• Von Ürümqi über Yining nach Almaty

    May 26 in China ⋅ ☀️ 29 °C

    Hea-Jee:
    Wir verließen Ürümqi und reisten weiter nach Westen in Richtung Yining. Yining war die letzte Stadt, die wir in China besuchten. Die Zugfahrt dauerte ungefähr fünf Stunden, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 160 km/h, was laut Arnd gar nicht besonders schnell sei. Hinter den weiten Ebenen erhob sich in der Ferne ein schneebedecktes Gebirge wie ein riesiger Wandschirm.

    Der Zug fuhr zunächst mehrere Stunden am Fuß der Berge entlang. Dann drehte er nach Süden direkt Richtung Berge. Er gewann dann so schnell an Höhe, dass ich den Druck in meinen Ohren ausgleichen musste. Schließlich erreichte er eine Strecke mit unzähligen Tunneln. Kurze Tunnel folgten Schlag auf Schlag, und zwischen ihnen tauchten karge, baumlose Felsberge direkt vor unseren Augen auf, nur um sofort wieder zu verschwinden. Nachdem wir das Gebirge durchquert hatten, öffnete sich eine grüne Ebene. Bäume und Sträucher standen in Frühlingsblüte. Das blühende Frühlingsland habe ich bereits in Korea erlebt. Der Frühsommer hält überall Einzug und nun traf ich am Rande Chinas erneut auf eine Landschaft, in der gerade der Frühling begann. Ich fühlte mich beschenkt. Offenbar kommt der Frühling hier wegen der Höhenlage später.

    Yining wirkte überhaupt nicht wie eine gewöhnliche chinesische Stadt. Die meisten Gebäude erinnerten an den Stil der ehemaligen Sowjetunion, und auch die Menschen sahen irgendwie anders aus. Vor allem aber klang die Sprache anders – sie erinnerte an eine Turksprache. Vom Bahnhof zum Hotel nahmen wir ein Taxi, und der Fahrer erklärte uns voller Stolz ungefragt, dass er ein kasachischer Chinese sei. Ich dachte, dass es für die chinesische Regierung sicher nicht einfach sein müsse, eine Region mit so ausgeprägter Eigenidentität nach chinesischem Vorbild zu verwalten.

    Nachdem wir unser Gepäck im Hotel abgestellt hatten, gingen wir sofort zum Busbahnhof. Arnd machte sich große Sorgen um die Weiterreise über die Grenze nach Kasachstan. Es hieß zwar, dass es Busse von Yining nach Almaty gebe, aber da man die Tickets nicht im Voraus kaufen konnte, hatte Arnd sogar einen genauen Plan B vorbereitet. Da viele weitere Unterkünfte und Verkehrsmittel bereits reserviert waren, fürchtete er, dass wegen einer einzigen Ungewissheit die gesamte Reiseplanung durcheinandergeraten könnte. Doch am Busbahnhof konnten wir problemlos Fahrkarten für den nächsten Tag kaufen.

    Erleichtert gingen wir danach Abend essen. Arnd freute sich darüber, dass sogar die Gerüche des Essens hier anders waren. In Yining war nicht nur aus den Speisen selbst, sondern sogar aus der Luft auf den Straßen der typische Duft chinesischer Gewürze verschwunden. Seit unserer Ankunft in China hatte alles Essen diesen leicht süßlichen, auf der Zunge prickelnden Eigengeschmack gehabt, und selbst geröstete Sonnenblumenkerne mit Schale hatten nach diesen Gewürzen gerochen, was uns fast überforderte. Doch in Yining hatten sich Küche und Grundgewürze bereits in Richtung Zentralasien verändert.

    Die Nudelgerichte der uigurischen Region sind berühmt. Entlang der Straßen reihten sich kleine Nudelrestaurants aneinander, und überall hörte man das rhythmische Klatschen von Teig, der mit den Händen bearbeitet wurde. Wir bestellten ein Nudelgericht, und Geschmack sowie Konsistenz der elastischen und zugleich weichen Nudeln waren wirklich hervorragend. Es fühlte sich an, als wäre der Appetit aus den ersten Tagen der Reise zurückgekehrt. Anfangs war unsere Neugier auf neue Gerichte groß gewesen, doch jetzt, fast ein Jahr später, schien die Müdigkeit der langen Reise stärker zu werden, sodass die Angst vor unbekanntem Essen langsam überwog.

    Satt und entspannt gingen wir früh ins Bett. Doch gegen Mitternacht weckte Arnd mich plötzlich. Schon seit einiger Zeit hatte es draußen an die Tür geklopft, und als er geöffnet hatte, standen chinesische Sicherheitsbeamte davor. Da die koreanische Übersetzungs-App Papago Gespräche zwischen Koreanisch und Chinesisch ziemlich gut übersetzte, war die Kommunikation in China meist meine Aufgabe gewesen. Also ging ich in kurzen Schlafhosen hinaus.

