah mich an, als hätte ich ihr gerade eröffnet, dass nun endgültig der Beweis erbracht worden sei, dass sich die Erde doch um die Sonne drehte. Jedenfalls veränderte die Frau nicht ihren Gesichtsausdruck. Aber nachdem sie mich angesehen hatte, änderte sie ihre Sitzposition. Erst hatte sie die Beine übereinandergeschlagen und die weiße Serviette darüber gelegt. Nun hatte sie diese auf den Tisch getan und die Beine, die in knappen Shorts steckten, weit gespreizt und die Innenseiten zeigten genau zu mir. Noch einmal ein Blick zu mir, dann stand sie auf und ging einfach aus dem Raum. Ich war noch am Überlegen, was das jetzt war, als mir mein halbes Ei, das ich gerade essen wollte, aus den Stäbchen rutschte und in die Misosuppe plumpste. Na toll, doch noch mal umziehen.

    Heute machte ich Inselhopping. Will heißen ich fuhr mit dem Cablecar von der Hauptinsel auf die Insel Sentosa. Wenn in Singapur was gemacht wird, dann will man immer weit vorn mitspielen. So war das auch nicht einfach nur eine Seilbahn, sondern ein ganzes Seilbahnsystem, mit mehreren Aus- und Einstiegen und Umsteigemöglichkeiten. Auch auf der Insel selbst war nichts dem Zufall überlassen. Ich wusste, dass dort Vergnügungsparks waren, aber eigentlich war die gesamte Insel durchchoreografiert. Ich mochte es nicht. Ich war müde, also legte ich mich in den Schatten an den Strand. Schlief ein. Die Sonne wanderte. Die Palme nicht. Mist. Dann wollte ich in eine Strandbar. 50 Dollar für einen Platz auf einer Holzbank ohne Blick. Äh, nein danke. Ich wurde etwas missmutig. Dann fiel mir ein, dass ich die Karte zum Glück die ganze Zeit im Rucksack hatte. Die Rezeptionistin hatte sie mir beim Auschecken gegeben mit dem Hinweis, das Spa des Hotels stehe mir weiterhin heute zur Verfügung. Ja, bin ich denn bekloppt. Nix wie hin. Oh war das gut – eine Dusche gegen den Sand, der Pool zum abkühlen, die Lotion gegen den Sonnenbrand.

    Am Abend hieß es dann aber dennoch aufbrechen zum Flughafen. Auf dem Weg dahin wurde ich zweimal kontrolliert. Nicht die Fahrkarte, meine Rucksäcke, einmal der eine, das andere Mal der andere. Was war anders? Sah ich mit dem Gepäck so gefährlich aus? Hatte sich die geopolitische Weltlage abermals geändert? Die letzten Kilometer zum Flughafen fuhr ich mit dem Bus. Und so kam es, dass ich mich dem schönsten Flughafen der Welt durch seinen Untergrund näherte. Der Bus fuhr sämtliche Terminal unterirdisch ab. Was ich da zu sehen bekam, war alles andere als schön. Sichtbeton und noch mehr Sichtbeton. Als ich mich aus dem Untergrund nach oben schraubte, fragte ich mich, ob fehlende Rolltreppen das Konzept eines solchen Flughafens sind. Endlich auf Ebene 1 angekommen, wurde ich auch wie ein Kellerkind behandelt. Mag ja sein, das Blumenanlagen und Wasserfälle und riesige Installationen beeindrucken, Freundlichkeit verfängt bei mir eher und die war Mangelware. Am Self-Check-In gab ich brav meine Daten ein und klickte auf Finalisieren. Es erschien aber statt dessen der blinkende Hinweis, dass der Prozess nicht beendet werden kann und abgebrochen wird. Ich solle mich bitte umgehend beim Oparator melden. What? Oh je, hatte ich etwa gegen eine der zahllosen Verbote des Stadtstaates verstoßen und musste vor der Ausreise noch eine Strafe zahlen? Wurde von einer der unendlich vielen Kameras aufgenommen, wie ich Papier habe fallen lassen? Ich ging alles durch – in der U-Bahn vielleicht? Oder doch eher im Botanischen Garten? Ich probierte es noch mal am Automaten, und dieses Mal lief alles glatt durch. Aber die kurze Angst macht den Blick frei, welchen Preis es haben kann, dass Singapur zu den sichersten, den saubersten, den entwickelten Ländern dieser Welt gehört.

