• Tag 53 - Ankunft Urumqi

    August 17 in China ⋅ ☁️ 24 °C

    Hea-Jee:
    Um sechs Uhr früh kamen wir in Urumqi an. Zum Glück hatte Arnd ein Hotel gebucht, in dem man 24-Stunden-Check-in hat. So konnten wir direkt ein Taxi nehmen, einchecken und sogar noch das Frühstück bekommen. Ich war Arnd in diesem Moment sehr dankbar – so vorausschauend und umsichtig!

    Unser Hotel war in mancher Hinsicht seltsam. Erstens gab es kein WLAN für Gäste ohne chinesische Telefonnummer. Also hatten wir kein WLAN. Zweitens standen im Zimmer zwei Doppelbetten. Also machten wir es uns richtig breit.

    Den ganzen Tag verbrachten wir im Zimmer: ein bisschen schlafen, ein bisschen Reisepläne schmieden. Am Abend gingen wir in die Stadt, schauten uns Einkaufszentren, Supermärkte und die Menschen an. Irgendwie fühlte ich mich ihnen nah. Die Atmosphäre wirkte lebendig und freundlich. Und die Preise waren unglaublich niedrig: Eine Schüssel handgezogener Nudeln, die in München im Uiguren-Restaurant am Isartor sicher 17 Euro kosten würde, aßen wir hier für nur 1,70 Euro.

    Arnd:
    Ein paar allgemeine Bemerkungen zu unserem Start ins Chinaabenteuer:

    Wie Hea-Jee schon geschrieben hat, hatte und habe ich immer noch ziemlichen Respekt vor der Reise durch China. Natürlich auch große Neugier. Nun sind wir also endlich da und das Abenteuer kann losgehen.

    Es begann schon mal mit einem Problem. Ich hatte noch in Almaty eine eSIM für China gekauft und wollte die in der Grenzstadt Dostyk aktivieren. Dort war aber das Netzwerk so schlecht, dass das nicht geklappt hat. Wir sind also ohne Internetverbindung nach China eingereist.

    Zum Aktivieren brauchte ich jetzt ein WLAN. Der Busbahnhof in der chinesischen Grenzstadt Alashankou war zwar ein stattlicher Bau, aber vollkommen tote Hose. Zum Glück war das Hotel nur 1,4km entfernt, so dass wir das zu Fuß laufen konnten, wobei ich leider erstmal in die falsche Richtung losgelaufen bin, so daß es noch etwas länger wurde.

    Ab dem Hotel hat das Internet dann aber geklappt. Der nächste große Schritt ist das Bezahlen. Wir hätten eigentlich auch gern irgendwo Bargeld eingetauscht, aber an dieser Grenze gab es nirgendwo eine Geldwechselstube. Das ist verständlich, denn sehr viel Verkehr ist an dieser Grenze nicht und zum anderen ist China ein weitgehend bargeldloses Land. Bargeld ist fast immer nur eine Notlösung. Und deshalb wird ein Bargeldwechsel auch nicht wirklich gebraucht.

    Statt dessen braucht man als Ausländer zwei Apps auf dem Smartphone, mit denen man überall bezahlen kann und die das Geld dann von einer Kreditkarte abbuchen. Die eine heißt Alipay, die andere WeChat Pay. Alle Leute, die schonmal hier waren, berichten, dass das ganz gut funktioniert. Das Problem liegt aber beim Anmelden. Das beinhaltet eine Reihe von Schritten und man bekommt nicht am Ende eine Nachricht, dass jetzt alles ok ist und das Bezahlen funktionieren wird. Beim ersten Mal bezahlen weiß man einfach nicht, ob es klappen wird. Und man weiß auch nicht, wie man das macht. Ok, da hätte ich vorher mehr Youtube schauen sollen.

    Wir hatten also kein Bargeld als Notlösung und mussten herausfinden, ob das Bezahlen wirklich funktioniert. Das sollte man dann besser nicht mit einer Dienstleistung ausprobieren, wo man im Nachhinein bezahlt, wie z.B. Taxi fahren oder im Restaurant essen. Wenn es dann nicht klappt, hat man ein Problem. Auch deshalb sind wir zu Fuß vom Busbahnhof zum Hotel gelaufen. Zum Glück gab es in unserem Hotel einen Laden, wo man was kaufen konnte. Wenn das Bezahlen dann nicht klappt, kann man die Ware wieder ins Regal zurückstellen. Aber es hat geklappt.

    Der nächste Schritt war Taxi fahren. Dafür gibt es in China einen ähnlichen Dienst wie Yandex in Zentralasien, über den wir schon geschrieben haben, oder auch Uber aus den USA. Der chinesische Dienst heißt Didi. Die Didi App gibt es auch innerhalb von Alipay und da Alipay jetzt ja schon erprobt war, sollte bezahlen im Taxi auch klappen. Wir haben das aber erst in Urumqi ausprobiert, wo wir eine längere Strecke vom Bahnhof zum Hotel hatten. Auch das hat geklappt. Didi funktioniert sehr ähnlich wie Yandex, wir fühlten uns also gleich sicher. Den Fahrer bewerten und ihm ein Trinkgeld geben gibt es bei Didi aber nicht. Trinkgelder sind hier nicht so üblich, was mich sehr froh macht, weil Trinkgelder für Touristen eine weitere komplizierte Sache sind.

