• Das Loch, das Dörfer verschlingt

    May 13 in Germany ⋅ ☁️ 11 °C

    Wir haben erstaunlich gut geschlafen auf dem Stellplatz. Am Morgen ist Rolf losgezogen, um die Gipfeli zu holen, die wir am Vorabend bestellt hatten. Frisch, warm und genau richtig für einen gemütlichen Start in den Tag. So sassen wir entspannt vor Knutschi, Kaffee in der Hand, Frühstück auf dem Tisch, ganz ohne Hektik. Genau so darf ein Reisetag anfangen.

    Danach wurde entsorgt, alles wieder fahrbereit gemacht und wir sind Richtung Tagebau Hambach weitergefahren. Kurz vor dem Ziel noch schnell eingekauft und dann einen richtig schönen Waldparkplatz gefunden. Ruhig, grün und perfekt für Knutschi. Kaum standen wir, waren die Velos schon parat. Der Plan: „gemütliche“ 27 Kilometer rund um das Kohleabbaugebiet. Hahaha. Natürlich kam es anders.

    Denn es blieb nicht bei einem einfachen Rundkurs. Immer wieder gab es Aussichtspunkte, neue Perspektiven oder Schilder mit „hier sieht man noch besser“. Also hielten wir ständig an, schauten, staunten und standen plötzlich wieder direkt am Rand dieses gigantischen Lochs.

    Die Dimensionen sind schwer zu begreifen. Der Tagebau Hambach gehört zu den grössten Braunkohleabbaugebieten Europas. Jahrzehntelang wurden hier jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert. Und erst wenn man dort steht, versteht man, was diese Zahl bedeutet: einfach unfassbar viel Landschaft, die bewegt wurde.

    Ein grosses Braunkohlekraftwerk kann bis zu rund 10’000 Tonnen Kohle pro Stunde verbrennen. Während wir also gemütlich mit den Velos unterwegs waren, lief im Hintergrund ein industrielles System im Dauerbetrieb – im XXL-Format.

    Und dann diese Maschinen. Schaufelradbagger, über 90 Meter hoch, hunderte Meter lang, mit einem Rad von über 20 Metern Durchmesser. Aus der Ferne wirken sie fast klein, fast harmlos. Erst wenn ein Lastwagen oder ein Mensch daneben auftaucht, kippt die Perspektive komplett.

    Auf halber Strecke erreichten wir das Besucherzentrum, bereits mit über 30 Kilometern auf dem Tacho. Drinnen kurz durch die Ausstellung, etwas essen und genau in diesem Moment begann draussen der Regen. Timing wie bestellt.

    Danach ging es weiter entlang dieser seltsamen Mischung aus Natur und Industrie. Waldstücke, Vogelgezwitscher, kleine Dörfer und wenige Minuten später wieder Abbruchkanten, Förderbänder und diese riesige Mondlandschaft.

    Und genau hier wurde es besonders deutlich: Wir hatten ständig das Gefühl, irgendwo falsch zu fahren. Wege endeten plötzlich im Nichts, Strassen waren gesperrt oder führten an Absperrungen vorbei. Erst später wurde klar, warum: Der Tagebau wächst weiter, und mit ihm verschwinden Wege, Strassen und ganze Landschaften einfach aus der Karte.

    Das Loch frisst sich langsam durch die Gegend. Was früher normale Verbindungen waren, endet heute an Kanten oder existiert schlicht nicht mehr. Teilweise fährt man durch idyllische Waldstücke und wenige Minuten später steht man vor einer riesigen, offenen Grube. Dieser Wechsel ist fast surreal.

    Auch ganze Dörfer mussten in den letzten Jahrzehnten weichen. Menschen wurden umgesiedelt, Häuser abgebrochen und Orte verschwanden Schritt für Schritt. Was früher Heimat war, ist heute Teil der Abbaufläche oder bereits Geschichte.

    Und doch ist das nicht das Ende der Geschichte. Der Abbau wird zwar noch weiterlaufen, aber gleichzeitig beginnt bereits der nächste gigantische Schritt: die Renaturierung. Die riesigen Gruben sollen später geflutet und zu Seenlandschaften werden. Dafür wird unter anderem Wasser aus dem Rhein zugeführt und auch Grundwasser genutzt, das beim Abbau sowieso abgepumpt werden muss.

    Das Ganze ist ein Projekt über Jahrzehnte. Böschungen müssen stabilisiert, das Gelände gesichert und der Wasserstand langsam aufgebaut werden. Bis daraus tatsächlich ein See wird, können gut 30 bis 40 Jahre vergehen, vielleicht sogar mehr. Und wenn man heute in dieses Loch schaut, ist es kaum vorstellbar, dass hier irgendwann Wasser glitzern soll, wo jetzt noch Bagger arbeiten.

    Am Ende des Tages waren wir müde, aber auf eine gute Art. Die 27 Kilometer haben sich fast verdoppelt, aber genau das sind oft die besten Tage: ohne Plan, mit vielen Eindrücken, ein bisschen Abenteuer und einem Abend im Wohnmobil, an dem alles ein bisschen nach „gut so“ aussieht.
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