• Tag 30 - Reise

    25 Juli, Uzbekistan ⋅ ☀️ 41 °C

    Arnd:
    Diese Reise soll ja so weit wie möglich ohne zu fliegen verlaufen. Es gibt aber zwei Teilstrecken, wo das nicht geht. Die erste hatten wir heute. Wir hätten auch eine kürzere Strecke nach Aktau in Kasachstan fliegen können. Das habe ich aber erst herausgefunden, als das Ticket schon gekauft war. Die anschließende Eisenbahnreise durch die Wüste in Uzbekistan ist aber ziemlich hart. Mal schauen, vielleicht machen wir das auf der Rückreise, wenn wir mehr abgehärtet sind.

    Bei Ankunft in Taschkent hatte es draußen 41°C. Man muss aber dazu sagen, dass die Luft hier, und auch in der zentralen Türkei und in Georgien, sehr trocken ist. Man schwitzt, aber der Schweiß verdunstet sehr schnell und kühlt dabei auch. Die Meteorologen haben dafür das Konzept der gefühlten Temperatur. Die ist heute in Seoul z.B. 42°, während es hier nur etwa 36° sind. Die physikalischen Tempertauren sind in Seoul 37°C, in Taschkent 40°C. Ein weiterer Vorteil der trockenen Luft ist, dass wir auf der ganzen Reise bisher fast keinen Kontakt mit Mücken hatten.

    Für den Weg vom Flughafen zum Hotel wollte Hea-Jee gern Taxi fahren. Das macht man hier am besten mit Yandex, einem russischen Uber. Ich hatte mich in Georgien intensiv bemüht, das zu installieren. Es scheiterte daran, dass die SMS nicht ankam. Hea-Jee hat dann herausgefunden, dass die in Europa wegen dem Ukrainekrieg geblockt sind. Natürlich könnten sie das in der App auch sagen, tun sie aber nicht. Ich hatte dann keine Lust mehr und habe nach einem Bus geschaut. Das ging auch ganz einfach und es war nicht weit. Aber als wir aus dem Bus ausgestiegen sind, hätten wir die Straße überqueren müssen und das ging nicht. Die Mitte der Straße war eine Baustelle ohne Möglichkeit zur Überquerung (vermutlich ein U-Bahnprojekt) und zwar bis zum Horizont. Also sind wir an der Straße entlang bis zur nächsten Kreuzung, da kam man rüber, und wieder zurück. 800m Umweg (bei 41°C) - Hea-Jee hatte einen ganz bösen Blick, mit Taxi wäre das nicht passiert.

    Abends sind wir dann losgezogen, um Bargeld aus dem Automaten zu ziehen und danach Essen zu gehen. Die Automatenbetreiber wollen hier alle 1%-2% haben, das ist ok. In der Türkei gab es Banken, die den Service völlig kostenlos gemacht haben. Mit Karte zahlen ist hier noch nicht so verbreitet, also werden wir hier viel Bargeld brauchen. Und der Usbekische So’m kommt in ganz großer Stückelung. Der größte Schein ist 200 000 So‘m und ist 13,50€ wert. Vor lauter Nullen wird einem da ganz schwindlig.

    Das Abendessen war sehr schön. Allerdings konnten wir merken, dass man hier gern fettreich isst, worauf Hea-Jee ja nicht so steht.

    Hea-Jee:
    Heute ist der Tag, an dem wir Georgien verlassen und nach Usbekistan fliegen. Da Aserbaidschan – der einzige Landweg von der Türkei in Richtung China – nach der Corona-Pandemie die Einreise auf dem Landweg weiterhin blockiert, bleibt uns nichts anderes übrig, als das Land per Flugzeug zu überfliegen. Durch Krieg und Konflikte sind auch die Routen über Syrien, den Iran, Armenien und Russland versperrt. Selbst für Reisende ist das alles schon beschwerlich – wie qualvoll muss es dann erst für diejenigen sein, die vom Krieg direkt betroffen sind?

    Nach einer einstündigen, überfüllten Busfahrt kamen wir schließlich am Flughafen Tiflis an. Im Vergleich zum Warteraum eines Fernbusbahnhofs war es hier angenehm kühl, geräumig und sauber. Sofas, Klimaanlage, WLAN, saubere Toiletten – ein komfortables Zuhause für Reisende. Ich fühlte mich wie jemand, der aus einer kleinen Hütte in eine Villa umgezogen ist, und lief begeistert umher, um mir alles anzusehen.

    Es machte richtig Spaß, nach langer Zeit mal wieder mit Arnd zusammen zu fliegen. Sogar das Flugzeugessen genossen wir in Dankbarkeit und bis zum letzten Bissen.

    Bis hierhin habe ich geschrieben und erfahren, dass Arnd über den nächsten Teil des Tages schon geschrieben hat – deshalb lasse ich diesen Abschnitt einfach weg. Hätte ich ihn geschrieben, wäre er vermutlich ellenlang und voller Details gewesen... Arnd, du hast Glück gehabt!

    Stattdessen schreibe ich ein paar Gedanken über Georgien auf. Wir haben eine Woche in der Hauptstadt Tiflis verbracht. Obwohl Georgien für seine beeindruckenden Landschaften bekannt ist und viele Reisebüros Naturtouren anbieten, haben wir uns dagegen entschieden. Den ganzen Tag im Auto zu sitzen, um kurz ein paar Aussichtspunkte abzuklappern, sagte uns nicht zu.
Stattdessen planen wir, beim Rückweg über Australien ein paar Tage in Georgien zu bleiben, bevor es zu heiß wird, und dort in aller Ruhe wandern zu gehen.

