• Nachtrag 3: Gedanken in Daegu

    May 21 in South Korea ⋅ ☁️ 17 °C

    Hea-Jee:
    Während dieses Korea-Besuchs haben wir die Hilfe und Gastfreundschaft vieler Menschen in Anspruch genommen. Ich bin eigentlich jemand, der es ungern hat, anderen zur Last zu fallen, und habe mein Leben lang eher vermieden, auf andere angewiesen zu sein. Dieses Mal aber wohnte ich bei anderen Menschen zu Hause, verursachte sicherlich allerlei Umstände und genoß dennoch die herzliche Gastfreundschaft.

    Der Anlass dafür war das Wiedersehen mit meiner Cousine Mihye, die ich zuletzt vor 55 Jahren gesehen hatte. Meine Cousine und ich hatten unser ganzes Leben lang fast keinen Kontakt miteinander. Als sich nun die Gelegenheit ergab, nach Daegu zu fahren, konnte ich es nicht übers Herz bringen, einfach heimlich wieder abzureisen, ohne meiner Cousine in Daegu Bescheid zu geben. Also schrieb ich ihr vorsichtig eine Nachricht: Ich fahre nach Daegu. Wenn du Zeit hast, können wir vielleicht zusammen einen Tee trinken? Ich melde mich so plötzlich bei dir – wenn es zeitlich nicht passt und du absagen musst, verstehe ich das natürlich. Also bitte hab kein schlechtes Gewissen.

    Die Antwort kam sofort. »Wo bist du? Ich hole dich ab. Buche bloß kein Hotel. Ich bin gerade auf einem Konzert, ich schreibe später mehr.« Kurz darauf rief sie an und sagte, wir sollten sofort zu ihr nach Hause kommen. Sie schimpfte sogar: »Musst du erst etwas zu tun haben, um nach Daegu zu kommen? Du solltest doch kommen, um mich zu sehen!« Also blieben wir zwei Tage bei meiner Cousine und wurden aufs Herzlichste umsorgt. Sie brachte uns auf den traditionellen Markt, ins Kunstmuseum und an alle schönen Orte, die sie kannte. Den ganzen Tag kümmerte sie sich hingebungsvoll um uns, und sobald Essenszeit war, stellte sie wie im Handumdrehen eine reich gedeckte Tafel auf.

    Da ich es nicht gewohnt bin, mich verwöhnen zu lassen, tat es mir immer leid zu sehen, wie viel Mühe sie sich machte. Aber ich habe etwas erkannt: Wenn ich Menschen zu uns nach München einlade, selbst aber davor zurückschrecke, mich von anderen bewirten zu lassen – wie leer muss dann meine eigene Einladung klingen? Würde man wirklich Lust haben, ein Haus zu besuchen, in dem die Gastgeber pingliclh darauf achten, niemandem etwas schuldig zu sein?

    Nachdem wir uns bei meiner Cousine und ihrem Mann ganz und gar hatten verwöhnen lassen, wurde unsere Beziehung plötzlich viel enger. Da wir weiterhin weit voneinander entfernt leben werden, wird sich das äußerlich nicht unbedingt zeigen. Aber mein Gefühl ihr gegenüber ist viel offener und wärmer geworden.

    Jaekyung ist ein unglaublich beschäftigter Mensch, und ich dachte schon, es wäre ein Glück, wenn wir uns überhaupt kurz sehen könnten. Stattdessen verbrachten wir viel Zeit miteinander und spazierten langsam durch die Altstadt von Daegu. Während ich ihren Erklärungen zur Geschichte zuhörte, lernte ich die Altstadt mit ihren niedrigen Gebäuden auf eine vertraute Weise kennen. Sie erinnerte mich an Melbourne, das ich so mag. So wurde Daegu zu meiner Lieblingsstadt. Gemeinsam gingen wir in ein altmodisches Café und tranken traditionellen Ssanghwa-Tee. Wir baten sogar die elegant im koreanischen Hanbok gekleidete Besitzerin um ein gemeinsames Foto.

    Dadurch, dass ich mich auf andere verließ, brach ein Damm in mir plötzlich auf. Als Nächstes stand Jejudo auf unserem Reiseplan, und ich fragte Jaekyung, ob sie nicht mitkommen wolle. Ich fragte Jo-An Hyejeong, bei der ich zu Gast sein würde, ob es in Ordnung wäre, wenn Jaekyung mitkäme. Sie sagte sofort ja, und Jaekyung schob sogar ihren vollen Terminplan um, um sich gleich zwei Tage freizunehmen. Dass ich andere Menschen meinetwegen solche Umstände machen ließ – selbst für mich war das eine erstaunliche Veränderung.
    Read more