Shanghai Tag 1
March 31 in China ⋅ ☁️ 17 °C
Tag eins in Shanghai begannen wir mit einem Spaziergang. Von unserem Hotel aus durch die Einkaufs-Fußgängerstraße Nanjing Lu bis zum Bund, der Uferpromenade auf der Westseite des Huangpu Flusses. Dabei mussten wir drei Straßen kreuzen. Die erste war eine normale breite Autostraße, auf den anderen beiden gab es nur Motorroller und ein paar Fahrräder. Bei den Kreuzungen ohne Autos änderte sich der Bodenbelag nicht, weshalb man sie ganz leicht übersehen konnte. Dazu kommt, dass man die Roller einfach nicht hört. Deshalb waren auch bei rot noch etliche Fußgänger auf der Straße und die Roller mussten sich hupend einen Weg bahnen.
Vom Bund aus gab es dann diesen bekannten Blick nach Pudong, wo der Fernsehturm und die ganzen neuen Wolkenkratzer stehen. Leider war es dunstig und der Blick deshalb nicht fotogen. Am zweiten Tag nachmittags war es etwas besser und mit ein bisschen Nachhilfe beim Kontrast ist das Foto ok. Richtig gut wurde es dann abends.
Auf der Seite des Bund stehen prachtvolle alte Gebäude, hauptsächlich Bank- und Handelshäuser. Den Blick kennt man merkwürdigerweise nicht so. Auch sonst haben wir recht viele alte Gebäude im westlichen Stil gesehen. Wegen der Lage am Meer war und ist Shanghai eine Handelsstadt und die Europäer hatten sich hier breit gemacht. Es ist trotzdem fürs Auge erfreulich, nicht nur den modernen Einheitsbrei zu sehen und diese alten Gebäude werden auch liebevoll gepflegt und sind eine beliebte Kulisse für Hochzeitsfotos.
Den Bund sind wir ganz langsam runtergeschlendert und haben uns dann eine Pause mit modernem Kaffee gegönnt. Danach ging es in den Yuyuan-Garten. Der war in unserem Reiseführer zwar mit Stern erwähnt, aber nicht so genau beschrieben. Das macht deshalb Hea-Jee unten.
Am frühen Nachmittag fing es ganz leicht an zu regnen, leider früher, als unser Wetterbericht vorhergesagt hatte. Deshalb sind wir dann zu einem Museum gefahren, das ich mir markiert hatte. Es heißt Power Station of Art, weil es in einem ehemaligen Kraftwerk untergebracht ist. Und das war kein kleines Kraftwerk. Das Museum zeigt zeitgenössische Kunst und dort findet eine Biennale statt. Zufälligerweise gerade als wir da waren und zwar war dies der letzte Tag. Danke an den Regen.
Die Frau am Ticketschalter fragte von sich aus nach unserem Alter und erfreulicherweise gab es für Senioren kostenlosen Eintritt. Im Ergeschoss gab es hauptsächlich Videokunst. Das ist sowieso nicht so unser Ding und die hier gebotene hat uns nichts gesagt. Zum Glück gab es oben dann auch andere Kunst. Ein Video hatte es Hea-Jee allerdings doch angetan und sie hat sich das ziemlich lange angeschaut. Ein Mann mit Rucksack läuft durch China und schießt mit dem Fuß immer einen Stein vor sich her. Endlose Alltagsszenen aus dem Land.
Zum Abendessen sind wir dann zu einem Restaurant gegangen, das Hea-Jee schon morgens entdeckt hatte. Dort gab es Krebs und da kann Hea-Jee nicht widerstehen. Die Gerichte sind in diesem Schnellrestaurant schon fertig und werden auf einem Tisch mit Wasserdampf von unten warm gehalten. Man nimmt sich, was man möchte und bezahlt am Ende. Typischerweise wählt man verschiedene Dinge aus und teilt sich das dann. Aber den Krebs musste Hea-Jee allein essen, das ist nicht so mein Ding.