    Schon bei unserer ersten Fahrt mit der Metro und dem Bus fiel uns auf, wie freundlich die Leute hier sind. Aber in Restaurants, Cafés und Supermärkten fühlte ich mich nie ganz wohl. Sobald Geld im Spiel war, passierte fast immer etwas Unangenehmes – irgendetwas war immer seltsam. Wir fühlten uns oft irgendwie beleidigt oder betrogen und hatten das Gefühl, wir seien die ewigen Naivlinge.

    Sie haben nicht jeden übers Ohr gehauen – es schien, als ob man sich genau aussucht, wen man übers Ohr haut. Und obwohl wir merkten, dass etwas nicht stimmt, waren wir nie in der Lage, entschieden zu reagieren. Eine seltsame, kaum greifbare Stimmung lag in der Luft und machte uns passiv. Es ging nicht einmal ums Geld – sondern vielmehr um das Gefühl, vielleicht von Natur aus ein „leichtes Opfer“ zu sein.

    Noch seltsamer war, dass wir solche Erfahrungen in der Türkei nie gemacht hatten. Ich glaube nicht, dass es so etwas wie eine „schlechte Mentalität“ gibt – oft sind es die Umstände, die Menschen zu bestimmten Handlungen bewegen. Doch diese Erfahrung hat mich ehrlich gesagt verwirrt.

    Plötzlich erinnerte ich mich an meine Kindheit in Korea. Ich war zwar noch jung, aber ich hatte das Gefühl, dass die Moral im Land zu bröckeln begann. Als sich die westliche Lebensweise verbreitete, wurden traditionelle koreanische Werte wie Rücksichtnahme und Tugend plötzlich als rückständig und unpraktisch angesehen, verglichen mit westlicher business-mind.
    
Egoismus und trickreiches Verhalten galten nicht mehr als etwas Beschämendes, sondern als clevere Taktiken im Wettbewerb. Die Unterscheidung zwischen richtig und falsch, zwischen Ehre und Schande, begann zu verschwimmen. In dieser Übergangszeit – in der alte Werte ihren Halt verloren hatten, neue Werte aber noch keinen festen Platz hatten – taten viele einfach, was alle anderen auch taten, ohne später stolz darauf sein zu können.

    Erleben die Menschen in Tiflis gerade eine ähnliche Phase? Aber warum war es dann in der Türkei, wo wir immerhin drei Wochen waren, so ganz anders? Was unterscheidet Georgien von der Türkei? Liegt die Antwort in Religion oder Geschichte? Oder vielleicht in der Wirtschaft? (Durchschnittliches Monatseinkommen pro Kopf: Georgien 517 Euro, Türkei 904 Euro.)

    Im Geschichtsmuseum habe ich mich – ganz unerwartet – innerlich mit Georgien versöhnt. Georgiens Geschichte ist der Koreas in vielerlei Hinsicht ähnlich: Ein kleines Land, eingekeilt zwischen Großmächten, das über Jahrhunderte immer wieder zum Spielball geopolitischer Interessen wurde.

    Und doch – ein Volk, das als erstes in Europa das Christentum annahm, und das schon im 5. Jahrhundert eine eigene Schrift entwickelte. Eine Geschichte voller kulturellen und geistigen Stolzes. Dieses Land ist von islamisch geprägten Staaten umgeben und dennoch das einzige, das dem Christentum treu geblieben ist und seine europäische Identität bewahrt hat. Auch die Architektur trägt klar europäische Züge.
    
Durch unsere Nachbarn lernten wir eine Deutsche kennen, die in Tiflis arbeitet. Sie erzählte, wie angenehm sie die Zusammenarbeit mit Georgiern finde – sie seien direkt, offen, und kämen schnell auf den Punkt. So sind die Deutschen in meinen Augen.

    Nach nur kurzer Zeit in einem fremden Land zu glauben, man könne es wirklich verstehen – das ist natürlich unmöglich. Deshalb lasse ich mein zwiespältiges Bild von Georgien einfach so stehen.
    
Stattdessen habe ich mich selbst ein wenig beobachtet: Wie reagiere ich in neuen, ungewohnten Situationen? Auch das ist ein wertvoller Aspekt des Reisens. Warum geraten wir immer wieder in solche Situationen?
    
Vielleicht machen wir einfach Anfängerfehler. Arnd und ich wollten den Einheimischen – die ja oft wirtschaftlich schlechter gestellt sind als wir – mit Respekt und Großzügigkeit begegnen. Vielleicht haben manche, die mit Touristen Geld verdienen, genau diese Haltung als Schwäche erkannt.

    In Zukunft will ich nicht mehr so viel Angst davor haben, Fehler zu machen und dadurch unhöflich zu wirken. Ich will auch nicht krampfhaft versuchen, besonders gut anzukommen. Stattdessen will ich mir bewusst machen, dass ich mit den Einheimischen in einem gleichwertigen Verhältnis stehe, in dem wir beide voneinander profitieren. Wenn es so nicht klappt, probiere ich es eben anders – und wenn das auch nicht funktioniert, passe ich es einfach später wieder an.
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