• Tjolöholm – beeindruckend, monströs und irgendwie

    August 4 in Sweden ⋅ ☁️ 24 °C

    Schon beim ersten Blick ist klar: Tjolöholm ist kein zurückhaltendes Schloss. Es ist gewaltig, verspielt, wuchtig und fast ein wenig monströs – als hätte man ein englisches Tudor-Schloss aus einer anderen Welt an die schwedische Küste verpflanzt. Und tatsächlich war genau das die Idee. Zwischen 1898 und 1904 entstand hier eines der ungewöhnlichsten Schlösser Schwedens, geprägt von englischer Arts-and-Crafts-Architektur und Jugendstil.

    Im Inneren wird es nicht weniger beeindruckend. Dunkles Holz, mächtige Kamine, aufwendige Schnitzereien, Stoffe, Tapeten und Möbel bilden ein nahezu vollständig durchkomponiertes Gesamtkunstwerk. Die 36 Räume waren streng nach dem gesellschaftlichen Leben ihrer Bewohner organisiert: Herrschaft, Gäste, Kinder und Bedienstete bewegten sich weitgehend in getrennten Bereichen. Gleichzeitig versteckte sich hinter der historisierenden Kulisse modernste Technik. Es gab ein Warmluft-Heizsystem, ungewöhnliche Rundumduschen und sogar einen fast eine Tonne schweren, von Pferden gezogenen Staubsauger. Seine langen Schläuche wurden von außen durch die Fenster in die Zimmer geführt.

    Hinter diesem gigantischen Projekt stand vor allem Blanche Dickson. Gemeinsam mit ihrem Mann James Fredrik Dickson hatte sie Tjolöholm 1892 gekauft. Doch kurz nach Beginn der Bauarbeiten starb James auf geradezu absurde Weise: Eine kleine Verletzung am Finger hatte er mit dem bleihaltigen Folienpapier einer Weinflasche umwickelt – daraus entwickelte sich eine tödliche Blutvergiftung. Blanche führte den Schlossbau anschließend allein weiter, für eine Frau um 1900 durchaus bemerkenswert.

    Auch das Familienleben hatte seine besonderen Seiten. Zum Anwesen gehörte zeitweise das größte Gestüt Schwedens mit berühmten Vollblutpferden und sogar einer Fahrschule für zukünftige Kutscher. Tjolöholm war also weniger ein stiller Adelssitz als ein riesiger, durchorganisierter Kosmos aus Familie, Gästen, Bediensteten, Pferden und gesellschaftlichem Leben.

    Tragisch ist, wie kurz Blanche ihr vollendetes Lebenswerk genießen konnte. Bereits 1906 reiste sie nach Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, um ihre Brüder auf deren Teeplantage zu besuchen. Auf der Rückreise erkrankte sie an Ruhr und starb mitten im Indischen Ozean.

    Das Schloss ging an ihre Tochter Blanche Bonde und deren Mann, Graf Carl Bonde. Mit ihren vier Söhnen bildeten sie die nächste Generation auf Tjolöholm. Bis zur Scheidung des Paares 1920 lebte die Familie hier; danach nutzte Blanche Bonde das Schloss hauptsächlich an Wochenenden und im Sommer und verbrachte die Winter in Stockholm. 1951 verließ sie Tjolöholm endgültig. Damit war das erst 1904 fertiggestellte Schloss nach nicht einmal fünf Jahrzehnten als Familienwohnsitz praktisch Geschichte. Danach stand es leer und begann zu verfallen, bevor es schließlich von der Stadt Göteborg übernommen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.
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