• Über den Fluss und in die Wälder

    Today in Belgium ☀️ 12 °C

    Etappe 4 Via Mosana | Angleur – Esneux | 5. November 2026

    Nach gut zwei Wochen Pause wird es höchste Zeit, wieder Staub unter die Cowboystiefel zu bekommen. Mein Weg nach Santiago führt mich diesmal vom Bahnhof Angleur südlich von Lüttich ins Tal der Ourthe. Die ersten dreihundert Meter durch den ausgesprochen wenig sehenswerten Ort lassen noch keine große Begeisterung aufkommen. Aber dann verschwinden die letzten Häuser hinter mir und der Wald nimmt mich auf. Endlich wieder auf dem Trail!

    Auf schmalen Pfaden geht es durch einen lichten Laubwald bergauf zur Lande de Streupas. Und was für ein Unterschied zu meinen letzten Etappen! Statt grauem Himmel und rußigen Backsteinfassaden erwartet mich heute strahlender Sonnenschein. Die Bäume leuchten in allen Farben des Herbstes, das Laub raschelt unter meinen Stiefeln und zwischen den Ästen öffnet sich gelegentlich der Blick zurück auf Lüttich. Verdammt schön ist das hier oben!

    Die Corniche Saint-Jacques hatte ich mir allerdings etwas spektakulärer vorgestellt. Der vielversprechende Name entpuppt sich als ziemlich gewöhnlicher Waldweg. Nun gut, nicht jeder Trail muss gleich durch den Grand Canyon führen. Doch kurz darauf wartet die erste unangenehme Überraschung: Jagd! Durchgang verboten! Eine Umleitung? Fehlanzeige. Also bleibt mir zunächst nichts anderes übrig, als auf die Landstraße auszuweichen. Wenigstens bietet sich unterwegs Gelegenheit für eine Rast bei McDonald's. Nicht gerade stilechte Cowboy-Verpflegung, aber auch ein einsamer Reiter darf gelegentlich schwach werden.

    Frisch gestärkt geht es weiter, überwiegend auf Asphalt. An der Roche aux Faucons, einem der bekanntesten Aussichtspunkte über dem Ourthe-Tal, wartet schon das nächste Sperrschild. Wieder Jagd! Langsam reicht's mir aber. Ich suche mir einen anderen Weg und kann die Sperrung schließlich umgehen. Doch damit ist der belgische Schilderwald noch längst nicht erschöpft. Zwei weitere Absperrungen machen mir das Leben schwer. Besonders ärgerlich ist eine Sperrung des Treidelpfades entlang der Ourthe. Ein Ausweichen würde einen gewaltigen Umweg bedeuten. Schließlich entscheide ich mich, diesen Abschnitt trotz des Verbots mit äußerster Vorsicht zu passieren. Keine Entscheidung, die ich leichtfertig treffe. Heute wird mir jedenfalls deutlich vor Augen geführt, dass die Freiheit des Wanderers manchmal ziemlich handfeste Grenzen hat.

    Doch dann zeigt sich die Landschaft endlich von ihrer schönsten Seite. Der Weg folgt unmittelbar dem Ufer der Ourthe, die sich in weiten Bögen zwischen steilen, bewaldeten Hängen hindurchwindet. Das Sonnenlicht glitzert auf dem Wasser, die herbstlichen Bäume spiegeln sich im Fluss, und hoch über dem Tal erkenne ich die hellen Felswände der Roche aux Faucons. Immerhin bekomme ich sie nun doch noch zu Gesicht, wenn auch aus einer ganz anderen Perspektive. Fast könnte ich den ganzen Ärger mit den Sperrschildern vergessen. Genau für solche Augenblicke bin ich schließlich unterwegs: draußen sein, die Landschaft erleben und meinen eigenen Rhythmus finden.

    Am Nachmittag erreiche ich Esneux, ein hübsches kleines Städtchen an der Ourthe. Die Häuser schmiegen sich an die steilen Hänge, darüber thronen Kirche und Schloss, und unten zieht der Fluss gemächlich seine Bahn. Ein wirklich schöner Ort, um den heutigen Ritt zu beenden. Nur hat die Sache einen Haken: Für diesen müden Cowboy gibt es hier kein Bett. Trotz aller Bemühungen ist keine passende Unterkunft aufzutreiben.

    Also bleibt nur Plan B. Statt mein Lager in Esneux aufzuschlagen, steige ich in den Zug zurück nach Lüttich und verbringe die Nacht dort. Morgen früh geht es auf demselben Schienenweg wieder nach Esneux, um meinen Pilgerweg genau dort fortzusetzen, wo ich ihn heute unterbrochen habe. Ein kleiner logistischer Umweg, aber davon lasse ich mir mein Abenteuer nicht vermiesen.

    Was für ein Tag! Herrliches Herbstwetter, wunderschöne Wälder, ein wildromantisches Flusstal und mehr Jagdsperrungen, als ein Cowboy an einem einzigen Tag gebrauchen kann. Nicht alles ist nach Plan gelaufen, aber wann tut es das schon?

    Die Stiefel dürfen sich nun ausruhen. Morgen wartet der nächste Trail, und hoffentlich haben die Jäger dann ein anderes Revier im Visier.

    Buen Camino, Cowboy!
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