Backstein, Brauereidunst und ein Jupiler
October 19 in Belgium
☁️ 16 °C
Von Herve nach Lüttich – 22 Kilometer zwischen grüner Prärie und rauem Industrierevier.
Ein letzter Ritt auf Schusters Rappen, dann sollte Lüttich erreicht sein. Von Herve aus führte mich der Weg zunächst über eine alte Bahntrasse, schnurgerade bis hinter Soumagne. Fast wie eine endlose Eisenbahnlinie durch die Prärie, nur dass hier längst keine Dampfrösser mehr unterwegs sind. Stattdessen ein einsamer Cowboy mit staubigen Stiefeln, dem Horizont entgegen.
Hinter Soumagne war es vorbei mit der schnurgeraden Spur. Der Weg schlängelte sich durch kleine Dörfer, vorbei an Wiesen, Gärten und alten Häusern. Noch hatte das Land etwas Beschauliches, doch allmählich rückten die Häuser enger zusammen. Die Wildnis wich der Zivilisation, und die große Stadt warf ihre Schatten voraus.
In Bellaire durfte ich noch einmal tief durchatmen. Der Name ist Programm: schöne, frische Luft! Zumindest hier oben auf den Höhen über Lüttich. Vielleicht haben die Leute den Ort genau deshalb so genannt, weil sie wussten, was unten im Tal auf sie wartete. Denn nun ging es steil bergab, mitten hinein in eine ganz andere Welt.
Welcome to the Wild West der Wallonie!
In Jupille schlug mir eine Duftmischung entgegen, die selbst einen hartgesottenen Cowboy kurz aus dem Sattel gehauen hätte: Brauerei, Reifenfabrik und Stahlwerk, alles fein miteinander vermengt. Kein Duft von Salbei und Lagerfeuer, sondern der herbe Atem eines alten Industriereviers.
Jupille und Bressoux waren dann auch wahrlich keine Orte für romantische Lagerfeuerträume. Dunkle Backsteinbauten, verblichene Fassadeninschriften aus längst vergangenen Tagen, Freilandkabel, die kreuz und quer durch die Straßen hingen, und Asphalt, der wohl schon so manches Rodeo hinter sich hatte. Hier war nichts geschönt, nichts auf Hochglanz poliert. Rau, heruntergekommen und irgendwie trostlos. Wenn es im Wilden Westen Geisterstädte gab, dann haben sie hier ihre belgischen Verwandten. Nur dass diese noch bewohnt sind.
Doch jeder lange Trail hält irgendwann eine Überraschung bereit. Kaum hatte ich die Maas erreicht, zeigte sich der Weg plötzlich von seiner freundlicheren Seite. Am Fluss entlang ließ es sich erstaunlich angenehm in die Stadt hineinwandern. Das Wasser glitzerte, die Schritte wurden leichter, und langsam kam wieder so etwas wie Pioniergeist auf.
Schließlich stand ich vor der Kathedrale von Lüttich. Endstation für diesen Trail. Den Pilgerstempel eingesammelt, den Rucksack abgesetzt und innerlich den Cowboyhut gezogen.
Drei Tage auf dem Jakobsweg, von Aachen bis Lüttich. Grüne Hügel, stille Dörfer, alte Eisenbahntrassen und schließlich der raue Charme des wallonischen Rostgürtels. Nicht jede Meile war schön, aber jede hatte ihre eigene Geschichte. Und genau darum geht es doch beim Unterwegssein: nicht nur die Postkartenmotive mitzunehmen, sondern auch die Ecken kennenzulernen, an denen das Leben seine Spuren hinterlassen hat.
Und jetzt? Jetzt braucht dieser Cowboy weder Pferd noch Prärie, sondern etwas Handfestes auf dem Teller.
Ein ordentliches Boulet liégeois und ein kühles Jupiler. Schließlich will die Brauerei, deren Duft mich schon im Tal begrüßt hat, auch noch von ihrer angenehmeren Seite kennengelernt werden.
Die Stiefel sind müde, die Seele ist zufrieden und der nächste Trail kommt bestimmt.
Keep your boots dusty and your soul wild.
