• "Du hast in Dir den Himmel...

    September 11, 2023 in France ⋅ ⛅ 28 °C

    ...und die Erde". Zitat von Hildegard von Bingen.
    Das Fahrradreisen hat eine Geschwindigkeit, in der die Seele mitkommt. Reist man zu schnell, fliegt alles an einem vorüber, wie bei einem Blick aus einem Autofenster auf der Autobahn. Beim Fliegen ist es besonders absurd, denn man steigt ins Flugzeug in der einen Kultur, Umgebung und in einer anderen nach Stunden wieder aus. Abgesehen vom evtl. Jetlag, braucht man manchmal Tage bis einem nicht alles unwirklich vorkommt. Auch das Reisen mit dem Zug oder Auto erlaubt der Seele nicht zu folgen, man ist auf das Ziel konzentriert und nicht auf die Reise. Im Auto winkt dir bestenfalls mal jemand im Vorbeifahren zu, du machst mal Rast, aber ansprechbar bist Du bei 50 km/h nicht, zumal das Fenster zwischen Dir und der Umgebung eine Trennung schafft. Beim Radfahren aber grüsst Du permanent die Entgegenkommenden, du lächelst und man lächelt dir zu. Anzuhalten ist einfach, kein Ding mal eben vom Rad zu steigen, einen Plausch zu halten. Obwohl wir zu zweit fahren, fährt doch auch jeder alleine auf seinem Fortbewegungsmittel, ist alleine mit seinen Gedanken, sieht andere Details, die dann auszutauschen wiederum interessant bleibt: "Da! Eine tote Spitzmaus! Dort: weisse Kühe!" (Das sind die Kühe, die die Grundlage für weisse Schokolade liefern, wie der Fachmann weiss...) Das Gesehene kann bei 17 km/h gut verarbeitet werden, die Veränderungen von Landschaft, Menschen und Wetter geschehen allmählich und so kommt das, was man als "Seele" annehmen kann, stets mit.
    An heissen Tagen wie diesen brauchst du Wasser in Mengen, 5 oder 6 Liter mindestens, besser 8 Liter. An den einsamen Radstrecken (die sind halt länger, gewundener, umständlicher, haben mehr Steigungen, sind aber sicherer als die Fernstrassen ohne Fahrradwege), gibt es keine Geschäfte, keine Cafés. Wir halten nach Wasseranschlüssen an den Fassaden Ausschau oder fragen einfach bei einem Hausbesitzer, ob wir Wasser nachfüllen dürfen. Der füllt sogar Eis ins Wasser und wünscht uns gute Reise.
    Wir erreichen nach 65 km den kleinen Ort Petit Noir früh, der Campingplatz ist wieder mal herrlich gelegen, am Le Doubs, alles ist grün um uns herum. Sorgfältig wählen wir den Standplatz für das Zelt und Lanyu macht sogleich seine Schularbeiten. Wir waschen eine Maschine voll Wäsche und plaudern mit Deutschen, die auf Velos nach Marokko unterwegs sind.
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