Der gefährlichste Meter Asphalt Frankreichs
Today in France ⋅ ⛅ 21 °C
Ein Pass, viele Velofahrer und eine Polizistin mit Superkräften
Nach dem gestrigen Tour-de-France-Spektakel in der legendären Kurve 1 von Alp d'Huez sind wir heute Morgen ehrlich gesagt ziemlich platt. Der Wecker darf ausnahmsweise warten und unser Plan, bereits um neun Uhr mit den Velos zum Col de la Sarenne zu fahren, wird kurzerhand gestrichen. Passiert.
Stattdessen geht's gemütlich mit der Bergbahn hoch. Eigentlich hätten wir unterwegs gerne auf einer Sonnenterrasse etwas Feines gegessen. Daraus wird nichts. Also wird halt gewandert. Natürlich nicht auf dem einfachen Weg. Nein, wir marschieren quer über eine Skipiste, weil «dort hinten hat's sicher einen Weg». Und tatsächlich – irgendwann hat's dann auch einen.
Der Abstieg entlang des Bergbachs ist wunderschön. Kaum Menschen, herrliche Natur und endlich einmal etwas Ruhe. Unten treffen wir Riccardo, Sandra und Gianna direkt an der Strecke. Perfekter Platz, Grill bereit, beste Aussicht auf die Tour. Was soll da noch schiefgehen?
Die Antwort kommt in Uniform.
Eine Polizistin erklärt uns freundlich... also eigentlich eher bestimmt... dass Grillieren wegen Waldbrandgefahr verboten ist. Selbst mit dem Gasgrill. Schade um die Würstchen.
Kurz darauf merken wir, dass sie noch eine zweite Superkraft besitzt: Niemand darf die Strasse betreten. Wirklich niemand. Nicht einmal mit einem Zeh. Die Strasse ist leer, man sieht kilometerweit in beide Richtungen und trotzdem wird jeder Schritt Richtung Asphalt mit einem strengen Blick quittiert. Ein paar Hundert Meter weiter unten feiern die Holländer mitten auf der Strasse. Offenbar gelten dort andere Naturgesetze.
Also machen wir das Beste daraus. Wir hören Mundartmusik, plaudern, lachen und geniessen die entspannte Stimmung. Ganz anders als gestern in Alp d'Huez. Hier hat's Platz, Natur und ganz viel Vorfreude.
Dann kommen endlich die Fahrer. Was für eine Leistung! Man sieht ihnen jeden einzelnen Höhenmeter an. Kaum einer fährt noch im Windschatten, jeder kämpft seinen eigenen Kampf. Es ist beeindruckend – und irgendwie auch ein bisschen verrückt, freiwillig so einen Berg hochzufahren.
Nach dem Besenwagen denken wir, jetzt sei der Spuk vorbei. Falsch gedacht. Die Strasse bleibt weiterhin Sperrgebiet. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Fünfzehn Minuten. Kein Auto weit und breit, aber die Strasse bleibt offenbar das bestgehütete Stück Asphalt Frankreichs.
Zum Glück taucht irgendwann ein zweiter Polizist auf. Er schaut auf die leere Strasse, schaut uns an und scheint sich zu fragen, weshalb wir hier eigentlich noch immer im Gras stehen. Nach einem kurzen Gespräch mit seiner Kollegin dürfen wir tatsächlich rüber. Fast hätte ich erwartet, dass wir dafür noch einen Stempel im Pass bekommen.
Am Abend brutzeln die Würstchen dann doch noch auf dem Grill und wir geniessen einen herrlich ruhigen Ausklang. Als die Polizei später einfach kommentarlos wegfährt, laufen wir ganz vorsichtig wieder auf die Strasse. Erst zaghaft. Dann immer mutiger.
Zurück bei den Wohnmobilen sitzen wir noch lange bei einem gemütlichen Apéro zusammen, lachen über den Tag und lassen die vielen Eindrücke der Tour de France Revue passieren. Erst als es langsam frisch wird, verkriechen wir uns in unsere Wohnmobile. Ein herrlicher Abschluss eines ganz anderen Tour-Tages – ruhig, gemütlich und mit einer Geschichte mehr, die wir so schnell nicht vergessen werden.Read more