    Drei Uniformierten sprachen auf mich ein, doch diesmal half selbst Papago kaum weiter. Die App spuckte nur seltsame Sätze aus, in denen immerhin das Wort „Foto“ vorkam. Ohne wirklich zu verstehen, fragte ich erst einmal nur: „Warum?“ Der Beamte erklärte daraufhin noch ausführlicher etwas, worauf Papago nur noch verwirrendere Übersetzungen produzierte, darunter Formulierungen wie „Wir handeln ausschließlich gesetzeskonform“, die leicht einschüchternd wirkten. Schließlich gab ich auf, alles verstehen zu wollen, und fragte Arnd, der hinter mir stand: „Ich glaube, sie wollen ein Foto von uns machen. Soll ich zustimmen?“ Arnd meinte sofort, ich solle es erlauben. Also sagte ich den Beamten zu. Einer von ihnen, offenbar der Vorgesetzte, murmelte noch etwas erklärend vor sich hin, stellte sich dann neben uns in Pose, und wir machten zu dritt ein gemeinsames Foto. Danach salutierten sie höflich und verschwanden wieder.

    Ich hatte den Eindruck, dass die chinesische Regierung unsere Reiseroute aus irgendeinem Grund aufmerksam beobachtete – dass wir mit dem Schiff in Yantai eingereist waren, kaum touristische Ziele besucht hatten und stattdessen direkt in die abgelegene Region Xinjiang gereist waren. Schon bei der Einreise hatte man uns gefragt, warum unsere Hotel- und Transportbuchungen nur bis Ürümqi reichten. Damals hatten wir erklärt, dass wir über Yining weiter zur kasachischen Grenze reisen wollten. Vielleicht waren sie gekommen, um das zu überprüfen? Jedenfalls dachte ich später, dass das gemeinsame Foto mit den Beamten wohl als Beweis dienen sollte, dass wir an diesem Tag und zu dieser Uhrzeit tatsächlich im Hotel in Yining gewesen waren.

    Am nächsten Morgen gingen wir zum Busbahnhof. Um halb elf fuhr der Bus von Yining in Richtung Almaty ab. Man sagte uns, dass die Fahrt fast den ganzen Tag dauern würde. Da wir keinerlei Informationen darüber hatten, ob es unterwegs Essenspausen geben würde, kauften wir uns genügend Snacks und Getränke für den ganzen Tag im Bus. Alle Durchsagen waren in einer Sprache, die nicht einmal Chinesisch war, also machten wir einfach nach, was die anderen taten. Im Nachhinein erinnere ich mich, dass der Bus zweimal für mehr als eine Stunde hielt – vermutlich waren das die Essenspausen gewesen. Wir hatten damals jedoch keine Ahnung und fragten uns, warum der Bus so lange stehen blieb.

    Schließlich erreichten wir die Grenze. Für die Ausreise mussten wir mit unserem gesamten Gepäck aussteigen und Kontrollen über uns ergehen lassen. Dabei mussten wir ohne Übertreibung wohl zehnmal unsere Bustickets und Reisepässe vorzeigen oder gar abgeben. Die chinesischen Ausreiseformalitäten waren wirklich streng. Mehrere Beamte stellten uns immer wieder Fragen. Mein deutscher Reisepass wurde von der ersten bis zur letzten Seite gründlich durchgesehen, um festzustellen, welche Länder ich besucht hatte.

    Dann fragte man mich plötzlich, ob ich auch einen koreanischen Pass hätte, und verlangte ihn zu sehen. Es klang so, als wüssten sie bereits davon, also händigte ich ihn ohne Widerrede aus. Auch dieser Pass wurde von vorne bis hinten geprüft, und man fand es verdächtig, dass sich darin keinerlei Einreisestempel befanden. Ich erklärte daraufhin, dass ich den koreanischen Pass nur für die Ein- und Ausreise nach Korea benutze. Erst in diesem Moment wurde mir selbst bewusst, dass man als Staatsbürger dort tatsächlich keine Stempel bekommt. Ich hatte das Gefühl, dass sie genau herausfinden wollten, welche Länder ich früher bereist hatte und ob ich dabei irgendetwas verheimlichte.

    Nachdem wir endlich freigegeben worden waren, fuhr der Bus über eine von Stacheldraht gesäumte Straße, bis wir den kasachischen Grenzübergang erreichten. Obwohl es nun um die Einreise ging, verlief alles deutlich unkomplizierter als zuvor auf chinesischer Seite. Unsere Pässe wurden zwar lange geprüft und offenbar in irgendeinem System abgefragt, aber allein die Tatsache, dass man uns nicht ständig ausfragte, empfand ich schon als Erleichterung. Vor allem fühlte es sich befreiend an, China hinter uns gelassen zu haben.

    Nach weiteren fünf Stunden Fahrt durch kasachisches Gebiet erreichten wir schließlich Almaty. Arnd machte sich Sorgen darüber, dass wir nur noch wenig Bargeld hatten. Nachdem wir gefühlt endlos zu Fuß unterwegs gewesen waren, um Geld abzuheben, gingen wir in ein Restaurant, das uns schon beim früheren Besuch gefallen hatte, und aßen dort ein ausgezeichnetes Abendessen. Für mich wirkte diese Stadt neu, als wäre ich zum ersten Mal dort, doch Arnd bemerkte sofort jede Veränderung: „Damals war hier noch eine Baustelle, und jetzt ist alles fertig. Das haben sie wirklich schön gemacht.“ Offenbar ist sein Kopf ständig mit so vielen Gedanken beschäftigt, dass für andere Dinge wenig Aufmerksamkeit übrig bleibt.
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