100, und Schluss: Finale mit cat content
April 1 in Turkey
In Van sind seltene Katzen zuhause, mit zwei unterschiedlich gefärbten Augen. Die (bzw. das Denkmal, das man ihnen gesetzt hat) möchte ich der geneigten Gefolgschaft keinesfalls vorenthalten.
Deutlich interessanter finde ich indes das finale Sightseeing-Highlight dieser Reise: die über 1000 Jahre alte Kirche zum Heiligen Kreuz auf der Mini-Insel Akdamar. Das zwischen 915 und 921 n. Chr. vom Mönch Manuel erbaute Gotteshaus ist üppig verziert mit armenischer Sakralkunst: Innen bunte Malerei, außen aufwändige Reliefs, die beileibe nicht nur biblische Geschichten darstellen. Manuel, selbst Architekt und Bildhauer, hatte offensichtlich begnadete Künstler und Steinmetze an der Hand. Derart reicher Skulpturenschmuck ist in dieser Zeit einmalig - andernorts ist er erst ein Jahrhundert später bekannt.
Der Klosterkomplex war zwischen 913 und 992 sowie zwischen 1116 und 1895 Sitz des Katholikats von Akdamar. Die winzige Insel war lange Zeit das kulturelle Zentrum der Armenier im Armenischen Hochland.
An diesem kalten, sonnigen Frühlingstag haben nur wenige Neugierige die Fähre nach Akdamar genommen. Das lässt mich die besondere Atmosphäre rings um das uralte Kirchlein in Ruhe genießen. Das Geschrei von Möwen ist der Soundteppich im Hintergrund. Ansonsten herrscht kontemplative Stille.
Die nutze ich, um die Gedanken rückwärts schweifen zu lassen. Was für ein Feuerwerk an Eindrücken, Erlebnissen und Emotionen durfte ich in acht Wochen und ca. 11.000 Kilometern erleben! In exakt 100 Footprints und fast 1500 Fotos habe ich versucht, sie hier mit Euch zu teilen. Herzlichen Dank für's Dabeisein, für's Mitfiebern, für's Daumendrücken, für Eure Neugier und für den großen Zuspruch. I love to entertain you 😜!
Es wird eine Weile dauern, bis all die Wow-, Boah-, Aha- und Kopfschüttelmomente (und tausende Bilder dazu) sortiert und verarbeitet sind. Das Stakkato an Impressionen ist es ja, was mich an Roadtrips, dieser schnell getakteten Art des Reisens, so begeistert.
Noch nie zuvor habe ich derart krasse Kontraste und Widersprüche erlebt. Zwischen den Glaspalästen Dubais und einem Nomadenzelt in Saudi-Arabien liegen nicht nur Welten, sondern Galaxien; zwischen einer Filiale der US-Restaurantkette IHOP und einem Truckstop im Irak ebenfalls. Heute in einem Souk, in dem die Zeit vor 100 Jahren stehen geblieben zu sein scheint; morgen in einer prunkvollen Shopping Mall, deren Angebote sich kaum ein Prozent der Menschheit leisten kann. Eine Nacht auf einem vermüllten Parkplatz neben dem Highway, die nächste neben einem Marmor-Boulevard. Aber eben immer mittendrin, nie nur als Zaungast dabei.
Denn wer so reist, sorgt für Aufsehen und Neugier. Kaum die Handbremse gezogen, kommt jemand, will wissen, wo wir her sind, was wir hier machen - und ob es uns an irgendetwas fehlt. Die Hilfsbereitschaft in diesem Teil der Welt, tief verwurzelt als Überlebensstrategie in der Wüste, ist grenzenlos.
Die Gastfreundschaft ebenso: Tagtäglich wurden wir mehrfach zum Tee oder zum Essen eingeladen, wurden aus heiterem Himmel beschenkt. Von Menschen, die in manchen Hohlbirnen in Deutschland als gewalttätige Monster abgespeichert sind. Von Menschen, die zum Teil kaum etwas besitzen, das Wenige aber bereitwillig teilen wollen mit Wildfremden - ungeachtet der Frage, ob die das nötig haben oder nicht. So etwas zu erleben als Mitglied einer alles andere als selbstlosen Ellenbogengesellschaft macht dankbar und demütig. Und lässt mich mehr denn je verzweifeln an all den Ressentiments gegenüber Fremden, an all dem Hass, dem Neid und der Missgunst, die inzwischen nicht nur die rechtsradikalen AfD-Nichtsnutze verbreiten.
