• Reise nach Korea

    April 3 in South Korea ⋅ ☁️ 20 °C

    Arnd:
    Es war alles bestens vorbereitet. Alle Tickets gekauft und alle Hotels gebucht. In der U-Bahn in Shanghai zum Bahnhof erreichte uns dann die Meldung, dass unsere Fähre nicht fährt, angeblich wegen Nebel. Der Text war so formuliert, dass man eigentlich nur eine Wahl hatte: Fahrt stornieren und Geld zurückbekommen. Hea-Jee war sich ziemlich sicher, dass das eine vorgeschobene Erklärung war und der eigentliche Grund ein anderer sein musste.

    Die erste Zugstrecke nach Qingdao, wo die Fähre eigentlich abfahren sollte, sind wir dann aber erstmal gefahren, weil wir dadurch schon deutlich näher an unser Ziel kommen. Auch das Hotel am Abend haben wir genutzt, weil wir erst gegen 22:00 in Qingdao angekommen sind.

    Im Zug haben wir dann aber nach Alternativen gesucht. Es fahren einige Fähren von verschiedenen Häfen aus nach Korea, darunter auch von Häfen, die nicht weit weg sind von Qingdao. Wir haben uns dann für Yantai entschieden, dass noch etwa 1,5 Zugstunden weiter im Norden liegt. Das Zugticket dorthin für den nächsten Tag war schnell gebucht, nur das Ticket für die Fähre kann man wieder nicht online kaufen. Wir mussten also einfach hinfahren und probieren, ob wir vor Ort noch eines bekommen. Wenn das klappt, kommen wir ungefähr zur selben Zeit in Korea an. Und es hat geklappt. Die Fähre war am Ende aber wohl komplett ausgebucht.

    Hea-Jee:
    Am Tag der Abfahrt lag über Qingdao kein Nebel. Die Sicht betrug an diesem Tag zehn Kilometer – also zehnmal mehr als die Ein-Kilometer-Grenze, ab der Fahrten untersagt werden. Dass die Fähre in Qingdao dennoch nicht ablegte, musste also andere Gründe haben. Ich hoffte nur, dass es sich dabei nicht um die ersten Nachwirkungen der durch den Krieg gestiegenen Energiepreise handelte.

    Nach dem Frühstück in Qingdao nahmen wir den Zug nach Yantai. Jetzt mussten wir nur noch zum Hafen gehen und Tickets kaufen. Alles, was in unserer Macht stand, hatten wir getan, und alles Weitere lag nicht mehr in unserer Hand. Also beschloss ich, gelassen zu bleiben. Wenn es nicht klappen sollte, könnten wir immer noch fliegen. Und wenn selbst das nicht ginge, würden wir eben unsere Plänen in Korea verschieben. Es wäre zwar umständlich oder teuer, aber keine Frage von Leben und Tod.

    Am Bahnhof von Yantai angekommen, eilten wir mit schnellen Schritten – angeführt von Arnd – zum internationalen Fährterminal. Es schien, als wären die meisten Leute hinter uns mit demselben Zug aus Qingdao gekommen. Offenbar waren auch sie hierher ausgewichen, weil die Fähre in Qingdao plötzlich nicht mehr fuhr.

    Dank Arnds Eile standen wir ganz vorne am Ticketschalter und konnten unsere Fahrkarten kaufen – ein großes Glück. Allerdings sprach dort niemand Englisch, also hielt ich der Mitarbeiterin einen vorbereiteten Text auf meiner Übersetzungs-App hin. Die junge Frau war sehr freundlich, doch da sie unsere Reisepässe mit ihrem Übersetzer scannen und die ungewohnten Zeichen eintippen musste, dauerte alles sehr lange. Da nur ein Schalter geöffnet war, wurde die Schlange hinter uns immer länger, und ich spürte die Blicke der Wartenden regelrecht im Nacken.

