• Wrack

    October 6 in Italy ☁️ 23 °C

    Ich mache mich auf den Weg zum Wrack der Eden V, die einsam und rostig am endlosen Sandstrand von Marina di Lesina im Norden Apuliens liegt. Kilometerweit wandere ich am Strand entlang und lasse die Zivilisation langsam hinter mir. Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht vor mir der vom Salz zerfressene Rumpf eines gestrandeten Frachtschiffs auf. Die Eden V ist einer der faszinierendsten und gleichzeitig unheimlichsten Lost Places der italienischen Adriaküste.

    Das Schiff versinkt von Jahr zu Jahr unaufhaltsam weiter im Sand. Vor zwei Jahren war ich bereits einmal hier.

    Das Geheimnis dieser Strandung reicht zurück bis zum 16. Dezember 1988, als der rund 95 Meter lange japanische Frachter während einer schweren Sturmflut direkt auf den Sandstrand auflief, ohne dass die libanesische Besatzung zuvor einen Notruf abgesetzt hatte. Bis heute hält sich in Italien der dringende Verdacht, die Eden V gehöre zu den berüchtigten Giftschiffen, den sogenannten Navi a perdere, die von der Mafia absichtlich stranden gelassen wurden, um illegal Gift- oder sogar Atommüll billig zu entsorgen.

    Heute sieht man nur noch die massive Bodenwanne und den Kiel des Schiffes. Die oberen Decksaufbauten wurden bereits im Jahr 2014 vollständig abgetragen.

    Schwere Kettenfahrzeuge, die erst vor Kurzem direkt an der Wasserlinie entlanggerollt sein müssen, haben mir den gesamten Hinweg am Strand erschwert. Wie ich später erfahre, rücken diese Bagger jeden Herbst an, um das Wrack von tonnenschwerem Treibholz zu befreien. Erst dadurch können Gutachter die Messungen für eine neue Umweltprüfung durchführen.

    Die Behörden streiten sich seit Jahrzehnten über das weitere Vorgehen. Obwohl die Staatsanwaltschaft Foggia das Wrack bereits 2022 offiziell beschlagnahmte, passiert im Grunde nichts. Das Schiff liegt mitten im streng geschützten Nationalpark Gargano, und die extremen Umweltauflagen machen jede Bergung im sensiblen Ökosystem zu einem bürokratischen und technischen Albtraum. Eine vollständige Beseitigung gilt unter Experten inzwischen als nahezu unmöglich. Wahrscheinlich wird die Natur das Wrack eines Tages vollständig begraben.

    Mich irritiert, dass es keinerlei Absperrungen gibt und niemand auf die Gefährlichkeit dieses Ortes hinweist. Die Italiener sind da deutlich bodenständiger und sagen sinngemäß: Man sieht doch, dass das gefährlich ist. Warnschilder, wie man sie in Deutschland erwarten würde, sucht man jedenfalls vergeblich.

    Um nicht noch einmal durch den aufgewühlten Sand zurückgehen zu müssen, entscheide ich mich für eine alte Zufahrt durch die Dünen. Von dort will ich die nahe Straße erreichen, die sich allerdings als reine Sandpiste entpuppt. Zudem ist sie von schweren Fahrzeugen tief zerfahren.

    Drei Kilometer später finde ich schließlich den Pfad, der mich zurück zu meinem Strand führen soll. Doch der Weg wird immer weniger Pfad und immer mehr Gestrüpp, bis ich die letzten 500 Meter nur noch nach der Himmelsrichtung gehen kann und mich durch dichtes Buschwerk schlage. Zum Glück besteht es nicht aus Dornen.

    Kurz bevor ich endgültig die Orientierung verliere, habe ich es geschafft. Drei Kilometer Uferwanderung am Strand, fast ein Kilometer durch tiefen Weichsand bis zur Piste, weitere drei Kilometer auf der Sandpiste und schließlich rund ein Kilometer durch dichtes Gestrüpp. Da wissen wir beide, was wir getan haben.

    Leo ist dabei wohl etwa die doppelte Strecke gelaufen.

    Umso mehr freue ich mich darüber, dass ich solche Touren heute wieder gehen kann, ohne anschließend irgendwelche körperlichen Probleme zu haben.
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