• Tag 62 - Xi‘an Stadtspaziergang

    26 августа, Китай ⋅ ☁️ 37 °C

    Hea-Jee:
    Beim Frühstück war ich genauso gespannt wie Arnd, ob es wohl Kaffee geben würde. In einer Thermoskanne befand sich tatsächlich Kaffee, ähnlich wie koreanischer Instant-Kaffeemix, mit etwas Milchpulver und Zucker. Daneben gab es Toast, Marmelade in kleinen Tütchen und kleine Kuchen. Außerdem lagen rote gegrillte Würstchen, die wie Kügelchen aussehen. Sie sahen aus wie Wiener Würstchen, die ich aus Deutschland kenne, schmeckten aber süßlich. Arnd probierte es früher einmal in China und ließ es diesmal bleiben. Ich ließ mich vom Aussehen täuschen, griff noch einmal zu und aß es widerwillig auf.

    Das chinesische Frühstück war wirklich großartig. Verschiedene Gerichte standen in Warmhaltern bereit, nur wenig Fleisch, dafür hauptsächlich Gemüse – perfekt für den Morgen. Es gab zwei Sorten Getreidebrei und sogar frische Nudeln. Bestellte man beim Koch, kochte er die Nudeln sofort und servierte sie in einer Schüssel. Vier verschiedene Brühen standen bereit, ebenso zahlreiche Garnituren und Gemüse, sodass man sich alles nach Belieben zusammenstellen konnte. Ich nahm mir vor, es unbedingt vor meiner Abreise aus diesem Hotel zu probieren, auch wenn die Portionen für meinen Magen recht groß waren. Vielleicht kann ich Arnd überreden, mit mir zusammen eine Portion zu teilen.

    Unsere erste Besichtigung führte uns auf die Stadtmauer. Ausgerechnet an einem sehr heißen Tag! Ich schlug vor, ein Museum zu besuchen, aber dafür hätte man im Voraus reservieren müssen und es war schon ausgebucht. Also beschlossen wir, zunächst die Innenstadt zu erkunden.

    Unser Hotel lag im absoluten Zentrum von Xi’an, sodass wir zu Fuß zum Südtor gehen konnten. Die Innenstadt wirkte sehr westlich, aber viele moderne Gebäude trugen traditionelle Dächer – ein interessanter Anblick. Ich fragte mich, ob wir in der Altstadt vielleicht noch echte historische Wohnviertel finden würden, wie wir sie aus Deutschland oder Korea kannten.

    Am Südtor zahlten wir den Eintritt und bestiegen die 12 m hohe Stadtmauer, die im 14. Jahrhundert erbaut worden war. Der 12–14 m breite Weg diente damals auch Reitern und Wagen. Wir hatten gehofft, dort Fahrräder mieten zu können, aber alle Verleihstationen waren geschlossen. Einerseits schade, andererseits bei der Hitze auch eine Erleichterung. Eine Umrundung der rechteckigen Stadtmauer mit dem Fahrrad hätte wohl etwa eine Stunde gedauert.

    Was mir in China auffiel: Selbst in historischen Städten verlaufen Straßen und Mauern oft gerade und bilden Rechtecke. In Europa oder Korea entstanden Städte früher entsprechend der Topographie, daher wirken die Linien dort runder und natürlicher. War Xi’an einst auf offenem, ebenem Land erbaut worden? China hat so viel ebenen Platz, dass man schon damals schnurgerade Straßen und Stadtpläne anlegen konnte? Oder war es möglich, durch große Arbeitskraft die Landschaft zu formen? In Peking werde ich darauf besonders achten.

    Hier, im Gegensatz zu den westlichen Regionen, war die Luftfeuchtigkeit höher, sodass wir uns trotz gleicher Temperaturen schneller erschöpften. Gegen Mittag stiegen wir von der Mauer hinab und beschlossen, vor dem Besuch des Steelenwaldes-Museums in ein Café zu gehen. Am Straßenrand lagen hübsche Teehäuser und Cafés. Da es so heiß war, entschieden wir uns für das Café und bestellten einen Eiskaffee und Kuchen. Die Preise entsprachen eher dem Zentrum Münchens – für China ziemlich teuer –, aber die Qualität war ausgezeichnet.

    Das Steelenwald-Museum lag direkt an der Stadtmauer. Von oben sah man die alten grauen Ziegeldächer wie ein kleines Meer. Über 4000 historische Steinstelen und Grabsteine, gesammelt über einen Zeitraum von tausend Jahren, füllten die Anlage – ein wahrer „Wald“ aus Stein. Die Idee, bedeutende Schriften, die Grundlage der Zivilisation, in riesige Steine zu meißeln, um sie vor Brand und Zerstörung zu schützen, war beeindruckend und großformatig gedacht – möglich nur in einem mächtigen Staat mit genug Arbeitskraft.

    Besonders interessierte mich der Raum mit den Stelen, die die Analekten des Konfuzius enthalten. Dieses Werk hatte ich als Teenager in Deutschland voller Begeisterung gelesen, während ich nach einer eigenen Lebensphilosophie suchte. Viele sehen im Konfuzianismus nur eine patriarchalische Moral, die den Mächtigen dient. Doch wenn man die Analekten auf sich selbst anwendet, sind sie eine Sammlung von Regeln, die sowohl den Frieden der Welt als auch den eigenen inneren Frieden fördern – so habe ich es zumindest in Erinnerung (es ist aber schon lange her).

    Außerdem suchte ich mit großem Aufwand nach der Nestorianischen Stele (Da-Qin-Jingjiao-Liu-xing-Zhongguo-Be). Mit Übersetzer-App fragte ich mich durch, bis ich sie schließlich im zweiten Untergeschoss des neuen Gebäudes fand. Diese historische Stele berichtet, dass das Christentum bereits im 7. Jahrhundert durch syrische Missionare während der Tang-Dynastie nach China gelangte und Kirchen sich in der ganzen Stadt befanden. Sie erklärt auch die zentralen Lehren des Christentums. Das Kreuzsymbol oben war auf der Stele kaum noch erkennbar, aber auf der Abreibung klar zu sehen. Unter dem chinesischen Text befand sich auch syrische Schrift. Diese Stele wurde im 8. Jahrhundert mit Befürwortung von Kaiser Taizong angefertigt, während der Verfolgung fremder Religionen im 9. Jahrhundert vergraben und erst im 17. Jahrhundert wiederentdeckt.

    Froh darüber, dass wir die wohl solideste Bibliothek der Welt besucht hatten, verließen wir das Steelenwald-Museum und gingen zum verspäteten Mittag- bzw. frühen Abendessen. Da es kaum Lokale mit englischsprachiger Speisekarte gibt und fast kein Personal auch nur ein wenig Englisch spricht, bleibt das Essenbestellen weiterhin eine Herausforderung. Zum Glück fanden wir ein etwas ruhigeres Restaurant, in dem Bilder der Gerichte ausgehängt waren. Mit Hilfe des Übersetzungsapps und ein wenig Raten gaben wir unsere Bestellung auf. Wir waren hungrig, aber das Essen entsprach unseren Erwartungen – und wir aßen beide mit großem Genuss.

    Arnd:
    Es gibt hier tatsächlich Radfahrer! Aber nur wenige und die fahren alle auf gemieteten Rädern, die hier in Massen am Straßenrand stehen. Diese Räder sehen aus, als wären sie aus Plastik, sie haben keine Gangschaltung und schwergängige Vollgummireifen. Das Ganze ist also eine Veranstaltung, die dazu dient, den Menschen klar zu machen, dass man zur Fortbewegung unbedingt einen Motor braucht.
    Читать далее