    Der Bezahlvorgang im Taxi ist aber durchaus bemerkenswert. In China gibt es keine langen Schlangen von wartenden Taxis am Straßenrand, wie in Deutschland. Die haben meist schon ihren nächsten Kunden, wenn man noch gar nicht richtig ausgestiegen ist. Deshalb wollen die gar nicht warten, bis der Bezahlvorgang abgeschlossen ist, sie schmeißen einen einfach raus. Ich stehe dann im Nachgang am Straßenrand und muss noch ein paar Handgriffe am Smartphone machen, bis ich die Bestätigung bekomme, dass das Bezahlen geklappt hat. Ich vermute, dass mir Alypay Ärger machen wird, wenn das Bezahlen mal nicht klappt. Das war bei Yandex einfacher. Die haben einfach selbstständig abgebucht, da musste man nichts mehr machen.

    Im nächsten Hotel in Urumqi gab es dann aber ein Problem. Das Hotel selbst buche ich über trip.com, ein chinesisches Unternehmen. Das ist noch eine notwendige App für China, wobei die international unterwegs sind. Bei trip.com kann man Hotels buchen, Flug- und Zugtickets kaufen und noch einiges mehr. Die wickeln die Bezahlung auch über die Kreditkarte ab. Das Hotel bezahle ich vorab, so das es da kein Problem mehr geben kann.

    Aber beim Hotel in Urumqi war das Frühstück nicht im Preis inbegriffen und wir mussten es vorab an der Rezeption bezahlen. Und das hat nicht geklappt. Alypay meldete Sicherheitsbedenken. Das ließ sich dann zwar mit Hilfe von Bargeld auflösen, dass wir mittlerweile auch haben, aber es hat mich ziemlich schockiert. Da gibt es also eine Firma, die diese Zahlungen vermittelt und die einfach entscheiden kann, dass das jetzt nicht geht. Du hast zwar Geld, kannst aber jetzt nicht zahlen. Und dann stehst du doof da. Zuhause wäre das nicht so furchteinflößend und es passiert auch schon mal mit der EC-Karte, aber hier kannst du die Sprache nicht. Auch deshalb braucht man wohl zwingend die zweite App WeChat. Aber nicht alle Händler nehmen beide Zahlungsmethoden an. Soviel zum Thema bargeldlose Gesellschaft.

    In den Hotels hier gab es am Eingang auch einen Röntgen Gepäckscanner und einen Metalldetektor, ebenso in dem Einkaufszentrum hier und auch in jedem Bahnhof. In dem Museum in das wir heute nicht rein konnten, weil es geschlossen war, hatten sie das auch. Wahrscheinlich ist das dem Xinjiangkonflikt geschuldet. Mal schauen, ob es das in Zentralchina auch gibt.

    Das nächste große Problem in China ist die Sprachbarriere. Die Schrift konnten wir auch schon in Georgien (die haben eine eigene Schrift) und Kasachstan (Kyrillisch) nicht lesen. Aber es stand dort doch recht viel auch in Englisch da und meist fand man auch Leute, die etwas Englisch konnten. Das ist hier beides nicht so. Heutzutage gibt es Apps, die Texte übersetzen; die auch mit der Kamera im Smartphone Texte zum Übersetzen erstmal lesen (z.B. eine Speisekarte) und in die man sogar hineinquatschen kann und die das dann übersetzen. Das haben wir vor China schon erprobt gehabt. Es ist sehr umständlich und funktioniert so mäßig. Aber man steht nicht vollkommen hilflos da.

    Für diese eher menschlichen Probleme habe ich zum Glück meine Hea-Jee, die da ganz entspannt mit umgeht und die auch verborgene Fähigkeiten besitzt. In der Türkei war sie sehr souverän, weil sie etwas Türkisch kann. Die Türken mochten sie daher sofort und alles andere ließ sich lösen.

    Sie hatte mir immer erzählt, dass sie zu einer Generation von Koreanern gehört, die nur sehr wenig Chinesisch in der Schule gelernt hat. Hier nun stellt sich raus, dass da doch etwas hängen geblieben ist. Bei so manchen Schriftzeichen kann sie erraten, was es wohl zu bedeuten hat. Das ist besonders eindrucksvoll, weil die koreanische Version der chinesischen Schriftzeichen komplexer ist, als die hiesigen vereinfachten Zeichen. Wir sind also nicht ganz hilflos, aber einfach ist es trotzdem nicht.

    Nach China reisen ist wie auf einem anderen Planeten ankommen. Ich hatte in dem Statusbericht vor ein paar Tagen geschrieben, dass wir durch das Ende der Welt gereist sind. Das passt ganz gut. Wir sind danach in einer anderen Welt angekommen. Zumindest fühlt sich das für mich so an.

