• Tag 67 - Sonntagsausflug in Peking

    August 31 in China ⋅ ☁️ 30 °C

    Arnd:
    Unser Reiseführer hat uns geraten, wir sollten unsere Zeit in Peking eher kleiner anfangen. Dafür ist der Bereich nördlich der verbotenen Stadt gut geeignet. Dort gibt es noch ganze Viertel mit den alten Hofhäusern, den Hutongs. Genau das richtige für Hea-Jee. Außerdem liegt da der bei den Pekingern sehr beliebte Beihai Park und schließlich sind wir noch auf den Kohlenhügel gestiegen. So nennen die Pekinger den kleinen Berg, der aus dem Aushub des Grabens rund um die verbotene Stadt entstanden ist. Er wird von den Pekingern Kohlehügel genannt, weil hier zur Mongolenzeit mal Kohle gelagert wurde, sagt jedenfalls unser Reiseführer.

    Weil das unser Plan war, haben wir auch unser Hotel in dieser Gegend gesucht. Das liegt jetzt tatsächlich in einem Hutong. Zwei Straßen weiter gibt es wieder den Glocken- und den Trommelturm, ganz wie in Xi‘an. Dort haben wir unseren Ausflug begonnen und sind dann im Laufe des Tages ganz gemütlich weitergelaufen.

    Die Hutongs wurden früher, vor der kommunistischen Zeit, von vielen spezialisierten Händlern versorgt. Da gab es welche zum leeren der Nachttöpfe, andere sammelten Schrott ein oder verkauften Wassermelonen. Damit man wusste, wer gerade vor dem Haus unterwegs war, hatten die alle spezifische Signale. Das konnte ein Ruf sein, oder eine Glocke oder ähnliches. Im Glockenturm gab es eine Installation mit einer Auswahl dieser Signale.

    Der Tian‘anmenplatz, das Himmelstor, der Kaiserpalast (auch verbotene Stadt genannt), der Kohlenhügel und ein paar weitere Einrichtungen liegen alle auf einer Nord-Süd-Achse. Den nördlichen Abschluss davon bilden der Glocken- und der Trommelturm. Die gesamte Achse ist fast 5km lang.

    Auf dem Weg waren wir mehrfach auf hochgelegenen Punkten und ich konnte in die Ferne fotografieren. Dabei kommen immer wieder die modernen Bauten in den Blick. Leider waren sie ziemlich im Dunst und ich musste die Fotos etwas bearbeiten, damit sie erkennbar sind.

    Heute war Sonntag und wir konnten die Pekinger dabei beobachten, wie sie ihre Freizeit verbringen. Im Beihaipark gibt es eine Insel mit einem Berg drauf. Dort ist ein Kloster des tibetischen Buddhismus und oben auf dem Berg eine weiße tibetische Stupa. Wir wollten per Fähre über den See zu dieser Insel fahren, alternativ gäbe es auch zwei Brücken. Deshalb haben wir auf der gegenüberliegenden Seite den Fähranleger gesucht. Der erste Kandidat entpuppte sich als Tretbootvermietung, also sind wir weiter gelaufen. Beim nächsten Kandidaten hatte das Schiff schon eine passende Größe. Also haben wir ein Ticket gekauft und uns reingesetzt. Es fuhr auch erst in die richtige Richtung los, aber dann hat es nicht an unserem Ziel angelegt, sondern ist wieder an den Startpunkt zurückgefahren. Es war ein Ausflugsboot. Leider haben wir auch noch innen gesessen, wo es recht warm war und ich nicht durch die Scheiben fotografieren konnte. Verlorene Zeit und verlorenes Geld, dumm gelaufen.

    Beim dritten Versuchott hat es dann geklappt. Wir sind dann durch das Kloster auf den Berg zur Stupa gestiegen und auf der anderen Seite in Richtung Kohlenhügel wieder abgestiegen. Der Kohlenhügel mit Pavilion oben drauf liegt auch auf der Achse und ist interessant, weil man von oben auf die verbotene Stadt schauen kann. Die können wir nämlich leider nicht besuchen, weil sie genau an den Tagen geschlossen ist, an denen wir in Peking sind. Vielleicht ist das aber auch gut so, wir hatten ja schon genug Menschenmassen. Oben am Aussichtspunkt war es ziemlich voll, aber wir kamen auch mal ans Geländer zum schauen und fotografieren.

