• Pingyao

    May 21 in China ⋅ ☁️ 24 °C

    Arnd:
    In unserem Reiseführer habe ich beim durchblättern einen Ort mit zwei Sternen entdeckt, der für uns interessant aussah, Pingyao. Mehr als zwei Sterne gibt es nicht im Reiseführer. Es ist eine sehr gut erhaltene alte Stadt, die die Kulturrevolution und die Moderne überstanden hat. Der Reiseführer sagt, sie wurde schlicht vergessen. Wohl eher nicht, denn sie war früher eine bedeutende Stadt. Der Ort ist schon seit Jahrtausenden besiedelt, aber die Gebäude stammen eher aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert, bis zum Ende der letzten Dynastie.

    Um hierhin zu kommen, haben wir einen kleinen Umweg gemacht. Am Tag der Ankunft unserer Fähre sind wir nachmittags noch knapp 6 Stunden mit dem Zug nach Taiyuan gefahren, wieder so eine Millionenstadt, von der wir noch nie gehört hatten. Sie liegt auf der Eisenbahnstrecke von Peking nach Xi‘an und in Xi‘an startet die lange Eisenbahnstrecke, die uns ganz in den Nordwesten von China bringen wird. Und von Taiyuan aus kann man in einer Stunde nach Pingyao fahren.

    Wir haben also in Taiyuan zweimal übernachtet und sind an dem freien Tag nach Pingyao und abends zurück gefahren. Das Hotel in Taiyuan habe ich so ausgesucht, dass man vom Bahnhof aus bequem zu Fuß hingehen kann. Leider habe ich ein Detail übersehen: Ich habe kein Frühstück mit bestellt und wie sich dann herausstellte, wurde auch keines angeboten. Mist! Zum Glück hatten wir in Korea etwas Instant Kaffee gekauft und noch ein paar Kekse dabei. Abends sind wir auf der anderen Seite des Bahnhofs in eine Mall zum Abendessen gegangen und da gab es einen Verkaufsstand, bei dem wir Croissants kaufen konnten.

    Pingyao lebt heute vom Tourismus und kann so in seiner Form weiter bestehen. Es gibt einen zentralen Bereich, in den keine Autos und sogar keine Motorräder hineinkommen. Dort ist ein Geschäft neben dem anderen und dazwischen einige „Museen“. Außerhalb dieser Zone gibt es dagegen einigen Verkehr und man muss ständig an den Straßenrand, weil es keine Bürgersteige gibt. Unter den Fahrzeugen sind vor allem offene elektrische Kleinbusse für die Touristen und viele elektrische Kleinmotorräder.

    Eine der Hauptattraktionen ist ein ehemaliges Bankgebäude. Hier hat sich wohl das chinesische Banksystem entwickelt. Ein wichtiges Geschäft bestand im Transfer von Werten wie Silber. Es gab im Land viele Filialen. Man konnte sein Silber irgendwo abgeben und bekam dafür ein Papier, mit dem man in einer anderen Filiale wieder dieselbe Menge an Silber bekam. So war man nicht gezwungen, größere Mengen davon zu transportieren und war nicht der Gefahr des Diebstahls ausgesetzt.

    Außerdem waren wir noch im Sitz der Regierung und im ältesten in China erhaltenen Konfuziustempel.

    Man kann auch für mehrere Tage hierher kommen, es gibt etliche Hotels in den alten Gebäuden, was wohl ganz schön ist, und dann kann man die Stadt auch bei Dunkelheit sehen. Soviel Zeit wollten wir uns aber nicht lassen.

    Als wir uns nachmittags wieder auf den Weg zum Bahnhof machten, kamen wir durch einen Park. Dort waren viele Senioren, die sich gemeinsam die Zeit vertrieben.

    Hea-Jee:
    In Pingyao kann man kostenlos innerhalb der Altstadt durch die Straßen spazieren. Wenn man jedoch die historischen Gebäude betreten möchte, die als Museen ausgewiesen sind, muss man ein Kombiticket für 125 Yuan kaufen.

    Vor der Kasse fragte mich Arnd, ob ich nach einer Ermäßigung für Senioren fragen würde. Also fragte ich, ob es einen Seniorentarif gäbe – und tatsächlich war der Eintritt kostenlos. Plötzlich wurde Arnd wütend auf mich. Es störe ihn, sagte er, dass wir, die genug Geld hätten, in einem armen China kostenlos Kulturgüter besichtigen würden. Außerdem meinte er, die Mitarbeiterinnen an der Kasse wirkten genervt darüber, dass wir gratis hineingingen. Weil Arnd wütend wurde, verdarb sich auch meine Stimmung.

    „Du hast doch gesagt, ich soll fragen?“
    „Wann denn? Ich habe das gesagt, damit du nicht fragst.“
    „Dann hättest du sagen sollen, dass ich nicht fragen soll. Ich dachte, du bittest mich darum.“
    „Du kennst mich doch gut genug?“
    „Woher soll ich wissen, was du gerade denkst? Menschen können ihre Meinung ändern.“

    Wir schwiegen beide, aber selbst während wir die Sehenswürdigkeiten besichtigten, war die Stimmung ziemlich gedrückt. Innerlich sagte ich mir wie ein Mantra: „Gut, du hast das Recht, wütend zu sein, und ich habe das Recht, mich nicht schlecht zu fühlen“, um meine Stimmung wieder zu ändern.

    Vor dem nächsten Museum sagte Arnd mit ernstem Gesichtsausdruck zu mir:

    „Ich werde jetzt ein Eintrittsticket kaufen.“
    „Ja, gut.“

    Als Arnd an der Kasse um zwei Eintrittskarten bat, bat die junge Frau dort darum, unsere Pässe zu sehen. Sie schaute hinein, lächelte strahlend und sagte, wir seien beide über 65 Jahre alt und hätten daher freien Eintritt. Wir setzten unseren Rundgang fort und vermieden darüber zu sprechen.

    Eigentlich mag ich die Aufrichtigkeit von Arnd. Aber China ist auch großes altes Land mit Würde. Daran ändert auch Armut nichts und wir sollten ihre Fürsorgen für die Alten dankend annehmen.
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