• Tag 50 - Nachtzug nach China

    14 августа, Казахстан ⋅ ⛅ 33 °C

    Hea-Jee:
    Endlich auf dem Weg nach China! Für Arnd ist China das unbekannteste und gleichzeitig beunruhigendste Land unserer Reise. Dort funktionieren all die nützlichen Apps, die wir bisher so selbstverständlich genutzt haben, überhaupt nicht. Also hat Arnd schon im Voraus WeChat, Alipay, Trip.com und die offizielle chinesische Bahn-App heruntergeladen und fleißig ausprobiert.

    Ursprünglich wollten wir den neuen Schnellbus nehmen – 17 Stunden von Almaty direkt nach Urumqi. Verlockend, weil er uns in einem Rutsch tief nach China gebracht hätte. Aber ich erinnerte mich an meine schlimme Erfahrung mit einem 17-Stunden-Bus von der Türkei nach Georgien: Weil wir durch die Verspätung Zeit aufholen mussten, ließ der Fahrer die Toilettenpausen immer öfter ausfallen. Ich musste stundenlang aushalten und schwitzte vor Anstrengung.

    So entschieden wir uns: Warum die Eile? Lieber einen Umweg und bequemer mit dem Zug. Also nahmen wir einen langsamen Nachtzug, 24 Stunden bis in die Grenzstadt Dostyk, von wo aus man per Bus die Grenze überquert. Danach ein Tag Aufenthalt in der Provinzgrenzstadt Alashankou und schließlich noch ein Nachtzug nach Urumqi. Ob es im Zug ein Restaurant gab, wussten wir nicht – deshalb stiegen wir gut ausgerüstet mit Vorräten in ein Vierbett-Abteil ein. Das war übrigens die teuerste Klasse.

    Der Zug selbst: ein sowjetisches Modell, solide Mechanik. Genau mein Ding! Ich liebe alte Maschinen. Während meiner Studienzeit habe ich mir eine gebrauchte Nähmaschine aus Schweden gekauft: alles aus Metall, beim Nähen ratterte sie wie ein Traktor. Unkaputtbar, und falls doch, immer reparierbar. Sie konnte nur Vorwärts, Rückwärts und Zickzack – aber mehr konnte ich ja selbst auch nicht. Darum fühlte ich mich in diesem Zug, der genauso rumpelte wie meine Nähmaschine, sofort geborgen.

    In unserem Abteil saßen zwei Einheimische - ein Mann im mittleren Alter und eine junge Frau - die hervorragend Englisch sprachen. Wir kamen schnell ins Gespräch und bekamen auch viel Hilfe. Sie arbeiteten offenbar in leitenden Positionen in einem Kupferbergwerk in Aktogay. Ihr Arbeitsrhythmus: drei Wochen ohne Pause im Schichtbetrieb, dann drei Wochen zuhause. Ein System, das perfekt auf den Abbau von Rohstoffen in abgelegenen Regionen zugeschnitten ist – ähnlich wie in Ölfeldern oder Kohleminen. Wir teilten unsere Snacks und fragten sie alles, was wir schon immer über dieses Land wissen wollten.

    Draußen zog erst eine fruchtbare grüne Landschaft vorbei, dann plötzlich endlose gelbbraune Steppe, bis zum Horizont. Nur ab und zu sah man Pferde- oder Rinderherden. Wildtiere? fragten wir. Sie überlegten kurz, schüttelten dann aber den Kopf: Wilde Pferde oder Rinder gäbe es hier wohl schon lange nicht mehr – alles unter menschlicher Obhut.

    Obwohl es erst früher Nachmittag war, breiteten die beiden schon ihr Bettzeug aus. Mussten sie direkt nach der Ankunft zur Nachtschicht? Dachten wir. Also machten auch wir uns bettfertig. Unsere Plätze waren oben – extrem hoch, ohne richtige Leiter, nur mit einem faltbaren Tritt. Ich war skeptisch: mit meinen kurzen Beinen und schmerzender Schulter? Der Mann bot mir sofort seinen Platz an. Ich lehnte ab – mit etwas Mühe würde ich es schon schaffen. Er half uns noch fürsorglich beim Bettenmachen und legte sich dann ebenfalls hin.

    Oben, eingekuschelt in sauberes Laken und weiches Kissen, spürte ich das beruhigende Rumpeln des Zuges – wie bei meiner alten Nähmaschine. Eine reine, körperlich empfundene Präsenz, frei von jedem Gedanken. So kostbar erschien mir dieser Augenblick, dass ich ihn länger auskosten wollte, doch schon bald sank ich unaufhaltsam in den Schlaf.