    Die Uhrzeit war schon fortgeschritten und man konnte ans Abendessen denken. Für den Rückweg zum Hotel haben wir die U-Bahn benutzt. Hea-Jee wollte unbedingt in einem Restaurant in der Nähe unseres Hotels Pekingente essen. Irgendwo hatten wir gelesen, dass man besser frühzeitig einen Platz reserviert. Tatsächlich war das Restaurant aber ganz leer. Es war wahrscheinlich noch zu früh. Wir haben also einen Platz bekommen und unsere Pekingente genossen.

    Dabei wird ja etwas zartes Entenfleisch mit einer Soße und etwas Gemüse in einen wirklich dünnen Pfannkuchen eingerollt und mit der Hand gegessen. Also haben wir erstmal die Hände gewaschen. Aber dann kam ein Kellner und brachte uns ganz dünne riesengroße Einweg Plastikhandschuhe. Die haben wir dann freundlicherweise benutzt, aber das ist eine merkwürdige Veranstaltung.

    Hea-Jee:

    Arnd: Wir haben ein Problem. Für heute haben wir keinen Plan.
Hea-Jee: Oh, umso besser! Ich liebe es, ohne Plan herumzuschlendern.

    Ich dachte, wir würden es heute gemütlich angehen, aber in Lichtgeschwindigkeit hatte Arnd schon alles durchgeplant und drängte zum Aufbruch. Ach ja. Sich Sorgen um die Zukunft zu machen und Pläne zu schmieden – das ist Arnds Spezialität und zugleich sein Hobby. Über die Hobbys anderer diskutiere ich nicht, also schließe ich mich einfach an.

    Heute war das Programm voller Dinge, die mir sehr gefallen. Schon das gemächliche Erkunden der Hutongs rund um unser Hotel machte mir Freude. Hutongs (胡同, hùtòng) sind enge, traditionelle Gassen, die vor allem in Peking vorkommen. Hier lässt sich nicht nur alte Wohnkultur erleben und ein Blick in das einfache Alltagsleben vergangener Zeiten werfen, sondern diese Viertel sind noch immer bewohnt und stecken voller Leben.

    Ich hatte solche traditionellen Wohngegenden in China bisher nicht gesehen, daher war ich besonders begeistert. Mein Forschungsthema in Baugeschichte ging um Wohnhäuser gewöhnlicher Leute, und so liebe ich es, auf Reisen fremde Wohnwelten zu erkunden. Oft stelle ich mir vor, selbst in solch einem Haus zu leben.

    In den Hutongs sind die traditionellen Häuser einstöckig, mit grauen Backsteinwänden und grauen Ziegeldächern. Je nach Zustand der Gebäude wirkt diese Schlichtheit entweder elegant oder etwas heruntergekommen. Die abgerundeten Giebel sehen ungewöhnlich, aber gleichzeitig freundlich aus. Die Räume sind um einen Innenhof angeordnet, was eine geborgene Atmosphäre schafft. Zwar sind die meisten Gebäude nicht besonders gut erhalten, doch es wirkt lieblich, wenn vor dem Haus Blumen wachsen.

    Rund um den Glocken- und Trommelturm – früher nutzte man sie, um die Zeit anzuzeigen oder Alarm zu schlagen – wurde ein Park angelegt, in dem die Menschen sich erholen oder spielen. Erwachsene Männer und Frauen standen im Kreis und spielten eine Art Hacky-Sack, bei dem sie einen Federball mit dem Fuß hochhalten. Als Kind war ich darin gar nicht so schlecht, aber hier könnte ich wohl nicht mithalten. Ich freue mich immer, wenn ich sehe, wie Menschen draußen gemeinsam spielen.

    Am Abend sahen wir im Park am Kohlehügel unzählige ältere Menschen, die in Gruppen zusammen sangen. Einige hatten Instrumente und Lautsprecher und klangen fast wie Profis. Die Zuschauer standen im Kreis und sangen begeistert mit.

    Ich war so gut gelaunt, dass ich zu Arnd sagte:
Hea-Jee: Wenn ich in China leben würde, würde ich auch mit ihnen singen.
Arnd: Weißt du denn überhaupt, worum es in den Liedern geht?
Hea-Jee: Keine Ahnung. Und du?
Arnd: Ich auch nicht. Aber du willst mitsingen, ohne zu wissen, ob sie vielleicht ein Loblied auf Mao singen?

    Arrrr, Arnd schafft es immer, mir einen kleinen Dämpfer zu verpassen, wenn ich gerade so richtig in Stimmung bin.
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