Hea-Jee:
Der erste Morgenspaziergang in Shanghai war erfrischend. Bei angenehmen 19 Grad Celsius schlenderten wir langsam durch ruhige Straßen ohne Autolärm. Shanghai soll 25 Millionen Einwohner haben – wo waren die alle? Die Uferpromenade wirkte ziemlich leer. Vom Flussufer der Altstadt mit ihren alten europäischen Gebäuden blickten wir hinüber zur Neustadt mit ihren berühmten Wolkenkratzern.
Obwohl es nicht besonders bewölkt war, erschienen die Hochhäuser auf der anderen Seite des Flusses verschwommen. Ich habe nachgeschaut: In einem Flussdelta bildet sich oft Nebel, außerdem gibt es Smog. Dennoch kratzte mir nicht der Hals, und es roch auch nicht nach Abgasen wie in manchen Großstädten Südostasiens. Die Straßen waren mit Frühlingsblumen geschmückt, und die Kirschblüten begannen gerade aufzugehen. Vielleicht weil die Jahreszeiten ähnlich sind wie in Korea, vielleicht auch wegen der vertrauten Essensgerüche – irgendwie fühlte ich mich hier, als wäre ich bei Verwandten zu Besuch.
Ohne große Erwartungen gingen wir in den Yu-Garten, und er war überraschend schön. Wie in einem Labyrinth wanderten wir durch verschlungene Wege, vorbei an frisch erblühten Frühlingsblumen, Teichen und traditioneller Architektur, die immer neue, liebevoll gestaltete Räume entstehen ließen. Die Anlage war auch sehr groß. Im 16. Jahrhundert soll ein reicher Mann den Garten für seine Eltern angelegt haben – wahrlich ein guter Sohn. Der Bau dauerte ganze 18 Jahre; ich hoffe sehr, dass seine Eltern die Fertigstellung noch erleben und lange genießen konnten.
Arnd machte Fotos, bewunderte, musste aber auch oft lachen. Die Skulpturen und traditionellen Verzierungen überschritten auf spielerische Weise die Grenze zwischen Kunst und Kitsch, was das Ganze besonders unterhaltsam machte.
Irgendwie musste ich an die Asamkirche in München denken. Ihr Innenraum, ein Höhepunkt des Rokoko, wirkt zwar unterhaltsam und lebhaft, doch als Kunstwerk fehlt es ihm ein wenig an Zurückhaltung und Eleganz. Auch die Asamkirche wurde wie der Yu-Garten als Privatbau errichtet – 1733 von zwei Bildhauerbrüdern als private Kapelle direkt neben ihrem Wohnhaus.
Wenn Bauherren ihre künstlerischen Überzeugungen ohne äußere Einflüsse frei verwirklichen können, entstehen vielleicht solche heiteren Werke wie der Yu-Garten oder die Asamkirche. Auch wenn ich die Asamkirche hier als Vergleich heranziehe, finde ich persönlich, dass der Yu-Garten in künstlerischer Qualität und Wert überlegen ist.
Allerdings war es dort unglaublich voll. Da wurde mir klar, warum die Straßen Shanghais zuvor so leer gewesen waren – alle waren hier! Verständlich, denn der Garten ist wirklich schön und interessant.
Am Ticketschalter des Yu-Gartens gab es ermäßigte Preise für Senioren, also habe ich gesagt, dass wir dazu gehören, und ein bisschen günstiger Karten bekommen. Arnd hätte wahrscheinlich einfach normale Tickets gekauft, ohne etwas zu sagen. Er meint, wir hätten nichts zur chinesischen Gesellschaft beigetragen und hätten daher keinen Anspruch auf solche Vergünstigungen. Ich finde seinen Standpunkt richtig. Trotzdem sehe ich das etwas anders. Für mich ist die Seniorenvergünstigung etwas anderes als Sozialleistungen oder Krankenversicherung. Ich betrachte sie eher als eine menschliche Geste der Rücksichtnahme gegenüber älteren Menschen, unabhängig von Nationalität oder gesellschaftlichem Beitrag – so etwas wie ein „Sie haben lange gelebt, das verdient Respekt“. Deshalb finde ich es auch in Ordnung, wenn chinesische Senioren in Deutschland oder Korea Ermäßigungen bekommen – und ebenso, wenn wir sie in China erhalten. Dasselbe gilt für Studentenrabatte: Vielleicht sind sie einfach eine freundliche Begrüßung – „Willkommen, das Studium ist anstrengend, oder?“
Anders ist es bei speziellen Regelungen, die nur für Staatsbürger gelten, wie etwa die kostenlose U-Bahn für Senioren in Seoul. Obwohl ich koreanische Staatsbürgerin bin, habe ich mein Leben lang nichts zur wirtschaftlichen Entwicklung Koreas beigetragen, deshalb finde ich es nur fair, dass ich diese Leistung nicht in Anspruch nehme.