    Ich hatte in die App geschrieben, dass wir – wenn möglich – ein Zweibettzimmer wollten. Die Mitarbeiterin fragte mich über den Übersetzer: „Ist es in Ordnung, wenn zwei Personen zwei Zimmer teilen?“ Ich verstand nicht ganz, was sie meinte, nickte aber aus Unsicherheit einfach. Auch Arnd meinte, wir sollten erst einmal irgendwie an Bord kommen. Eigentlich hatten wir vorher vereinbart, notfalls sogar eine teure Suite zu nehmen, falls es kein Zweibettzimmer gäbe – aber wir brachten das Thema gar nicht erst zur Sprache. Die Verständigung war schwierig, und die immer länger werdende Schlange hinter uns machte uns nervös und ließ uns ein schlechtes Gewissen haben.

    Es wunderte mich, dass die meisten Passagiere junge chinesische Frauen waren. Ich hatte gehört, dass viele chinesische Touristinnen nach Korea reisen, um dort den neuesten Trends folgend einzukaufen – und genau so schien es zu sein. Doch ihre lebhafte Art, ihre freien Frisuren und ihre individuelle Kleidung passten irgendwie nicht zu dem Bild, das ich mir von „Beauty-Tourismus“ gemacht hatte.

    Obwohl das Schiff mit seinen 700 Plätzen offenbar ausgebucht war, wirkte nichts chaotisch. Die Abläufe, einschließlich der Ausreiseformalitäten, wurden effizient in Gruppen organisiert, die jeweils in einen Bus passten. Nachdem wir die Ausreise hinter uns gebracht hatten, fuhren wir etwa 20 Minuten mit dem Bus, bevor wir endlich an Bord gingen. Das Schiff war deutlich moderner als die Fähre, mit der wir zuvor von Qingdao gefahren waren. Chinesische Mitarbeiter in koreanischer traditioneller Kleidung begrüßten uns lächelnd.

    Wie befürchtet wurden Arnd und ich getrennt untergebracht, jeweils in einem Zweibettzimmer mit anderen Mitreisenden. Wir waren traurig. In einem fremden Land, ohne die Sprache zu sprechen, hatten wir uns aufeinander verlassen – und nun sollten wir auch nur für eine Nacht getrennt sein. Ich machte mir Sorgen um Arnd und war selbst unsicher, ob ich mich in dem verschlungenen Labyrinth des Schiffes überhaupt zurechtfinden würde. Auf dem offenen Meer gab es kein Internet, also auch keine Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu bleiben. Arnd bedauerte besonders, dass die Zweibettzimmer so sauber und hübsch waren – wie schön wäre es gewesen, gemeinsam am Fenster zu sitzen und Tee zu trinken. So versuchten wir, möglichst viel Zeit außerhalb unserer Zimmer miteinander zu verbringen.

    Das kostenlose Abendessen an Bord war sehr lecker und bot eine große Auswahl an Gemüsebeilagen. Wegen der vielen Passagiere gab es allerdings kein klassisches Buffet: Stattdessen standen Mitarbeiter in einer Reihe und verteilten das Essen portionsweise – jeder Teller wurde mechanisch bis zum Rand gefüllt. Der Geschmack traf genau den koreanischen Gaumen, aber die Portionen waren so groß, dass ich etwa die Hälfte übrig ließ.

    Nach dem Abendessen fand in der Lobby eine Veranstaltung statt, bei der gemeinsam Injeolmi (Reiskuchen) hergestellt und verteilt wurde. Fröhliche, individuell gekleidete junge Mädchen mit einer rosa Haarrolle über der Stirn schauten zunächst begeistert zu und griffen dann selbst zum Holzhammer, um den Teig zu stampfen, auch um sich dabei fotografieren zu lassen. Die fertigen Reiskuchen wurden mit Bohnenpulver bestäubt und an alle Zuschauer verteilt. Auch wir bekamen zwei Stück.