Happy Trails, Amigos!Read more
Wilder Westen im Herver Land
October 18 in Belgium
☁️ 10 °C
Via Mosana | Montzen – Herve | 20 km | 18. Oktober 2026
Ein Cowboy braucht nicht unbedingt ein Pferd, um auf Abenteuer zu gehen. Manchmal reichen ein Rucksack, ein paar ordentliche Stiefel und die Neugier auf das, was hinter dem nächsten Hügel wartet. Nach einem ausgiebigen Frühstück bei meinen gastfreundlichen Quartiergebern in Montzen geht es zurück auf den Chemin de Saint-Jacques. Über dem Herver Land hängt ein grauer Oktoberhimmel, die Wiesen leuchten sattgrün und zwischen Hecken und Weiden ducken sich alte Bauernhöfe. Keine endlose Prärie, aber durchaus ein Revier nach meinem Geschmack. Ob des Straßennamens Kinkenweg recherchiere ich ein wenig... er lässt sich ableiten zu camino-chen oder Chemin-chen. Also kleiner Weg
Gleich zu Beginn wartet eine Entdeckung, die mich gedanklich um einige Jahrhunderte zurückversetzt. Hinter alten Fischweihern taucht Streverstrop auf, eine Ansammlung uralter, teilweise verfallener Gebäude, die offenbar noch immer bewohnt und bewirtschaftet werden. Hier scheint seit fünfhundert Jahren niemand mehr ernsthaft renoviert zu haben. Verwittertes Mauerwerk, eingestürzte Dächer, einsame Giebelwände – als wäre der Dreißigjährige Krieg gerade erst zu Ende gegangen. Nur die Traktoren und Autos verraten, dass wir längst im 21. Jahrhundert angekommen sind. Ein herrlich morbider Ort, der mich weit mehr fasziniert als manches auf Hochglanz restaurierte Schloss.
Danach wird es sportlich. Durch den Wald führt der Weg steil hinauf nach Henri-Chapelle, der einzigen nennenswerten Steigung des Tages. Oben angekommen, streife ich den Ort nur kurz und verabschiede mich wieder von den offiziellen Pilgermarkierungen. Ein Cowboy folgt schließlich lieber seinem eigenen Kompass. Auf einem steinigen Pfad geht es steil hinunter ins Quellgebiet der Berwinne, vorbei an zwei alten Bauernhöfen und mitten hinein ins Weideland. Drei rostige Stiegel (enge Tore, durch die Kühe und Wanderer mit großen Rucksäcken nicht durchpassen) und zwei Kuhweiden später habe ich wieder festen Weg unter den Stiefeln. Die Kühe nehmen von diesem seltsamen Wanderer kaum Notiz. Vermutlich haben sie schon merkwürdigere Gestalten gesehen.
Über kleine Wege und mit einigen Schlenkern durch die hügelige Landschaft erreiche ich Clermont. Unterwegs liegen eine kleine Kapelle und das Remember Museum 39–45, wo ein amerikanischer Sherman-Panzer daran erinnert, dass diese friedliche Gegend schon ganz andere Zeiten erlebt hat. Clermont dagegen ist ein echtes Schmuckstück. Kopfsteinpflaster, historische Backsteinhäuser, ein mittelalterlich wirkendes Torhaus und eine mächtige Kirche verleihen dem Dorf seinen unverwechselbaren Charakter. Hier würde ich durchaus mein Pferd für eine Weile anbinden – hätte ich denn eines. Stattdessen gibt es einen weiteren Stempel für den Pilgerpass, bevor ich auf einer alten Eisenbahntrasse Richtung Thimister weiterziehe.
Dort ist erst einmal Zeit für eine ordentliche Mahlzeit. Eine große Portion Spaghetti Carbonara bringt den müden Cowboy wieder auf Trab, denn sechs Kilometer liegen noch vor mir. Weiter geht es auf dem ehemaligen Bahndamm, vorbei am Fort Battice. Die gewaltigen Betonbunker mit ihren Einschussspuren und zerborstenen Mauern erzählen von den schweren Kämpfen des Zweiten Weltkriegs. Ein bedrückender Anblick inmitten dieser friedlichen Landschaft. Während ringsum die Kühe grasen, holt sich die Natur langsam die alten Festungsanlagen zurück.
Schließlich erreiche ich Herve. In der Touristinformation im ehemaligen Bahnhof wandert der nächste Stempel in meinen Pilgerpass, dann geht es durch den Ort zum Hotel. Zwanzig Kilometer stehen heute auf dem Tacho, wenn man das bei einem Fußpilger so nennen darf. Die Strecke war angenehm, die Landschaft abwechslungsreich und die Fußsohlen brennen inzwischen ein wenig. Aber verdammt, wer freiwillig zwanzig Kilometer in Cowboystiefeln durchs belgische Hügelland marschiert, wird sich davon wohl kaum beeindrucken lassen.
Was bleibt, ist ein Tag voller kleiner Abenteuer, alter Gemäuer, grüner Weiden und Geschichten aus längst vergangenen Zeiten. Wieder einmal hat sich gezeigt, dass es sich lohnt, gelegentlich die markierten Wege zu verlassen und der eigenen Neugier zu folgen. Denn das eigentliche Abenteuer beginnt oft genau dort, wo der vorgeschriebene Weg endet.