Als wir zur Biennale ins Museum gingen, war am Schalter kein Seniorenrabatt angegeben. Also habe ich auch nicht extra danach gefragt – Arnd würde sich schämen, nach etwas zu fragen, das nicht ausdrücklich angeboten wird. Doch die Mitarbeiterin war sehr freundlich: Sie fragte nach unserem Alter, überprüfte unsere Pässe und ließ uns schließlich kostenlos hinein. Das war mir fast schon peinlich – selbst ich, die sonst selbstbewusst solche Vergünstigungen annimmt, fand das etwas zu viel.
An der künstlerischen Qualität der Biennale-Werke bestand kein Zweifel, aber vieles wirkte auf mich ziemlich experimentell und schwer zugänglich. Trotzdem habe ich mir ein Video angesehen, das über eine Stunde dauerte – bis zum Ende. Es zeigte einen jungen westlichen Mann, der endlos über einen ländlichen Weg in China läuft. Es passiert nichts Besonderes: Man sieht einfach die Straße, Berge, Felder, Bauern bei der Arbeit oder Arbeiter, die sich ausruhen. Während des ganzen Weges stößt er mit dem Fuß einen Stein vor sich her, sodass ständig ein klackerndes Geräusch zu hören ist.
Ich sah das Video nicht als Kunstbetrachterin, sondern als Reisende. Die Landschaften kleiner Städte und Bergregionen Chinas sowie das Leben der Menschen dort entfalteten sich ganz trocken und unverfälscht, ohne Effekte oder Inszenierung. Eine Reise, die ich machen konnte, ohne selbst zu laufen – was für ein Glück! Noch interessanter war der Gedanke, dass der junge Mann diese Landschaft vermutlich weniger wahrgenommen hat als ich, weil er die ganze Zeit nur auf den Stein vor seinen Füßen blickte.
Auch die letzte Szene blieb mir im Gedächtnis: Als er an eine hohe Mauer stößt, die wie eine Grenze wirkt und ihn am Weitergehen hindert, hebt er den Stein, den er die ganze Zeit vor sich her gestoßen hat, betrachtet ihn kurz und wirft ihn schließlich mit voller Kraft über die Mauer. Wollte der Künstler sagen, dass nicht der Mensch, sondern der Stein das eigentliche Subjekt der Bewegung war? Ich weiß es nicht, aber ich habe dieses ruhige Video von Anfang bis Ende mit Interesse gesehen.
Am Abend gingen wir in eine Food-Court-Halle, die ich mir schon morgens ausgesucht hatte, und kaufte Krabben, die mit scharfen Chilischoten gebraten waren. Sie sahen zwar gut aus, hatten aber kaum Fleisch. Offenbar waren sie nicht frisch zubereitet, sondern lagen schon den ganzen Tag aus – das Fleisch war völlig ausgetrocknet. Selbst meine Technik, das Fleisch mit den Schneidezähnen beißend aus den Beinen zu holen, half nichts. Erst als ich die Schalen aufbrach und mit Stäbchen darin herumstocherte, konnte ich ein wenig trockenes Fleisch herauskratzen. Ich hätte Arnd gern etwas abgegeben, aber es gab einfach nichts zu teilen. Nachdem ich mich so abgemüht hatte, lag am Ende ein großer Haufen Schalen vor mir – ziemlich ernüchternd. Ich hatte kaum etwas gegessen und dachte, dass ich nachts wohl wieder hungrig sein würde.
Morgen werde ich mir etwas Besseres aussuchen und richtig lecker essen.Read more














TravelerAre you in Shanghai right now?
TravelerSind Sie derzeit in Shanghai?