• Tag 70 - Stadterkundung mit Behinderung

    September 3 in China ⋅ ☀️ 32 °C

    Arnd:
    An unserem letzten Tag in Peking hatten wir keine großen Pläne, wir wollten uns nur nochmal etwas umschauen. Hea-Jee wollte sowas wie die Innenstadt sehen und hat dann auch in Internetberichten einen Straßennamen gefunden, der sowas verspricht. Bei mir auf dem Plan stand noch der Himmelstempel und dann wollte ich auch mal was modernes sehen. Es gibt hier doch einige sogenannte Signature Buildings. Davon habe ich ein paar auf meiner Karte markiert.

    Wir gingen dann los zur U-Bahn nicht weit von unserem Hotel und standen vor einem verschlossenen Eingang. Ach ja, heute ist ja der letzte Tag der Großveranstaltung hier. Ich fand auch, dass auf der Straße ziemlich wenig Verkehr war. Ich fing schon an, den Tag umzuplanen. Wir sind dann weitergelaufen, um zu sehen, ob auch die anderen Eingänge unserer U-Bahnstation verschlossen sind. Tatsächlich fanden wir einen, der geöffnet war.

    Wir kamen rein und es fuhr auch eine U-Bahn. Die hielt an der nächsten Station und ich glaube auch an der übernächsten, aber dann hat sie 10 Stationen übersprungen und nicht gehalten. Dadurch brach unser Plan zusammen und wir mussten was neues improvisieren. Wir wollten dann noch zwei Stationen weiterfahren und von da aus Hea-Jees Innenstadtstraße erkunden. Ich hatte mittlerweile aber eine englischsprachige Webseite gefunden, wo alle Einschränkungen verzeichnet waren und dort sah ich, dass diese Straße auch für Fußgänger gesperrt war. Abends habe ich gelesen, dass es wohl eine Militärparade gegeben hat und die ist da in der Gegend wohl vorbei gekommen.

    Also nochmal Planänderung. Unsere U-Bahnlinie war eine Ringlinie, die fährt immer im Kreis rum und wir waren schon zwei drittel des Kreises gefahren, als wir dann in eine andere Linie umgestiegen sind. Die hat uns etwas weiter stadtauswärts gebracht zu einem dieser Signature Buildings. Wir mussten noch etwas laufen und als wir das Gebäude schon vor uns hatten, hat Hea-Jee im Augenwinkel etwas koreanische Schrift gesehen. Es wurde ein koreanisches Gericht versprochen: Kalte Nudeln. Das ist eine eisgekühlte Nudelsuppe mit einer Grundlage aus Rinderbrühe, aber auch so interessanten Zutaten wie Wassermelone und ein hartgekochtes Ei. Es ist sehr lecker, sättigt und man hat den Körper etwas abgekühlt. Win win win! Und es war schon Mittagessenszeit! Es stellte sich raus, dass das ein koreanisches Restaurant war und die kalten Nudeln schmeckten auch wie koreanische kalte Nudeln. Der Tag war gerettet. Danach sahen wir, dass daneben noch mehrere andere koreanische Restaurants waren.

    Ich hatte erst Sorge, dass man diese Signature Buildings nicht gut fotografieren kann, weil sie alle ziemlich hoch sind und man sie ohne Drohne oder Zugang zu hohen Stockwerken in benachbarten Gebäuden nur steil nach oben fotografieren kann, was nicht zu schönen Bildern führt. Das Gebäude, oder besser der Gebäudekomplex, vor dem wir jetzt standen heißt Wangjin SOHO und ist von der berühmten Iranisch-Britischen Architektin Zaha Hadid. Der Komplex war gut zugänglich, weil es in den unteren Stockwerken Geschäfte gibt und zwischen den Gebäuden ein öffentlicher Platz entstanden war. Zum Glück habe ich hier einige brauchbare Fotospots gefunden. Sehr schöne professionelle Fotos findet man unter: http://www.sohochina.com/project.aspx?projectid=9

    Zur Vorbereitung hatte ich über diese Signature Buildings in China etwas gelesen. Es sind Gebäude, die von international berühmten Architekten entworfen sind und ein markantes einzigartiges Design haben. Sie kamen hier Anfang der 2000er Jahre langsam auf. Zur Olympiade in Peking gab es dann einen richtigen Boom und die Architekten der Welt waren erstmal alle in China beschäftigt. In 2016 hat dann aber der chinesische Staat die Notbremse gezogen. Seitdem wird sowas hier nicht mehr gebaut. Ich weiß nicht, was die eigentliche Motivation dazu war. Vielleicht wollte man, dass das Bild der Städte einen chinesischen Touch behält, oder vielleicht waren die Dinger auch schlicht zu teuer.

    Aber was da ist, kann man natürlich anschauen und sich daran freuen.

    Danach sind wir in Richtung Central Business District gefahren, wo noch ein paar dieser Gebäude stehen. Die waren leider etwas weniger zugänglich, aber ein paar Bilder gibt es doch. Da ist zum einen das Gebäude des staatlichen Fernsehens CCTV. Der Entwurf ist von Rem Kohlhaas. Zwei schräge Hochhäuser, die sich aneinander lehnen. Das ist wahrscheinlich das bekannteste dieser Gebäude. Aus der Nähe hatte ich den Eindruck, dass die seit dem Bau noch nie die Fenster geputzt haben. Daneben steht das höchste Gebäude in Peking und das siebthöchste in der Welt, der CITIC Tower, den man von überall in Peking sehen kann, nur nie in seiner Gesamtheit. Und aus der Nähe kann man ihn nur senkrecht nach oben fotografieren.

    Von dort aus gab es eine Möglichkeit, doch noch zum Himmelstempel zu kommen, ohne der Innenstadt zu nah zu kommen. Das haben wir dann noch gemacht. Wir mussten eine längere Strecke laufen. Hea-Jee hatte schon nicht mehr viel Lust, aber hinterher war sie froh, dass wir das noch angeschaut haben. Es sind zwei unglaublich schöne kreisrunde Gebäude. Sie wurden ab 1406 errichtet und dienten nur einem Zweck: Im Frühjahr kam der Kaiser hierher und betete zum Himmel für ausreichend Regen und eine gute Ernte.

    Er betete zum Himmel und nicht zu einem namentlich genannten Gott. Das hat mich irritiert und ich habe ein bisschen in der Wikipedia gelesen. Bei Ostasien und Religion denkt man meist an Buddhismus, Daoismus oder Konfuzianismus. Das sind aber eher philosophische Lehren, obwohl sich manche mit ihren Wünschen auch an Buddha wenden und es wohl auch eine religiöse Version des Konfuzianismus gibt. Es gibt in China, Korea und Japan aber auch reiche religiöse Traditionen für die es zumindest im chinesischen keinen Namen gibt. Es war einfach ein vollkommen selbstverständlicher integraler Bestandteil des Lebens und wird bis heute gepflegt.
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