• Wellness für Hartgesottene

    February 26 in Oman ⋅ 🌙 21 °C

    Ich hab's ja nicht anders gewollt. Ich habe mich für das volle Programm entschieden. Und das heißt beim Barber im Orient: Lust und Leiden. Zuckerbrot und Peitsche. Aber am Ende Wohlfühlen pur.

    Shamsul stammt, wie so viele Arbeiter hier, aus Bangladesh. Man merkt ihm an, dass ihm eher selten schütteres, nicht tiefschwarzes Haupthaar in die Finger kommt. Eher zaghaft macht er sich ans Werk. Ein aufmunterndes Lächeln seines nicht minder nervösen Kunden beflügelt ihn, und plötzlich lässt er die Klingen fliegen. Mit erstaunlichem Tempo klappert die Schere, präzise werden selbst einzelne Haare in Zehntelmillimeterschritten gestutzt. Jetzt ist Shamsul in seinem Element.

    Doch am Kopf läuft er sich nur warm. Jetzt wird das Messer gewetzt für den Bart. Eine präzise Kontur gezogen, und schon schnattert auch hier die Schere wie eine Hochpräzisionsmaschine.

    Damit könnte die Sache nun eigentlich erledigt sein. Doch Shamsul hat noch einiges im Programm. Mangofarbene Pampe fürs Haupthaar? Nur drauf damit! Mit kräftigen Händen wird der Schlonz einmassiert, als ginge es darum, die Kopfhaut neu zu arrangieren. Der Schmerz weicht schnell und macht Platz für ein wohliges Kribbeln.

    Dummerweise hat Shamsul inzwischen noch ein paar weitere Schwachstellen entdeckt in Form unerwünschter Haare in Nase, Ohr und auf den Wangen. Und dummerweise habe ich nicht schnell genug zum Abbruch geblasen. Als der Barbier mit einem Schmelztiegel voll Heißwachs auftaucht, ist es zu spät. Mit einem Holzspachtel trägt er die grüne Paste auf den Problemzonen auf, in den Nasenlöchern samt Wattestäbchen. Und nein, ein Grinsen kann sich der anfangs noch so schüchterne Bangladeshi nicht verkneifen, als er mir das erstarrte Wachs von der Haut reißt. Wer schön sein will, muss leiden: I learned it the hard way.

    Zur Wiedergutmachung greift Shamsul abermals in die Trickkiste. Nun salbt er mein Gesicht mit Sandelöl, dem er weitere Tinkturen folgen lässt, die er intensiv
    einmassiert. Und während der exotisch duftende Fruchtcocktail einwirkt, bekommen auch Rücken und Arme noch eine intensive, alles andere als zimperliche Massage - chiropraktische Gelenkentknackungen inclusive. Ganzheitlicher geht's nicht, zumindest obenrum.

    Nun muss all das, was auf meinem Kopf gelandet ist, auch wieder runter. Shamsul wäscht und spült und tupft und trocknet hingebungsvoll, bringt die frisch gestutzten Haare wieder in Form, korrigiert mit flinker Schere noch ein paar Details und widmet sich zu guter Letzt mit einer kunstvollen Fadentechnik den Augenbrauen. Fertig.

    "Good?", will Shamsul wissen, "excellent", antworte ich und meine es sehr ernst. Barber und Kunde strahlen um die Wette. Inzwischen ist es fast 1 Uhr nachts. Um 23 Uhr hat die Prozedur begonnen. Nicht nur im Ramadan spielt sich das Leben hier zu Zeiten ab, die mir sehr entgegenkommen. Ich bin längst nicht Shamsuls letzter Kunde in dieser Nacht.

    Doch bevor er weitermacht, spendiert er mir erst noch einen Kaffee beim Nachbarn links und ein Wasser aus dem Laden gegenüber. Das gehört zum Wohlfühlpaket. Und das verpufft auch nicht, als Shamsul den Endpreis aufruft: 10 Rial, 22 Euro. Für fast zwei Stunden Mühe, Kunst und Hingabe.

    Könnte ich, käme ich nächste Woche wieder zum Reset auf Werkseinstellung. Obwohl ich eigentlich gar nicht gern zum Frisör gehe...
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