Acht Wochen lang habe ich mich unter Menschen bewegt, deren Sprache ich nicht kenne und deren Kultur, deren Denken und Fühlen ich mich trotz aller Intensität bestenfalls annähern kann. In keinem Moment habe ich mich unsicher oder gar bedroht gefühlt. Würde ich in unseren Breiten bedenkenlos jede trockene Nacht auf dem Feldbett unter freiem Himmel verbringen, egal ob in der tiefsten Pampa oder auf einem Großstadt-Parkplatz? Vermutlich nicht. Und das liegt gewiss nicht an Angst vor Nicht-Deutschen.
Das Stichwort Angst führt mich zum Thema Krieg. Im Oman wurden wir vom heimtückischen, verbrecherischen Überfall zweier debiler, bösartiger alter Säcke aus den USA und aus Israel auf den Iran überrascht. Dass wir durch dieses wunderbare Land, Keimzelle und Wiege der modernen Zivilisation, nicht wie ursprünglich geplant heimfahren können, stand schon vor Reisebeginn fest. Aber dass der Empathie- und Hirnlose im Weißen Haus beschließen würde, den Iran "zurück in die Steinzeit" zu bomben, damit war nicht zu rechnen. Wer so etwas äußert, trägt keinerlei DNA des homo sapiens in seinen Genen, sondern steht auf der Stufe eines keulenschwingenden Neandertalers.
Nun waren also Handy-Alarme, Sirenen und zuweilen auch die Detonationen abgefangener und unschädlich gemachter Drohnen unsere täglichen Begleiter, an die wir uns schnell gewöhnten - staunend sowohl über die Nonchalance der Einheimischen als auch über unsere eigene. Stell Dir vor, es ist Krieg - aber es fühlt sich einfach nicht bedrohlich an. Auf Spuren von Nervosität wartete ich bis zuletzt vergeblich. Vielleicht auch im Vertrauen auf die täglichen Erfolgsmeldungen der Luftabwehr, publiziert in den lokalen Medien.
Natürlich haben wir die Lage intensiv beobachtet, auch um unsere Reisepläne gegebenenfalls modifizieren zu können. Sind Grenzübergänge passierbar? Gibt es die nötigen Visa noch? Sind möglichweise Strecken gesperrt?
Erst im Irak haben wir zu spüren bekommen, wie nah der Krieg dort ist und wie groß die Sorge, schon wieder in einen bewaffneten Konflikt gezerrt zu werden. Womöglich hatten wir Glück, noch auf dieser Route in die Türkei zu kommen. In Globetrotter-Kreisen macht die Kunde die Runde, dass es seit heute keine Kuwait-Visa mehr gebe. Das würde einen riesigen Umweg über Jordanien bedingen.
Dieser völlig sinnfreie Konflikt, einzig und allein der Macht- und Profitgier kranker alter Männer geschuldet, droht die gesamte Region dauerhaft zu destabilisieren. Statt Freiheit und Frieden bringen Bomben und Raketen stets nur Elend. Gerade im Irak sind die dauerhaften Folgen von Krieg noch auf Schritt und Tritt zu sehen und zu erleben.
Ich wünsche den Menschen im Nahen Osten, auf der arabischen Halbinsel, ein glimpfliches Ende dieses amerikansch-israelischen Überfalls. Ich wünsche ihnen endlich dauerhaften, stabilen Frieden - dankbar, dass ich womöglich in letzter Minute die Gelegenheit hatte, diesen fantastischen, faszinierenden Teil der Welt frei und weitgehend unbeschwert auf eigene Faust zu entdecken. Es wird, inshallah, nicht mein letzter Besuch dort gewesen sein.Read more

























Ein tolles Statement, das mir aus dem Herzen spricht. Und vielen Dank fürs Teilhaben lassen an den Eindrücken, Stimmungen und Gedanken. Gute Rückreise! [Sabine]
TravelerLieber Wolfgang, wieder eine wahrhaftige (leider muss man das in diesen Tagen von Manipulation und Desinformation betonen), tiefgründige und toll geschriebene Reportage. Den Text sollten Millionen lesen! Bring doch ein Buch heraus...Liebe Grüße von Kurt
Wolferl weltweit❤️