Der tagtägliche Ausnahmezustand
February 19 in Saudi Arabia ⋅ ☀️ 32 °C
Was wir am Donnerstagabend in Medina erleben durften, sprengt die Dimensionen meines Vorstellungsvermögens. Hunderttausende, vermutlich weit über eine halbe Million Menschen versammeln sich zum Gebet und zum gemeinsamen Fastenbrechen in der zweitgrößten Moschee der Welt. Während die größte in Mekka so wie die gesamte Stadt für Ungläubige unzugänglich ist, sind in Medina nur die drei innersten Zonen für Nicht-Muslime gesperrt. Wir dürfen recht weit hinein ins Geschehen, wagen uns sogar weiter vor als gestattet: Unbehelligt von den Religionswächtern schleichen wir uns mit ausgeschalteten Handys, um nicht geortet zu werden, durch Ring drei. Marc traut sich sogar noch eine Stufe weiter vor. Nur das Grab Mohammeds ist absolut tabu.
Der Sonnenuntergang ist noch fern, als die Vorbereitungen beginnen. Auf dem riesigen, von zahllosen Pilgerhotels umrahmten Platz vor der Moschee werden Gebetsteppiche ausgerollt, Esssenspakete deponiert und Absperrungen aufgestellt, um die Menschenmassen zu kanalisieren. Derweil strömen aus allen Himmelsrichtungen Besucher auf den Platz und unter die gigantischen Schirme, die das weitläufige Areal rings um die Moschee beschatten. Ventilatoren und ein feiner Wassernebel sorgen zusätzlich für Kühle. Mehr als eine Million Menschen haben hier Platz, doch so viele kommen nur in der Haupt-Pilgersaison.
Aber auch die Hälfte davon bildet ein beeindruckendes Szenario. Besonders faszinierend zu beobachten: Ohne Schieben und Drängeln, mit Rücksicht und Umsicht suchen sich die Gläubigen, eine Melange der Nationen, freie Plätze. Hier werden Datteln verteilt, da Wasser, dort Essenspakete. Geduldig warten die Pilger, bis sie an der Reihe sind. Sie wissen: Niemand kommt zu kurz. Es ist genug für alle da. Trotz der unvorstellbaren Massen.
Ausnahmezustand in Medina? Mitnichten! Dieser friedliche Ansturm findet Abend für Abend statt, er ist völlig normal. Einzig das gemeinsame Fastenbrechen ist dem Ramadan vorbehalten.
Als sich die Sonne dem Horizont nähert, werden die großen Schattenschirme eingefahren und dienen nun als Lampenmasten. Gleißend hell ist der Platz erleuchtet, als der Imam das Signal gibt: Jetzt darf bis Sonnenaufgang gegessen und getrunken werden.
Mehrere Gebetsrunden absolvieren die Gläubigen. Selbst in den Nebenstraßen, die auf den Platz führen, beugen sich Menschen gen Mekka, die es nicht rechtzeitig zur Moschee geschafft haben.
Man mag zu Religion allgemein und zum Islam im Besonderen stehen, wie man mag. Aber dieses Schauspiel flößt Respekt ein - nicht nur weil hier tagtäglich eine logistische Glanzleistung vollbracht wird. Sondern weil augenscheinlich Frieden liegt über einer gewaltigen Menschenmenge, die inhomogener nicht sein könnte.
Ein gutes Zeichen für die Welt.Read more



















TravelerEin unglaublicher Ort. Wir waren während Umrah dort. Die Menschenmassen sind nicht zu beschreiben. Vor allen Dingen, als sie nach dem Gebet alle auf den Friedhof geströmt sind. Hunderttausende. Bei uns gab es Ärger. Sowohl als wir in der Moschee waren und wir als Nichtmuslime enttarnt wurden, aber auch, als wir hinter dem Zaun fotografiert haben. Wir sollten alles löschen. Konnten aber verschwinden. Am faszinierendsten fand ich, dass Hunderttausende verstummen, dem Muezzin lauschen und sich alle gleichzeitig dem Ritual entsprechend bewegen. Die Zeit scheint still zu stehen während des Gebets. Eine andere Welt.