• Calascio

    September 17 in Italy ☁️ 22 °C

    Eine Radtour mit fast 600 Höhenmetern.

    Rocca Calascio kenne ich bereits – beim letzten Besuch bin ich von Santo Stefano aus dorthin gewandert, über den Höhenweg über die Hügel. Diese Strecke kann man mit dem Fahrrad nicht fahren, also suche ich mir diesmal eine andere Route. Viele Abschnitte habe ich mir vorher bei Google angesehen, aber nicht alle. Ein großer Fehler.

    Nach einigen Kilometern verengt sich der bis dahin gut fahrbare Weg zu einem einspurigen Fußpfad, natürlich an der steilsten Stelle des Hinwegs zum kleinen Ort. Ich muss im Gestrüpp neben dem Weg laufen und das Fahrrad den äußerst unwegsamen Pfad hochschieben. Gut, dass ich nun weiß, dass auch das geht. Das Fahrrad hat eine ordentliche Schiebehilfe – ohne sie hätte ich umkehren müssen. Abgesehen von dieser Passage ist der Weg problemlos und es macht einfach Laune, dort zu fahren.

    Mein Ziel ist diesmal das vergessene Dorf unterhalb der Burg. Bei meiner früheren Wanderung hatte ich es ausgelassen, weil ich nicht mehr so weit gehen wollte. Dass es nur gut 300 Meter gewesen wären, war mir nicht klar. Und ich wusste auch nicht, welches Kleinod ich verpasst hatte. Diesmal wähle ich es bewusst als Ziel aus, und ich werde nicht enttäuscht. Ähnlich wie in Santo Stefano wird hier einiges renoviert. Viele kleine Gassen sind gut zu passieren, und eine ganze Reihe Häuser ist bereits instand gesetzt. Der Besuch lohnt sich in jedem Fall.

    Hinter diesem Ort steckt weit mehr als nur ein paar alte Mauern. Rocca Calascio war mehrfach Filmkulisse, unter anderem für den 80er‑Kultfilm „Ladyhawke“ und für Szenen aus „The American“. Nach dem schweren Erdbeben von 1703 verließen die Bewohner das obere Borgo; jahrzehntelang lag es verlassen da, heute ist es teilweise restauriert – sogar eine kleine Bar gibt es wieder. Die Region wurde früher durch die Transumanza reich, den großen saisonalen Schafszug, der hier vorbeizog. Die Burg diente als Kontrollstation, und der Wollhandel brachte Wohlstand.

    Am Weg steht die achteckige Kirche Santa Maria della Pietà, der Legende nach als Dank erbaut, nachdem die Dorfbewohner eine gefürchtete Räuberbande besiegt hatten. Und nachts hat man hier oben einen der klarsten Sternenhimmel Italiens: Auf über 1200 Metern Höhe, ohne künstliches Licht, spannt sich die Milchstraße direkt über dem Bergkamm.

    Auf dem Rückweg fahre ich zunächst über gut ausgebaute Straßen weit bergab – insgesamt müssen ja rund 570 Höhenmeter wieder vernünftig vernichtet werden. Das geht hervorragend, ich muss viel bremsen und komme zügig voran. Dann folgen erneut diese widerlichen Wege mit Geröll und Schotter, teils mit deutlichem Gefälle. Mein Vorderreifen hüpft wie ein Flummi, und ich muss aufpassen, dass ich mich nicht lang mache.

    Auf dem Hinweg hatte das schon einmal „gut“ geklappt: Ich bin gestürzt, aber mit nur wenigen Blessuren davongekommen. Der Fahrradlenker ließ sich wieder geradebiegen. In diesem Zusammenhang zeigt sich, wie gut es ist, dass Leo in seinem Körbchen nicht angebunden ist. Sonst wäre er möglicherweise zwischen die Objekte des Sturzes geraten. So saß er einfach daneben und schaute interessiert, als wäre die ganze Geschichte die normalste Sache der Welt.

    Nachdem die unangenehme Passage durchs Tal überstanden ist, geht es auf der anderen Seite die rund 500 Höhenmeter wieder hinauf nach Santo Stefano. Dank elektrischer Unterstützung überhaupt kein Problem. Ich komme direkt am Wohnmobilstellplatz an der Kirche heraus – auf einem Weg, von dem ich immer schon wissen wollte, wohin er führt. Nun weiß ich es.
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