• Tag 32 - Taschkent

    27 luglio, Uzbekistan ⋅ ☀️ 35 °C

    Hea-Jee:
    Bevor es zu heiß wurde, verließen wir das Hotel. Heute stand der Besuch des Seoul Parks auf dem Plan. Zum Glück war der Himmel stark bewölkt – das rettete uns vor der gnadenlosen Sonne. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, mussten wir zwischendurch einiges zu Fuß zurücklegen.

    Am Wegesrand blühten zahllose Hibiskussträucher – eine freudige Überraschung. Es schien mir fast, als würde ich hier mehr schöne und sauber gebündelte Hibiskusblüten sehen als in Korea selbst. (Der Hibiskus gilt in Korea als Symbol für Unvergänglichkeit und nationale Identität.)

    Den Seoul Park konnte man schon von weitem erkennen. Hinter einer niedrigen traditionellen Mauer mit hübsch gedeckten Ziegeln standen mehrere Gebäude im koreanischen Stil. Die Anlage war schön gestaltet, aber es fühlte sich eher wie ein Ausstellungsort als ein Park an. Leider war der Eingang verschlossen und keinerlei Erklärung zu finden. Aber man konnte auch von draußen gut hineinschauen und schöne Fotos machen.

    Der Seoul Park wurde am 1. September 2014 – zum Unabhängigkeitstag Usbekistans – als Geschenk der koreanischen Regierung eröffnet. Vor dem Park steht ein großes steinernes Relief, das 2017 errichtet wurde, anlässlich des 80. Jahrestags der Zwangsumsiedlung der Koreaner durch das Stalin-Regime im Jahr 1937. Unter dem Relief ist in Koreanisch, Usbekisch und Russisch eine Botschaft eingraviert: ein tiefer Dank an das usbekische Volk für den warmherzigen Empfang der koreanischen Deportierten. Vielleicht weil ich selbst mein Leben lang im Ausland lebe, fühle ich mich instinktiv zur Geschichte der Diaspora hingezogen.

    Der Seoul Park liegt innerhalb eines größeren Parks – direkt daneben ein großer Kinderspielplatz. Es war berührend zu sehen, wie fürsorglich die jungen Eltern mit ihren Kindern spielten. Die vielen Bäume und das üppige Grün spendeten wohltuenden Schatten – eine wahre Erfrischung für Körper und Geist nach langer Zeit.

    Schon seit Georgien fällt mir auf, dass Wege und Treppen in den ehemaligen Sowjetstaaten oft übertrieben breit angelegt sind. Bei dieser Hitze auf Asphalt oder Beton zu laufen, fühlt sich an, als ginge man über eine heiße Herdplatte – die Hitze strahlt von oben und unten zugleich. Umso wohltuender ist es, einfach nur einen begrünten Fleck zu sehen.

    Dann sind wir mit dem Bus zum traditionelle Markt, dem Tschorsu-Basar gefahren. Es schien ein Ort zu sein, an dem hauptsächlich Einheimische einkaufen. Und wie es sich für einen landwirtschaftlich reichen Staat gehört, war das Angebot überwältigend: Gemüse, Obst, Gewürze, Tee und fertige Speisen – alles in Hülle und Fülle. Die Händler sprachen uns zwar an, aber niemand war sehr aufdringlich. Man konnte ganz in Ruhe schauen und sich treiben lassen.

    Ich wollte unbedingt wissen, wie Feigen hier schmecken, und kaufte ein paar. (Abends im Hotel probierte ich sie – und ohne Übertreibung: Sie waren süßer als Honig!) Die Verkäuferin war freundlich, worauf Arnd trocken meinte: „Na klar war sie freundlich – sie hat dich ja über den Tisch gezogen.“ Ob ich wirklich überbezahlt habe, weiß ich nicht – bei all den Nullen auf der Währung hier verliere ich ohnehin völlig den Überblick. Aber falls es ein Aufpreis war, war es ein sympathischer. Hier hatte ich zumindest nicht das Gefühl, dass der Preis mitten im Gespräch stieg, nur weil ich wie ein leichter Fang wirkte.

    Im nächsten Gang kamen wir in eine Halle voller Fleischstände, in der verschiedenste Fleischsorten bei dieser Hitze zum Teil einfach ungekühlt offen dalagen. Wir hielten die Luft an und bewegten uns so schnell wie möglich in eine andere Ecke des Gebäudes, wo es eingelegte Gemüse gab, u.a. Dinge die aussahen wie Kimchi. Eigentlich wollten wir etwas auf dem Markt essen – aber heute stand endgültig fest: Es wird vegetarisch gegessen.

    Der Markt war riesig. In der Ferne sahen wir dichte Rauchschwaden aufsteigen. Arnd vermutete, dass dort die „Fressmeile“ sei. Und tatsächlich – dort reihten sich kleine Garküchen aneinander, in denen direkt an der Straße gekocht und angerichtet wurde. Ich war ohnehin neugierig auf das usbekische Nationalgericht Plov – also steuerten wir einen Stand mit einem riesigen Kessel an, in dem der Reis brutzelte.

    Da man hier sehr große Portionen serviert, bestellten wir nur eine für uns beide. Ich hätte fast noch einen Salat dazu genommen, aus schlechtem Gewissen, aber wegen der Hygiene im Markt entschieden wir uns dafür, nur gut erhitzte Speisen zu essen.

    Plov ist ein gebratener Reis mit reichlich Gemüse und zerkleinertem, gekochtem Lammfleisch obendrauf. Ich entdeckte auch ein paar Kichererbsen. Es war fettig, aber trotzdem lecker. Die Portion reichte locker für zwei.

