Nachtrag 1: Gedanken in Korea
May 21 in South Korea ⋅ ☁️ 17 °C
Hea-Jee:
Auf meiner zweiten Korea-Reise habe ich vieles erlebt und empfunden. Die Dinge, die ich wegen Zeitmangels nicht niederschreiben konnte, habe ich nun nachträglich zusammengefasst. Es ist wichtig zu wissen, welche Gedanken wir in dem Ort gehabt haben, wenn wir später unseren Reisebericht lesen.
Als wegen des USA- Iran-Krieges die Flugrouten im Nahen Osten allmählich gesperrt wurden, befanden wir uns gerade in Melbourne in Australien. Freunde in Deutschland machten sich Sorgen um unsere Sicherheit. Sie rieten uns, wir sollten schnell nach Deutschland zurückkehren, bevor sich der Krieg weiter verschlimmere und wir irgendwo festsitzen würden.
Uns war es ohnehin etwas unangenehm zu reisen, während überall Aufregung und Chaos herrschten. Außerdem waren wir von der flangen Reise inzwischen erschöpft. Deshalb diskutierten wir ernsthaft darüber, wie wir die Reise verkürzen könnten.
Vorschlag von Arnd: Eine Option wäre, auf dem Rückweg Korea auszulassen und damit die Reise abzukürzen.
Da wir von Anfang an die Möglichkeit offengelassen hatten, auf dem Rückweg vielleicht nicht noch einmal nach Korea zu kommen, war das ein naheliegender Vorschlag.
Mein Vorschlag: In Korea vorbeischauen und dann mit dem Flugzeug von Korea nach Deutschland zurückfliegen.
Vielleicht weil ich von der Reise müde geworden war, vermisste ich Korea – wo ich die Sprache verstand und das Essen vertraut war – noch stärker und wollte Korea nicht auslassen.
Wir haben erstmal unseren Freund Jörg gefragt, der sich mit der Flugzeugbranche gut auskennt. Von ihm keinerlei Panik und der Rat, unseren ursprünglichen Plan weiter zu verfolgen: Über Korea und dann auf dem Landweg weiter.
Als wir uns entschieden hatten, nach Korea zu gehen, hatten wir uns plötzlich eilig. Nicht nur ich – auch Arnd wurde ungeduldig und wollte möglichst schnell in Korea ankommen. Für Arnd ist Korea ebenfalls Ausland, und koreanisches Essen ist auch nicht das Essen seiner Kindheit. Trotzdem sagte Arnd, Korea sei für ihn angenehmer als jedes andere fremde Land.
Eigentlich hatten wir Südostasien auf dem Hinweg nicht ausreichend genießen können, weil wir zu Weihnachten in Melbourne ankommen wollten, und hatten geplant, auf dem Rückweg alles langsam anzuschauen. Diesmal hatten wir es jedoch wieder eilig und zogen noch schneller hindurch Richtung Norden. Dabei sagten wir: „Man kann im Leben sowieso nicht alles sehen, was auf der Erde schön ist.“
Es gab noch weitere Gründe, warum ich noch einmal nach Korea wollte. Der wichtigste Grund waren Menschen. Unter den Menschen, die ich beim letzten Mal wegen Zeitmangels nicht treffen konnte, gab es einige, die mir sehr im Herzen lagen. Ich dachte: Menschen, die man sehen möchte, sollte man sofort treffen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt. Sonst kann es passieren, dass man sie im ganzen Leben nie wieder sieht.
Außerdem musste ich Coupang - den größten Lieferdienst in Korea - kündigen. Denn die Einzigen, die Unternehmen ihre schlechten Machenschaft austreiben können, sind die Verbraucher. Coupang hat gegen nationales Recht verstoßen, indem sie Kundendaten veruntreut haben, und wollten durch Lobbyarbeit in der amerikanischen Politik Druck auf die koreanische Regierung ausüben. Um zu kündigen, brauchte ich eine koreanische Telefonnummer, deshalb musste ich mir in Korea eine Mobilfunkkarte mit einer koreanischen Telefonnummer besorgen.
Außerdem gab es noch einige Dinge, die ich in Korea erledigen wollte: Krankenversicherung, Steuern, Brille, Arztbesuche und anderes mehr. Und wenn es die Zeit erlauben würde, wollte ich zusammen mit Arnd wenigstens einige Orte noch einmal besuchen, die wir vor vierzig Jahren während einer Rucksackreise durch viele Regionen Koreas gesehen hatten.
Um gleich zum Ergebnis zu kommen: Wir blieben insgesamt sechs Wochen in Korea und erledigten alle Dinge, die ich oben aufgelistet hatte. Diesmal meldete ich mich absichtlich nicht bei Verwandten und Bekannten, die ich beim letzten Mal getroffen hatte. Ich traf nur diejenigen, die ich damals nicht hatte sehen können. Als wir uns wiedersahen, fühlte es sich zunächst etwas fremd an, weil wir uns zu lange nicht gesehen hatten. Aber wir konnten schnell spüren, dass wir uns eigentlich ziemlich nahestanden. Es wäre mir zu schade, diese Freunde wieder zu verlieren. Aus der Ferne werde ich ihnen ab und zu mal ein Lebenszeichen senden.Read more