    Einerseits ist hier vieles ganz ähnlich wie zuhause. Das ist nicht verwunderlich, weil die Chinesen bei ihrer Industrialisierung ja nicht alles neu erfunden haben, sondern das genommen haben, was schon da war und wir haben ihnen ja auch dabei geholfen. Andererseits ist doch alles irgendwie chinesisch.

    Wenn ich dies schreibe, sind wir schon den dritten Tag hier und so langsam löst sich die Spannung auf und ich werde wieder sicherer, dass ich das Leben im Griff habe. In den öffentlichen Verkehr haben wir uns aber noch nicht getraut, sondern sind heute viermal Taxi gefahren. Wir wissen einfach noch nicht, wie das geht.

    Taxi fahren ist auch hier unglaublich billig. Gut, das Preisniveau ist allgemein sehr niedrig, aber die Taxipreise kann ich mir wieder nicht erklären. Eine Taxifahrt von 5km und etwa 15 Minuten Dauer, die den Fahrer vielleicht 20 Minuten beschäftigt, kostet 1,50€. Und davon bekommt der Fahrer ja nur einen Teil. Nun könnte man denken, dass hier eben alles günstig ist, aber einige Bestandteile der Kosten vor allem des Autos, müssen zu Weltmarktpreisen bezahlt werden.

    Das Frühstück ist so eine Sache, wo man als Mensch am wenigsten radikale Änderungen mag. Ich bin zwar was Essen angeht einigermaßen aufgeschlossen, aber beim Frühstück kann das schwer fallen. Das kenne ich schon von Korea und hier ist es auch so. Im ersten Hotel in Alashankou gab es wenigstens noch Kaffee zu trinken, wenn auch dünn und stark vorab gesüßt. Im Hotel in Urumqi gibt es das aber nicht. Wir dachten, die Chinesen trinken dann wenigstens Tee, der kommt ja immerhin von hier. Aber nein, das Getränk zum Frühstück scheint irgendwie nicht wichtig zu sein. Auf Nachfrage konnten sie uns aber eine Kanne Tee machen. Das Essen sieht wesentlich gesünder aus, als unser westliches Frühstück, trotzdem kommt nicht wirklich Freude auf. Hea-Jee hat sich Sorge um mich gemacht, weil ich deutlich weniger gegessen habe, als üblich und hat für den nächsten Tag ein Frühstück in einer nahen „Bäckerei“ vorgeschlagen.

    Was die Präsentation des Essens in diesem Hotel angeht, sah das wirklich schön aus. Und noch was: In der Türkei hatte ich ja eine Woche mit Darmproblemen zu tun und habe da geschrieben, dass man als Hoteltourist ziemlich aufgeschmissen ist, weil man die Ernährungsempfehlungen für solche Fälle nicht umsetzen kann. Hier geht das, es gibt immer ein oder zwei Getreidebreie. Dünn, ungesüßt und ungesalzen.

    Es gibt Hotels, die auch westliches Frühstück anbieten. Darauf werde ich jetzt wohl achten, aber das macht die Auswahl wieder komplizierter.

    Ach ja, da ist ja auch noch das Internet. Wir sind in dem Land mit der großen Firewall. Die Chinesen haben mit Mauern, die fremde Kulturen abwehren, ja ein lange Erfahrung. Im chinesischen Internet sind viele Webseiten nicht erreichbar, unter anderem alle Dienste von Google, an die man so gewöhnt ist. Aber auch andere Seiten, es wirkt etwas zufällig. Der deutsche Computerzeitungsverlag Heise ist geblockt, das Redaktionsnetzwerk Deutschland nicht.

    Die chinesische Regierung hat wohl eingesehen, dass man Touristen besser davon ausnehmen sollte. Wir haben für unser Smartphone eSIMs von trip.com gekauft, also von einer chinesischen Firma. Und die haben eine Lösung mit der diese Firewall umgangen wird. Für Technikfans: Man bekommt eine IP-Adresse aus Hongkong und dann lässt die Firewall wohl alles durch. Ausgiebig Youtube schauen will man damit aber nicht, es sei denn, man kauft eine eSIM mit riesigen Datenmengen.

    Wenn man aber im Hotel das WLAN benutzt, dann ist man diesen Einschränkungen unterworfen. Man kann sie dann umgehen mit Hilfe einer sogenannten VPN-Software, die man sich tunlichst schon außerhalb von China installiert, weil man sie hier wohl nicht mehr herunterladen kann. Die macht das Netz aber nicht gerade schneller. Und dann fängt man an und schaltet die VPN an, weil sonst was nicht geht und dann schaltet man sie wieder aus, weil anderes geht aber mit VPN zu langsam ist usw. Ein echtes Ärgernis.

    Weil aber die Chinesen nicht diese Möglichkeit haben, ist z.B. Google Maps hier ungepflegt und damit wertlos. Dagegen ist Apple Maps hier ganz gut (und englisch), weil die ihre Daten von einer guten chinesischen App bekommen. Als Übersetzungs-App hat Hea-Jee eine koreanische Software gefunden, die recht gut funktioniert.
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