Condrieu
October 4, 2023 in France ⋅ ☁️ 20 °C
Am Morgen sind Abdellah und die beiden Söhne bereits entschwunden. Abdellah arbeitet von 6 bis 21 Uhr, ein echter Knochenjob so ein Pizzawagen; den ganzen Tag stehen, bücken, am frühen Morgen schon einkaufen im Grossmarkt, alles vorbereiten am Vormittag und schon zum Frühstück werden die ersten Pizzen bestellt und das geht manchmal bis 21.30 Uhr in der Nacht. Seine Frau Sana arbeitet am Computer einer Sicherheitsfirma. Bevor Abdellah am Abend kommt, bereite ich mit Sana das Abendessen vor und sie vertraut mir an, das sie gerne auch so eine Fahrradreise machen würde und das meint sie ernst, so dass ich mich veranlasst fühle ihr zu versprechen, dass meinige zu tun, um diesen Traum zu erfüllen. Vielleicht können unsere beiden Familien mal eine Tour zusammen machen..?
Abdellah ist irgendwie schlecht gelaunt, angespannt und ich versuche zu verstehen, was seine Tiraden zu bedeuten haben. Letzten Endes interpretiere ich das Ganze als "Du hast etwas, was ich nicht hab`" - etwas Freiheit? Ich kenne diese Gefühlsausbrüche bereits von meiner Tour nach Kapstadt 2002 bis 2005. Meine Anwesenheit als Reisender mit mehr Zeit als ein Pauschalurlauber und entfernten Zielen weckten bei vielen Menschen, die ich unterwegs traf, teils starke Gefühle. Die einen glauben Dir schlicht nicht, dass Du derart ferne Ziele mit einem Fahrrad tatsächlich erreichen kannst, die anderen erklären dich für verrückt (ein deutscher Radiosender fragte mich 2004 im Telefoninterview als erstes, ob ich "bekloppt" sei), viele neiden einem die Möglichkeit. Oft schwebt die Frage im Raum, "könnte ich das auch?" und im Schnelldurchlauf der Gedanken werden alle Argumente dagegen gesammelt, die Schwierigkeiten und scheinbaren Unmöglichkeiten summiert und diese Spannung meiner Gegenüber äußert sich dann oft in einer etwas aggressiven Stimmung, die sich gegen das Spiegelbild des "Und-es-geht-doch" richtet. Zu erklären, warum ich solche Touren mache, zumal jetzt auch noch mit meinem Sohn, ist müssig, wenn der Gesprächspartner negativ eingestellt ist. Letztlich ist es wie bei einem Fragesteller, der den Bergsteiger fragt, warum er in Eis und Schnee sein Leben einsam auf den Bergen riskiert, warum er Berge unter Qualen besteigt und der antwortet schlicht: "Weil sie da sind."
Wir radeln fleissig die Rhone entlang, etwa 70 km sind es heute und erreichen Condrieu. Leider sind die diversen Campingplätze entweder seit Ende September geschlossen oder überfüllt. Was nun? Wir fahren in die kleine Innenstadt zurück und in einem Kreisverkehr, Lanyu fährt etwa 10 Meter vor mir, wird er von einem Auto angefahren, dass ihn einfach im Kreisverkehr links überholt und ihn dann schneidet und rechts abbiegt. Lanyu kann nicht ausweichen, das Auto rammt ihn um, er stürzt. Der Wagen aber begeht Fahrerflucht und fährt einfach weiter. Der nachfolgende Wagen nimmt die Verfolgung auf und stellt den Fahrer etwa 100 m weiter, weil dort der Verkehr stockt. Ich überzeuge mich, dass Lanyu nicht schwer verletzt ist und fahre dem Wagen ebenfalls hinterher. Da die Fahrerin erneute zu fliehen versucht, stelle ich mich vor das Auto und fotografiere das Nummernschild und die beiden Insassen des Wagens, die sich nicht mal die Mühe machen auszusteigen. Die junge Fahrerin spricht Englisch und behauptet, sie habe Lanyu gar nicht berührt, nur der Aussenspiegel habe ihn getroffen - eine seltsame Unschuldsbehauptung. Die ganze Fahrertüre ist von Lanyus Reifen verschmiert, der Spiegel hat einen Schaden, aber als ich das fotografieren will, gibt die Fahrerin Gas und entkommt. Ich rufe die Polizei, das Ganze dauert anderthalb Stunden, es wird dunkel und wir haben keine Unterkunft. Letztlich können wir ein Zimmer in einem Privathaus in den Hügeln über Condrieu buchen. Die steile, 2 km lange Auffahrt ist für uns nur in Schlangenlinien zu bewältigen. Gegen 20.30 erreichen wir das kleine Haus auf dem Hochplateau.
Was für ein Tag...Read more












