• Tag 39 - Umgebung von Buchara

    3. august, Usbekistan ⋅ ☀️ 35 °C

    Hea-Jee:
    Der Guide, der uns gestern die Zitadelle gezeigt hatte, bot an, uns heute einige historische Stätten in der Umgebung von Buchara zu zeigen. Seine Gebühr betrug 80 Euro.

    Um 9:30 Uhr holte er uns direkt vom Hotel ab. Am Steuer saß ein älterer Herr, laut dem Guide sein Cousin, während er selbst auf dem Beifahrersitz Platz nahm und uns schon während der Fahrt vieles erklärte.

    Arnd hatte sich am Morgen noch wegen meines Hitzeschlags Sorgen gemacht, ob das Auto wohl eine Klimaanlage hätte – und tatsächlich fuhren wir dann ohne Klimaanlage, mit offenen Fenstern. Doch der Fahrtwind war stark genug, dass es gut auszuhalten war. Später fragte er sogar, ob er die Klimaanlage einschalten solle, aber wir lehnten ab – der Luftzug war angenehm kühl.

    Unser erster Halt war der Gedenkkomplex für Baha-ud-Din Naqshbandi, den Begründer des Naqschbandiyya-Ordens, einer bedeutenden mystisch-sufistischen Strömung im frühen Islam. Der Ort gilt als eine Art „Mekka Zentralasiens“ und ist ein beliebtes Pilgerziel. Wir besichtigten die Moschee, das Kloster, das Minarett, einen vielseitig genutzten Teich und ein kleines Museum, während der Guide uns alles ausführlich erklärte. Es war Sonntag, und viele Einheimische waren zum Beten gekommen – festlich gekleidet und sehr würdevoll.

    Ich machte mit einigen von ihnen Fotos und begrüßte sie auf Koreanisch. Besonders junge Frauen baten mich häufig um ein gemeinsames Bild. Einmal kam sogar ein Vater mit seinen zwei kleinen Söhnen auf mich zu und fragte, ob wir zusammen posieren könnten. Jetzt, wo ich darüber schreibe, fällt mir auf: Sie baten immer nur mich – nie Arnd. Dabei müsste ein Westeuropäer in Usbekistan doch eigentlich noch exotischer wirken als ich. (Arnd meinte, weil sie meistens Frauen waren. Sie würden sich nicht trauen, einen Mann darum zu bitten. Das glaube ich auch.)

    Anschließend fuhren wir weiter zum Sommerpalast der ehemaligen Herrscher von Buchara. Besonders auffällig waren dort die Gebäude im alten russischen Stil – kein Wunder, denn der letzte Emir hatte in Sankt Petersburg studiert. Wie so oft bei den Mächtigen dieser Welt war auch hier alles prachtvoll gestaltet und mit viel Gold verziert. Danach besuchten wir die weitläufige Gräberstätte Tschor-Bakr. Auch dort erhielten wir viele Erklärungen und machten einige Fotos.

    Besonders beeindruckt haben mich die Säulen, die ich immer wieder an usbekischen Gebäuden gesehen habe. Auf einem schmalen Steinsockel steht jeweils eine kunstvoll geschnitzte Holzsäule. Das untere Ende ist kugelrund geformt, fast wie ein Ball, auf dem sich die Säule wie eine schützende Hülle erhebt. Der Schaft ist mit feinen Reliefs verziert, und der obere Teil – das Kapitell – ist mit spitzen Ornamenten kunstvoll gestaltet. Diese Art von Säulen findet man nicht nur an historischen Bauwerken, sondern auch vereinzelt an neueren Wohnhäusern.

    Der Guide erklärte uns die symbolische Bedeutung: Die runde Basis steht für die Erde. Der verzierte obere Teil mit den spitzen Mustern symbolisiert die Sterne, also den Himmel. Der Schaft dazwischen steht für die Verbindung zwischen Menschen auf der Erde und Gott im Himmel. Ich hatte mich immer gefragt, ob diese Form funktionale Gründe habe – aber nun verstand ich die spirituelle Symbolik dahinter.

    Noch etwas Neues habe ich an diesen Tagen gelernt: Das Wort „Minarett“, der Turm an einer Moschee, stammt aus dem Arabischen und bedeutet ursprünglich „Turm, der Licht sendet“ – also ein Leuchtturm. Karawanen, die die Wüste durchquerten, reisten meist nachts, um der gnadenlosen Hitze zu entgehen. Das Licht des Minaretts sollte ihnen den Weg weisen und sie vor dem Verirren schützen.

    Warum beten Muslime fünfmal am Tag? Laut dem Guide dient das dazu, schlechte Taten zu vermeiden. Wenn jemand im Begriff ist zu lügen oder zu betrügen und dann der Ruf zum Gebet – der Adhan – vom Minarett ertönt, wird er daran erinnert, innezuhalten und das Richtige zu tun. Ich konnte das sehr gut nachvollziehen. Schon eine einzige Praxisübung früh am Morgen verändert meine Lebenshaltung– fünfmal täglich bewusst zur Ruhe zu kommen, hilft sicherlich, inneren Frieden zu finden und nicht vom rechten Weg abzukommen.

    Auch persönlich kamen wir mit dem Guide ins Gespräch. Er hat Französisch und Deutsch an der Universität studiert und spricht beide Sprachen – neben Englisch – fließend. Sein ältester Sohn, der Anfang des Jahres geheiratet hat, hat in Taschkent an der koreanischen Inha-Technischen Universität studiert. Ich erwähnte, dass die Inha-Universität in Korea technisch renommiert sei, worüber er sich sichtlich freute. Als wir erzählten, dass wir auf dem Weg nach Australien seien, um unser Enkelkind zu sehen, fragte er mitfühlend, ob unsere Tochter beruflich dorthin gezogen sei. Als wir erklärten, dass sie der Liebe wegen ausgewandert sei, schien er fast ein wenig mitleidig. Er lud uns herzlich zur Hochzeit seines zweiten Sohnes ein – sobald dieser heiratet.

    Falls jemand einmal einen wirklich kenntnisreichen Guide in Buchara sucht, der fließend Englisch, Französisch und Deutsch spricht: Man kann einfach zur Festung Ark in Buchara gehen und nach Ulugbek fragen. Oder uns kontaktieren – wir geben seine Telefonnummer gerne weiter.

    Zum Schluss machten wir noch einen Abstecher zu einem restaurierten Teil der Stadtmauer und verabschiedeten uns gegen 12:30 Uhr vor dem Hotel von unserem Guide und haben uns herzlich bedankt.
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