• Tag 63 - Armee des ersten Kaisers

    27 de agosto, China ⋅ ☁️ 32 °C

    Arnd:
    Wenn man nach Xi‘an kommt, muss man natürlich die Terrakottaarme des ersten Kaisers von China, Qin Shihuangdis, besuchen. Der hat im Jahr 221 BC die bis dahin existierenden rivalisierenden kleineren Reiche militärisch besiegt und damit zum ersten Mal ein Gesamtreich begründet, was aber noch wesentlich kleiner war als heute. Sein Name heißt übersetzt „Erster Gottkaiser von Qin“.

    In der Wikipedia steht, dass seine Grabanlage „eine der größten der Welt“ sei. Der Bau hat 36 Jahre gedauert und wurde begonnen lange bevor er das Reich geeinigt hatte. Angeblich haben 700 000 Menschen daran gearbeitet.

    Man glaubte seinerzeit wohl an an Leben nach dem Tod, was übrigens auch die Ägypter taten, deren Totenkult einem hier schnell in den Sinn kommt. Für einen guten Start in dieses neue Leben wollte man möglichst viel Dinge mitnehmen. Und da hat er nicht gekleckert. U.a. hat er eine ganze Armee mitgenommen. Die Methode, lebende Menschen mitzunehmen, und sie dafür vorher umzubringen, hatte man einige Zeit vorher schon aufgegeben. Also wurden die Soldaten seiner Armee aus Ton hergestellt.

    Da die Armee auch im richtigen Leben nicht in unmittelbarer Nähe des Kaisers stationiert war, wurde auch diese Totenarmee in ein paar Kilometer Entfernung stationiert und dann …. vergessen. Erst 1974 wurde sie zufällig wiederentdeckt, als ein paar Bauern einen Brunnen graben wollten.

    Bei unserem Besuch wurden wir wieder von einer Frau angesprochen, die uns eine Führung anbot, was wir dann auch gemacht haben. Ich habe sie gefragt, wieviele Besucher hier täglich durchlaufen. 50 000 im Durchschnitt ist wohl richtig, der meistbesuchte Tag überhaupt waren wohl 150 000. Damit hätte man in sechseinhalb Tagen die Jahresbesucherzahl von Neuschwanstein erreicht. Für die Nichtbayern hier, Neuschwanstein ist die deutsche touristische Hauptattraktion und es ist sehr sehr voll dort. Gut, das Gelände der Terrakottaarmee ist viel Größer, als Neuschwanstein.

    Es gibt natürlich ganz viele Details zu diesem Thema, aber die kann man alle gut in der Wikipedia nachlesen. Daher will ich nur ein paar erwähnen:

    Die Figuren, man schätzt, dass es knapp 8000 sind, wurden in Einzelteilen hergestellt. Zunächst zwar in einer Form, dann aber wurden sie per Hand weiter modelliert und haben alle individuelle Gesichtszüge. Am Ende wurden sie gebrannt und schließlich nach dem Brand bemalt. Die Farben waren zwar teilweise erhalten, sind aber nach dem ausgraben sehr schnell verblasst. Viele Figuren sind noch nicht ausgegraben und man arbeitet jetzt an Verfahren, die Farbe zu erhalten.

    Sie waren eingestellt in unterirdische Gänge, die als Gruben ausgehoben waren und dann mit Baumstämmen, darüber Matten und darüber Erde abgedeckt waren. Die sind alle eingestürzt, teilweise wohl auch das Holz verbrannt. Dadurch sind die meisten Figuren zerbrochen und werden jetzt zusammengepuzzelt. Ein paar unzerbrochene sind in Vitrinen extra ausgestellt.

    Als wir zurück in Xi‘an waren, war es schon Abendessenszeit. Hea-Jee hatte auf Youtube von einem chinesischen Hamburger gehört, der sehr lecker sei und den es auf einem Markt bei uns um die Ecke gäbe.

    Also sind wir gar nicht erst ins Hotel gegangen, sondern gleich auf diesen Markt. Den Hamburger haben wir nicht gefunden, aber Hea-Jee hat andere Dinge entdeckt, die wir dann gegessen haben. Dabei wird sie oft erinnert an koreanische Gerichte und ist dann jedesmal enttäuscht, dass es ganz anders schmeckt. Z.B. ist in Korea getrockneter Tintenfisch sehr beliebt. Hier gab es viele viele Stände, die etwas ähnlich aussehendes anboten. Es war am Ende gebratener frischer Tintenfisch und es war auch Szechuanpfeffer drauf.

    Hea-Jee:
    Es war wohl das erste Mal, dass ich so einen Massen-Tourismus mitgemacht habe. Ohne die Führerin hätten wir nur in der Menge gestanden, kurz rübergeschaut und wären wieder gegangen. Sie hat uns aber gezeigt, wie man sich nach vorne kämpft, sodass wir doch noch ein bisschen näher ran konnten, richtig sehen und Fotos machen konnten. Ehrlich gesagt, hat mich aber die Doku über die Terrakotta-Armee, die ich früher gesehen hatte, viel mehr beeindruckt als dieses gehetzte Hin-und-Her-Schieben hier.

    Ich musste die Technik und das Können der damaligen Chinesen sehr bewundern. Trotzdem fragte ich mich: Musste man so ein Erbe der Menschheit wirklich nur dafür nutzen, das Grab eines Kaisers zu schmücken? Mir kommt ein schiefer Gedanke. Aber eigentlich war das doch überall so – egal welche Zivilisation, Schösser, Tempel und Kathedralen wurden meist für Herrscher gebaut. Vielleicht wurden Fortschritt und Erfindungsgeist gerade durch solche Riesenprojekte vorangetrieben – und deshalb haben wir heute solche Meisterwerke. Das denke ich jedes Mal, wenn ich so ein Weltkulturerbe sehe.

    Dank der Führerin haben wir sogar einen übertriebenen Tourismus mitgemacht und noch eine zusätzliche Erfahrung gemacht. Sie meinte, es gehe um die Struktur des Mausoleums, und wir kauften spontan ein ziemlich teures Ticket zusätzlich, ohne genau zu wissen, worum es ging. Am Ende war es ein Virtual-Reality-Erlebnis: Helm auf den Kopf, zurück in die Zeit von Qin Shihuang. Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir’s wahrscheinlich nicht gemacht. Aber na ja, im Nachhinein war’s gar nicht so schlecht. War meine erste Erfahrung mit so was – für junge Leute, denen die Zukunft gehören, wird das ganz normal sein.

    Die ganze Anlage ist riesig, man muss mehrmals Shuttle-Busse wechseln. Dabei konnten wir gut beobachten, wie flink die Chinesen beim Vordrängeln sind – wir mussten oft lachen. Einmal endete die Schlange direkt vor uns, wir waren also Erste für den nächsten Bus. Dachten wir. Als er kam, stürmte plötzlich eine ganze Gruppe vor, und wir stiegen fast als Letzte ein. Immerhin, wir sind noch reingekommen – das musste man schon als Glück sehen.
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