Santo Stefano di Sessiono
September 16 in Italy
🌙 16 °C
Meine große Liebe!
Dieses Örtchen entzückt mich immer wieder aufs Neue. Am 6. April 2009, als das verheerende Erdbeben der Stärke 6,3 die Region erschütterte, wurde Santo Stefano di Sessanio fast völlig verschüttet und schwer beschädigt. Doch der eigentliche Niedergang hatte schon viel früher begonnen: Seit den 1950er Jahren litt das Bergdorf unter extremer Landflucht. Als es vor rund 25 Jahren entdeckt wurde, war es praktisch eine Geisterstadt. Kaum ein ursprünglicher Anwohner lebte noch hier, die mittelalterlichen Häuser verfielen zu Ruinen.
Dass der Ort heute überhaupt noch steht, verdanken wir einer visionären Rettungsaktion, die schon vor dem Erdbeben begann: Der schwedisch-italienische Unternehmer und Millionär Daniele Kihlgren verliebte sich in den 1990er Jahren bei einer Motorradtour in das verlassene Dorf. Er kaufte ab dem Jahr 2000 einen Großteil der verfallenen Gebäude auf, investierte Millionen und startete ein weltweit beachtetes Pilotprojekt. Seine Idee war so einfach wie genial: Ein „Albergo Diffuso“ (ein verteiltes Hotel) namens Sextantio. Statt einen neuen Betonklotz zu bauen, funktionierte er rund ein Viertel des gesamten Dorfes zu Hotelzimmern um. Die Rezeption liegt in einem ehemaligen Schweinestall, das Frühstück gibt es in der alten Dorfkantine, und wer zu seinem Zimmer will, muss erst einmal drei Gassen weiter durch mittelalterliche Torbögen spazieren. Das Geniale daran: Von außen sieht man dem Hotel nichts an, die historische Ästhetik blieb unberührt.
Als ich den Ort vor vier Jahren das erste Mal auf einem Spaziergang mit Astrid und Anne sah, war das Erdbeben von 2009 zwar noch allgegenwärtig – selbst der berühmte Medici-Turm war damals eingestürzt –, aber der Geist des Wiederaufbaus war längst geweckt. Seitdem begleite ich dieses Wunder Schritt für Schritt. Inzwischen sind schätzungsweise 80 bis 90 Prozent des historischen Ortskerns meisterhaft restauriert.
Jedes Mal, wenn ich wiederkomme, sind neue Teile fertiggestellt und nach alten handwerklichen Künsten neu aufgebaut. Geduldig und originalgetreu saniert, Stück für Stück, Stein für Stein. Sogar der Medici-Turm steht seit 2021 wieder stolz über den Dächern. Und das Schönste daran: Das Leben kehrt zurück. Durch Förderprogramme und den Erfolg des sanften Tourismus wächst die Gemeinde wieder. Es leben heute wieder gut 100 ständige Einwohner fest im Dorf. Es sind längst nicht mehr nur die Tagesausflügler, die hier durch die Straßen ziehen, sondern auch junge Rückkehrer und Zugezogene, die diesem einst totgesagten Ort eine echte, lebendige Seele schenken.Read more



















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Kaum angekommen muss ich einen abendlichen Spaziergang machen. Ich habe mich einfach in dieses Örtchen verliebt.
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Und es gibt schon so viele Fotos in meinem anderen Italien Blog, dass ich diesmal drauf verzichte noch viel mehr einzustellen.
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An der Kirche bin ich immer vorbei gekommen und immer wieder stehen geblieben. Auch die fasziniert. Ich habe jetzt mal eine Übersetzung gesucht. Die Aufschrift dort lautet übersetzt: „Santo Stefano seinen tapferen Söhnen, die ihr Leben gaben für die Größe und die unversehrten Ansprüche der Mutter Erde.“ Diese pathetischen Zeilen, eingeweiht im Oktober 1918, spiegeln die tiefen Wunden und den damaligen Zeitgeist des Ersten Weltkriegs wider. Während der Ort heute als idyllisches Paradebeispiel für sanften Tourismus und historische Architektur gilt, erinnert dieses Denkmal eindringlich daran, dass die Einsamkeit dieser Bergdörfer einst von schweren Schicksalen geprägt war. Ein melancholischer, aber faszinierender Kontrast, der zeigt, wie eng Schönheit und Geschichte in Italien miteinander verwoben sind.
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Dass dieses steinerne Mahnmal ausgerechnet an der Fassade der Chiesa del Suffragio angebracht wurde, ist kein Zufall. Diese kleine, intime Barockkirche aus dem 18. Jahrhundert dominierte seit jeher das spirituelle Leben direkt an der zentralen Piazza Medicea. Gewidmet ist sie der Madonna del Carmine und dem Gedenken an die „Seelen im Fegefeuer“ (Suffragio) – ein Ort des Trostes und des Totengedenkens. Indem man die Namen der gefallenen Söhne direkt auf die Außenwand des Gotteshauses meißelte, holte man die Trauer der Familien mitten in den Alltag des Dorfplatzes. Jedes Mal, wenn die Bewohner die Messe besuchten, passierten sie das Denkmal ihrer verlorenen Brüder und Väter. Die Kirche wird so zu einer faszinierenden architektonischen Schnittstelle: Sie verbindet die barocke Sehnsucht nach göttlichem Beistand mit dem weltlichen, fast schmerzhaften Stolz einer Gemeinschaft, die einen bitteren Tribut an die Geschichte zahlen musste. Ein absoluter Fixpunkt für jeden, der das wahre, ungeschönte Herz der Abruzzen verstehen will. Inzwischen sind kaum noch welche von den alten Einwohnern da. Das Bergdorf wurde irgendwann fast völlig verlassen und das letzte Erdbeben hat das seinige getan.