• Tag 45 - Abendstimmung Almaty

    9. august, Kasakhstan ⋅ ☀️ 34 °C

    Nur Hea-Jee:
    In der Nähe unserer Unterkunft gibt es ein riesiges Einkaufszentrum. Gestern sind wir zuerst dorthin gegangen und haben festgestellt, dass es vor allem aus luxuriösen Importwaren bestand. Das war nicht das, was wir in diesem Land sehen wollten, und so waren wir enttäuscht.
    
Glücklicherweise gab es dort ein Fachgeschäft für Brillen. Dringend nötig, denn vorgestern war ich gegen eine Glasscheibe gelaufen und mein Titan-Brillengestell hatte sich verbogen.

    Auf Arnds Rat tippte ich bei Google Translate ein: „Mein Brillengestell ist verbogen und ich möchte es reparieren lassen. Das Material ist Titan.“
Eine Angestellte mittleren Altern nahm meine randlose Brille und holte eine jüngere Kollegin als Dolmetscherin. Sie erklärte mir, Titan sei so hart, dass die Brille beim Reparieren kaputtgehen könnte. Ich sagte, das sei schon in Ordnung, und sie verschwand mit meiner Brille. Während wir warteten, fragte uns die junge Mitarbeiterin freundlich, ob wir etwas trinken möchten. Wenig später kam die ältere Frau mit einem strahlenden Gesicht zurück und reichte mir die perfekt reparierte Brille.

    Mit dem Gefühl, dafür auch Gold bezahlen zu wollen, holte ich meinen Geldbeutel heraus. Doch sie sagte: „Das ist ein Geschenk Kasachstans an Sie.“ Als ich doch gerne bezahlen wollte, verschwand sie kurz, kam wieder und hielt mir zwei geballte Fäuste entgegen.
    
Ich dachte, sie wolle den Fistbump machen, und schlug leicht dagegen. „Nein, nein, so nicht“, sagte sie vielleicht – und ich verstand gar nichts. Schließlich öffnete sie beide Hände: In jeder lagen zwei kleine Schokoladen. Wir nahmen die Süßigkeiten mit dankbarem Herzen an und fragten, ob wir ein Erinnerungsfoto machen dürften. Sie stellte sich sofort lächelnd in Pose.

    Auf dem Weg zum Mittagessen fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: Sie hatte gewollt, dass ich mir eine Faust aussuche. In der gewählten Faust wären dann die Schokoladen gewesen. Aber Hea-Jee hatte in ihrer Verwirrung immer beide Fäuste angetippt – und so gleich vier Stück abgestaubt. Himmel!
    
Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Bevor wir Almaty verlassen, will ich unbedingt noch einmal vorbeischauen – mit einem Kuchen als Dank für die perfekt sitzende Brille.

    Vielleicht lag es an diesem fröhlichen Start in den Tag – heute war einfach alles schön. Arnd hatte lange die Google-Bewertungen studiert und schließlich ein Restaurant ausgesucht, das uns vollkommen überzeugte. Er bestellte handgezogene Nudeln mit gebratenem Huhn und Gemüse, ich nahm eine Suppe, die wie koreanische Hochzeitssuppe aussah. Als sie kam, war die Brühe schwarz – also sicher keine koreanische Hochzeitssuppe – aber genau so erfrischend und köstlich.
    
Normalerweise teilen wir uns immer die Gerichte: Entweder von Anfang an auf zwei Teller oder wir tauschen nach der Hälfte. Heute jedoch sagte ich mitten im Essen: „Ich tausche nicht! Das esse ich alleine!“ Arnd schaute daraufhin sehr erleichtert. Wahrscheinlich, weil sein Gericht ihm gut schmeckte – und meins weniger verlockend aussah.

    Zurück in der Unterkunft planten und buchten wir unsere nächsten Etappen. Heute wollten wir zum ersten Mal in unserer Reise selbst kochen. Während ich die Waschmaschine anwarf, kochte Arnd in der Küche. Es brutzelte, dazu stieg ein leicht muffiger Geruch auf. Da wir Gerüche unterschiedlich wahrnehmen, halte ich mich in solchen Momenten lieber zurück – man will ja niemanden beim Kochen den Spaß verderben.
    