    Als ich gegen Abend erwachte, wollte ich die beiden noch schlafenden nicht wecken und kletterte leise hinunter. Auf dem Gang traf ich Arnd, der schon Fotos machte. Draußen: ein unendlich langes, farbig schimmerndes Abendrot über der Steppe – ein Fest der Töne und Nuancen.

    Langsam knurrte der Magen. Es gab zwar ein Bordcafé, aber zehn Wagen entfernt. Vor allem aber wollte ich unbedingt eines: endlich mal an dem Samowar am Gang heißes Wasser zapfen und koreanische Cup-Nudeln essen. Die gibt es hier in jedem Supermarkt! Nirgendwo ist die Infrastruktur für Instantnudeln so perfekt wie in Kasachstan.

    Also standen wir im schmalen Gang, schlürften unsere Nudeln und blickten hinaus. Wenn jemand vorbeimusste, drückten wir uns platt an die Wand. Genau unsere Abteiltür sprang oft klappernd auf, wenn man sie nicht von innen verriegelte. Also hielten wir sie mit dem Rücken oder den Fersen geschlossen, um die Schlafenden nicht zu stören.

    Nach einer Weile kam auch der Mann heraus – mit einem weißen Handtuch um den Hals, das eigentlich zum Händetrocknen nach der Toilette gedacht war. Wir wollten ihm Nudeln anbieten, doch gerade kam der Bordverkauf vorbei. Er kaufte sich selbst welche – in seiner Packung lag sogar eine Plastikgabel bei. Also standen wir zu dritt nebeneinander, teilten Obst als Dessert und redeten über Gott und die Welt, während ständig Leute mit Kannen und Tassen voll heißem Wasser an uns vorbeidrängten.

    Das Abendrot schien endlos, bis es plötzlich tiefschwarz wurde. Wir blieben noch ein wenig draußen, dann kehrten wir ins Abteil zurück. Die Frau war inzwischen aufgestanden, hatte alles ordentlich zusammengelegt und war abreisefertig. Wir tauschten Dankesworte und gaben ihnen die Adresse unserer Pinguin-Webseite. Wir sagten: Wenn sie nach München kommen, bevor wir sterben, können sie bei uns wohnen. Der Mann scherzte: „Bis meine Kinder alle studiert und verheiratet sind, dauert es mindestens zehn Jahre. Ihr müsst also so lange durchhalten!“

    Um 23 Uhr stiegen die beiden – zusammen mit vielen Kollegen – in Aktogay aus. Unser Schlafwagen blieb dort ganze fünf Stunden stehen, wurde vom restlichen Zug abgekoppelt und wartete auf einen anderen Zug, der uns nach Dostyk, zur Grenze, bringen würde. Während dieser Zeit: Toilettenverbot.

    Wir verzichteten aufs Zähneputzen, ließen auch die Sonnencreme auf Haut und Gesicht und krochen einfach wieder in unsere hohen Betten. Trotz des lauten Rangierens, beim Abkuppeln und Wiederankuppeln, schlief ich sofort wieder ein. Der Zug wirkte ebenso zuverlässig und solide wie meine treue Nähmaschine.

    Arnd:
    Diese endlose Weite mit nicht sehr häufigen menschlichen Spuren durch die wiFerganatal/h dahinglitten war für mich sehr beeindruckend. Man verliert etwas sein Gefühl für die Zeit und macht dann schonmal einen ausgiebigen Nachmittagsschlaf.

    Der Zug war einer der längsten, die ich je gesehen habe. Er passte nicht ganz in den Bahnhof, wir mussten am Ende des Bahnsteigs noch etwas durch den Schotter laufen. Die Zugfenster konnte man nicht öffnen, aber sie waren recht sauber, so dass man hindurch fotografieren konnte. Die Bilder sind dadurch etwas flauer und es gibt vereinzelte Spiegelungen.

    Die Strecke verlief durch die Dsungarische Pforte. Das ist der flachste Übergang von China in die Kasachische Steppe. Im englischen Wikipediaeintrag zum Dzungarian Gate steht, dass diese Strecke bei den Karavanen der alten Seidenstraße nicht so beliebt war. Hier lebten zu viele Menschen und das erhöhte das Risiko von Überfällen. Die Karavanen zogen weiter südlich erst durch ein dünn bevölkertes Wüstenradgebiet nach Kashgar und dann durchs Hochgebirge des Tian Shan. Wenig Menschen, wenig Gefahr. Ein weiterer Vorteil war, dass man nach den Bergen durchs heute Usbekische Ferganatal und dann recht schnell in Persien war.
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