• Tag 38 - Zitadelle von Buchara

    August 2 in Uzbekistan ⋅ ☀️ 33 °C

    Arnd:
    Buchara war gestern 4° wärmer, als Smarakand - ein leichter Schock. Dazu das ziemlich warme Kaltwasser und ein Badezimmer, das sicher über 36°C warm war. Wir waren etwas geschafft. Deshalb sind wir mal früh um 7:00 losgezogen, um bei angenehmen Temperaturen eine erste Erkundung der Stadt zu machen.

    Die Altstadt von Buchara ist Touristenzone. Es gibt eine Menge Sehenswürdigkeiten, Reste von Basaren und der restliche Platz ist angefüllt mit Hotels, Restaurants und Shops. Die neuen Gebäude gliedern sich optisch sehr schön ein, die Altstadt ist ein Gesamtensemble, und sie ist Autofrei. Es gibt kleine, offene und langsam fahrende Elektrotaxis.

    Auf dem Rückweg zum Hotel sind wir durch riesige Baustellen gekommen. Offensichtlich soll der Tourismus noch deutlich ausgeweitet werden. Im Hochsommer, also jetzt, ist aber eher Nebensaison, weil es so heiß ist. Aber im Frühjahr und Herbst ist es sicher ziemlich voll.

    Wir hatten schon den Verdacht, dass wir die einzigen Gäste in unserem Hotel sind. Als wir kurz nach 8:00 zurückkamen, wurden wir schon mit einem üppig nur für uns gedeckten Frühstückstisch erwartet. Sehr schön!

    Nach dem Frühstück wollten wir zu wohl der Hauptattraktion hier gehen, der Zitadelle, genannt Ark. Statt die 1,5km zu laufen, sind wir mit dem Bus gefahren und das war eine durchaus interessante Erfahrung. Es gibt Dinge, da hat man sich so dran gewöhnt, dass es wirklich überraschend ist, wenn es ganz anders läuft. In Buchara und auch schon in Samarkand, steigt man vorn oder hinten in den Bus ein. Ausgestiegen wird vorn und bezahlt wird beim Aussteigen.

    In unserem Bus war das elektronische Bezahlsystem ausgeschaltet. Ich habe vermutet, dass der Preis gleich ist, wie in Samarkand und habe 4000 So‘m (0,30€ für zwei) rausgekramt. Ich wollte ja eigentlich wie die anderen beim Aussteigen bezahlen, aber die Frau, die zwischen mir und dem Busfahrer stand, nahm mir das Geld aus der Hand und reichte es dem Busfahrer weiter. Der hat nicht mal geschaut und das Geld einfach weggesteckt. Es gibt keinen Fahrschein, es läuft vollkommen auf Vertrauensbasis. Ok, bei dem Preis zahlt wahrscheinlich jeder.

    Wir standen direkt an der vorderen Tür. An der nächsten Station kam eine Frau, reichte etwas Geld rein und ging dann draußen weg. Wahrscheinlich ist sie hinten gefahren und wollte sich nicht beim Aussteigen durch den vollen Bus quetschen. Also ist sie hinten raus, zur vorderen Tür und hat bezahlt.

    Die andere Beobachtung war, dass in diesem Bus niemand außer mir auf ein Smartphone starrte. Ich verfolge da auf einer Karte, wo wir sind, sonst würden wir sicher an der falschen Station aussteigen.

    Den Ark betritt man durch ein großes Tor, dabei läuft man eine Rampe hoch. Der Ark ist ein künstlich aufgeschütteter 20m hoher 4Hektar großer Hügel mit einer Mauer außen. Sämtliche Gebäude stehen oben, die Rampe bringt einen hoch. Oben wurden wir wieder von einem Guide angesprochen, ob wir eine Führung wollen. Das kostet etwa 10-15€ für eine halbe bis dreiviertel Stunde und man erfährt meist wirklich viel dabei. Deshalb machen wir das fast immer. Nachdem er uns eine Grundeinführung in Usbekische bzw. zentralasiatische Geschichte auf Englisch gegeben hatte gingen wir woanders hin. Dabei habe ich mit Hea-Jee gesprochen. Er fragte uns, woher wir kommen und meinte dann, er könne auch Deutsch. Sehr schön.

    Man weiß nicht genau, wie alt der Ark ist, die ältesten Funde stammen aus dem 4. Jhdt. BC. Natürlich ist er immer wieder zerstört und auch umgebaut worden. Die letzte Zerstörung war 1920 durch die rote Armee. Sie haben den letzten Emir dort vermutet und einfach alles zerstört. Der Emir hatte sich aber längst nach Afghanistan abgesetzt. Wir haben gelernt, dass es zu der Zeit zwei große Mächte gab, die hier um die Vorherrschaft gerungen haben, Russland und England. Afghanistan im Süden wurde von den Engländern verteidigt und diente als Bollwerk zum Schutz von britisch Indien. Alles nördlich davon ging aber an die Russen.

    Viele der Gebäude zu der Zeit waren aus Holz und davon ist nichts übrig geblieben. Den Palast des Emirs und ein paar Gebäude drum herum hat man rekonstruiert, der Rest ist eine Mondlandschaft. Allerdings hat es dort etliche Ausgrabungen gegeben und da konnte man so sicher tiefer nach älteren Dingen graben, als wenn es noch bebaut gewesen wäre.