Da auch Arnd nichts sagte, dachte ich schon, ich bilde mir den Geruch ein. Zur Sicherheit schaute ich auf das Sonnenblumenöl im Schrank: Auf dem Etikett standen unverständliche Zeichen mit „2013“. Das kann doch kein Verfallsdatum sein? „Das kann nicht sein, aber es riecht schon komisch“, sagte Arnd und schlug vor, es wegzuwerfen. Am Ende blieb nur eine kleine Aubergine, leicht in der Mikrowelle gegart, auf ein paar Crackern als Abendessen. (Ein Foto davon wollte Arnd nicht im „Pinguin“-Blog sehen – zu peinlich, meinte er.)

    Abends gingen wir spazieren. Arnd wollte unbedingt U-Bahn fahren. Busverbindungen hatte er noch nicht recherchiert, also meinte er: „Es ist nicht weit, lass uns einfach laufen.“ Reingefallen! Wir liefen lange bis zur Station – und fuhren dann nur eine einzige Haltestelle. Trotzdem war Arnd begeistert: Er war endlich U-Bahn gefahren.
    
Weil sie zu Sowjetzeiten begonnen, obwohl erst vor Kurzem fertiggestellt worden war, liegt die Station sehr tief. Die Rolltreppen, Bahnsteige und Züge sind modern, sauber und schick. In einem Wagen entdeckte Arnd sogar das Hyundai-Logo.

    Nach Einbruch der Dunkelheit zeigte sich Almaty von seiner lebendigsten Seite: Menschen aller Altersgruppen füllten die breiten Fußgängerzonen. Anders als in vielen europäischen Städten, wo links und rechts Geschäfte dominieren, reihten sich hier Cafés und Restaurants aneinander. Arnd meinte, das liege wohl an der „Post-Online-Shopping-Ära“ – man verkauft hier weniger Waren, sondern lädt die Leute mit gastronomischen Angeboten ein. Da das Land eine junge Bevölkerung hat, wirkte alles besonders modern und lebendig.

    Ein klarer Unterschied zu den anderen Ländern unserer Reise: Überall Straßenmusiker! In der Türkei oder in Usbekistan war die Abendstimmung zwar ebenfalls fröhlich, doch Straßenmusik gab es dort nicht – vermutlich, weil ein hoher Anteil an Muslimen Musik und Kunst nicht unbedingt fördert. Auch in Kasachstan sind etwa 75 % Muslime, doch hier wird auf den Straßen gesungen, getanzt – und Kopftücher sieht man selten. (Arnd: Liegt es vielleicht am Einfluss der sowjetischen Kommunistischen Partei, die die Religion unterdrückte? Hea-Jee: Wenn das so ist, warum ist es dann in Usbekistan, das dieselbe Mehrheitsreligion hat, anders? Fazit: Keine Ahnung.)

    Von der guten Stimmung angesteckt, warf ich dem ersten Musiker gleich einen ordentlichen Betrag in den Hut. Beim nächsten gefiel mir die Musik zwar weniger, aber ich wollte nicht unfair sein – also wieder derselbe Betrag. Beim dritten und vierten genauso. Dann trafen wir drei Kinder in traditioneller Kleidung, die auf traditionellen Instrumenten spielten. So rührend, dass ich ihnen am liebsten das Dreifache gegeben hätte – Arnd fand das übertrieben. Wir einigten uns auf das Doppelte – „vom gesparten Abendessen heute“, wie ich argumentierte.
    
Dem Mädchen im Rollstuhl, das mit ihrem Gesang die Leute in einen wahren Tanzrausch versetzte, gab ich meinen letzten Schein in der festgelegten Höhe. Danach waren sowohl das Geld als auch meine Kräfte aufgebraucht – also ging es zurück zur Unterkunft.
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