• Verhaftet - wegen Saddam

    March 29 in Iraq ⋅ ☁️ 20 °C

    Diese Fotos hier dürfte es eigentlich gar nicht geben. Sie zeigen die zerbombten Reste eines Palastes des ehemaligen irakischen Diktators Saddam Hussein. Weil ich sie fotografiert habe, wurde ich verhaftet.

    In Tikrit, einer Stadt am Tigris, interessiert uns vor allem die alte Zitadelle hoch über dem Fluss. Als wir von der Hauptstraße gen Norden in den Ort abbiegen, fallen uns ein paar mächtige, verfallene Gebäude auf. Neugierig fahren wir in ihre Richtung. Schnell wird klar: Hier wurde bombardiert. Aber was?

    Wir haben gelesen, dass Saddam Hussein in einem Dorf bei Tikrit geboren wurde. Könnte es sich bei den Ruinen etwa um einen Palast des Ex-Diktators handeln? Google lens bestätigt diesen Verdacht anhand einer Bildersuche. Wir stehen also staunend - und völlig zufällig - vor zerstörten Zeugnissen einer beispiellosen Gewaltherrschaft. Der Auslöser meiner Kamera klickt im Stakkato.

    Ein junger Mann spricht uns an, lädt uns zu sich nach Hause zum Essen ein. Wir lehnen dankend ab, die Zeit drängt, wir müssen weiter. Doch weit kommen wir nicht. Noch ehe wir zurück bei unseren Fahrzeugen sind, springen vier Männer aus einem weißen Auto, reißen mir die Kamera aus der Hand, sagen mit erregter Stimme etwas von "no foto" und bugsieren mich ruppig in ihren Wagen. Die anderen sollen mit unseren Autos einem Motorradfahrer folgen.

    Was tut man, wenn man mit vier fremden Männern in Zivil in einem Zivilauto sitzt und weggefahren wird? Ruhe bewahren. Mein Gedanke, es könnte sich um Milizen handeln, die Geld rausschinden wollen, schwindet schnell - schließlich haben wir drei deutsche Fahrzeuge im Schlepptau, da würden Abwege irgendwann auffallen. Die eigentlich obligatorische Frage nach Dienstausweisen bietet sich nicht an: Erstens könnte ich ein solches Dokument nicht von einem irakischen Schülerausweis unterscheiden; zweitens würde gesundes Misstrauen wohl eher eskalierend wirken.

    Also lasse ich
    meinen Handy-Translator ausrichten, ich sei Tourist, bedaure mein Fehlverhalten und würde böse Bilder natürlich brav löschen. Derweil lade ich sie im Hintergrund heimlich von der Kamera aufs Handy hoch. Hoffentlich reichen Zeit und Akku!

    Die Miliz-Sorge weicht, als wir nach kurzer Fahrt tatsächlich in eine Kaserne einbiegen, der komplette Konvoi. Das eben noch etwas ruppige Herrenquartett ist inzwischen entspannter und gibt mir zu verstehen, "military territory" dürfe niemals fotografiert werden. Soweit, so bekannt. Aber wie soll man einer Palastruine ansehen, dass sie als
    Miliärgelände gilt? Verbotschilder oder Hinweise sind weit und breit Fehlanzeige.

    Ein junger Mann, der im Gegensatz zu den anderen Englisch spricht, klärt die Lage auf: Wir warten auf Sicherheitsleute, die die Bilder inspizieren. Eventuell muss ich sie löschen, dann dürfen wir weiter. "No big deal." Inzwischen scherzen auch die anderen vier Deutschen mit Soldaten.

    Zwei Herren kommen an und werden rasch informiert, dass es sich bei uns wohl doch nicht um ganz große Fische handelt. Die Kamerakontrolle geschieht deshalb hurtig und ohne letzte Konsequenz. Auch die Handys müssen gesäubert werden. Meins interessiert sie nicht...

    Eine halbe Stunde später verlassen wir fröhlich winkend die Kaserne. Ein Zivilfahrzeug folgt uns bis zur Stadt hinaus. Die Zitadelle lassen wir lieber sausen: Wer weiß, vielleicht gilt auch sie als militärisches Gelände?
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