    Endlich nahm ich an einem der Bachläufe platz. Kaum saß ich, begannen meine Nachbarn zu schnaufen, zu niesen und zu krächzen als säße ich in der Notaufnahme nach einem Pandemieausbruch. Endlich öffnete gegen Mitternacht das Gate. Und einmal durch die letzte Kontrolle gelangt, gab es dort gar nichts mehr, nicht mal ein Klo. Was war denn nur los heute? Ich beschloss für mich, der Annahme zu folgen, dass Singapur, ach, dass ganz Südostasien, mir den Abschied so einfach wie möglich machen wollte, ohne große Szenen, Vermissen, langes Händchenhalten – raus und weg. Das war ja schon fast wieder rührend. Um so herzlicher empfing mich alles, was nach Heimat roch. Die gute alte Lufthansa war freundlich und hielt einen guten Platz für mich bereit. Neben mir saß, „zufällig“ Michael, ein sehr angenehmer Typ, mit dem ich sofort ins Plaudern kam. Er war im Finanzbereich tätig (wer war das eigentlich nicht, außer mir) auf der Rückreise in seine Heimat Polen und hatte in den letzten 14 Tagen soviele Länder in Asien bereist, wie ich in den 4 Monaten. Beruflich. Klingt anstrengend. War es wohl auch. So kam schnell das Thema Reisen, denn privat war er eher wie ich unterwegs. Wir redeten über Kathmandu, meine Arbeit dort, seine Erfahrungen. Den Blickwechsel, den man einnimmt, wenn man lange unterwegs ist. Sein Vater war Geologe und hatte ihm schon früh erzählt, dass die Darstellung der Kontinente auf Karten total die Realität verzerrt. Ganz besonders das Größenverhältnis von Afrika und Europa. „Ah ja, du meinst die Marcator-Darstellung, die für die Navigation von Schiffen entwickelt wurde?“. Seine Augen begannen zu leuchten: „Ja, woher weißt du das?“ Ich erzählte ihm, dass ich „zufällig“ vor drei Tagen einen Podcast gehörte hatte, in dem eine junge Deutsche ihre Geschichte teilte, wie sie mit dem Fahrrad von Deutschland bis zum Kap der Guten Hoffnung gefahren ist. Sie brauchte 400 Tage und war unter anderem von der gewaltigen Größe und Vielfalt dieses Kontinents überrascht und beeindruckt. Und fand es ein Unding, dass immer noch der eurozentrische Blick auf die Welt vorherrscht, und eben die nicht realistische Darstellung von Afrika durch die Marcator-Projektion. Unser Flieger war schon längst gestartet und hatte den Luftraum von Singapur verlassen. Ja, Afrika, was ist das eigentlich mit Afrika…. Nun, jetzt geht es erstmal in Richtung Heimat.

    Wir landeten nach 12 Stunden pünktlich in Frankfurt am Main. Michael und ich verabschiedeten uns, und mein erster Gedanke, als ich aus dem Flugzeug stieg, war ´Ist das hier kaltˋ. Dann musste ich daran denken, wie ich die jungen Nepali bei unseren simulierten Bewerbungsgesprächen immer fragte, was sie für die größte Herausforderung halten, wenn sie nach Deutschland kämen. Die große Mehrheit erwiderte, dass es dort so kalt sei. Ich belehrte jedes Mal geduldig, dass sie bitte etwas anderes wählen sollen, wie die Sprache, die Kultur, die fehlende Familie… Nun, als Personaler hatte ich sicherlich recht. Als Mensch, so kam es mir jetzt in den Sinn, hatten sie alle recht – es war verdammt noch mal kalt. Auf dem Weg zum Fernbahnhof begann ich so ganz langsam zu realisieren, wo ich war. Und mir fehlte jemand, mit dem ich meine aufgewühlten Gedanken teilen konnte. So schrieb ich einfach zwei Freundinnen, die mich eng begleitet hatten, dass ich wieder auf deutschem Boden war und einen Umarmung vermisse. Die gab es nicht, aber ein Cappuccino sollte helfen. Der Verkäufer war äußerst freundlich, wo war denn die deutsche Rauheit geblieben. Er wünschte eine schönen Feiertag. Was denn für einen Feiertag? Ach ja, es ist Karfreitag! Die Bahn gab auch ihr Bestes und mit 4 Minuten Pünktlichkeit fuhren wir am Hauptbahnhof Düsseldorf ein. Ich überlegte noch, ob die Frau vor mir beim Aussteigen gerade Marie-Agnes Strack-Zimmermann gewesen war, als ich jemanden „Torsten“ schreien hörte. Das erschreckte mich, wurde ich doch seit 4 Monaten nicht mit vollem Namen gerufen. Konnte auch nicht für mich sein. Es wusste keiner meine Ankunftszeit. Doch da kam jemand mit weit ausgebreiteten Armen auf mich zugerannt. Dagmar! Nein. Doch. Wir fielen uns in die Arme, jeder ein Tränchen verdrückend, als sie sagte: „Du wolltest eine Umarmung, hier ist die Umarmung!“ Dagmar wartete „zufällig“ auf dem Gleis gegenüber zusammen mit ihrer Mama auf ihren verspäteten Zug, der sie über Ostern nach Bremen bringen sollte. Oh war das schön. Ebenso, dass Thomas zu Hause war, und ich frische Brötchen für das Frühstück mitbrachte. Ich war wieder daheim.
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