    Es gab eine Reihe von kleinen Museen. Darin hat unser Guide uns eine Karte des alten Buchara gezeigt. Es war sehr eng und kleinteilig und das mochten die Russen wohl gar nicht. In Taschkent war uns ja aufgefallen, dass alles so groß und die Straßen so breit sind. Das ist wohl russisches Erbe. Die Russen haben auch die vielen kleinen Wasserbecken beseitigt, mit denen früher die Wasserversorgung der Stadt betrieben wurde - Buchara war eine Oase, umgeben von zwei Wüsten. Statt dessen haben die Russen neben dem Ark einen Wasserturm gebaut, der heute eine Aussichtsplattform ist. In unserem Reiseführer steht aber auch, dass sich über diese Wasserbecken ein ziemlich fieser Menschen befallender Wurm verbreitet hat.

    Ich sollte noch sagen, dass Buchara ein zentraler Knotenpunkt der Seidenstraße war, auch Handel nach Indien und dem Norden fand hier statt. Die Stadt war deshalb über viele Jahrhunderte sehr reich. Einmal ist sie allerdings komplett zerstört worden, durch Dschingis Khan, Anfand des 13 Jhdts.

    Auf dem Heimweg kamen wir noch beim Kalon Minarett vorbei, eines der höchsten Minarette in Zentralasien. Es stammt von 1127 aus vormongolischer Zeit. Und es ist so solide gebaut, dass es bis heute erhalten geblieben ist. Auch Dschingis Khans Truppen haben es stehen lassen. Eine sehr schöne Konstruktion. Ein Foto von einem Modell mit daneben liegender Kalon Moschee gibt es an Tag 31.

    Nachmittags wieder im Hotel die Hitze abgewartet und nach dem Abendessen haben wir noch eine ganz kleine Madrasa angeschaut.

    Hea-Jee:
Dank der kenntnisreichen Erklärungen unseres Guides konnte sich Arnd endlich eine Frage beantworten, die ihn schon lange beschäftigt hatte. In Samarkand, am Registan, hatte er sich gewundert: Warum sind auf einem islamischen Hochschulgebäude Löwen abgebildet, die wie Tiger aussehen? In der islamischen Tradition ist es doch eigentlich verboten, lebendige Wesen bildlich darzustellen – wie also passen solche Darstellungen auf ein öffentliches Gebäude?

    Die Antwort liegt im Einfluss des Zoroastrismus, der in Usbekistan schon vor dem Islam verbreitet war. Als der Islam Einzug hielt, vermischten sich viele Elemente der alten, lokalen Religionen mit der neuen Glaubensform. Selbst die Moschee, die sich hier in der Anlage befindet, war ursprünglich ein zoroastrischer oder hinduistischer Tempel. Als der Islam kam, wurde einfach in eine Ecke der Gebetsraum eine kleine Nische von Mihrab eingebaut, das nach Mekka zeigt – und so wurde der Tempel zur Moschee.

    Laut unserem Guide war es im 9. oder 10. Jahrhundert so, dass man den Menschen sogar Geld gab, wenn sie zum Freitagsgebet in die Moschee kamen. Die Einwohner gingen also freitags in die Moschee – und zuhause führten sie danach noch ihre zoroastrischen Rituale durch.

    Obwohl die meisten Menschen hier streng gläubige Muslime sind, wirkten viele der Begegnungen auf der Straße erstaunlich offen und tolerant. Frauen mit Kopftuch und solche mit offenen Haaren bewegen sich ganz selbstverständlich nebeneinander, fast so, als gehörten beide Lebensstile harmonisch zueinander. Die meisten Frauen kleiden sich zwar hübsch und modisch, achten aber darauf, Beine und Arme zu bedecken.

    Weil Arnd etwas zum Thema Bus erzählt hat, will ich auch noch etwas ergänzen. Stadtbuslinien sind der beste Ort, um die Menschen vor Ort wirklich zu beobachten. Die Busse waren oft überfüllt, laut und ruckelig – und hier war niemand einfach nur zum Vergnügen unterwegs. Wer hier mitfährt, hat etwas vor und steckt mitten im Alltagsstress.

    Und obwohl es voll war, achteten viele darauf, ob ältere Menschen einstiegen, boten Plätze an, halfen Touristen ganz selbstverständlich weiter. Niemand wirkte dabei genervt oder unfreundlich. Ich glaube, ich habe noch kein Gesicht mit sichtbarem Ärger gesehen. Arnd fand es besonders angenehm, dass im Bus niemand auf sein Smartphone starrte.

    Zwei junge Frauen mit ausgesprochen fülliger Figur standen vor mir – wunderschön geschminkt, in glänzenden, hübschen Kleidern. Was auch immer sie sich erzählten – sie lachten die ganze Zeit laut und herzlich, und allein ihre gute Laune hat meine Stimmung gehoben. Als sie merkten, dass ich sie anschaute, lächelten sie mir ohne jede Scheu offen ins Gesicht. Irgendwie hatten wir in der kurzen Zeit schon eine kleine Verbindung aufgebaut: Als wir ausstiegen, winkten wir uns noch zu, mit einem Hauch von Wehmut.
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