Seoraksan 1
May 10 in South Korea ⋅ ☁️ 22 °C
Hea-Jee:
Eine Freundin lud uns für drei Tage in das Delpino-Resort ein, von dem aus man direkt auf den Ulsanbawi-Felsen im Seoraksan blicken konnte. Da ich das koreanische System mit Ferienresorts nicht kannte, verstand ich ihre Einladung zunächst so, dass wir einfach allein hinfahren und dort übernachten sollten. Also reservierte ich Bustickets für den Expressbus – bis ich erfuhr, dass wir gemeinsam mit der Freundin in ihrem Auto fahren würden.
Meine Freundin ist eigentlich ein sehr beschäftigter Mensch, und ich fragte mich, ob wir ihr damit nicht zu viel Umstände machten. Doch wie immer tat sie meine vorsichtige Zurückhaltung mit einem leichten Lächeln ab und nahm uns einfach mit Richtung Seoraksan.
Unterwegs machten wir in Wonju Halt und besuchten das von Tadao Ando entworfene Museum SAN. Das Gebäude war zugleich fein, schlicht und wunderschön. Wahrscheinlich hatte der Bauherr dem Architekten große Freiheit gelassen, und Ando selbst schien seiner Fantasie und seinem Können freien Lauf gegeben zu haben. Ich stellte mir vor, wie viel Freude ihm dieses Projekt wohl bereitet haben musste.
Dort lief gerade eine Ausstellung des koreanischen Künstlers Lee Bae, der hauptsächlich in Frankreich arbeitet. Seine großformatigen Werke waren ebenso kühn wie präzise – und standen der Architektur des Museums in nichts nach. Die Ausstellung hatte eine unglaubliche Sogwirkung; sie zog die Besucher vollkommen in ihren Bann. Für mich war sie einer der absoluten Höhepunkte aller Ausstellungen, die wir auf unserer Weltreise gesehen hatten. Dank der Fotos, die meine Freundin von uns machte, bekamen wir gleich mehrere coole Fotos von uns beiden zusammen.
Das Delpino Resort war groß und bot viel Service. Auch die Landschaft rund um das Resort war beeindruckend. Durch das Fenster unseres Hotelzimmers füllte der Ulsanbawi-Felsen beinahe das gesamte Blickfeld. Man konnte ihn sowohl vom Wohnzimmer aus sehen als auch vom Bett aus. Bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang veränderte der Felsen leicht seine Farbe.
Nachdem wir unser Gepäck im Hotel abgestellt hatten, machten wir uns auf den Weg in ein Tofudorf unweit des Resorts. Zwischen den zahlreichen Tofurestaurants fand meine Freundin erstaunlicherweise genau das richtige Lokal, sodass wir köstliches Chodang-Sundubu essen konnten. In Deutschland esse ich sonst meistens abgepackten Tofu, der oft monatelang haltbar ist. Deshalb schmeckte der frische Tofu, der erst an diesem Morgen hergestellt worden war, besonders aromatisch und nussig.
Am nächsten Morgen brachen wir auf, um Sokcho zu besichtigen. Wir besuchten den Naksansa-Tempel, der auf einem Hügel direkt am Meer erbaut wurde. Die traditionellen Tempelbauten mit ihren prächtigen, farbenfrohen Dancheong-Malereien unter den schweren grauen Dächern waren – wie immer – wunderschön anzusehen. Früher war es nur besonderen Bauten wie Palästen und Tempeln erlaubt, diese kunstvollen Verzierungen zu verwenden.
Auf dem Gelände des Naksansa standen mehrere elegante Pavillons, die scheinbar leicht über den bizarren Felsenklippen hingen, die aus dem Meer emporragen. Das Prinzip der koreanischen der Architektur, an einer besonders schönen Stelle ein Pavillon zu errichten, um die Schönheit der Natur zu vollenden, war im Naksansa immer wieder zu erkennen.
Auf dem Dach des Hotels gab es einen Infinity-Pool. Obwohl das Wetter eher kühl war, gingen wir hinauf, weil es dort warmes Thermalwasser geben sollte. Beim Schwimmen fühlte es sich an, als würde man direkt den übereinandergeschichteten Gipfeln des Seoraksan entgegen schwimmen. Das Wasser im Pool war angenehm temperiert, sodass man nicht fror. Daneben gab es einen Jacuzzi mit heißem Thermalwasser, das den Körper sanft kitzelte. Diesen Moment werde ich vermutlich nie vergessen.
Am meisten begeistert war Arnd wahrscheinlich vom Hotelfrühstück. In Korea hatte meistens ich die Hotels ausgesucht – streng nach Preis-Leistungs-Verhältnis. In günstigen koreanischen Hotels oder Motels ist das Frühstück oft sehr schlicht oder fehlt ganz. Deshalb hatte Arnd lange geglaubt, Koreaner interessierten sich einfach nicht besonders für Frühstück. Erst als wir auf Jeju zufällig einmal ein richtig gutes Frühstück bekamen, begann er zu ahnen, dass gute Hotels vielleicht doch hervorragendes Frühstück servieren könnten. Und in diesem Resort erwartete uns schließlich ein Frühstück der Spitzenklasse – eines der luxuriösesten unserer gesamten Weltreise.
Arnd sagte: „Na also! Koreaner, die so gut kochen können, können unmöglich schlechtes Frühstück machen. Ab heute suche ich die Hotels aus, du geizige Ehefrau!“
Meine Freundin reiste einen Tag früher ab. Kaum war sie weg, vermisste ich sie. Ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen all ihrer Mühe gehabt, die sie für uns machte. Aber gerade dadurch ergaben sich unterwegs viele Gelegenheiten für herzliche Gespräche. Ich bin eigentlich jemand, der sich eher zurückhält, um anderen bloß nicht zur Last zu fallen. Doch auf dieser Reise habe ich gelernt, dass Nähe manchmal genau dadurch entsteht, dass man einander auch ein wenig zur Last fällt und sich aneinander festhält.Read more

