    Der Kellner schickte uns zur „Mutter“ am Kessel, um zu bezahlen – und dort sah ich: Am Boden des Kessels sammelte sich das Öl in kleinen Seen, und an einer Seite lagen große Fleisch- und Fettstücke. Getrocknete rote Chilischoten gab es auch – aber das Essen war überhaupt nicht scharf. Offenbar hat es hier seinen Grund, warum man traditionell so fett isst.

    Wir machten uns zuerst mit der Metro und dann zu Fuß auf den Weg zum Historischen Museum. Leider war auch dort die Tür verschlossen. Schade – aber das Gebäude war auch von außen so schön, dass man es ihm kaum übelnehmen konnte. Es scheint hier üblich zu sein, traditionelle Muster in moderne Architektur zu integrieren. Für mich als Fremde wirkt es stimmig.

    Danach gingen wir zu einer Fotoausstellung – wieder ein längerer Marsch. Der Spaziergang wurde jedoch durch die Vielzahl interessanter Bauwerke entlang der Strecke bereichert.

    Viele davon erinnerten an den faschistischen Stil, der durch die Sowjetunion geprägt wurde – monumental, einschüchternd, machtbewusst. Die meisten Menschen hinterfragen solche Architektur nicht, sie leben einfach damit. Wenn man lange einer solchen Umgebung ausgesetzt ist, gewöhnt man sich daran – bis man sie schließlich als normal und vielleicht sogar als angenehm empfindet. Deshalb entstehen solche Bauten auch noch lange nach dem Ende totalitärer Regime – vor allem dort, wo Macht und Geld zur Schau gestellt werden sollen.

    Auch Arnd hatte beim Beobachten der Straßen vieles zu sagen. Was ich übersehen habe, wird er sicher mit seinem scharfen Blick ergänzen.

    Arnd:
    Na, so viel bleibt da nicht. Vielleicht schreibe ich mal über eine Perspektive, aus der ich auch immer die Dinge anschaue, die ökonomische. Natürlich habe ich das nicht gelernt, aber als Physiker kann man ja mit mathematischen Zusammenhängen gut umgehen und dann ist die Ökonomie durchaus zugänglich.

    In dem wuselnden Markt schaue ich mir z.B. die Verkäufer an. Die haben hin und wieder mal einen Kunden, aber die meiste Zeit warten sie auf Kunden. D.h., die meiste Zeit tun sie eigentlich nichts. Das ist natürlich nicht effizient bzw. produktiv. Zum Vergleich denke ich dann an den Packer bei Amazon, der den ganzen Tag nicht eine ruhige Minute hat. Für uns Touristen ist das Treiben dort natürlich spannend und exotisch, die Farben und Gerüche lassen einen das mit allen Sinnen erleben. Und wenn man was kauft, dann hat man auch menschlichen Kontakt. Für die Lebensqualität ist alles positiv. Geringe Produktivität bedeutet aber auch geringes Gehalt, also Armut. Vom Packer bei Amazon kann man lernen, dass hohe Produktivität nicht unbedingt hohes Einkommen bedeutet. Den Zugewinn steckt da der Konzern ein und gibt ihn nicht an seine Mitarbeiter weiter.

    Andere Beispiele für geringe Produktivität haben wir auf dieser Reise zuhauf gesehen. Die Frauen in ihrem Häuschen unten an der Rolltreppe der Tifliser und Taschkenter U-Bahn, allgemein ein massive Überversorgung. In den türkischen Städten z.B. hat man alle 50m ein kleines Lebensmittelgeschäft mit langen Öffnungszeiten. Du brauchst um 22:00 noch ne Tüte Chips? Geh mal kurz über die Straße. Die meiste Zeit stehen aber auch da die Händler allein in ihren Geschäften und warten auf Kundschaft. Sobald es in diesen Ländern mehr bessere Arbeitsplätze gibt, wird das alles langsam verschwinden.

    Und dann schaue ich natürlich immer auf den Verkehr. Taschkent ist sehr locker bebaut, die Straßen sind sehr breit und damit sind die Entfernungen allgemein recht groß. Das ist fürs zu Fuß gehen schlecht. Das Fahrrad würde in einer so locker bebauten Stadt mit über zwei Millionen Einwohnern auch nur im lokalen Umfeld funktionieren. Sie haben ein recht gutes Nahverkehrssystem und bauen ihre U-Bahn auch noch aus. Aber dieser viele Platz ist natürlich perfekt für Autos. Also läuft das auch hier in diese Richtung.

    Auch hier sind die Autos häufig recht protzig, wobei sehr viele chinesische Marken herumfahren - auch die Chinesen können Protz. Das Durchschnittseinkommen liegt noch etwas unter dem von Georgien. Das Auto dürfte also vor allem noch ein Oberschichtenphänomen sein, der Verkehr fließt noch. Wenn erst fast alle im Land ein Auto haben, dann helfen die breiten Straßen auch nicht mehr und der Stau wird sie alle einholen. Autos haben eine für Städte nicht geeignete Flächen-(in)effizienz.

    Wofür die Usbeken die breiten Straßen aber auch noch nutzen, ist viel Grün. Es gibt viel Schatten spendende Bäume und auch dekoratives Grün sieht man oft. Bei uns wird im Zusammenhang mit Klimawandel viel davon geredet, dass wir in den Städten viel mehr Grün brauchen, um die Temperaturen abzusenken. Hier kann man das sehen und es ist schön.
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