• Shanghai Tag 2

    April 1 in China ⋅ ☀️ 20 °C

    Hea-Jee:
    Shanghai war eine Stadt, die ich gerne einmal sehen wollte. Vielleicht lag es daran, dass sich dort die Exil-Regierung der Republik Korea während der japanischen Kolonialzeit befand – die Stadt tauchte immer wieder in Büchern und Filmen auf und regte meine Vorstellungskraft an. Als ich schließlich ankam, merkte ich sofort, dass die Atmosphäre sich von anderen großen Städten in China unterschied. Es lag etwas Lockeres und Freies in der Luft. Die gut erhaltenen westlichen Steingebäude und die moderne Architektur harmonieren miteinander, sodass die Stadt kaum anders wirkte als viele europäische Städte.

    Zuerst besuchten wir das Gebäude der Exil-Regierung der Republik Korea, das mich sehr interessierte. Es war leicht zu finden: ein dreistöckiges Backsteinhaus in der Nähe von Xintiandi, einem bekannten Touristengebiet. Man musste einfach der Richtung folgen, in die viele koreanische Touristen gingen. Korea hatte seine Monarchie an Japan verloren, doch die Unabhängigkeitskämpfer wollten es zurückgewinnen und einen demokratischen Staat errichten, in dem das Volk die Souveränität besitzt.

    Die Exil-Regierung in Shanghai erfüllte von 1926 bis 1932 ihre Funktion als Regierung. Durch die Ausstellung im Inneren konnte ich die Geschichte der Unabhängigkeitsbewegung noch einmal nachvollziehen, was ich sehr eindrucksvoll fand. In der Geschichte gab es immer wieder Momente, in denen das Volk aufstand, große Opfer brachte und Fehlentwicklungen korrigierte, wenn Herrscher oder Machthaber das Land in eine Krise führten. Auch die Überwindung der Militärdiktatur und der Sieg der Demokratie waren das Ergebnis der Kraft des Bürgers, und selbst der jüngste Putsch des Präsidenten wurde durch den Einsatz der Bürger bewältigt.

    Ich empfand große Dankbarkeit gegenüber China, das uns dieses Gebäude überlassen und die Exil-Regierung damals in vielerlei Hinsicht unterstützt hatte. Wir spendeten auch einen kleinen Betrag für die Instandhaltung des Gebäudes. Zwar ist die koreanische Regierung heute nicht mehr arm und durchaus in der Lage, diesen historischen Ort selbst zu erhalten, doch wollten auch wir mit unserer Spende zeigen, dass die Besucher sich weiterhin als verantwortliche Eigentümer dieses Erbes fühlen. Die Ausstellung war reich an interessanten Inhalten und Bildern – ich habe viel Neues gelernt und hätte mir gerne noch mehr gemerkt. Leider war das Fotografieren im Inneren verboten, was ich etwas schade fand, sodass wir nur draußen Fotos machten.

    Das Viertel, in dem sich das Gebäude der Exil-Regierung befindet, war ein großflächiges Wohngebiet mit niedrigen, zwei- bis dreistöckigen Backstein-Reihenhäusern. Angesichts der hohen Grundstückspreise in Shanghai, der bevölkerungsreichsten Stadt Chinas, beeindruckte mich der Wille der Gemeinschaft, ein solches historisches Wohngebiet mitten in der Stadt zu bewahren und zu restaurieren.

    Auch unser nächstes Ziel, die Französische Konzession, zeigte ein ähnliches Bild. Dieses ehemalige Wohngebiet für Ausländer, das von Frankreich verwaltet wurde, entstand ab 1849 und wurde über fast ein Jahrhundert hinweg erweitert. Im Vergleich zum glitzernden modernen Shanghai mögen die niedrigen Häuser unscheinbar und ärmlich wirken, doch sie erstrecken sich über ein weites Gebiet.

    Es ist kein museal konservierter Ort, sondern ein lebendiges Viertel, in dem die Einwohner Shanghais tatsächlich leben, ihre Häuser renovieren und instand halten – gerade das macht seinen besonderen Reiz aus. Die überall hängende Wäsche und die Spuren des Alltags verleihen dem Viertel Leben und Energie. Es war so interessant, dass ich alles genauer betrachten und fotografieren wollte, doch aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Bewohner hielten wir uns zurück.

    Arnd:
    Nach einer Mittagspause im Hotel sind wir wieder zum Bund losgezogen und dann auf die andere Seite nach Pudong gefahren. Dazu gibt es einen Bund Sightseeing Tunnel. Da wurde man mit einem kleinen Kabinenfahrzeug durchgefahren. Auf den Wänden gab es Projektionen, die das zu einem Erlebnis machen sollen. Würde ich nicht wiederholen, die U-Bahn bringt einen auch für deutlich weniger Geld nach drüben.

    Am liebsten wollen sie einem dort Kombitickets verkaufen, mit denen man in Pudong noch in einem der Hochhäuser zur Aussichtsplattform gehen kann, oder auf den Fernsehturm. Bei dem trüben Wetter war unsere Erwartung aber nicht stark genug, dass wir uns das gegönnt hätten, das ist nämlich durchaus teuer.

    Am Fuss des Fernsehturms gab es diesen Roboterkiosk. Ich habe aber nicht gesehen, dass da jemand was gekauft hat. Hea-Jee wollte dann in einem klassischen Geschäft unbedingt einen Bubble Tea haben. Das hatte ich noch nie probiert, also war dies mein erstes Mal. Wie erwartet, war es süß und die Bubbles sind wie nicht sehr intensiv schmeckende Gummibären.

    Danach sind wir auf der Fußgängerplattform durch die Hochhaussiedlung gelaufen und haben immer nach oben geschaut. Ist schon eindrucksvoll.

    Im Gebäude unseres Hotels gab es auch ein Einkaufszentrum und dort eine Etage mit Restaurants. Dort haben wir abends ein Gericht mit fritierten Mini-Schweineschnitzeln und süßsaurer Soße gegessen, Guobaro. Dazu wollten wir noch etwas Gemüse haben und fanden fritierte Pilze. Das war ziemlich viel fritiertes und die Nacht deshalb etwas schwer.

    Ich bin abends nochmal losgezogen zum Bund und wollte Pudong bei Nacht fotografieren. Auf dem Weg dahin wähnte ich mich in einer Demo, so viele Menschen waren unterwegs. An den drei Kreuzungen waren jetzt die Polizisten gefragt, den Verkehr zu regeln, sonst wären die kreuzenden Motorräder nicht mehr durchgekommen.

    Der Zugang zur Promenade war kanalisiert und bis man am Geländer stand, musste man einige Geduld aufbringen. Die Stimmung war locker fröhlich, ein schöner Abend und schöne Fotos.

    An unserem letzten Tag hatten wir noch etwas Zeit am Vormittag und haben ein Viertel in der Nähe unseres Hotels erkundet, Auch da stehen noch viele alte Häuser. Das Viertel soll zu einem Vorzeigeviertel entwickelt werden und ist bei Hochzeitsfotografen sehr beliebt. Die treten sich geradezu auf die Füße.
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