Und während draußen langsam der Abend über das Herver Land zieht, dürfen die Stiefel endlich in die Ecke. Morgen wartet der nächste Ritt. Ganz ohne Pferd, versteht sich.Read more
Über alte Grenzen und neue Wege
October 17 in Belgium
☁️ 12 °C
Via Mosana – Etappe 1
Aachen – Montzen | ca. 16 km | 17. Oktober 2026
Mit Staub an den Cowboystiefeln auf alten Pilgerwegen
Manchmal braucht es keine große Reise, um ein kleines Abenteuer zu beginnen. Ein Rucksack, ein Paar Cowboystiefel und die Entscheidung, einfach loszugehen, genügen vollkommen. Mein neuer Pilgerweg beginnt am Aachener Dom, von wo aus ich der Via Mosana Richtung Lüttich folge. Irgendwo weit hinter dem Horizont liegt Santiago de Compostela, aber heute soll es erst einmal nach Montzen gehen, einem kleinen Ort im belgischen Herver Land.
Vom Aachener Markt führt mich mein Weg zunächst über die Jakobstraße stadtauswärts. Woher die wohl ihren Namen hat? An der Kirche St. Jakob vorbei verlasse ich bald die offizielle Pilgerroute, denn deren Verlauf bis zum Aachener Wald erscheint mir wenig reizvoll. Stattdessen wähle ich meinen eigenen Weg über den Hangeweiher und durch den Hermann-Löns-Park. Nach und nach weicht das städtische Treiben der Ruhe des Waldes. Zwischen den Bäumen stehen noch immer alte Grenzbefestigungen, stumme Zeugen einer Zeit, in der diese Grenze Menschen trennte. Heute kann ich sie einfach zu Fuß überschreiten. Ein kleines Stück europäischer Freiheit, das man ruhig einmal bewusst wahrnehmen darf.
Auf belgischer Seite erreiche ich Moresnet-Chapelle, einen bedeutenden Marienwallfahrtsort. Besonders eindrucksvoll ist der Kalvarienberg mit seinen monumentalen Kreuzwegstationen, die sich durch die parkartige Anlage ziehen. Ein Ort, der zum Innehalten einlädt und daran erinnert, dass Pilgern weit mehr ist als das bloße Zurücklegen von Kilometern. Natürlich bekommt auch mein Pilgerpass hier seinen ersten belgischen Stempel. Zwar kein ausgesprochener Jakobsstempel, sondern einer der Marienwallfahrt von Moresnet, aber gerade deshalb ein schönes und authentisches Andenken an diesen besonderen Ort.
Wenig später wird die Landschaft von einem ganz anderen Monument beherrscht: dem gewaltigen Eisenbahnviadukt von Moresnet. Hoch über mir spannt sich die mächtige Stahlkonstruktion über das Tal, während ich auf einer wesentlich bescheideneren ehemaligen Bahntrasse unterwegs bin, die heute als Rad- und Wanderweg dient. Solche alten Verkehrswege faszinieren mich immer wieder. Einst für einen ganz anderen Zweck angelegt, bringen sie heute Menschen auf neue Weise durch die Landschaft. Und irgendwie passt das wunderbar zu einem Pilgerweg.
Eigentlich sollte meine erste Etappe bis Henri-Chapelle führen, doch die Unterkunftssuche hatte ihre eigenen Vorstellungen. Ein Hotelzimmer für 120 Euro erschien mir wenig verlockend. Also griff ich zu einer Unterkunftsliste, die ich in Aachen bekommen hatte, und telefonierte ein wenig herum. Schließlich fand ich bei einer älteren, gut Deutsch sprechenden Dame in Montzen ein privates Pilgerquartier, ganz klassisch auf Donativo-Basis. Etwa einen Kilometer abseits des Jakobsweges und noch ein gutes Stück vor Henri-Chapelle. Das bedeutet morgen zwar einige zusätzliche Kilometer, aber genau solche ungeplanten Wendungen gehören schließlich zum Unterwegssein dazu.
Nach ungefähr 16 Kilometern endet damit mein erster Pilgertag. Keine spektakuläre Tagesleistung, sondern ein gemütlicher Auftakt mit viel Geschichte, eindrucksvollen Orten und einem ersten Vorgeschmack auf die Landschaft Belgiens. Die ersten Kilometer der Via Mosana liegen hinter mir, die Cowboystiefel haben ihren ersten Staub gesammelt und der Alltag ist schon ein gutes Stück entfernt.
Buen Camino!Read more
Ein neuer Aufbruch nach Westen
October 17 in Germany
☁️ 13 °C
Zehn Jahre.