    Meine Zimmer-Nachbarin war eine junge Chinesin. Sie war allein unterwegs nach Korea, um an einem Fanmeeting teilzunehmen – mutig und voller Tatendrang. Sie sprach erstaunlich gut Koreanisch, das sie, wie sie sagte, durch koreanische Dramen gelernt hatte. Viele meiner Fragen, die ich mir bisher gestellt hatte, wurden endlich beantwortet, denn ich nutzte die Gelegenheit, sie ausführlich auszufragen.

    Nach dem, was meine Zimmer-Nachbarin in einer Hallyu-Gruppenchatrunde gehört hatte, war die Passagierfähre zwischen Qingdao und Incheon bereits seit einem Monat unter dem Vorwand von Nebel außer Betrieb. Dennoch sollen weiterhin regelmäßig Tickets verkauft und anschließend wieder erstattet worden sein.

    Als wir später im Hafen von Incheon ankamen, bemerkte Arnd, dass am Schalter für die Qingdao–Incheon-Fähre noch immer Tickets verkauft wurden. Ich ging dorthin und schilderte ruhig, was wir erlebt hatten, sowie das, was ich an Bord von einem chinesischen Passagier gehört hatte. Ich hatte keinerlei Absicht, meinen Ärger an den unschuldigen Mitarbeitern auszulassen oder jemanden zur Verantwortung zu ziehen – ich fand lediglich, dass es sinnvoll ist, die Stimme der Kunden weiterzugeben.

    Meine Zimmer-Nachbarin war voller Vorfreude, weil am nächsten Tag in Incheon Fanmeetings und Konzerte von K-Pop-Idolen stattfinden sollten. Als ich sie warnte, dass für den Abend Regen vorhergesagt sei, lachte sie nur und meinte, nichts könne ihrer Freude trüben. Ich fragte mich, wann ich selbst in meiner Jugend einmal ein so überwältigendes Gefühl erlebt hatte.

    Gleich zu Beginn fragte mich meine Zimmer-Nachbarin, wann ich schlafen würde – vermutlich machte sie sich wegen des Lichts Sorgen. Ich erklärte ihr, dass ich mit Augenbinde und Ohrhörern problemlos überall schlafen könne und sie sich frei fühlen solle, alles zu tun, was sie wolle. Um ihr das Bad möglichst lange und ungestört zu überlassen, machte ich mich früh bettfertig und legte mich zuerst hin.

    Arnds Zimmer-Nachbar war ein chinesischer Mann mittleren Alters, der trotz fehlender gemeinsamer Sprache sehr rücksichtsvoll war. Wenn er fern sah und Arnd hereinkam, stellte er die Lautstärke sofort fast auf stumm, sodass Arnd sich eher schuldig fühlte. Deshalb blieb Arnd lieber öfter draußen, während ich meine unterhaltsame Zimmer-Nachbarin sehr interessant fand und immer wieder in die Richtung meines Zimmers schaute.

    Später, als wir in Korea angekommen waren, stellte ich fest, dass Arnd die flauschigen Hausschuhe vom Schiff eingepackt hatte. Auf meine Frage hin erklärte er, sein Zimmergenosse habe ihm so nachdrücklich empfohlen, sie zu tragen, und da sie wie Einwegpantoffeln aussahen, habe er sie nicht wegwerfen wollen. Meiner Meinung nach waren sie gar nicht zum Wegwerfen gedacht – aber jedenfalls trage ich sie jetzt in Korea sehr gerne, da es morgens und abends kühl ist.

    Die Rückkehr nach Korea erfüllte mich mit großer Freude. Ich hatte mehr Heimweh als bei meiner ersten Ankunft vor einem halben Jahr. Diesmal habe ich auch viel mehr Ideen, was ich gerne essen will. Vielleicht lag es daran, dass ich inzwischen einiges besser kannte und deshalb noch mehr Schönes entdecken konnte.
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