Zehn Jahre ist es ungefähr her, dass ich schon einmal auf einen Jakobsweg aufgebrochen bin. Damals führte mein Weg hinaus in die Eifel, weiter nach Trier und entlang der Mosel tief nach Frankreich hinein. Die Maas? Die tauchte auf dieser Reise erst viel später auf, bei Vaucouleurs.
Diesmal ist alles anders.
Am Aachener Dom. Ein neuer Ausgangspunkt. Ein neuer Pilgerpass. Wieder ein Rucksack und dieses seltsame Kribbeln, das entsteht, wenn man weiß, dass der Weg vor einem viel größer ist als die paar Kilometer, die man an diesem Tag tatsächlich laufen wird.
Aber diesmal drehe ich dem alten Weg praktisch den Rücken zu.
Statt Eifel geht es nach Westen. Statt Richtung Trier zieht die Via Mosana nach Belgien. Über das Dreiländereck, hinaus aus Deutschland, durch das Herver Land und irgendwann hinunter zur Maas nach Lüttich. Dort werde ich den Fluss diesmal nicht erst nach Wochen treffen, sondern schon nach wenigen Tagen.
Ein neuer Jakobsweg.
Mein zweiter Start.
Und trotzdem fühlt es sich nicht wie eine Wiederholung an.
Vielleicht ist genau das das Faszinierende an diesen Wegen: Santiago liegt irgendwo weit im Südwesten, das Ziel ist theoretisch immer dasselbe – aber man kann aus völlig unterschiedlichen Richtungen darauf zureiten.
Oder laufen.
Wobei „zureiten“ meiner heutigen Stimmung eigentlich deutlich besser entspricht.
Denn innerlich fühlt sich dieser Morgen weniger nach ehrwürdigem mittelalterlichem Pilger an und mehr nach einem verdammt langen Trail durch unbekanntes Land. Der Rucksack sitzt auf dem Rücken, unter den Sohlen wartet der Weg, und irgendwo tief in mir trägt der Pilger heute eindeutig einen breitkrempigen Hut.
Die Via Mosana beginnt für mich in Aachen und führt zunächst hinaus Richtung Ostbelgien. Das erste Tagesziel ist Henri-Chapelle. Noch keine gewaltige Expedition, kein heroischer Marsch bis zum Horizont – sondern genau das richtige Maß, um wieder in diesen ganz eigenen Rhythmus hineinzufinden.
Schritt.
Noch ein Schritt.
Noch einer.
Irgendwann hört das Denken auf, Entfernungen in Kilometern zu messen. Orte werden zu Wegmarken, Kirchtürme zu Orientierungspunkten und eine Bank am Wegesrand plötzlich zu einem ziemlich bedeutenden Stück Infrastruktur.
So jedenfalls habe ich das Pilgern in Erinnerung.
Und ich bin neugierig, ob sich dieses Gefühl nach zehn Jahren sofort wieder einstellt.
Damals war mein Weg Stück für Stück gewachsen: durch die Eifel nach Hellenthal, weiter nach Prüm, über Trier nach Frankreich und irgendwann immer weiter nach Süden. Diesmal beginnt eine neue Linie auf der Landkarte. Aachen – Henri-Chapelle – Herve – Lüttich. Und danach?
Weiter.
Natürlich weiter.
Heute interessiert mich das allerdings noch herzlich wenig.
Heute zählt nur dieser erste Strich auf der neuen Karte.
Der Moment, in dem Aachen langsam hinter mir verschwindet.
Der Moment, in dem aus „Ich möchte irgendwann wieder pilgern“ plötzlich wieder „Ich bin unterwegs“ wird.
Und vielleicht ist das der eigentliche Zauber eines ersten Tages: Man kommt dem großen Ziel noch kaum näher. Aber man überschreitet eine viel wichtigere Grenze.
Die zwischen Alltag und Weg.
Also los.
Rucksack auf.
Blick nach Westen.
Ein bisschen Staub auf die Cowboystiefel.
Und dann machen wir uns auf den Trail.
YEEHAW!Read more











































TravelerOh ja,Jupille und Bressoux sind echt tolle Begrüßungsorte. So erging es uns auch, nur dass wir von Visé kamen. Der absolute Höhepunkt der Trostlosigkeit waren die Bahnsteige in Bressoux. Lüttich mag ich persönlich sehr gerne, denn ich mag den spröden, leicht schäbbigen Charme der Stadt.
Traveler
Auch wenn ich mit konzentriere, ich lese immer Jupiter!🤷♂️🙆
Traveler
Ich hoffe der Cowboy ist satt geworden?
TravelerBis nach Hause reichte es...
Traveler
Nomnom 🤤